Cover
Titel
Dietrich Bonhoeffer (1906–1945). Der Weg in den Widerstand. "Ich bete für die Niederlage meines Landes"


Autor(en)
Bald, Detlef
Erschienen
Anzahl Seiten
232 S.
Preis
€ 35,00
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Reinhold Lütgemeier-Davin, Kassel

Der Autor Detlef Bald, Politikwissenschaftler, kritischer Militärhistoriker, profilierter historischer Friedensforscher und überdies durch Veröffentlichungen über den Widerstand gegen den Nationalsozialismus ausgewiesen, zeichnet in seinem neuesten Buch den fundamentalen Wandlungsprozess Dietrich Bonhoeffers vom völkischen zum friedenspolitischen Denken kenntnisreich wie überzeugend nach. Als junger Mann stand Bonhoeffer aufgrund seiner Erziehung in der Tradition der in Deutschland vorherrschenden völkischen Ideenwelt des Nationalprotestantismus, interpretierte den Krieg mit Verweis auf die Bibel als gottgewollt und blieb den staatsgläubigen Haltungen des lutherischen Protestantismus verpflichtet, der zugleich antisemitisch grundiert war. In seiner Dissertation hatte er einen ungewöhnlichen Ansatz gewählt, Theologie und Soziologie miteinander verknüpft: Er untersuchte die protestantische Kirche hinsichtlich Vereinsstruktur, Gesellschaftsbeziehungen und als Herrschaftsverband. Die Schrift wies ihn als einen eigenständig denkenden, tendenziell unangepassten, aufgeklärt-kritischen Wissenschaftler aus. Aber seine militaristisch-nationalistische Grundhaltung hatte sich nicht verändert.

Der Weg in den Widerstand – wie im Untertitel des Buches angegeben –, den Detlef Bald auf gesicherter Quellenbasis schildert, war ein länger währender Prozess. Bonhoeffer pflegte in der Weimarer Republik zwar gelegentlich Beziehungen zu Vertretern des religiösen Sozialismus, die zugleich von pazifistischen Idealen überzeugt waren, dennoch blieb ihm in dieser Phase seines Lebens Kritik am Schwertglauben ebenso fremd wie Programmatik und Organisation der deutschen Friedensbewegung überhaupt. Detlef Bald fasst hier zwar weitgehend bekannte Tatsachen zusammen, aber ihm gelingt hierbei eine kritisch akzentuierte Beschränkung auf zentrale Lebensüberzeugungen mit einer stringenten Gedankenführung.

Wesentliche Impulse für die Abkehr von völkisch-rassistischem Denken erhielt Bonhoeffer maßgeblich ab 1930 im Ausland: Während seines Aufenthaltes in den USA wurde er mit der strikten Separation der Weißen von den Schwarzen konfrontiert, erlebte die kirchliche Segregation und verfolgte aufmerksam und interessiert die Strategien des schwarzen bürgerrechtlichen Handels gegen Diskriminierung, Verfolgung und fundamentale Verletzung von Menschenrechten. Er studierte politische Befreiungsliteratur der Schwarzen. Diese Impulse halfen ihm, völkische, nationalprotestantische Überzeugungen infrage zu stellen und schließlich zu überwinden. Als Pfarrer im Berliner Arbeiterbezirk Wedding wiederum war er mit gravierenden sozialen Ungerechtigkeiten in seinem Heimatland konfrontiert. Spätestens ab 1932 offenbarten sich für ihn die Auswirkungen nationalistischen Denkens und die Übergriffe der Nationalsozialisten, der deutschen Christen, auf den Protestantismus insgesamt. In seinen Predigten distanzierte er sich ungeschminkt vom Rassismus, Nationalsozialismus, von völkischer Überheblichkeit und Antisemitismus, warnte generell vor rechten Tendenzen in seiner Kirche, aber auch vor Kriegsgefahren durch Nationalismus und Militarismus. Detlef Bald orientiert sich in diesen Kapiteln wiederum an den Predigttexten und sonstigen Schriften Bonhoeffers, ohne dabei ausschweifend zu werden; vielmehr führt Balds Textkenntnis dazu, dass er mit aussagekräftigen Kernsätzen die neu erworbenen Überzeugungen Bonhoeffers vorstellt und analytisch durchdringt.

Bonhoeffer sperrte sich gegen eine Kirche, die sich den politischen Gegebenheiten autoritärer, schließlich nationalsozialistischer Herrschaft widerspruchslos, ja mit Überzeugung anpasste. Auftrag der Kirche war für ihn demgegenüber, dem „Rad in die Speichen zu fallen“. Zwei Tage nach der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ kritisierte Bonhoeffer im Berliner Rundfunk das Führerprinzip, forderte eine Begrenzung der Machtfülle des Kanzlers und die Bindung an eine rechtsstaatliche Ordnung ein. Verstärkt wurden seine Kehrtwende im politischen Denken wiederum durch einen Auslandsaufenthalt 1933. Als Pfarrer in London pflegte Bonhoeffer internationale Kontakte hauptsächlich über den „Weltbund für Freundschaftsarbeit der Kirchen“. Auf den Kampf gegen den deutsch-völkischen, nationalistischen Protestantismus hatte er sich jetzt unanfechtbar festgelegt. Die Beschäftigung mit den Schriften Mahatma Gandhis 1934 verstärkten dieses Denken zusätzlich.

Im Zentrum des Werkes stehen die Erläuterung der Friedensethik Bonhoeffers. In dem entsprechenden zentralen und innovativen Kapitel lässt Detlef Bald, 2014–2019 Vorsitzender des Dietrich-Bonhoeffer-Vereins, erkennen, dass er von den Denkansätzen Bonhoeffers fasziniert ist, wahrt dabei aber die analytische Prägnanz und Distanz eines Wissenschaftlers. Grundsätze seiner Ethik trug Bonhoeffer im August 1934 auf der Jugendkonferenz des ökumenischen Weltbundes vor, abgehalten im dänischen Fanö. Die Analyse der Friedensethik, seines religiösen Pazifismus, seiner radikalen Interpretation der Bergpredigt, der Entwicklung eines Gegenmodells zum nationalistischen Militarismus, einer Friedensordnung, die mit Wahrheit und Recht verbunden wird, ist ein besonderes Verdienst des Autors. Gerade dieser Schwerpunkt unterscheidet seine Arbeit von den inzwischen reichhaltigen Veröffentlichungen über Dietrich Bonhoeffer. Die Friedensethik, global, überkonfessionell, antirassistisch, kulturübergreifend konzipiert, wird von Bald plausibel als zukunftsweisend interpretiert.

Ausfluss seiner Überzeugungen war Bonhoeffers Wirken als Teil der Bekennenden Kirche, sein widerständiges Verhalten gegen den Nationalsozialismus, schließlich seine Kontakte zum militärischen Widerstand. Am Beispiel Bonhoeffers wird das Zusammenwirken von militärischem und zivilem Widerstand deutlich[1], der ausgerichtet war auf eine Nachkriegsordnung, die nach Zerschlagung des Nationalsozialismus auf eine Verfassung zielte, die auf christlicher Ethik begründet sein sollte. Bonhoeffer erlebte eine neue demokratische Ordnung nicht; am Kriegsende ermordeten ihn Nationalsozialisten qualvoll. Durch dieses Schicksal ist er für viele Christen zur Ikone christlichen Widerstandes geworden. Sein inzwischen vertontes Gedicht „Von guten Mächten wunderbar geborgen“, geschrieben im Dezember 1944 in Kerkerhaft, kündet von der Hoffnung auf die Überwindung unsäglichen Leids.

Bedeutungsvoll ist die vorliegende Veröffentlichung Detlef Balds auch deshalb, weil sie die Rezeption Bonhoeffers nach 1945 nachzeichnet und bewertet. Während zunächst nur englische Christen die politisch-theologischen Leistungen Bonhoeffers anzuerkennen wussten, blieben die Würdigungen in Deutschland verhalten. Eine deutliche Distanzierung der protestantischen Kirchenleitung von ihren völkisch-nationalistischen Ideen erfolgte zunächst nicht. Die Geschichte des Protestantismus wurde auch im Interesse von immer noch amtierenden, nationalsozialistisch belasteten kirchlichen Würdenträgern entschärft, Bonhoeffer als Sonderling verharmlost. Die juristische Verfolgung Bonhoeffers, die zu seiner Ermordung führte, wurde zum Schutz der Richter-Täter lange nicht überprüft; erst 1996 erfolgte seine juristische Rehabilitation. Bonhoeffer wurde von der Geschichtswissenschaft dem nationalkonservativen Widerstand zugerechnet, seine nationalkonservative Herkunft wurde überpointiert, sein existentieller Wandel ab 1930 zu einer Ethik des Protests und des Widerstands gegen den Nationalsozialismus blieb lange vernachlässigt. Hiermit räumt Detlef Bald auf. Es war an der Zeit, das friedenspolitische Konzept in den Mittelpunkt zu rücken, das auf aktuelle Handlungsoptionen auszustrahlen vermag: eine Friedensethik mit globaler Perspektive, fußend auf den Werten Wahrheit und Recht, warnend vor dem Irrglauben, mehr Rüstung könne mehr Sicherheit bescheren.

Anmerkung:
[1] Ein gutes Beispiel hierfür siehe Ludger Fittkau / Marie-Christine Werner, Die Konspirateure. Der zivile Widerstand hinter dem 20. Juli 1944, Darmstadt 2019.

Redaktion
Veröffentlicht am
23.09.2021
Redaktionell betreut durch
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/
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