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Titel
Fabrikgesellschaft. Rationalisierung, Sozialpolitik und Wohnungsbau in der Schweizer Maschinenindustrie, 1937–1967


Autor(en)
Fasel, Andreas
Erschienen
Zürich 2021: Chronos Verlag
Anzahl Seiten
320 S.
Preis
48 CHF
Rezensiert für infoclio.ch und H-Soz-Kult von:
Bernard Degen, Departement Geschichte, Universität Basel

In seinem Buch „Fabrikgesellschaft“ verfolgt Andreas Fasel die Entwicklung der industriellen Beziehungen in der schweizerischen Maschinenindustrie von 1937 bis 1967. Der Zeitrahmen ergibt sich durch den Abschluss des sogenannten Friedensabkommens zwischen dem Arbeitgeberverband Schweizerischer Maschinen- und Metall-Industrieller (ASM) und dem Schweizerischen Metall- und Uhrenarbeiter-Verband (SMUV), der in die frühe Erholungsphase nach der Weltwirtschaftskrise fiel, sowie durch die ersten Anzeichen der krisenhaften Entwicklung im lange dominanten schweizerischen Wirtschaftszweig gegen Ende der 1960er-Jahre. Untersucht werden drei einst bedeutende Unternehmen: Brown, Boveri & Cie. (BBC) in Baden, Maschinenfabrik Oerlikon (MFO) in Zürich – Restbestände beider gehören heute zur Asea Brown Boveri (ABB) – sowie Gebrüder Sulzer in Winterthur. Dabei kommen sowohl betriebswirtschaftliche Aspekte wie die Rationalisierung als auch die betriebliche Sozialpolitik, namentlich die Bereitstellung von Werkswohnungen, zur Sprache.

Mit dem Abschluss des sogenannten Friedensabkommens im Juli 1937, das im Gegensatz zu einem Tarifvertrag keinen normativen Teil (Löhne, Arbeitszeit usw.) enthielt, mussten die Maschinenindustriellen zumindest von gewerkschaftlicher Seite keine Streiks mehr befürchten. Sie konnten die Umstrukturierungen der folgenden Jahrzehnte unternehmensintern durchführen. Im Vordergrund stand der Übergang vom Geld- zum Zeitakkord, der ab Ende der 1940er- und vor allem in den 1950er-Jahren erfolgte. Dabei blieb das Prinzip, schnell zu arbeiten, dasselbe, die Wahrnehmung verschob sich jedoch: „Es schien nicht mehr so, als ob die Werkstücke bezahlt würden, sondern bloss noch die erbrachten Leistungen […].“ (S. 39).

Da für die Beschäftigten die Arbeiterbewegung zunehmend an Bedeutung verlor, versuchten die Maschinenindustriellen diese Lücke mit dem Ausbau ihrer betrieblichen Sozialpolitik – dem „Kernstück der Untersuchung“ (S. 235) – zu füllen. Ihr argumentativer Hintergrund bildete in den 1950er- und 1960er-Jahren die äußerst vage interpretierte, aus den USA kommende Human-Relations-Ideologie, die zuvor verbreitete korporative Vorstellungen von einer Betriebsgemeinschaft ablöste. Sie legte mehr Wert auf das Wohlbefinden der Belegschaft und versuchte, das Lohnverhältnis zu entpolitisieren, wie Andreas Fasel schreibt. „Sozialpolitische Einrichtungen wie Vorsorgekassen, Unterstützungsfonds, Werkzeitungen, Abteilungsabende, Jubilarenfeiern, Wohlfahrtshäuser, Sozialarbeit, Hauswirtschaftskurse, Werkwohnungsbau, sie alle waren nicht bloss als Kompensation gedacht für die verdichtete, durchrationalisierte Arbeit. Das sicher auch, doch sie waren viel mehr: Sie waren ein Mittel für eine soziale Rationalisierung, eine Rationalisierung der Arbeits- wie der Lebensbedingungen, um die Belegschaft der verdichteten Arbeit anzupassen.“ (S. 109)

Der Autor geht näher auf einige Aspekte der betrieblichen Sozialpolitik ein, auf kollektiver Ebene etwa auf Werkzeitungen, Besuchstage für Angehörige, Firmenabende zu verschiedenen Anlässen, Jubiläen und sogenannte Wohlfahrtshäuser, die vor allem ab den 1940er-Jahren zahlreicher erstellt wurden. Sie sollten mehr als nur Kantinen sein und konnten etwa Duschen, Bibliotheken, Freizeitwerkstätten, Veranstaltungsräume sowie Büros der Betriebskrankenkasse oder der betrieblichen Sozialarbeit beherbergen. Ein Vorzeigebau war das Wohlfahrtshaus Martinsberg der BBC, das der damals populäre Architekt der Landesausstellung 1939, Armin Meili, plante. Eine Betriebskommission organisierte – allerdings mit mäßigem Erfolg – Veranstaltungen wie Konzerte, Filme, Theatervorführungen, Gespräche mit Schriftstellern, vor allem aber wirtschaftsliberale Belehrung und natürlich auch antikommunistische Propaganda. Die Wohlfahrtshäuser sollten den betrieblichen mit dem außerbetrieblichen Alltag verbinden.

Für individuelle Probleme wurden seit der Zwischenkriegszeit Sozialarbeiterinnen eingestellt; 1948 zählte man in 118 deutschschweizerischen Unternehmen insgesamt 52. Sie kümmerten sich um Fragen wie Suchtprävention, Budgetberatung oder Verbesserung der Hauswirtschaft. Sie machten Hausbesuche, boten Haushaltungskurse an, vermittelten in Notsituationen günstige Darlehen und liessen Pensionierten und Beschäftigten in Not gelegentlich Lebensmittel- oder Wäschepakete zustellen. Bei Sulzer erklärte die Sozialarbeiterin Mitte der 1950er-Jahre, die meisten Fälle würden ihr von Werkmeistern oder Betriebschefs überwiesen. Die Sozialarbeiterinnen kümmerten sich um die Probleme der Belegschaft, die den Verlauf der Produktion zu stören drohten. Nicht in ihre Kompetenz fiel die Kritik an zu niedrigen Löhnen.

Zwischen den Firmenanlässen und den Wohlfahrtshäusern untersucht Andreas Fasel den Umgang der Unternehmen mit der Opposition, nachdem die Gewerkschaften als solche ausgefallen waren. Schon seit den 1920er-Jahren arbeiteten dabei einige mit rechtsextremen Organisationen zusammen. Seit 1994 ist eine geheime Zusammenstellung der Bundespolizei bekannt, die für 1938 beträchtliche Spenden an die an der NSDAP orientierten Eidgenössischen Sozialen Arbeiter-Partei (ESAP) dokumentiert, darunter solche führender Manager von Sulzer und MFO. Nach dem Krieg spannte vor allem die MFO mit der Moralischen Aufrüstung – zuvor Oxfordbewegung und seit 2001 als Initiativen der Veränderung bekannt – zusammen, die im ehemaligen Luxushotel Caux Palace über dem Genfersee ein internationales Zentrum betrieb. Es gelang 1946 sogar, maßgebliche Gewerkschafter des SMUV dorthin zu locken. Zusammen mit der Bundespolizei bekämpften die Unternehmen italienische Immigranten, für die die Kommunistische Partei ein legitimer Bezugspunkt war. Entlassungen und Ausweisungen führten so weit, dass die italienischen Behörden 1956 vorübergehend ein Embargo über drei Winterthurer Maschinenfabriken verhängten. Die politische Verfolgung zog sich bis in die 1960er-Jahre weiter und wurde übrigens vom SMUV kräftig unterstützt.

Trotz aller betrieblicher Sozialpolitik herrschte in der Maschinenindustrie eine beträchtliche Fluktuation, die die Werk-Mitteilungen von Sulzer 1961 auf fast ein Drittel pro Jahr schätzten. Sowohl der ASM als auch der SMUV sahen darin einen verdeckten Arbeitskampf, oder, in den Worten des SMUV-Präsidenten am Kongress 1969, „unsichtbare Streiks“.

Ein letzter Teil ist dem „Fabrikwohnen“, den Werkswohnungen gewidmet. Solche stellten alle drei Unternehmen vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg in beachtlicher Zahl zur Verfügung, wobei zwei Motive im Vordergrund standen. Erstens sollten angesichts der Fluktuation Beschäftigte nicht nur ideell, sondern auch materiell gebunden werden, etwa durch an den Arbeitsvertrag gebundene Mietverträge oder Hypotheken. Zweitens bot sich die Möglichkeit, Gelder der Personalvorsorge längerfristig anzulegen. Der Bau wurde unterschiedlich organisiert, bei BBC in Eigenregie, bei MFO durch Unterstützung von genehmen Wohnbaugenossenschaften und bei Sulzer durch eine betriebsnahe Gesellschaft. Dabei achtete man auf die soziale Differenzierung. Für Angestellte und Werkmeister ließ man freistehende oder Reihen-Einfamilienhäuser errichten, die von den Bewohnern mit Unternehmens-Hypotheken erworben werden konnten. Für Arbeiterinnen und Arbeiter entstanden Siedlungen mit Wohnblöcken. Besonders wichtig waren solche, wenn Betriebe in ländlichen Gegenden ohne nennenswerten Bestand an freien Wohnungen eröffnet wurden, etwa von BBC in der kleinen Gemeinde Birr südlich von Brugg, wo in den 1960ern über 500 Wohnungen in großen Blöcken abseits vom Ackerbaudorf entstanden. Schließlich musste die nach 1945 rasch anschwellende Zahl von vorwiegend italienischen Arbeitsmigranten und -migrantinnen untergebracht werden. Für sie erstellten alle drei Unternehmen nach Geschlechtern getrennte Barackensiedlungen mit teilweise beschönigenden Namen wie Villagio oder Castellino. Die Bewohnerinnen und Bewohner lebten in Mehrbettzimmern und zahlten dafür bei BBC pro Tag etwa eineinhalb Stundenlöhne. Sie aßen nicht in den Fabrikkantinen in den Wohlfahrtshäusern, sondern in Speisesälen der Baracken, was mit unterschiedlichen Essgewohnheiten begründet wurde.

Die Studie bietet einen guten Einblick in wenig bekannte Bereiche der schweizerischen Industriegeschichte. Sie zeigt nicht den Kampf der Gewerkschaften um bessere Arbeitsbedingungen, sondern deren Gestaltung durch die Maschinenindustriellen in zwar nicht formeller, aber weitgehend faktischer Abwesenheit der organisierten Arbeiterschaft. Der Autor konnte sich dabei auf die bisher selten verwendeten und zum Teil noch immer schwer zugänglichen Firmenarchive (Sulzer, S. 14) stützen. Dabei versteht er es, seine konzeptionellen Überlegungen mit empirischen Befunden zu verknüpfen, so dass ein spannender und gut lesbarer Text entstanden ist.

Redaktion
Veröffentlicht am
13.07.2022
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit infoclio.ch (Redaktionelle Betreuung: Eliane Kurmann und Philippe Rogger). http://www.infoclio.ch/
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