M. R. Stabili: Entre historias y memorias

Cover
Titel
Entre historias y memorias. Los desafíos metodológicos del legado reciente de América Latina


Hrsg. v.
Stabili, Maria Rosaria
Erschienen
Frankfurt am Main 2007: Vervuert/Iberoamericana
Umfang
246 S.
Preis
24,00 €
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Berthold Molden, Universität Wien


Vorab genannt seien gleich zum einen das Hauptverdienst zum anderen das größte Versäumnis dieses Sammelbandes, der in den Beiheften des europäischen Lateinamerikahistorikerverbandes (AHILA) erschienen ist. Zu deutsch würde sein Titel lauten: „Zwischen Geschichten und Erinnerungen. Die methodologischen Herausforderungen des zeitgeschichtlichen Erbes Lateinamerikas“. Der Blick auf die gesellschaftlichen AkteurInnen der Geschichtspolitik und auf die politische Heterogenität der geschichtsreferentiellen Öffentlichkeiten ist seine große Stärke. Allerdings hätte es ihn noch spannender gemacht, wenn er nicht nur einen transnationalen, sondern einen biregionalen Ansatz (Lateinamerika – Europa) zum Wissensdiskurs „Geschichtspolitik“ selbst verfolgt hätte. Doch davon später, zunächst seien die Vorzüge des von der Römer Historikerin Maria Rosaria Stabili herausgegebenen Buches gewürdigt. Aus den neun Beiträgen – zu Argentinien, Brasilien, Chile, Guatemala, der „Operation Condor“ (einer Kooperation der Sicherheitsdienste mehrerer lateinamerikanischer Länder zur Verfolgung linker Oppositioneller über Ländergrenzen hinweg) sowie den südlichen Staaten der Region (Cono Sur) im Überblick – greife ich beispielhaft drei zur Veranschaulichung heraus. Es sei aber betont, dass alle Texte durchweg interessant und lesenswert sind.

Wie Stabili bereits in ihrer Einleitung deutlich macht, geht es dem Großteil der AutorInnen um die sozialen Rahmenbedingungen der postrepressiven Erinnerung (eine Formulierung, die im Spanischen doppeldeutig ist, heißt doch „represión“ auch „Verdrängung“). Sofía Correa Sutil und Pietro Taviani analysieren in ihrem Beitrag gesellschaftliche Gruppen, ja, Klassen, die ihre zuvor als Meisternarrative etablierten Geschichts- und Gesellschaftsbilder nun in der offenen Konkurrenz einer polyphonen Arena vertreten und teilweise anpassen müssen. Gerade in der Rede von einer „alten Elite“ (S. 37ff.) wird der transitorische Charakter deutlich, der den geschichtspolitischen Auseinandersetzungen im Cono Sur seit den 1980er-Jahren anhaftet. Hier werden symbolische Territorien abgesteckt und diskursive Partizipationsmöglichkeiten definiert. Besonders deutlich wird dies an Vera Carnovales Text über die öffentlichen Debatten in Argentinien zur Musealisierung des ehemaligen Folterzentrums der Marineakademie ESMA. Damit spricht Carnovale eine der wichtigsten und dennoch oft vernachlässigten Implikationen von Geschichtspolitik an: ihre ideologisch-politische Aufgeladenheit. Nicht selten nehmen die Verbrechen des Staatsterrorismus selbst die zentrale moralische Position in der analytischen Perspektive der AkteurInnen und ForscherInnen ein. Jenny Edkins[1] hat deutlich gemacht, wie ein postkonfliktives Regime sich noch aus der kaum überwundenen Krise heraus namens des Staats die moralische Urteilskompetenz über Gut und Böse aneignet, indem es zwischen TäterInnen und Opfern unterscheidet. Die Opfer staatlicher Verschleppung, Folterung, Repression und Ermordungen in der Zeit der Diktaturen bzw. die Forderungen und Anklagen ihrer Angehörigen wurden nun ausgerechnet vom (freilich angeblich völlig erneuerten) Staat als Legitimierungsmittel instrumentalisiert. Der übernommene Opferdiskurs verwandelt sich so zum Machtinstrument der Nicht-Opfer. Dass ein solcher Prozess aber auch repolitisiert werden und mitunter erstaunliche Wendungen nehmen kann, illustriert Carnovale beispielhaft an der Rede Ernesto Kirchners bei der Umwidmung der ESMA im März 2004. In seiner Eigenschaft als Staatschef verortete sich dieser in einer oppositionellen, verfolgten Erfahrungsgemeinschaft der Linken der 1970er-Jahre.

Arturo Taracena, einer der wichtigsten Sozialhistoriker Guatemalas, hat mit seinem Beitrag über die Arbeit und die politische Resonanz der international besetzten Kommission zur Historischen Aufklärung in Guatemala eine besondere Gruppe ins Auge genommen: den Überlappungsbereich von örtlichen MenschenrechtsaktivistInnen und engagierten AkademikerInnen einerseits und Angehörigen der so genannten „internationalen Gemeinschaft“ (in diesem Fall vor allem der UNO) andererseits. Taracena war selbst Protagonist dieser Wahrheitskommission, die ja bereits auf den Erfahrungen und Problemen verschiedener Vorgängerinnen – vor allem in Argentinien und El Salvador – aufbauen konnte. So kann er zeigen, wie schwierig es in Guatemala war, international anerkannte (wenn auch keineswegs immer eingehaltene) Menschenrechtsstandards zur Messlatte des Umgangs mit der Gewaltvergangenheit eines Transitionslandes zu machen.

Zu eben dieser Frage hat auch Luis Roniger bereits gearbeitet, der in diesem Band gemeinsam mit Mario Sznajder den am stärksten transnational angelegten Beitrag liefert. Während Taracenas Abhandlung mit der guatemaltekischen Wahrheitskommission die Genoziddebatte in den Horizont des Bandes hereinholt, versprechen Sznajder und Roniger eingangs eine Verortung der Geschichtspolitiken in den Ländern des Cono Sur in den Kontext des Holocaustdiskurses. Sie halten dies zwar nur teilweise ein, denn dem überregionalen Kontext und Daniel Feiersteins Versuch, die Verbrechen der südamerikanischen Militärregime mit dem Genozidbegriff zu fassen, ist nur ein kleiner Teil ihres Artikels gewidmet. Dennoch gelingt ihnen auf knappem Raum eine überzeugende Synthese der juristischen und erinnerungssoziologischen Entwicklungen insbesondere in Argentinien, Chile und Uruguay. Dieser Beitrag ist auch eine ideale Ergänzung zu Giulia Barreras Artikel über jene „Operation Condor“, mit der sich die Geheimdienste der Militärjuntas des Kalten Krieges zur grenzübergreifenden Bekämpfung, das heißt, meist der Ermordung von RegimegegnerInnen, zusammengeschlossen hatten.

Insgesamt ist diese Kombination aus länderspezifischen Gesellschaftsstudien und transnationalen Analysen ein gelungener Ansatz, sich dem facettenreichen Thema lateinamerikanischer Geschichtspolitik in einem schmalen Band anzunähern. Auch hat die Vereinigung Europäischer Lateinamerika-HistorikerInnen (AHILA) mit diesem zweiten Band ihrer neuen, aus den Cuadernos de Historia Latinoamericana hervorgegangenen Reihe bewiesen, dass sie es mit der Integration lateinamerikanischer KollegInnen in dieses im Ursprung vorrangig europäische Wissenschaftsnetzwerk ernst meint. Die AutorInnen von fünf der neun Beiträge stammen aus Lateinamerika. Ein Artikel ist aus israelischer Feder. Zwei an italienischen Standorten angesiedelte ForscherInnen sowie die ebenfalls italienische Herausgeberin stehen für den europäischen Beitrag. Die Einladung von WissenschaftlerInnen aus den untersuchten Ländern ist sehr zu begrüßen. Zu bedauern ist jedoch, dass die Herausgeberin sich unter den zur Geschichtspolitik arbeitenden KollegInnen in Europa nicht etwas weiter umgesehen hat. Hier wären gewiss noch einige substanzielle Ergänzungen interessant und leicht möglich gewesen: etwa zum Problem der interregionalen Transfers in der Konstruktion sozialer Gedächtnisse oder aus der Forschung zu subversiven und gegenhegemonialen Erinnerungskulturen, die jeweils auch eine europäische Perspektive einbezogen hätten. Schließlich stellt sich doch für solche Forschungskontexte die strategische Frage, was der spezifische Beitrag einer europäischen HistorikerInnen-Perspektive zu einem international so stark bearbeiteten und zugleich politisch so relevanten Feld wie den lateinamerikanischen Geschichtspolitiken sein kann? Lägen die Chancen einer solchen „europäischen“ Perspektive nicht vor allem in der Betrachtung der globalgeschichtlichen Verbindungen zwischen den geschichtspolitischen Öffentlichkeiten Lateinamerikas und Europas sowie der Transfers in der Ausbildung geschichtspolitischer Deutungsrahmen? Eine solche gemeinsame Themenstellung hätte die biregionale Brückenposition von AHILA ideal genutzt und gleichzeitig ein kleines, aber feines thematisches Netzwerk interessierter ForscherInnen hergestellt. Unabhängig davon bleibt jedoch zu konstatieren, dass mit Stabilis Band eine hochinteressante Aufsatzsammlung zu einem zentralen Problemfeld zeitgeschichtlicher Forschung zu Lateinamerika gelungen ist.

Anmerkung:
[1] Jenny Edkins, Trauma and the Memory of Politics, Cambridge 2003.

Zitation
Berthold Molden: Rezension zu: Stabili, Maria Rosaria (Hrsg.): Entre historias y memorias. Los desafíos metodológicos del legado reciente de América Latina. Frankfurt am Main  2007 , in: H-Soz-Kult, 24.02.2010, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-10052>.
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Veröffentlicht am
24.02.2010
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