R. Griffin: Modernism and Fascism

Cover
Titel
Modernism and Fascism. The Sense of a Beginning under Mussolini and Hitler


Autor(en)
Griffin, Roger
Erschienen
Houndmills/New York 2007: Palgrave Macmillan
Umfang
354 S.
Preis
£ 18.99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Fernando Esposito, SFB 437 Kriegserfahrungen, Universität Tübingen

Wer von Moderne und Modernismus nicht reden will, wird wesentliche Aspekte des Faschismus-Phänomens schlichtweg nicht verstehen. So bündelt Roger Griffin in Anlehnung an das bekannte Diktum Max Horkheimers, aber weit weniger dogmatisch als dieser, die Stoßrichtung seines Buches über „Modernism and Fascism“. Der an der Oxford Brookes University lehrende Griffin leitete 1991 mit seiner generischen und idealtypischen Faschismusdefinition die „dritte Phase“ der internationalen Faschismusforschung ein.[1] Griffins Studie kann als Neuformulierung jener Definition verstanden werden: Vor allem der palingenetische Aspekt des Faschismus, sein mythischer Kern also, wird hier ausführlich behandelt. Doch man griffe viel zu kurz, verstünde man sein Buch als Spezifizierung des einst postulierten „faschistischen Minimums“. Griffins neueste Arbeit ist von jeglichem Essentialismus weit entfernt. Vielmehr eröffnet sie einen Weg, der aus der Aporie des Zusammenhangs von Faschismus und Moderne führt. Jeder, der in Zukunft vom Faschismus reden möchte, wird diese Arbeit zur Kenntnis nehmen müssen.

Auf der Grundlage der insbesondere im angelsächsischen Raum florierenden, in Deutschland jedoch nur selten rezipierten Faschismusforschung der letzten Jahrzehnte hat Griffin eine profunde „synoptische historische Interpretation“ vorgelegt. „Nicht nur waren das faschistische Italien und das nationalsozialistische Deutschland konkrete Manifestationen jener generischen politischen Ideologie und Praxis, welche als Faschismus bezeichnet wird, sondern der Faschismus selbst kann als politische Variante des Modernismus verstanden werden“ [Übersetzung durch den Verfasser F.E.]. (S. 6) Während die erste Teilaussage, der Griffin wenig Aufmerksamkeit widmet, keine allzu große Erregung mehr verursachen dürfte, zeugt die zweite Teilaussage von einem Paradigmenwechsel. Griffins Deutung des Faschismus als politischer Modernismus ist nämlich erst durch unsere gewandelte Sicht auf die Moderne möglich geworden. Sie setzt voraus, dass wir „die Moderne“ nicht mehr normativ mit dem Projekt der Aufklärung und den Errungenschaften der westlich-liberalen Emanzipationsbewegungen gleichsetzen. Erst hierdurch ist der Blick frei geworden für die zahlreichen alternativen Modernen. An der befremdlichen Wirkung des Plurals dürfte die Einseitigkeit des weiterhin wirksamen Konzepts augenfällig werden. Eine ähnliche Voreingenommenheit herrscht hinsichtlich des ästhetischen Modernismus und dessen diametralem Verhältnis insbesondere zum Nationalsozialismus. Den Bruch mit derlei Vorurteilen hätte Griffin in seinem zweiteiligen Buch nicht radikaler vollziehen können.

Insbesondere mit den ersten fünf Kapiteln ist Griffin ein großer Wurf gelungen, deren Kernaussage sich angesichts der virtuosen Interdisziplinarität und Multiperspektivität nur schwer isolieren lässt. Dieser erste Teil des Buches ist der idealtypischen Definition des Modernismus sowie der Klärung von dessen Nexus zum Faschismus gewidmet. Der Modernismus, das wird jedenfalls sehr schnell deutlich, ist keineswegs allein ein ästhetisches Phänomen. Er umfasst als Gattungsbegriff, so Griffin, eine große Anzahl sehr heterogener Bewegungen, die sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in Europa formierten. Ihnen allen lag eine Wahrnehmung der „Moderne“ als Hort des Verfalls und der Dekadenz, der Ambivalenz und der Anomie zugrunde. Sowohl der ästhetische, als auch der soziale und politische Modernismus habe daher versucht, durch die Stiftung einer neuen mythischen Heimat die „transzendentale Obdachlosigkeit“ (Georg Lukács) des modernen Menschen zu überwinden. Es galt, der Anomie einen neuen „Nomos“ (Peter L. Berger) entgegenzusetzen und die aus dem „Sein zum Tode“ (Martin Heidegger) resultierende Urangst des Menschen vor der Zeit durch die Teilhabe an einer ewigen Zeit zu überwinden. Die Suche nach Transzendenz und Erneuerung, die Griffin hier beschreibt, umfasst sowohl Kafka als auch Jünger, das Bauhaus und die Futuristen, die Lebensreformer und die völkische Bewegung ebenso wie okkultistische und theosophische „Neue Religionen“.

Die ausschließlich ästhetische Äußerung und Verwirklichung dieses Programms bezeichnet Griffin als „epiphanischen Modernismus“, gegen den er den programmatischen Modernismus abhebt. Letzterer suchte eine tatsächliche Veränderung der Gesellschaft einzuleiten („sozialer Modernismus“). Als infolge des Ersten Weltkrieges der Fortschrittsglaube radikal erschüttert wurde, wuchs die Sehnsucht nach einer revitalisierenden Ordnung. Der Wunsch nach einer transzendenten Zeitlichkeit wurde zu einem Massenphänomen. Und da nun der Staat über die Mittel verfügte, um planend, steuernd und gestaltend in die Gesellschaft einzugreifen, entwickelte der Modernismus eine dezidierte politische Dynamik („politischer Modernismus“). Angesichts dieses Verständnisses von Modernismus – und Griffins Argumentation dafür ist sehr plausibel – ist es nur folgerichtig, den Faschismus als „Form des programmatischen Modernismus“ zu definieren, „welche die politische Macht anstrebt, um eine ganzheitliche Vision nationaler oder ethnischer Wiedergeburt zu verwirklichen. Sein endgültiges Ziel besteht in der Überwindung jener Dekadenz, welche das Gefühl gemeinschaftlicher Zusammengehörigkeit zerstörte und in deren Folge sich Sinn und Transzendenz der Moderne verzehrten, sowie in der Einleitung eines neuen Zeitalters kultureller Homogenität und Gesundheit [des Volkskörpers]“ [Übersetzung durch den Verfasser, F.E.]. (S.181)

Der heuristische Gewinn dieser Perspektive auf Moderne und Faschismus ist bedeutend. Es wird gezeigt, dass Letzterer über eine zukunftsgerichtete Dynamik verfügte, die, so zeigt Griffin mit dem „konservativen Revolutionär“ Arthur Moeller van den Bruck, eine „Wiederanknüpfung nach vorwärts“ (S. 177ff) betrieb. Der Faschismus war auf die Zukunft ausgerichtet und wurde daher von den Massen, aber auch von zahlreichen Intellektuellen, als eine Möglichkeit zum Aufbruch in eine alternative Moderne begriffen. In deren Zentrum stand die auf der Nation oder Ethnie beruhende neue Gemeinschaft, die technokratisch und archaisch zugleich war. Warum das kein Widerspruch zu sein braucht, klärt Griffin nicht zuletzt mit Hilfe von Peter Osbornes „The Politics of Time“.[2] Die Glorifizierung einer mythischen Vergangenheit war keine Reaktion, sondern diente der „Verwurzelung“ einer orientierungslosen und metaphysisch heimatlosen Gesellschaft. Die Faschisten stellten die Vergangenheit in den „Dienst des Lebens“. Als „Tätige und Mächtige“, so könnte man mit Nietzsche argumentieren, nutzten sie die Historie „monumentalisch“ mit dem Ziel der Palingenese der Nation oder des Volkes.

An sehr instruktiven Beispielen weist Griffin dann in den folgenden fünf Kapiteln den politischen Modernismus des italienischen Faschismus als auch des Nationalsozialismus auf. Er arbeitet die Verbindungen heraus, welche nicht nur der italienische Faschismus, sondern eben auch der Nationalsozialismus, zum ästhetischen Modernismus pflegte. Vor allem aber werden beide Regime als modernistische, das heißt als „Gärtner“-Staaten vorgestellt, die eine „anthropologische Revolution“ im Sinne Emilio Gentiles zu verwirklichen suchten.[3] Gerade im Falle des Nationalsozialismus artete das zu jenem „biopolitischen Modernismus“ aus, der letztlich Millionen Menschen das Leben kostete.

Das in der Tradition George L. Mosses stehende und Gentiles Konzept der politischen Religion untermauernde Werk Griffins wird der Faschismusforschung – hoffentlich auch hierzulande – neuen Auftrieb geben. Stellt man sich der herausfordernden Lektüre, wird man mit einer neuen Perspektive auf den Faschismus belohnt. Griffin ist es gelungen, ein Signal für einen Aufbruch zu neuen Ufern zu geben, in denen der Fragwürdigkeit der Moderne Rechnung getragen wird.

Anmerkungen:
[1] Die Definition lautete: „Fascism is a genus of political ideology whose mythic core in its various permutations is a palingenetic form of populist ultranationalism.“ So Griffin, Roger, The Nature of Fascism, London u.a. 1993, S. 26; Vgl. auch Reichardt, Sven, Neue Wege der vergleichenden Faschismusforschung, in: Mittelweg 36 16 (2007), S. 9-25, S. 10f.
[2] Osborne, Peter, The Politics of Time. Modernity and the Avantgarde, London 1995.
[3] Bauman, Zygmunt, Moderne und Ambivalenz. Das Ende der Eindeutigkeit, Hamburg 1992; Zur „anthropologischen Revolution“ siehe: Gentile, Emilio, L’ „uomo nuovo“ del fascismo. Riflessioni su un esperimento totalitario di rivoluzione antropologica, in: ders., Fascismo. Storia e interpretazione, Rom u.a. 2005, S. 235-264.

Zitation
Fernando Esposito: Rezension zu: : Modernism and Fascism. The Sense of a Beginning under Mussolini and Hitler. Houndmills/New York  2007 , in: H-Soz-Kult, 19.10.2007, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-10080>.
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Veröffentlicht am
19.10.2007
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