Cover
Titel
A Time for Peace. The Legacy of the Vietnam War


Autor(en)
Schulzinger, Robert D.
Erschienen
Anzahl Seiten
272 S.
Preis
€ 17,25
Rezensiert für H-Soz-Kult von
David Möller, Historisches Seminar, Universität Erfurt

Die Masse an Publikationen und Artikeln zum Vietnamkrieg verdeutlicht dessen nach wie vor zentrale Stellung innerhalb des Tätigkeitsfeldes US-amerikanischer Historiker/innen. Der Krieg bildet einen wichtigen Bezugspunkt in der Erinnerungspraxis der USA, da im Rahmen der kriegerischen Auseinandersetzungen im Irak oder Afghanistan stets Analogien zu den Erfahrungen in Vietnam hergestellt werden. So veröffentlichte auch Robert D. Schulzinger unter dem Titel „A Time for War. The United States and Vietnam, 1941-1975“ [1] im Jahre 1997 sein erstes Werk zum amerikanischen Vietnamkrieg und leiste damit einen weiteren Beitrag zur ohnehin schon umfangreichen Literatur rund um dieses Themengebiet. Schulzinger analysierte Entscheidungsprozesse auf politischer und diplomatischer Ebene, die zum amerikanischen Engagement in Vietnam führten und dessen Verlauf unmittelbar beeinflussten.

Im Anschluss an seine vorangehende Forschung versucht Schulzinger, in dem nun vorliegenden Werk „A Time for Peace. The Legacy of the Vietnam War” die Folgen des Vietnamkriegs für die amerikanische Gesellschaft darzustellen, welche die Erfahrungen, Gedanken, Gefühle und Überzeugungen vieler Amerikaner bis heute prägen. Zentral in Schulzingers Argumentation ist dabei die Annahme, dass der Vietnamkrieg ein „national trauma for the United States“ (S. 15) repräsentiert, welches Politik, Gesellschaft, Kultur und öffentliches Leben der USA sowie Vietnams stark beeinflusst hat und immer noch beeinflusst. Der Umgang mit den zum Teil verstörenden Kriegserinnerungen wird von ihm zum zentralen Narrativ erhoben, welches mit anderen Ereignissen wie dem Civil War oder dem Zweiten Weltkrieg in Verbindung gebracht wird. In stark deskriptiver Form und unter besonderer Berücksichtigung politikgeschichtlicher Ansätze analysiert Schulzinger verschiedenste Themen zum Vietnamkrieg, die unter Zuhilfenahme von Memoiren, Filmen, Archivdokumenten, Kongress- oder Regierungspublikationen und Reden verschiedenster politischer Akteure behandelt werden. Das Buch gliedert sich in vier thematische Abschnitte, in denen neben den internationalen Beziehungen sowie Veteranen und „Vietnamese Americans“ auch die kulturellen und politischen Hinterlassenschaften des Krieges untersucht werden.

Im ersten Abschnitt seines Buches geht Schulzinger genauer auf die Beziehung zwischen Vietnam und den USA ein, die im Kontext internationaler und nationaler Politik beleuchtet wird. Die Entwicklung der Beziehungen beider Länder wird zwar als steiniger, aber kontinuierlicher Weg zur Aussöhnung beschrieben, welcher mit dem Ende des Wirtschaftsembargos 1994 erreicht war. Besonders betont werden häufige Verhandlungen über Kriegsgefangene („Prisoners of War“) oder vermisste Soldaten („Missing in Action“), da diese von amerikanischer Seite noch in Vietnam vermutet werden. Schulzinger stellt gerade diese Thematik in den Mittelpunkt seiner Betrachtung, da das Schicksal der amerikanischen Soldaten nicht nur für die Öffentlichkeit, sondern auch für Politiker beider Seiten entscheidenden Einfluss auf eine zukünftige Normalisierung ausgeübt hat. Die Debatten innerhalb der amerikanischen Administration über die Normalisierung der Beziehungen werden ausführlich beschrieben, wogegen Schulzinger leider kaum auf die Rezeption der gleichen Problematik innerhalb der amerikanischen Gesellschaft eingeht. Es kommen hauptsächlich solche Akteure zu Wort, die unmittelbar mit den Entscheidungsprozessen befasst waren und diese innerhalb der Administration diskutierten.

In einem weiterführenden Schritt beschreibt Schulzinger die amerikanischen Kriegsveteranen und vietnamesischen Flüchtlinge („boat people“) als Gruppen, die unmittelbar die Erinnerung über den Krieg in den USA geformt und geprägt haben. Gingen viele Vietnamveteranen noch bewusst an die Öffentlichkeit, um ihre Erinnerung zu artikulieren, sieht Schulzinger die alleinige Anwesenheit der vietnamesischen Flüchtlinge in den USA als ständige Erinnerung an den vergangenen Krieg. Denn besonders „the Vietnamese in America helped shape the ways in which people remembered the war and also the ways in which they put those memories behind them.“ (S. 128) Durch die Diskussion von Kriegsveteranen, dem Vietnam Veterans Memorial und den “Vietnamese Americans” zeigt Schulzinger eine Multi-perspektivität, die in der Beschreibung von Erfahrungen, Problemen und Erinnerungs-praktiken der verschiedenen Gruppen ihre Geltung entfaltet. Besonders seine Abhandlung über „Post Traumatic Stress Disorder“ (PTSD), die als Krankheit überhaupt erst im Zuge der Behandlung von traumatisierten Vietnamveteranen definiert wurde, ist von beeindruckender Klarheit und Schärfe und hat von seiner Aktualität und Bedeutung nicht an Brisanz verloren. Indem Schulzinger nun jedoch nicht nur die Vietnamveteranen als „Opfer“ darstellt, sondern auch genau auf das Leiden und die Schwierigkeiten der „Vietnamese Americans“ eingeht, schafft er jene Multiperspektivität, die diesen Abschnitt auszeichnet.

Im dritten und vierten Abschnitt diskutiert Schulzinger nun den Einfluss des Vietnamkrieges auf Kultur und politische Entscheidungsprozesse in den USA. Auf kultureller Ebene beschränkt Schulzinger seine Beobachtungen leider hauptsächlich auf die Aufzählung und kurze Beschreibung verschiedener literarischer Werke und Filme, die er in den Kontext der Erinnerung an den Vietnamkrieg einordnet. Zwar wird versucht, die Rezeption des Krieges in seiner Komplexität und Historizität darzustellen, dabei werden Erinnerungs-praktiken und gesellschaftliche Vorgänge jedoch kaum beachtet. In einem zweiten Schritt zeigt Schulzinger, inwiefern die Erinnerung an den Vietnamkrieg die Außenpolitik und die politischen Entscheidungsprozesse der USA strukturiert hat. Politische Entscheidungen werden oftmals mit Fehlern und Lehren, die man aus dem Scheitern in Vietnam gezogen hat, evaluiert und legitimiert. Schulzinger meint, dass „Americans have tended to see every contentious or dangerous foreign policy issue through the prism of Vietnam“ (S. 201). Zwar gibt es konfligierende und umkämpfte Erinnerungen an den Vietnamkrieg, doch nichtsdestoweniger hat der Krieg als Bezugspunkt bis heute eine große Signifikanz in den USA behalten.

Schulzingers Studie erweist sich durch die Verwendung einer Vielzahl historischer Materialien als ein gut recherchiertes, ausführliches und faktenreiches Werk, welches versucht, die Erinnerung an den Vietnamkrieg auf verschiedenen Ebenen darzustellen. Da allerdings auf wenig Raum viele Entwicklungen nachgezeichnet werden, bleiben einige wichtige Aspekte unausgesprochen. Zwar proklamiert Schulzinger, dass sein Buch auch die Geschichten erzählt, „in which Americans and Vietnamese came to terms with their mutual experience“ (S. 14), letztlich kann er dieses Versprechen jedoch nicht einhalten. Die Situation von Vietnames/inn/en wird auf die Erfahrung der Flüchtlinge in den USA beschränkt und geht dabei leider nicht auf ähnliche Entwicklungen in Vietnam ein. Im Gegensatz dazu wird auch in neueren Forschungsansätzen die Situation von Vietnames/inn/en in Vietnam in die Betrachtung des Vietnamkrieges einbezogen, die bis dato in der US-amerikanischen Forschung zum Krieg kaum eine Rolle gespielt hat.[2] Zwar geht es Schulzinger explizit um die Erinnerung in den USA, allerdings bleiben durch die Ausblendung der vietnamesischen Perspektive einige wichtige Aspekte des Vietnamkriegs im Ungefähren. Daneben fehlen in Schulzingers Werk Verweise auf die Erinnerungen an Kriegsverbrechen in Vietnam, die in den letzten Jahren verstärkt in den USA diskutiert worden sind. Besonders im Zuge des Irakkriegs begann man auch über die Verbrechen in Vietnam zu sprechen, deren Ausmaße durch neue Erkenntnisse oder Darstellungen noch deutlicher zu Tage traten.[3] Die Diskussion solcher Aspekte hätte die Analyse und Argumentation Schulzingers weiter gestärkt, zeigt sie doch, wie umkämpft und divergierend die Erinnerungen an den Vietnam-krieg auch heute noch sind.

Trotz dieser Kritikpunkte bietet die Lektüre des Buches von Robert D. Schulzinger durchaus einen umfangreichen Überblick über verschiedenste Ebenen der Erinnerung an den Vietnamkrieg. Durch das breite Spektrum an historischen Materialien und Sekundärliteratur bekommt der interessierte Leser zudem einige Anregungen für die weiterführende Lektüre. Allerdings sollte man aufgrund des „traditionellen“ politikgeschichtlichen Ansatzes kaum theoretische oder methodische Überlegungen zur Erinnerungsgeschichte erwarten, da Schulzinger einen eigenen Zugang zu der Thematik wählt und dabei hauptsächlich beschreibend vorgeht. Doch durch das derzeitige US-amerikanische Engagement im Irak und Afghanistan ist es nicht zuletzt die Aktualität des Themas, die die Brisanz des Buches ausmacht.

Anmerkungen:
[1] Robert D. Schulzinger, A Time for War. The United States and Vietnam, 1941-1975, New York, 1997.
[2] Mark Philip Bradley / Marilyn B. Young (Hrsg.), Making Sense of the Vietnam Wars. Local, National, and Transnational Perspectives, New York, 2008; David L. Anderson / John Ernst (Hrsg.), The War That Never Ends. New Perspectives on the Vietnam War, Kentucky 2007.
[3] Michael Sallah / Mitch Weiss, Tiger Force. A True Story of Men and War, London 2006; Bernd Greiner, War Without Fronts. The U.S. in Vietnam, New Haven, CT, 2009. (englische Übersetzung der deutschen Ausgabe: Bernd Greiner, Krieg ohne Fronten. Die USA in Vietnam, Hamburg 2007: rezensiert von Lars Klein, in: H-Soz-u-Kult, 21.01.2008, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2008-1-052> (07.05.2010)).

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Veröffentlicht am
14.05.2010
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