S. Krasmann u.a. (Hrsg.): Foucaults "Geschichte der Gouvernementalität"

Cover
Titel
Michel Foucaults "Geschichte der Gouvernementalität" in den Sozialwissenschaften. Internationale Beiträge


Hrsg. v.
Krasmann, Susanne; Volkmer, Michael
Umfang
311 S.
Preis
€ 28,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Klaus Große Kracht, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Seit einiger Zeit macht in den Sozial- und Kulturwissenschaften ein neues Zauberwort die Runde: „Gouvernementalität“. Geprägt hat es Michel Foucault in seinen beiden Vorlesungszyklen am Collège de France in den Jahren 1977 bis 1979. Angekündigt hatte Foucault seine Vorlesungen unter dem Titel „Sicherheit, Territorium, Bevölkerung“ sowie „Die Geburt der Biopolitik“, doch bereits die vierte Sitzung des akademischen Jahres 1977/78 war ganz von dem neu eingeführten Begriff der Gouvernementalität geprägt, der von nun an im Denken Foucaults eine zentrale Rolle spielte. Zunächst wurden allerdings nur Auszüge der beiden Vorlesungsreihen einem breiteren Publikum bekannt, das sich ansonsten mit den wenigen verstreuten Äußerungen Foucaults zur Gouvernementalität begnügen musste. Nichtsdestotrotz fand der Begriff rasch Aufnahme unter den Foucault lesenden Sozial- und Politikwissenschaftlern, die – vor allem im angelsächsischen Raum – in kurzer Zeit eine ganze Reihe so genannter „governmentality studies“ vorlegten, die teilweise inzwischen auch auf Deutsch nachzulesen sind.[1] Einen besonderen Schub erfuhr das Interesse an dem von Foucault geprägten Begriff schließlich durch die (auf Hörermitschriften basierende) Veröffentlichung der beiden vollständigen Vorlesungsreihen der Jahre 1977–1979, die 2004 sowohl im französischen Original als auch in deutscher Übersetzung erschien – hierzulande unter der gemeinsamen Überschrift „Geschichte der Gouvernementalität“.[2]

„Gouvernementalität“ bezeichnet für Foucault − der in den Vorlesungen häufig auch einfach nur von „Regierung“ spricht − den Zusammenhang von individueller Selbsttechnik und äußerer Herrschaft. Die „governmentality studies“ konzentrieren sich daher auf solche Führungstechniken, die jenseits des traditionellen Staatsapparates angesiedelt sind und des zwanglosen Zwangs der aktiven Selbstverpflichtung von Individuen bedürfen. Ein Großteil der durch Foucault inspirierten Arbeiten zur Gouvernementalität setzt daher beim neoliberalen Umbau heutiger westlicher Gesellschaften an, da diese auf die aktive Gestaltung der individuellen Freiheit der Akteure im Sinne der politischen Reformprojekte angewiesen sind. Etliche Beiträge im vorliegenden Band schreiben eine solche Perspektive fort; andere hingegen bemühen sich – und dies macht den Band über die Konjunktur der „governmentality studies“ hinaus wertvoll – um eine stärker werkgeschichtliche und begriffsanalytische Rekonstruktion des Konzepts der Gouvernementalität.

Nach einer kurzen Einleitung der beiden Herausgeber begibt sich Martin Saar in einem sachkundigen Beitrag auf die Spurensuche nach dem Begriff im Foucaultschen Werkkontext, bevor Thomas Lemke (dem wir die erste fundierte Grundlagenarbeit zum Begriff der Gouvernementalität im deutschen Sprachraum verdanken[3]) die „governmentality studies“ von den inzwischen nicht weniger modisch gewordenen „governance“-Konzepten der neueren politikwissenschaftlichen Begriffsbildung abhebt. Zuzustimmen ist insbesondere seiner Bemerkung, dass dem Begriff „governance“, der häufig noch zu „good governance“ gesteigert wird, eine normative Perspektive zugrunde liegt, die Foucault gänzlich fern lag. Dass allerdings auch die Vertreter des „governmentality“-Ansatzes bisweilen bei einem unvermittelten Moralismus landen können, lässt sich am Beitrag von Mitchell Dean ablesen, der nach einem groben Überblick zur historischen Entwicklung des modernen Territorialstaats und des ihm zugrunde liegenden Begriffs der Gesellschaft den Leser kurzerhand auffordert, „jetzt“ gegen die „Gewissheit eines Liberalismus“ anzugehen, der „Staat und Gesellschaft im großen Tsunami der Globalisierung“ untergehen lasse (S. 101).

Anne Caldwell versucht demgegenüber in ihrem Beitrag über transnationale humanitäre Netzwerke und Menschenrechtsorganisationen genauer zu zeigen, wie mittlerweile jenseits – und nicht nur oberhalb – der einzelnen Nationalstaaten „regiert“ wird. Sie bedient sich dabei der Figur des „nackten Lebens“, wie sie Giorgio Agambens Theorie der Souveränität als Ausnahmezustand zugrunde liegt. Auch heutige humanitäre Interventionen, so argumentiert Caldwell, rekurrieren auf dieses Motiv, um im Namen des Lebens die nationale politische Souveränität zu unterlaufen und eigene Formen von „Regierung“ im Sinne Foucaults zu etablieren. Während Caldwell Agamben und Foucault miteinander in Beziehung setzt − was angesichts der Fokussierung beider auf Fragen und Formen der „Biopolitik“ nahe liegt −, versuchen Susanne Krasmann und Sven Opitz im anschließenden Beitrag, über den Begriff der „Exklusion“ Michel Foucault und Niklas Luhmann miteinander ins Gespräch zu bringen, was − wie der Duktus des Aufsatzes zeigt − eine Herausforderung eigener Art darstellt: „Die Gouvernementalität der Gegenwart nutzt […] das Relais von Sicherheit und Unsicherheit, um die Schwelle von Inklusion/Exklusion zu organisieren. Damit disloziert und reartikuliert das Differenzial von Liberalität und Illiberalität letztlich den gouvernementalen Raum als ganzen.“ (S. 140) Sätze wie diese lassen den Rezensenten ziemlich ratlos zurück.

In wohltuender Klarheit untersucht Petra Gehring, welchen Stellenwert der Begriff des Rechts in Foucaults Werk einnimmt, und gelangt zu der ernüchternden Feststellung, dass Foucaults Aussagen zum Recht – zumindest in den beiden Vorlesungsreihen zur Gouvernementalität – „dürftig“ blieben und er die „Frage nach der Beschaffenheit des Juridischen in der Moderne“ letztlich „unbearbeitet“ lasse (S. 176). Diese Leerstelle erscheint umso bemerkenswerter, als gerade das Recht und die Rechtsprechung mittlerweile zu zentralen Steuerungsinstanzen liberal-demokratischer Gesellschaften geworden sind, was unter der Perspektive der Gouvernementalität bislang allerdings noch nicht ausreichend untersucht worden ist. Hingegen haben sich die „governmentality studies“ schon seit Längerem der Erforschung von polizeilichen Sicherheitsdispositiven und Verfahren der Kriminalitätskontrolle angenommen – ein Forschungszweig, den Kevin Stenson im vorliegenden Band anhand der Kriminalitätsbekämpfung in Großbritannien fortschreibt.

Beschäftigen sich die bisher genannten Beiträge entweder in werkgeschichtlicher Perspektive mit dem Begriff der Gouvernementalität oder nutzen ihn, um den Machtverhältnissen der Gegenwart auf die Spur zu kommen, so wird mit dem Aufsatz von Jan-Otmar Hesse über Foucaults Darstellung des Ordoliberalismus in den Gouvernementalitäts-Vorlesungen erstmals eine (zeit)historische Perspektive eingenommen, und dies auf äußerst sachkundige Weise. So gibt Hesse in seinem Beitrag einen konzisen Abriss der Theorieentwicklung der Vordenker der Sozialen Marktwirtschaft in der Bundesrepublik und korrigiert dabei einige Fehldeutungen Foucaults, um diesem schlussendlich aber doch zu attestieren, dass er in seiner Fokussierung auf den deutschen Ordoliberalismus einen wichtigen Moment in der Genese des „Menschen des Unternehmens und der Produktion“ (Foucault) getroffen habe. Wie sehr das Menschenbild des „unternehmerischen Selbst“ die heutige Gesellschaft gerade auch in vormals außerökonomischen Bereichen prägt, zeigen die beiden folgenden Aufsätze von Sophia Prinz und Ulf Wuggenig am Beispiel der aktuellen Hochschulreform des so genannten Bologna-Prozesses sowie von Stefanie Graefe am Beispiel der gegenwärtigen Diskussionen um die Einführung von Patientenverfügungen, mit denen Todkranke über den Zeitpunkt ihres Lebensendes nach einem persönlichen Kosten-Nutzen-Kalkül selbst entscheiden sollen. Den Abschluss des Bandes bildet ein Text von Mathieu Potte-Bonneville, der sich mit den Folgen des Gouvernementalitätskonzepts für den Begriff der Zivilgesellschaft beschäftigt, in seiner Bilanz allerdings recht unentschieden ausfällt.

Der Gesamteindruck bleibt zwiespältig. Der Band gibt einen guten Einblick in den aktuellen Stand der Beschäftigung mit dem Begriff der Gouvernementalität und seines Einsatzes in den verschiedenen Sozialwissenschaften. Aber auch nach der Lektüre bleibt der Begriff vor allem eines: schillernd – und nicht alles, was glänzt, muss tatsächlich wertvoll sein. Auch Zauberwörter müssen sich stets aufs Neue bewähren. Doch vielleicht ist der Begriff der Gouvernementalität für die (historische) Forschung belastbarer, als es seine häufige Instrumentalisierung zum Zweck aktueller Gesellschaftskritik erahnen lässt.

Anmerkungen:
[1] Siehe etwa: Bröckling, Ulrich; Krasmann, Susanne; Lemke, Thomas (Hrsg.), Gouvernementalität der Gegenwart. Studien zur Ökonomisierung des Sozialen, Frankfurt am Main 2000; Pieper, Marianne; Rodríguez, Encarnación Gutiérrez (Hrsg.), Gouvernementalität: Ein sozialwissenschaftliches Konzept im Anschluss an Foucault, Frankfurt am Main 2003; Reichert, Ramon (Hrsg.), Governmentality Studies: Analysen liberal-demokratischer Gesellschaft im Anschluss an Foucault, Münster 2004.
[2] Foucault, Michel, Geschichte der Gouvernementalität I: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung. Vorlesung am Collège de France 1977–1978, Frankfurt am Main 2004; ders., Geschichte der Gouvernementalität II: Die Geburt der Biopolitik. Vorlesung am Collège de France 1978–1979, Frankfurt am Main 2004.
[3] Lemke, Thomas, Eine Kritik der politischen Vernunft. Foucaults Analyse der modernen Gouvernementalität, Hamburg 1997.

Zitation
Klaus Große Kracht: Rezension zu: Krasmann, Susanne; Volkmer, Michael (Hrsg.): Michel Foucaults "Geschichte der Gouvernementalität" in den Sozialwissenschaften. Internationale Beiträge. Bielefeld  2007 , in: H-Soz-Kult, 16.01.2008, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-10128>.