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Titel
Der Gorki-Park. Freizeitkultur im Stalinismus 1928-1941


Autor(en)
Kucher, Katharina
Erschienen
Umfang
330 S.
Preis
€ 54,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Matthias Stadelmann, Lehrstuhl Osteuropäische Geschichte, Universität Erlangen-Nürnberg

Stalinismus und Erholungspark – dabei hat man es mit zwei „kaum in Einklang zu bringenden Welten zu tun: Gewaltherrschaft und Not auf der einen Seite und expandierende Freizeitkultur auf der anderen“ (S. 2). Es ist ein vielversprechendes Spannungsverhältnis, dessen sich Katharina Kucher in ihrer Dissertation angenommen hat. Ihr Ziel ist es, „einen Beitrag zur Erforschung des Verhältnisses dieser beiden Welten zu leisten“ (ebd.). Angesichts der Hinwendung zur Freizeitkultur nimmt es nicht wunder, dass sich die Autorin eingangs „nicht allein“ auf einen totalitär-politischen Stalinismusbegriff beruft, sondern auch auf einen „kulturell-alltäglichen“ im Sinne eines way of life. Freizeitgestaltung gehört in solch einer Konzeption ebenso zur Epoche wie die Repression; klären möchte Kucher, ob „die Freizeitkultur als Gegenwelt zum stalinistischen Herrschaftssystem oder als ihr Bestandteil angesehen werden muss, wie politisch durchsetzt der Park war und in welchen Zusammenhängen seine stalinistischen Züge zutage traten“ (S. 4).

Liest man freilich diese Präliminarien genau, so fällt auf, dass Kucher noch in der Einleitung den konzeptionellen Rückzug antritt. „Stalinistisch“, das meint offensichtlich: im totalitären und repressiven Sinne politisch. In die gleiche Richtung weist wohl auch die Unterscheidung zwischen dem „,schönen Schein des Stalinismus’ und seiner grausamen Realität“ (S. 233). Realer Stalinismus – das ist also wieder Repression und Terror. Und was nicht grausam war, war das nur irreale Illusion? Immerhin wagt sich die Bearbeiterin des unkonventionellen Themas ganz am Ende etwas aus der konventionellen Deckung: Ziel sei es gewesen, „einen Bereich zu erschließen, der neben Terror, Willkür und Gewalt auch Bestandteil des Stalinismus (...) war und gleichermaßen, wenn auch unblutig, zur Ausprägung des Phänomens beigetragen hatte“ (S. 286).

Was fast wie eine Entschuldigung für eine zu harmlose, da freizeitorientierte Perspektive auf die Epoche allsowjetischer Blutrunst klingt, wird freilich sogleich durch eine allzu eilige These von einem angeblichen „direkten Zusammenhang zwischen Gewaltherrschaft und Freizeitvergnügen“ relativiert (ebd.). Doch trotz häufiger Rekurse auf die Repression liegt die entscheidende Konsequenz von Kuchers Untersuchung darin, dass sich das „Phänomen“ Stalinismus eben nicht nur mit dem Blick auf all die Entsetzlichkeiten benennen und erklären lässt. Kehren wir in diesem Sinne noch einmal zurück zum Ausgangspunkt – in den Gorki-Park.

Das 1928 eröffnete, seit 1932 nach dem Aushängeschild der Sowjetliteratur benannte, bedeutendste Moskauer Freizeitareal entstand nicht im historischen Vakuum, sondern war durchdrungen von einer Fülle von Bezügen – das Thema des ersten Kapitels. Zunächst beschreibt Kucher im geschichtlichen Abriss Parks und Vergnügungen im vorrevolutionären Russland, durchaus mit Blick über die Landesgrenzen hinaus. Ein zweiter Abschnitt widmet sich der „Entstehung von Freizeit“ (S. 36), die in Russland wie im übrigen Europa im Zuge industriegesellschaftlicher Arbeitskonstellationen vor sich ging. Ein dritter Abschnitt vollzieht den Sprung in die nachrevolutionäre Zeit, indem er über Konzepte und Realitäten des „neuen Moskau“, des „neuen Menschen“ und der ihn zumindest im theoretischen Entwurf mitbestimmenden neuen „Kultiviertheit“ („kulturnost“) räsoniert – allesamt diskursive und materielle Gegebenheiten, die Entstehung und Gestaltung des Moskauer Kultur- und Erholungsparks für die Sowjetbevölkerung geprägt und beeinflusst haben. Ausführlich macht Kucher Fakten und Thesen der Literatur für ihr Thema fruchtbar: Der Gorki-Park orientierte sich in Raum- und Inhaltsgestaltung grundlegend an Vorbildern aus vergangenen Zeiten, sowjetideologische Aspekte flossen über Vorstellungen von der zu erreichenden Kultivierung der Werktätigen in das Vorhaben ein.

Die Betrachtung des Parkkontextes setzt sich im zweiten Kapitel zunächst fort, wenn es um sozialistische Stadtplanung der 1920er-Jahre und insbesondere den Stellenwert der Grünanlagen geht. Mit dem Abschnitt über „Konzeption und Territorium“ des Moskauer Kultur- und Erholungsparks ist Kucher bei ihrem eigentlichen Untersuchungsgegenstand angelangt. Auf der Grundlage von Archivmaterialien (die, wie die Autorin erklärt, nicht im erwarteten Maße zur Verfügung standen) und publizierten Quellen werden die Diskussionen und Beschlüsse der Kulturbürokratie im Vorfeld der Parkgründung knapp erläutert. Trotz mancher Unsicherheiten wurde der noch nicht fertiggestellte Park 1928 mit dem Wunsch, Kultivierungspädagogik und kurzweiliges Amüsement unter einen Hut zu bringen, eröffnet. Dafür, dass die erste Parksaison erfolgreich war, macht Kucher außer dem Mangel an Alternativen im damaligen Moskau vor allem das Anknüpfen an „die Volksfeste des alten Russland“ und „die Lunaparkvergnügungen der Gegenwart“ verantwortlich. Die Argumentation leuchtet ein; inwiefern aber war dann „die Einrichtung des Zentralen Kulturparks 1928“ „ein erster Schritt in Richtung des neuen, sozialistischen Moskau“ (S. 108)?

Nun, zum Moskau der 1930er-Jahre gehörte der Park in jedem Fall auf prominente Weise dazu. Ausführlich stellt Kucher den repräsentativen Vergnügungsort vor, wobei die Ausrichtung an den verschiedenen Programmangeboten und Unterhaltungsmöglichkeiten die vor allem auf herrschaftliche Durchdringungen zielenden Leitfragen Kuchers ein wenig vergessen machen. So lesen wir über Musiktheater und Estrade im Park, über Kinovorführungen und Zirkus, über Gesang und Tanz, über besondere Anlässe und Festveranstaltungen, über Ausstellungen und Bibliotheken, Vorträge und Bildungsangebote, Wehrsport und Wellnesstage, die den Massen (ein wichtiges Kriterium im Selbstverständnis des Parks) geboten wurden.

Auf breiter Quellengrundlage hat Kucher vieles, auch Fotografien, zusammengetragen, um eine Vorstellung von der Realität des Gorki-Parks und – will man verallgemeinern – der Unterhaltungskulturen in den sowjetischen 1930er-Jahre zu vermitteln. Vor der Gefahr, sich deren Zauber zu ergeben, ist die Autorin wohlgefeit. Unbestechlich behält sie politische Motivationen im Blick und streng konstatiert sie eine geradezu permanente Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität im Park, die diesen zu einer „typischen Institution des Stalinismus“ gemacht habe (S. 185).

Auch das vierte Kapitel („Das gestaltete Paradies“) betont jene Diskrepanz, indem Pläne und Entwürfe für den Park vorgestellt werden. In einer „totalitären Glyptothek“ kann sich der Leser sodann in Details der Parkskulpturen vertiefen, was ihm Aufschlüsse über ideologische Botschaft ebenso wie über ästhetische Eklektizität ermöglicht. Trotz aller Planung und Gestaltung, bis hin zu „Gartenbänken und Abfallurnen“ (S. 224), blieb der Park, so Kucher, ein „Provisorium“ voller „Unvollkommenheit“, das die selbst gestellten Ansprüche nie erfüllen und nur deswegen gut ankommen konnte, weil die Realität außerhalb des Parks noch schlechter aussah. Ein letztes Kapitel untersucht „Verwaltung und Personal“ (und stellt dabei die schillernde Parkdirektorin Glan vor) sowie „Besucherzahlen und Zielgruppen“ (mit Verweis auf Leistungsträger und Besserverdienende). Ganz am Ende thematisiert es die Mechanismen der Herrschaft, den Park unter realer wie mentaler Kontrolle zu haben, sowie habituelle Resistenzen dagegen (Stichwort „Rowdytum“).

Katharina Kucher hat eine beachtliche Dissertation vorgelegt. Mit Akribie hat sie sich an ein faszinierendes Thema gewagt, das bis dato niemand zum Thema größerer Forschungen gemacht hat. So ist ein wichtiges Buch entstanden, das auf reicher Quellengrundlage einen wenig thematisierten, sicher immer noch unterschätzten und dennoch prominenten Aspekt der Stalin-Zeit der Leserschaft vorstellt. Als Musterbeispiel kultivierter Freizeitgestaltung, als „herausragender Ort der sowjetischen Hauptstadt“ (S. 277) gehörte der Gorki-Park genauso zur Epoche wie Terror, Kulturrevolution oder ökonomischer Brachialumbau. Zu Recht fragt Kucher dabei nach den Beziehungen des Parks zu bekannten Charakteristiken des Stalinismus und entdeckt typische Momente: den Kult um die Masse bei gleichzeitigen Exklusionsmechanismen; die Unvereinbarkeit von Anspruch und Wirklichkeit; das Amalgam aus echter und falscher (Selbst-)kritik, Vorwürfen und Denunziationen; die Neigung zur Monumentalisierung, ja, zur Erstarrung. Zu Recht präsentiert sie einen Ort der Massenpropaganda, der die Besucher durch „ein Geflecht von Werten und Inhalten“ (S. 282) vereinnahmen wollte. All das wird nachhaltig vorgeführt.

Schade ist nur, dass Kucher bei ihrer Einordnung des Parks in Konzepte des Stalinismus ein entscheidendes Moment des Parks in seiner historischen Dimension nicht klar genug herausgestellt hat und damit eine wesentliche Perspektive ihres Themas ungenutzt lässt: Bei allen Defiziten und Dysfunktionen, bei aller Instrumentalisierung und Steuerung war der Gorki-Park eben doch vor allem ein Ort der Freizeit, des Vergnügens, der Freude, der Heiterkeit – ja, auch das gab es zu Stalins Zeiten. Fast scheint es, als ob Kucher bei ihrer Suche nach Stalinismustypik im Park diese Dimension aus den Augen verliert und damit einen entscheidenden Erkenntnisgewinn des Themas verschenkt, böte es doch auch die Chance, das Verständnis von „Stalinismus“ zu erweitern: Um jene Komponente nämlich, die ihn anziehend und damit aus sozial- und kulturgeschichtlicher Perspektive erst möglich und „erfolgreich“ machte. Neben all den Großbaustellen, den Eingriffen, der Gewalt, dem Zwang, den mitunter peinlich schlechten Lebensbedingungen kann an der Freizeitkultur beispielhaft deutlich werden, dass der Stalinismus vielen Menschen auch etwas zu bieten hatte, was von ihnen angenommen wurde. Angebote wie der Gorki-Park prägten die Vorstellungen von Lebenswelt mit (ein Konzept, das von Kucher in ihrer Einleitung intensiv bemüht wird) und konnten im Sinne einer auch vom Stalinismus so dringend benötigten positiven mentalen Disposition wirken. Dieses Potential des Gorki-Parks im Besonderen bzw. der Freizeitkultur im Allgemeinen zur Ergänzung des Stalinismus-Konzepts um die attraktive Komponente schöpft Kucher nicht aktiv aus. Dabei zeigt die Arbeit doch beispielhaft, dass Stalinismus mehr als Gewalt und (Selbst-)disziplinierung war.

Zitation
Matthias Stadelmann: Rezension zu: : Der Gorki-Park. Freizeitkultur im Stalinismus 1928-1941. Köln  2007 , in: H-Soz-Kult, 20.03.2008, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-10092>.
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20.03.2008
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