Cover
Titel
Deutsche Einblattholzschnitte 1500-1700.


Herausgeber
N.N.
Erschienen
Anzahl Seiten
2 CD-ROMs
Preis
€ 79,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Franz Mauelshagen, Fakultät für Geschichtswissenschaft und Philosophie, Universität Bielefeld

Einblattdrucke - insbesondere illustrierte Flugblätter mit ihrer Kombination von Text und Bild - sind Medien der Frühen Neuzeit, denen in vergangenen Jahren zunehmend im fachübergreifenden Kontext wissenschaftliche Aufmerksamkeit geschenkt wurde. [1] Dies ist vor allem einem Grundlagenwerk wie Michael Schillings Studie zur "Bildpublizistik der frühen Neuzeit" und der in den achtziger Jahren von Wolfgang Harms begonnenen, kommentierten Edition der "Deutschen illustrierten Flugblätter des 16. und 17. Jahrhunderts" zu verdanken. [2] Letztere hat sich bisher den Sammlungen in Wolfenbüttel, Darmstadt und Zürich gewidmet. Große Bestände jedoch warten nach wie vor auf vergleichbare Projekte: München, Gotha, Berlin, Bamberg, Nürnberg, Erlangen, Frankfurt am Main sind nur die bedeutendsten. Viele der Drucke sind oft nur dort zu besichtigen, wo die Originale aufbewahrt werden. Die schweren Bände der Edition von Harms sind in vielen öffentlichen Bibliotheken vorhanden, für Privatbibliotheken jedoch kaum erschwinglich.

In diese Lücke stößt nun eine digitale Ausgabe von mehr als 3400 Einblattholzschnitten aus dem Zeitraum 1500 bis 1700. Es handelt sich dabei um eine elektronische Fassung der von Max Geisberg, Walter L. Strauss und Dorothy Alexander in den 1970er Jahren abgeschlossenen Reihe "The German Single-Leaf Woodcut". [3] Das Material ist auf zwei CD-ROMs gebannt und über Datenbanken gut zu erschließen, die sich auf einer Start-CD befinden. Indizes gestatten eine rasche Auswahl nach Künstlern, Personen, Werken, Druckorten und Themen. Auf der zweiten CD-ROM sind hoch auflösende Scans aller Drucke verfügbar, die sich leicht in andere Programme zur Weiterverarbeitung exportieren lassen. Die Qualität der Abbildungen ist natürlich abhängig von den Vorlagen in den Bänden von Geisberg, Strauss und Alexander, und die sind nicht immer gut. Und farbig sind sie ebenfalls nicht, was der Digitalisierung einen eigenen Wert verliehen hätte. Auch die Forschung ist in dieser Ausgabe bestenfalls auf dem Stand der siebziger Jahre stehen geblieben. Unter den Druckernamen wurden keine zusätzlichen Einblattdrucke aufgenommen, obwohl dies auf der Basis neuerer Arbeiten in einigen Fällen (so etwa bei Bernhard Jobin in Straßburg [4]) möglich gewesen wäre. Neben Neuzuschreibungen gibt es Umwidmungen: So konnte in der Ausgabe zoologischer Einblattdrucke von Ingrid Faust nachgewiesen werden, dass das Impressum eines Flugblatts über eine Eidechsen- und Natternplage in Ungarn irreführend ist. [5] Das Blatt wurde 1551 in Dillingen von Sebald Meyer hergestellt, nicht vom Wiener Ägidius Adler. Hier folgt die Digitale Bibliothek nach wie vor dem irreführenden Impressum. Nicht auf der Höhe sind auch die Angaben zu verschiedenen Standorten des abgebildeten Blattes. Oft befinden sich Dubletten noch in anderen als den genannten Bibliotheken. Auch die Künstlerangaben entsprechen nicht mehr in allen Fällen neuesten Erkenntnissen.

Die mangelnde wissenschaftliche Qualität und Aktualität bedeutet eine Einschränkung der Zuverlässigkeit - mit paradoxer Konsequenz: Aufwand und Preis wurden niedrig gehalten, um einen breiteren Käuferkreis und damit auch Nichtexperten anzusprechen; aber nur Kenner können mit den Informationen umgehen, ohne in Einzelfällen in die Irre geführt zu werden. Ein offenes Wort zum Stand der digitalen Ausgabe hätte man erwarten dürfen. Dazu wären eine aktuelle Bibliografie neuerer Arbeiten zum Einblattholzschnitt und zum illustrierten Flugblatt oder Hinweise auf neuere Künstlerlexika nützlich und redlich gewesen. Wer sich nicht auskennt, wird allein gelassen. Da man sich schon auf Geisberg, Strauss und Alexander festgelegt hat, hätte man wenigstens auch die Einleitungen dieser Herausgeber übersetzen sollen. Zur Einführung in den Gegenstand wären sie nach wie vor brauchbar gewesen. Stattdessen findet man eine zwei Seiten kurze, anonyme Vorbemerkung, die man schnell wieder vergessen sollte: Dass der Einblattdruck beim Publikum ein "immer größer werdendes Bedürfnis nach Bildern" (Einführung S. 3) geweckt habe, ist ein populistisches Klischee; dass die Verfeinerung der Schnitttechnik die Kolorierung überflüssig gemacht habe, ist Unsinn; und dass die Bilder "zunehmend über den Text" dominiert hätten, suggeriert eine diachrone Entwicklung, die noch niemand nachgewiesen hat. Von Dilettantismus zeugt auch, wenn in den bildthematischen Umschreibungen von den "Wundenmalen" statt den "Wundmalen" Christi die Rede ist - vermutlich eine misslungene Anpassung ans Gegenwartsdeutsch. Apropos: Nach wie vor produziert die Digitale Bibliothek zu viele Druckfehler (fünf alleine auf den kurzen sechs Textseiten der Einführung, dabei besonders peinlich S. 9: "Aleaxander" statt "Alexander" in der Literaturangabe zu einem der Bezugswerke). Gut, dass diesmal die Bilder dominieren.

Fazit: Es liegt eine digitale, aber gestutzte Ausgabe von "The German Single-Leaf Woodcut" vor. Im Vergleich zu anderen Einblattdruck-Editionen ist sie erschwinglich, wenn auch die äußerst bescheidene editorische Leistung gewiss nicht unterbezahlt ist.

Anmerkungen:
[1] Vgl. zuletzt u.a. Harms, Wolfgang; Schilling, Michael (Hgg.), Das illustrierte Flugblatt in der Kultur der Frühen Neuzeit (Mikrokosmos 50), Frankfurt am Main 1998; Harms, Wolfgang; Messerli, Alfred (Hgg.), Wahrnehmungsgeschichte und Wissensdiskurs im illustrierten Flugblatt der Frühen Neuzeit (1450-1750), Basel 2002.
[2] Schilling, Michael, Bildpublizistik der frühen Neuzeit. Aufgaben und Leistungen des illustrierten Flugblatts in Deutschland bis um 1700 (Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur 29) Tübingen 1990; Harms, Wolfgang (Hg.), Deutsche illustrierte Flugblätter des 16. und 17. Jahrhunderts. Kommentierte Ausgabe, Bd. 1-4 & 7, Tübingen 1985-1997.
[3] Geisberg, Max, The German Single-Leaf Woodcut 1500-1550, revised and edited by Walter L. Strauss, New York 1974; Strauss, Walter L., The German Single-Leaf Woodcut, 1550-1600, New York 1975; Alexander, Dorothy, The German Single-Leaf Woodcut: 1600-1700. In collaboration with Walter L. Strauss, Vol. 1-2, New York 1977.
[4] Weber, Bruno "Die Welt begeret allezeit Wunder" Versuch einer Bibliographie der Einblattdrucke von Bernhard Jobin in Straßburg, in: Gutenberg Jahrbuch 1976, S. 270-290.
[5] Faust, Ingrid, Zoologische Einblattdrucke und Flugschriften vor 1800, unter Mitarbeit von Klaus Barthelmess und Klaus Stopp, 2 Bde., Stuttgart 1998 und 1999, hier Nr. 93.1.

Redaktion
Veröffentlicht am
15.07.2003
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