Fritz Bauer Institut u.a. (Hgg.): Der Auschwitz-Prozess

Cover
Titel
Der Auschwitz-Prozess. Tonbandmitschnitte, Protokolle und Dokumente


Herausgeber
Fritz Bauer Institut; Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau
Reihe
Digitale Bibliothek 101
Erschienen
Anzahl Seiten
1 DVD-ROM
Preis
€ 45,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sabine Horn, Redaktion WerkstattGeschichte, Universität Bremen

Am 20. August 1965 endete nach 20-monatiger Verhandlung mit der Urteilsbegründung der 1. Frankfurter Auschwitz-Prozess. Es handelte sich sowohl aus heutiger als auch aus damaliger Sicht um eines der bedeutendsten Beispiele für den Umgang der bundesdeutschen Justiz mit NS-Gewaltverbrechen. Neben wissenschaftlichen Publikationen, die sich vornehmlich aktenbasiert auf die Aufarbeitung des gerichtlichen Verfahrens konzentrieren, haben das Fritz-Bauer-Institut und das Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau nun eine interessante DVD veröffentlicht, die einen anderen Zugang zu dem Prozess eröffnet.[1]

Dem Fritz-Bauer-Institut steht seit einigen Jahren ein über 400-stündiger Tonbandmitschnitt des Prozesses zur wissenschaftlichen Aufarbeitung zur Verfügung. Sollte dieser fast vollständige Mitschnitt des Verfahrens ursprünglich dem Gericht nur als Gedächtnisstütze dienen – die damalige Strafprozessordnung sah kein Protokoll vor – so handelt es sich heute um ein eindrucksvolles Zeitdokument von unschätzbarem Wert. Das Gericht beabsichtigte die Mitschnitte nach Beendigung des Verfahrens zu vernichten, was aber glücklicherweise dank der Initiative einiger Überlebender verhindert werden konnte. So konnten Aussagen von Überlebenden und Angeklagten, Plädoyers und Befragungen von Verteidigern, Staatsanwälten und Richtern bis heute im auditiven Original erhalten bleiben.

Rund 100 Stunden aus den Passagen des Originaltons und die Transkription der Vernehmung von 319 Zeugen sind auf der DVD vorhanden. Es wurden im Wesentlichen Aussagen ausgewählt, die neben juristischen Fragen einen Überblick über das Geschehen im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz skizzieren und, so die Einführung im Editorial, veranschaulichen, dass der Prozess auf der Folie des Kalten Krieges verlief. Besonders die Wortgefechte, die sich der Verteidiger Hans Laternser mit dem aus der DDR stammenden Nebenklagevertreter Friedrich Karl Kaul und dem Gutachter Jürgen Kuczynski lieferte, gelten als anschauliche Beispiele dafür. Das Herzstück der Tondokumente stellen jedoch die sehr eindringlichen Aussagen der Überlebenden dar. Ihre Schilderungen über die schrecklichen Erlebnisse, die sie in Auschwitz machen mussten, und die sie während ihrer Aussage vor Gericht wieder einholten, konnten sie unter der Last der Erinnerung teilweise nur stockend hervorbringen. Es sind gerade diese Momente, die einen heute erahnen lassen, welche große Überwindung es für sie bedeuten musste, aus aller Welt zum Prozess nach Frankfurt zu kommen. Ihre Aussagen wurden teilweise von Dolmetschern übersetzt; diese Übersetzungen sind sowohl in den Tondokumenten als auch in den Transkriptionen erhalten geblieben.

Die Transkriptionen bleiben zwar nah am Gesprochenen, allerdings wurde der Text mit dem Ziel redigiert, „eine möglichst originalgetreue Wiedergabe mit den Anforderungen der Lesbarkeit zu vereinbaren, die an einen gedruckten Text gestellt werden“.[2] Das bedeutet, dass Versprecher, Wiederholungen, Stotterer, Dialekte, grammatikalische Fehler und selbst Redundanzen gestrichen bzw. korrigiert wurden. Ohne Frage verbessert dies die Lesbarkeit der ohnehin teilweise gestückelten und unterbrochenen Aussagen und beugt Ermüdungen beim Lesen und Nachvollziehen vor. Ein wesentlicher Vorteil der redigierten Texte liegt in der vollständigen Erfassung der Begriffe durch die Volltextsuche. So lassen sich anhand beliebiger Stichworteingaben bequem und schnell relevante Textstellen finden. Interessiert man sich beispielsweise besonders für den Einfluss des Kalten Krieges auf den Prozess, so gelangt man sofort mit Hilfe der Eingabe verdächtiger Begriffe wie „SBZ“ oder „Kommunisten“ an entsprechende Textpassagen. Das sehr sorgfältige Personen- und Sachregister und ein umfangreicher Anmerkungsapparat unterstützen die Arbeit zusätzlich. Gerade das Sachregister erweist sich hier als sehr nützlich, verwenden doch Prozessbeteiligte Begriffe oft nicht einheitlich, sondern finden mehrere Wörter für denselben Sachverhalt oder Gegenstand. Ein Anmerkungsapparat erläutert zusätzlich wesentliche juristische Begriffe.

Weitere schriftliche Quellen, beispielsweise zur Vorgeschichte des Verfahrens und Fotografien runden die DVD ab. Bei der Fotoauswahl ist positiv hervorzuheben, dass eine damalige – und auch teilweise heute noch – verbreitete Täterfixiertheit durchbrochen wird, wie selbst in der Einleitung kritisch angemerkt wird: „In den sechziger Jahren galten als favorisierte Motive in der Berichterstattung über den Prozeß die Täter und nicht etwa diejenigen, die der Entsubjektivierung und schließlich der Vernichtung hatten entrinnen können. Dies entsprach durchaus dem Bedürfnis in der deutschen Gesellschaft, nicht sich selbst, sondern einige wenige als Täter zu identifizieren und auf die Anklagebank zu setzen. Die in den Archiven der Presseagenturen gelagerten Aufnahmen belegen das einseitige Interesse an den Gesichtern der Angeklagten.“ [3] Der Dominanz der Täter in der Darstellung werden hier Portraitfotografien von Überlebenden, angefertigt von dem Frankfurter Fotografen Günter Schindler, entgegengesetzt.

Das handwerkliche Instrumentarium, welches die DVD zur Recherche und Bearbeitung des umfangreichen Materials bietet, wurde gut ausgeschöpft. Neben der erwähnten Volltextsuche bietet sie Hyperlinks, Verknüpfungen von Texten und Bildern, Filter-, Such-, Sortier- und Markiersysteme; in Anbetracht der Fülle des interessanten Materials eine unschätzbare Technik. Wer bereits Veröffentlichungen aus der Digitalen Bibliothek kennt, wird die DVD schnell handhaben können. Andere, für die diese Reihe Neuland darstellt, müssen sich in die Navigation erst eingewöhnen. Denn obwohl sich die Oberfläche an dem bekannten Windows Look & Feel orientiert, sind die Funktionen nicht immer auf Anhieb nachvollziehbar. So bedeuten die spontan als Vor- und Zurück-Button identifizierten Pfeile lediglich ein Blättern im Textdokument und klickt man 1x in den rechten Scrollbalken und erwartet das gewohnte Blättern im Dokument, so befindet man sich gleich 70 Seiten weiter – ohne zu wissen, wie das passieren konnte. Wer nicht gerade ein Routinier der Digitalen Bibliothek ist und sich auch nicht durch Versuchsklicken die Benutzungsmöglichkeiten der DVD aneignen möchte, kann auf die beiliegende Bedienungsanleitung (31 Seiten) zurückgreifen.

Die auf Anhieb etwas sperrige Benutzeroberfläche ist aber auch der einzige Kritikpunkt der insgesamt sehr empfehlenswerten DVD. Selten bekommen WissenschaftlerInnen und interessierte Laien derartig eindrucksvolles, gut erschlossenes und bearbeitetes Quellenmaterial in einer Veröffentlichung zur Verfügung gestellt. Wird in Rezensionen zu digitalen Veröffentlichungen im Vergleich zu Druckerzeugnissen meist auf den Vorteil der umfangreichen Datenmenge auf kleinsten Raum hingewiesen, so spricht hier allein die Quellengattung (Tondokumente) für die digitale Version.

Zur pädagogischen Arbeit in Schulen sei angemerkt, dass sich der Umgang mit der DVD dort nur bedingt eignet. Es handelt sich weniger um eine interaktive Lernplattform als um eine umfangreiche Dokumentensammlung. LehrerInnen müssten Vorarbeit leisten, könnten die DVD allerdings bei entsprechender Vorbereitung und Auswahl gut als geeignetes Quellenmaterial im Unterricht oberer Schulklassen integrieren. Sie könnten allerdings auch auf das von der pädagogischen Abteilung des Fritz-Bauer-Instituts herausgegebene Materialheft zum Auschwitz-Prozess zurückgreifen, das ebenfalls eine, wenn auch im Vergleich sehr beschränkte, Auswahl der Tondokumente enthält. [4] Der Vorteil an dem Heft liegt darin, dass es speziell für die pädagogische Arbeit mit SchülerInnen konzipiert wurde.

Anmerkungen:
[1] Bisherige Veröffentlichungen zu dem Verfahren sind beispielsweise Langbein, Hermann, Der Auschwitz-Prozeß. Eine Dokumentation, 2 Bände, Frankfurt am Main (unveränderter Nachdruck der 1965 im Europa-Verlag/Wien erschienen Erstausgabe) 1995; Fritz-Bauer-Institut (Hg.), „Gerichtstag halten über uns selbst...“ Geschichte und Wirkung des ersten Frankfurter Auschwitz-Prozesses. Jahrbuch 2001 zur Geschichte und Wirkung des Holocaust. Frankfurt am Main 2001; Wojak, Irmtrud (Hg.), Auschwitz-Prozeß 4 Ks 2/63, Frankfurt am Main 2004; Renz, Werner, Das Urteil im Frankfurter Auschwitz-Prozess (1963-1965). Erste selbständige Veröffentlichung, Bonn 2004.
[2] Editorische Einleitung: Der 1. Frankfurter Auschwitz-Prozeß, S. 18
[3] ebenda S. 42
[4] Kingreen, Monica, Der Auschwitz-Prozess 1963-1965. Bedeutung, Geschichte und Wirkung (Pädagogische Materialien 8), Frankfurt am Main 2004.

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Veröffentlicht am
25.04.2005
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