H. Braun u.a. (Hrsg.): Die lange Stunde Null

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Titel
Die lange Stunde Null. Gelenkter sozialer Wandel in Westdeutschland nach 1945


Hrsg. v.
Braun, Hans; Gerhardt, Uta; Holtmann, Everhard
Erschienen
Baden-Baden 2007: Nomos Verlag
Umfang
345 S.
Preis
€ 49,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Axel Schildt, Forschungsstelle für Zeitgeschichte, Hamburg

Der leicht paradoxe und deshalb umso einprägsamere Titel kündigt das Unternehmen einer interdisziplinär – die Beiträge stammen aus der Geschichtswissenschaft, Soziologie, Politikwissenschaft, Theologie und Philosophie – zusammengesetzten Autorengruppe mit starkem Heidelberger Gewicht an, den Übergang vom NS-Regime zur demokratischen Gesellschaft in Westdeutschland bzw. der Bundesrepublik auf neue Weise begrifflich zu fassen und auf einigen wesentlichen Feldern exemplarisch zu beschreiben. Da das Problem angesichts der Forschungslage darin besteht, auf einem schon ausführlich untersuchten und hinsichtlich der Deutungslinien intensiv diskutierten Gebiet noch etwas bisherigen Ansätzen überlegenes Neues, Weiterführendes zu bieten, soll zunächst der empirische Ertrag gewürdigt werden, um dann abschließend auf das theoretische Angebot zurückzukommen.

Wie der konkretisierende Untertitel des Bandes andeutet, wird in elf Beiträgen (einschließlich der Einleitung) großes Gewicht auf die Konzeptionen der Westalliierten gelegt. Dabei kommt allerdings eine andere als die – dominante – Politik der US-Behörden in den Studien kaum vor. Uta Gerhardt, im Blick auf die politikberatende Sozialwissenschaft in den USA im und nach dem Zweiten Weltkrieg einschlägig ausgewiesen[1], fasst unter der thesenhaften Überschrift „Nichts Punitives“ ihre Befunde dahingehend zusammen, dass zum einen der vor allem negativ legendäre Morgenthau-Plan „keine Politikrelevanz“ (S. 34) entfaltete und zudem mit der kaum minder bekannten „Direktive JCS 1067“, die politikbestimmend wurde, „nichts zu tun hatte“ (ebd.). Letztere akribisch belegte These ist zwar apodiktisch formuliert, widerspricht aber nicht dem allgemeinen Diskussionsstand der Zeitgeschichte.

Marita Krauss bestätigt dies in ihrem instruktiven Beitrag zur amerikanischen „Besatzungskultur“ am Beispiel von Bayern. Besonders anschaulich sind die Ausführungen zum „Handbook“, der „SHAEF-Bible“, als dem Regelwerk der Besatzungsverwaltung auf der Ebene der Detachements und dessen ständiger Anpassung an die Gegebenheiten. Gegen den in der Literatur vorherrschenden Eindruck betont Marita Krauss, „dass das amerikanische Personal keineswegs ungeeignet und naiv war“ (S. 61), zumindest nicht in der Landeshauptstadt München (S. 67).

Dass den Kirchen als „Institution der Zivilgesellschaft“ (S. 93), die „Kritik in gesellschaftsgestaltender Absicht“ und „Stabilisierung durch eine Heimat inmitten der ‚Zusammenbruchsgesellschaft’“ (S. 94) boten, in den alliierten Konzepten zur reeducation eine zentrale Rolle zugemessen wurde, weil dort eine „spirituelle Substanz“ vermutet wurde, „die widerständiges Verhalten bei einzelnen ihrer Vertreter gefördert habe“ (S. 99), betont Heike Springhart. Allerdings argumentiert die Verfasserin in einer gewissen Engführung. Weder konfessionelle Differenzierungen noch eventuelle Unterschiede in der Religionspolitik der Alliierten werden bei der Betrachtung der US-Strategien erwähnt. Und es taucht beim Leser unwillkürlich die Frage auf, welche Lernprozesse denn ausgelöst wurden, als erkannt werden musste, dass die Kirchen – gelinde formuliert – nicht unbedingt als „essentielle Kräfte des Demokratisierungsprozesses“ (S. 94) wirkten, was von der kirchlichen Zeitgeschichte mittlerweile sehr dicht dokumentiert worden ist.

Exakt belegte Fallstudien zur justiziellen „Überwindung des Nationalsozialismus“ bilden den Mittelteil des Bandes. Edgar Wolfrum beschreibt den weithin nicht bekannten Zusammenhang von „strafrechtlichen Denkfiguren, Täterbildern und Entlastungsstrategien der Angeklagten“ (S. 124) und zeigt damit, dass die Justiz als „Spiegel einer Gesellschaft“ funktionierte, „die sich über Jahrzehnte nicht zu einer konsequenten Ahndung der NS-Verbrechen durchringen konnte.“ (S. 139). Edith Raim widmet sich dem „Wiederaufbau der westdeutschen Justiz unter alliierter Aufsicht“ (S. 141) bis 1949/50. Sie konstatiert, dass rechtshistorisch interessanterweise gerade der Zeitraum des Kondominiums vor Gründung der Bundesrepublik (und der DDR) bisher wenig untersucht worden sei. Ihr Beitrag referiert sehr ausgewogen die gegensätzlichen Tendenzen personeller Kontinuitäten und gesetzlichen Neulands. Ein dritter Beitrag dieses Abschnitts stammt von Gösta Gantner, der das Ende der „Deutschen Philosophie“, bei ihm exemplifiziert durch die NS-Ideologen Ernst Krieck und Alfred Baeumler, und den sehr unterschiedlichen Umgang mit dieser Hinterlassenschaft bei Karl Jaspers, Martin Heidegger und Theodor W. Adorno, beschreibt. Während die Ausführungen zu den Stellungnahmen dieser Autoren in der unmittelbaren Nachkriegszeit kaum neue Informationen enthalten und auf einer abstrakt ideengeschichtlichen Ebene bleiben, kann der Ausblick Aufmerksamkeit beanspruchen, werden hier doch Linien zum philosophiegeschichtlich diskutierten Programm einer bürgerlichen Gesellschaft bei Joachim Ritter und einer Verweigerung der „Bürgerlichkeitsverweigerung“ der „68er“ gezogen (S. 201).[2]

Im dritten Teil des Bandes geht es um Forschung und Wissenschaftsförderung. Hans Braun rekapituliert in seinem Beitrag über „sozialwissenschaftliche Forschung als Selbstvergegenwärtigung und Evaluation der amerikanischen Besatzungsherrschaft“ (S. 205) weit zurück liegende eigene Studien vor allem zu den US-Surveys von OMGUS; hier gibt es mittlerweile einige neuere Studien.[3] Interessanter ist der Beitrag von Claus-Dieter Krohn, über die Hilfe der Rockefeller Foundation beim Wiederaufbau der Wissenschaften, der dem Westernization-Ansatz[4] folgt und einen transatlantischen Kreislauf von Ideen beschreibt, der mit der amerikanischen Unterstützung einiger Forscher in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg und der besonderen Hilfe – auch im wohlverstandenen eigenen Interesse – für die exilierten Wissenschaftler begann und Mitte der 1950er-Jahre mit der Verlagerung der Aktivitäten in die „Dritte Welt“ endete. Die empirischen Befunde konfligieren mit der Annahme einer zielklaren Strategie, die zumindest für die staatlichen Planungen grundlegend gewesen sei (s.o.). Mit Blick auf die Unterstützung ausgerechnet der Sozialforschungsstelle Dortmund, an der sich „die Elite der empirischen Sozialforschung aus der NS-Zeit versammelt hatte, [...] verwundert die Blindheit, die Unkenntnis oder zumindest Naivität, die auch Indiz für die vollständige Abkopplung der Stiftung von den deutschen Verhältnissen gewesen sein könnte“ (S. 245). Neuland betreten die Ausführungen von Alexia Arnold über die UNESCO-Institute für Sozialwissenschaften, Pädagogik und für Jugend, die in den 1950er-Jahren in enger Absprache mit HICOG, das US-Hochkommissariat trug einen erheblichen Teil der Kosten, gegründet wurden. Hier wird erneut das besondere Interesse an einer behutsamen Reorientation über den Weg der Bildung und Forschung deutlich.

Der Band erweitert unsere empirischen Kenntnisse über den amerikanischen Kulturtransfer in den westlichen Teil von Deutschland an einigen Stellen beträchtlich und in dieser Hinsicht ist sein Nutzwert hoch. Ob man allerdings das angebotene „Theoriemodell“ (S. 17) aufgreifen möchte, das den Transformationsprozess vor allem als „’Ritualprozess’ im Sinne der Kulturanthropologie“ (S. 18), als „Destruktion und Neukonstruktion der Ritualsysteme“ (S. 300; s. ebd. die bildliche Veranschaulichung von Everhard Holtmann) fassen möchte, bleibt davon unberührt, denn dass der Transformationsprozess, der vom „Dritten Reich“ in die Bundesrepublik führte, auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Feldern unterschiedlich lange dauerte, zumindest aber weit in die 1950er-Jahre hineinreichte, ist seit etwa zwei Jahrzehnten auch ohne Bemühung der Theorie und Terminologie der „langen Stunde Null“ ohnehin unbestritten, und ebenso lange währt auch bereits die Diskussion, welchen Stellenwert jeweils exogene und endogene Kräfte darin hatten. Dass in diesem Band die äußeren (US-)Einflüsse sehr hoch angesetzt werden, ist eine der vertretbaren Positionen. Und solange nicht das Spannungsgefüge von autochthon deutschen Kontinuitäten und transatlantischem Kulturtransfer eingeebnet wird, scheint diese Perspektive besonders plausibel im Blick auf die hier ausgewählten Themenfelder.

Anmerkungen:
[1] Gerhardt, Uta, Soziologie der Stunde Null. Zur Gesellschaftskonzeption des amerikanischen Besatzungsregimes 1944-1945/1946, Frankfurt am Main 2005.
[2] Hacke, Jens, Philosophie der Bürgerlichkeit. Die liberalkonservative Begründung der Bundesrepublik, Göttingen 2006.
[3] So z.B. Weischer, Christoph, Das Unternehmen ‚Empirische Sozialforschung’. Strukturen, Praktiken und Leitbilder der Sozialforschung in der Bundesrepublik Deutschland, München 2004; Kruke, Anja, Demoskopie in der Bundesrepublik Deutschland. Meinungsforschung, Parteien und Medien 1949-1990, Düsseldorf 2007.
[4] Vgl. Doering-Manteuffel, Anselm, Wie westlich sind die Deutschen? Amerikanisierung und Westernisierung im 20. Jahrhundert, Göttingen 1999.

Zitation
Axel Schildt: Rezension zu: Braun, Hans; Gerhardt, Uta; Holtmann, Everhard (Hrsg.): Die lange Stunde Null. Gelenkter sozialer Wandel in Westdeutschland nach 1945. Baden-Baden  2007 , in: H-Soz-Kult, 04.12.2007, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-10106>.
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04.12.2007
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