Cover
Titel
Historische Bildungsforschung. Konzepte – Methoden – Forschungsfelder


Herausgeber
Kluchert, Gerhard; Horn, Klaus-Peter; Groppe, Carola; Caruso, Marcelo
Erschienen
Bad Heilbrunn 2021: Julius Klinkhardt Verlag
Anzahl Seiten
388 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:
Elke Kleinau, Humanwissenschaftliche Fakultät, Department für Erziehungs- und Sozialwissenschaften, Universität zu Köln

Das Forschungsfeld der Historischen Bildungsforschung hat sich in den letzten Jahrzehnten thematisch, theoretisch und methodisch dermaßen ausgeweitet, sodass es selbst für Fachkundige nicht immer leicht war, sich einen Überblick zu verschaffen. Der vorliegende Band verspricht hier Abhilfe zu leisten. Die institutionell in der Erziehungswissenschaft verankerte Historische Bildungsforschung orientiert sich nach wie vor stark an der Geschichtswissenschaft, die sich allerdings erst in den letzten Jahren – von einzelnen Ausnahmen abgesehen[1] – bildungshistorischen Themen gegenüber geöffnet hat.[2] Von einer systematischen Berücksichtigung von Forschungsarbeiten, die in der Erziehungswissenschaft entstanden sind, ist die Geschichtswissenschaft jedoch noch weit entfernt; disziplinäre Abgrenzungen und Abwertungen lassen sich immer noch ausmachen.[3] Positiv zu würdigen ist daher, dass sich im vorliegenden Band Historische Bildungsforscher:innen und Fachhistoriker:innen zusammengefunden haben, um über den „state of the art“ der Historischen Bildungsforschung zu informieren.

Eine Stärke des Bandes liegt zweifelsohne im einheitlichen Aufbau der Beiträge. Auf eine knappe Definition des Forschungsgegenstandes folgt „eine Darstellung von Forschungsgeschichte und Forschungskontext; anschließend werden Reichweite und Grenzen der jeweiligen Konzepte und Methoden […] erörtert“ und abschließend „Forschungsdesiderate markiert und zukünftige Wege und mögliche Themen der Forschung aufgezeigt“ (S. 9). Der Fokus der jeweiligen Darstellungen liegt auf Forschungsarbeiten, die sich der Geschichte von Erziehung und Bildung ab dem 18. Jahrhundert widmen. Nur gelegentlich werden Ausflüge in die Frühe Neuzeit und noch weiter zurückliegende Epochen unternommen. Auch der nationalen Geschichte wird nach wie vor ein hoher Stellenwert eingeräumt; ein stärkerer Einbezug internationaler Entwicklungen wäre wünschenswert gewesen.

In ihrer informativen Einleitung über „Konzepte, Methoden und Forschungsfelder der Historischen Bildungsforschung“ (Kapitel 1) definieren die Herausgeber:innen deren Aufgabengebiet als „Erforschung des pädagogischen Feldes im geschichtlichen Wandel“. Dabei gehe es zum einen „um die Prozesse der Persönlichkeitsentwicklung, kollektiv und individuell, in ihren gesellschaftlichen und kulturellen Bezügen, zu anderen um den Beitrag von Sozialisation und Enkulturation zur Entwicklung von Gesellschaft und Kultur“ (S. 13). Diese beiden Perspektiven werden jeweils mit unterschiedlichen theoretischen und methodischen Ansätzen sowie thematischen Schwerpunktsetzungen verfolgt, die sich auch im Aufbau des Bandes widerspiegeln: In Kapitel 2 „Konzepte“ werden Ansätze von der „Sozial- und Strukturgeschichte“ (Peter Drewek) bis zur „Historischen Biografieforschung“ (Sonja Häder) dargestellt. Alle Artikel sind äußerst kenntnisreich geschrieben: Positiv hervorzuheben ist beispielsweise der Artikel über „Ideengeschichte“ (Tim Zumhof), der sich insbesondere neueren ideengeschichtlichen Ansätzen widmet, die Ideen „niemals losgelöst von sozialen, politischen und kulturellen Kontexten betrachten“ (S. 69). Ländervergleiche zwischen Bildungssystemen einzelnen Nationalstaaten bildeten lange Zeit einen Schwerpunkt in der historisch-vergleichenden Bildungsforschung. Darüber hinausgehend rückt der Beitrag über „Historisch-vergleichende Bildungsforschung, Transnationalisierung/Transnationalität“ (Marcelo Caruso und Florian Waldow) Globalisierungs- und Transferprozesse ins Blickfeld. Dem Artikel über „Kulturgeschichte, Mentalitätengeschichte, Psychohistorie, Historische Anthropologie“ (Karin Priem) hätte für die Darstellung dieser doch sehr verschiedenen, für die Historische Bildungsforschung außerordentlich ertragreichen Ansätze deutlich mehr Platz im Band eingeräumt werden müssen. Kapitel 3 ist „Quellengattungen und Methoden“ gewidmet, worauf dann das mit Abstand umfangsreichste Kapitel 4 „Forschungsfelder“ folgt, das mit „Kindheit“ (Meike Sophia Baader) beginnt und mit „Interkulturalität und Minderheiten“ (Marianne Krüger-Potratz) endet. Auffällig ist, dass zwar das Forschungsfeld „Erwachsenen- und Weiterbildung“ (Wolfgang Seitter) vertreten ist, nicht aber „Alter“, wobei sich doch längst ein Forschungsfeld entwickelt hat, das eng mit der historischen Familien- und Generationenforschung verbunden ist.[4]

Bei einigen Artikeln irritiert der inhaltliche Zuschnitt. Warum gibt es beispielsweise einen Beitrag zu „Kirche und Religion“ (Frank-Michael Kuhlemann), der folglich alle nicht-christlichen Religionsgemeinschaften ausblendet, und damit auch so hervorragende Arbeiten wie die von Ingrid Lohmann zur jüdischen Aufklärung in Deutschland? Einen Hinweis auf Lohmanns Reihe zur jüdische Bildungsgeschichte findet sich erst – leider ohne genaue Angabe (S. 377) – in dem Artikel über „Interkulturalität und Minderheiten“, in dem dann allerdings ihre Arbeiten zur Geschichte des deutsch-türkischen Bildungsverhältnisses keine Berücksichtigung finden.[5] Auch einen Artikel über die nicht-universitäre Lehrer- und Lehrerinnenbildung, über die in der Historischen Bildungsforschung doch viel geforscht worden ist, sucht man vergeblich. Die Thematik findet sich dann im Beitrag über „Pädagogische Berufe“ (Klaus-Peter Horn/Heidemarie Kemnitz) wieder und muss sich dort den Platz mit der Geschichtsschreibung über Berufe in der Sozialpädagogik/Sozialarbeit sowie der Erwachsenenbildung/Weiterbildung teilen.

Dass die den einzelnen Beiträgen angefügten Literaturangaben nicht auf Vollständigkeit angelegt sind (vgl. S. 10), stellt nicht unbedingt ein Manko dar. Es würde den Umfang des Bandes deutlich sprengen und der leser:innenfreundliche Preis wäre wohl auch nicht zu halten gewesen. Vielfach macht es aber den Eindruck, als sei die Literatur gar nicht systematisch erhoben worden, sondern den individuellen Präferenzen der Autor:innen überlassen worden. Verweise erfolgen manchmal äußerst sporadisch sowie hochgradig selektiv. Warum wird bspw. in „Peer Groups und Gesellungsformen“ (Edith Glaser) auf die Studie von Michael Kater (2005) verwiesen (S. 197), nicht aber auf das mehrfach wieder aufgelegte und jeweils aktualisierte Standardwerk von Arno Klönne?[6] Eine Begründung der Auswahl ist nicht nur in diesem, sondern keinem einzigen der im Band vertretenen Artikel zu entnehmen. Manchmal fehlen Literaturverweise auch komplett, beispielsweise in einem längeren Abschnitt in „Familie“ (Carola Groppe), in dem auf die Bedeutung der beiden Kulturwissenschaftler Hermann Bausinger und Wolfgang Kaschuba für die familienhistorische Forschung hingewiesen wird (S. 183f.). Der Artikel über „Schulbegleitende Einrichtungen“ (Anke Klare) geht zwar erfreulicherweise auf internationale Entwicklungen wie die Indian Boarding Schools bzw. Indian Residential Schools in den USA und Kanada ein, in denen „Kinder der indigenen Bevölkerung […] zwangsweise assimiliert werden sollten“, aber der Aussage, dass neuere Publikationen „sich der Überwindung des kollektiven Traumas, der Wiedergutmachung und Versöhnung“ widmen (S. 276), folgt kein einziger Literaturhinweis. In dem Artikel über „Vorschulische Einrichtungen und Horte“ (Franz-Michael Konrad) fällt zwar das Stichwort „Kinderläden“ (S. 227), aber einen Hinweis auf Meike Sophia Baaders Publikationen[7] sucht man vergebens.

Auf den langen Vorlauf des Bandes haben die Herausgeber:innen in ihrem Vorwort selbst hingewiesen, ohne sich allerdings festzulegen, wann genau mit dem Arbeiten zum Band begonnen wurde. Eigenen Recherchen zufolge erfolgte die erste Einbindung von Autor:innen bereits 2005. Dass es unter diesen Umständen schwierig war, Autor:innen zu halten, insbesondere solche, die zwischenzeitlich die Universität als Arbeitsplatz verlassen hatten, liegt auf der Hand. Es erklärt auch, dass die Aktualisierung der Artikel und der zu besprechenden Literatur anscheinend zu sehr unterschiedlichen Zeitpunkten eingestellt wurde. In dem Artikel „Medien“ (Ulrike Pilarczyk) wird explizit darauf verwiesen, dass der Beitrag bereits 2015 abgeschlossen wurde (S. 212). Der Beitrag des 2015 viel zu früh verstorbenen Bochumer Kollegen Ulrich G. Hermann über „Quellengattungen“ wurde einer Fußnote zufolge „in der letzten vom Autor erarbeiteten Fassung abgedruckt“ (S. 113). Vielfach zeigen sich auch Überschneidungen zwischen einzelnen Artikeln, ohne dass die Beiträge aufeinander Bezug nehmen. Für die nicht-sachkundigen Leser:innen, die sich einen ersten Überblick verschaffen möchten, wären Querverweise allerdings hilfreich gewesen. Dass diese fehlen, ist nicht unbedingt den Autor:innen anzulasten; hier scheinen vielmehr koordinierende Aktionen aus dem Kreis der Herausgeber:innen gefehlt zu haben.

Migration und Minderheiten, aber auch Geschlecht gelten vielen Historischen Bildungsforscher:innen immer noch nicht als integraler Bestandteil einer Geschichte von Erziehung und Bildung, sondern allenfalls als ein Neben- oder Abstellgleis. Das gilt ausdrücklich nicht für alle Beiträge, aber einige Autor:innen scheinen doch der Meinung zu sein, der Einbeziehung bildungshistorischer Geschlechterforschung sei durch den konzeptionellen – ausgesprochen fundierten – Beitrag von Christine Mayer über „Historische Geschlechterforschung“ genügend Rechnung getragen worden. Besonders unangenehm fallen in dieser Hinsicht die Artikel „Schule“ (Gerhart Kluchert/Rüdiger Loeffelmeier) und „Universität“ (Matthias Asche/Stefan Gerber) auf. Den Abschnitt über „Formen weiblicher Gelehrsamkeit bis ins 19. Jahrhundert, die allmähliche Öffnung der Universitäten für Studentinnen (an deutschen Universitäten), deren Vereinswesen und (hoch-)schulpolitische Arbeit – stets in Verbindung mit Fragen der Interaktion mit – zumindest lange Zeit dominierenden – hegemonialen Männlichkeiten, den Frauenbewegungen und akademischen Behörden“ (S. 308) – ziert als einzige Literaturangabe die Einleitung in Trude Maurers Sammelband von 2010, der auf eine gleichnamige Ringvorlesung an der Universität Göttingen zurückgeht. Die Geschichte der Mädchenbildung bzw. des (höheren) Mädchenschulwesens wird von Kluchert/Loeffelmeier in einem einzigen Satz abgehandelt (vgl. S. 241). Liegt diese marginale Befassung mit schulgeschichtlicher Geschlechterforschung vielleicht daran, dass diese die These vom Staat als alleinigem Motor bildungspolitischer Entwicklung hinterfragt hat und die Autoren einer „‘staatsrelativierenden‘ Schulgeschichtsforschung“ (S. 243) so gar nichts abgewinnen können?

Last but not least stellt sich die Frage nach dem anvisierten Lesepublikum. Neben Wissenschaftler:innen sollen auch „fortgeschrittene Studierende der Erziehungswissenschaft, der Geschichtswissenschaft und aller anderen Fächer mit bildungshistorischem Bezug“ (S. 10) angesprochen werden. Die Texte sind aber teilweise so voraussetzungsvoll geschrieben, dass sie schwerlich für ein autodidaktisches Studium eignen. Mit einer inhaltlich wie theoretisch-methodisch angeleiteten Lektüre im Seminar dürften sich jedoch auch für Studierende zentrale Forschungsbereiche der Historischen Bildungsforschung erschließen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. bspw. Gunilla-Friederike Budde, Auf dem Weg ins Bürgerleben. Kindheit und Erziehung in deutschen und englischen Bürgerfamilien 1840–1914 (= Bürgertum. Beiträge zur europäischen Gesellschaftsgeschichte, Bd. 6), Göttingen 1994.
[2] Martina Winkler, Kindheitsgeschichte. Eine Einführung, Göttingen 2017.
[3] Mit einem Verweis auf eine Studie von 1979 (!) bescheinigte jüngst eine Rezension der Historischen Bildungsforschung mangelnde sozialhistorische Kompetenz. Vgl. Lena Heerdmann, Rezension zu: Kathrin Stern, Erziehung zur „Volksgemeinschaft“. Volksschullehrkräfte im „Dritten Reich“, Paderborn 2021, in: H-Soz-Kult, 29.04.2022, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-113122 (10.06.2022).
[4] Josef Ehmer, Das Alter in Geschichte und Geschichtswissenschaft, https://www.leopoldina.org/fileadmin/redaktion/Politikberatung/pdf/Ehmer__Josef_2008.pdf (10.06.2022).
[5] Dass der erst 2021 erschienene Sammelband über die „Türken- und Türkeibilder im 19. und 20. Jahrhundert. Pädagogik – Bildungspolitik – Kulturtransfer“, hrsg. von Ingrid Lohmann und Julika Böttcher, Bad Heilbrunn nicht rezipiert werden konnte, liegt auf der Hand, was aber nicht für deutlich früher erschienene Publikationen gilt. Vgl. bspw. Ingrid Lohmann et al., Wie die Türken in unsere Köpfe kamen. Das Türkei-Bild in der deutschen Pädagogik zwischen 1820 und 1930, in: Zeitschrift für Erziehungswissenschaft 16 (2013) 4, S. 751-772.
[6] Arno Klönne, Jugend im Dritten Reich. Die Hitler-Jugend und ihre Gegner, Düsseldorf 1982. Spätere Auflagen erschienen bei PapyRossa.
[7] Vgl. bspw. Meike S. Baader, Öffentliche Kleinkinderziehung in Deutschland im Fokus des Politischen. Von den Kindergärten 1848 zu den Kinderläden in der 68er Bewegung, in: Jutta Ecarius / Carola Groppe / Hans Malmede (Hrsg.), Familie und öffentliche Erziehung. Theoretische Konzeptionen, historische und aktuelle Analysen, Wiesbaden 2009, S. 267-290; Meike S. Baader, Childhood and happiness in German romanticism, progressive education and in the West German anti-authoritarian Kinderläden Movement of 1968, in: Paedagogica Historica 48 (2012) 3, S. 485-499.

Redaktion
Veröffentlicht am
17.06.2022
Beiträger
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Philipp Eigenmann, Michael Geiss und Elija Horn). https://bildungsgeschichte.de/
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