I.-S. Kowalczuk (Hg): Freiheit und Öffentlichkeit

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Titel
Freiheit und Öffentlichkeit. Politischer Samisdat in der DDR 1985-1989


Hrsg. v.
Kowalczuk, Ilko-Sascha
Erschienen
Umfang
597 S.
Preis
€ 25,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Udo Baron, Forschungsverbund SED-Staat, Freie Universität Berlin

„Grenzfall“, „Umweltblätter“, „radix-blätter“ – nur wer sich gezielt mit dem Thema Widerstand und Opposition in der ehemaligen DDR beschäftigt, dem sagen diese „Flagschiffe“ der Untergrundpublikationen der DDR noch etwas. Der breiten Öffentlichkeit sind sie nahezu unbekannt. Wer kennt die vielen im Selbstverlag erschienenen Texte der oppositionellen Gruppierungen? Wer kennt ihre Inhalte und Anliegen? Wem sagen die Namen ihrer Autoren und die dahinter stehenden Bürgerrechtsinitiativen noch etwas? Zwar ist viel über Widerstand und Opposition gegen die SED-Diktatur in den letzten Jahren geforscht und geschrieben worden.[1]

Nur allzu oft war dabei jedoch die Interpretation der Oppositionsgeschichte übergebührlich interessengeleitet. Während die einen in der Öffentlichkeit den Eindruck zu erwecken versuchten, der Umbruch in der DDR und die Wiedervereinigung Deutschlands seien in erster Linie das Verdienst von Staatsmännern wie Helmut Kohl, George Bush senior und Michail Gorbatschow, unterstellten andere den oppositionellen Gruppierungen, sie wären nur an systemimmanenten Reformen und schon gar nicht an der deutschen Einheit interessiert gewesen.[2] Dieser Umgang mit Geschichte verdeutlicht, wie wichtig es ist, die sich vielfach in Privathänden befindlichen und nur schwer erreichbaren Selbstzeugnisse von Widerstand und Opposition in der DDR der Wissenschaft und Forschung, den Bildungseinrichtungen und der breiten Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Während für die im Selbstverlag erschienenen verbotenen Texte aus Zentral- und Osteuropa erste Forschungsarbeiten vorliegen [3], wurde sich mit dem politischen Samisdat in der DDR bislang wissenschaftlich nur vereinzelt beschäftigt. [4]

Dieses Desiderat versucht Ilko-Sascha Kowalczuk, einer der profiliertesten Historiker auf dem Gebiet der DDR-Oppositionsforschung, zu beheben. Mit seiner in der Schriftenreihe der Robert-Havemann-Gesellschaft erschienenen Dokumentation über den politischen Samisdat in der DDR trägt er die wichtigsten oppositionellen Texte aus den Jahren 1985 bis 1989 zusammen und erschließt sie einer breiten Öffentlichkeit. In einem einleitenden Essay führt er den Leser an die Thematik heran und sorgt für begriffliche Klarheit.

Kurz zeichnet er die Geschichte des Samisdat ausgehend von der Sowjetunion der fünfziger Jahre nach und beschreibt seinen Stellenwert für die Länder des real existierenden Sozialismus, um dann ergänzende Publikationsformen wie den Magnitizdat und den Tamisdat vorzustellen. Dabei hebt er zu recht die Bedeutung der Existenz von Zensur in den kommunistischen Staaten für die Entwicklung einer Gegenkultur und das Entstehen einer vielfarbigen Samisdat-Landschaft hervor, denn die „Angst vor unkontrolliert Gedrucktem, Geschriebenem und Vervielfältigtem war in der DDR bei den Funktionären groß. Das Wort galt als Waffe“ (S. 21). Beharrte doch aus diesem Grunde die SED auf ihrem Informationsmonopol und spielte sich als oberste Hüterin und Kontrolleurin von Medien und veröffentlichter Meinung auf, womit sie – Ironie der Geschichte – erst die Voraussetzungen für die Entstehung von Untergrundpublikationen schuf.

Nach einer kurzen Beschreibung des künstlerischen Samisdat spürt Kowalczuk ausführlich dem zentralen Anliegen seiner Arbeit, der Bedeutung und Entwicklung des politischen Samisdat in der DDR, d.h. der „Vervielfältigung und Verbreitung verbotener Texte im Selbstverlag“ (S. 106) und den damit zusammenhängenden Schwierigkeiten und erfolgten staatlichen Repressionen nach. Im Anschluss an seinen Aufsatz lässt er ehemalige Protagonisten aus Widerstand und Opposition gegen das SED-Regime zu Worte kommen und über ihre Erfahrungen mit dem Samisdat berichten.

Das Herzstück dieser Arbeit stellt ihr umfangreicher Dokumentenanhang dar. Auf über vierhundert Seiten hat Kowalczuk ein umfangreiches Kompendium ehemals verbotener Texte der DDR-Opposition angelegt. Zur besseren Übersicht hat er sie in sechs thematisch gegliederte Blöcke unterteilt. So geht es in einem ersten Abschnitt um Selbstverständigung und Oppositionsverständnis (S. 151-184). Ihm folgen politische Samisdate zur Diktatur in der DDR (S. 189-257) und zu oppositionellen Aktivitäten (S. 263-331). Daran schließen sich Beiträge zur gesellschaftlichen Situation in der DDR (S. 339-392), zu den Stichworten „Mauer“, „Ausreise“ und „Deutsche Frage“ (S. 405-455) und zum gemeinsamen Haus Europa (S. 475-559) an.

Die einzelnen Abschnitte enthalten nicht nur Beiträge oppositioneller Persönlichkeiten wie Gerd und Ulrike Poppe, Reinhard Weißhuhn, Ludwig Mehlhorn, Peter Grimm, Bärbel Bohley oder Wolfgang Templin, die zur 1985 außerhalb des kirchlichen Raums gegründeten Initiative für Frieden und Menschenrechte bzw. ihrem Umfeld gehörten, sondern auch zahlreiche Interviews wie jenes von Stephan Bickhardt mit Rainer Eppelmann über Abrüstung und Kriegsdienstverweigerung in der DDR (S. 271-279). Hinzu kommen Offene Briefe wie der von Peter Grimm, Ralf Hirsch und Peter Rölle am 15. August 1987 unter der Überschrift „Die Umgestaltung braucht mündige Bürger!“ verfasste (S. 214f.), in dem es um die Beschränkung der Möglichkeiten willkürlicher Machtausübung durch die Gewährung bürgerlicher Freiheiten wie den freien Zugang zu Informationen, von Reisefreiheit sowie die Einführung von Volksabstimmungen und einer Verwaltungsgerichtsbarkeit geht.

Hochinteressant lesen sich die Beiträge von Konrad Weiß, mit denen er den Gründungsmythos der DDR, den zur Staatsdoktrin erhobenen Antifaschismus, entzaubert. Unter Verweis auf den zunehmenden Rechtsextremismus in der DDR folgert er zutreffend, dass „faschistische Traditionslinien, personelle wie strukturelle, [...] auch in sozialistischen Staaten“ existieren, da „unsere Alltagskultur [...] nicht völlig entnazifiziert“ wurde (S. 400). Als Replik auf die offiziellen Erklärungen der SED, die rechtsextremistisches Gedankengut und Übergriffe ausschließlich auf das Einwirken der Bundesrepublik zurückführte und somit als ein originär westdeutsches Problem betrachtete, stellte Weiß klar: „Diese jungen Faschisten sind das Produkt unserer Gesellschaft; es sind unsere Kinder“ (S. 402). Zugleich widerlegen die Texte dieser Dokumentation die These, dass es der Opposition gegen das SED-Regime nur um systemimmanente und nicht um systemüberwindende Reformen gegangen sei. [5]

Wie anders als systemsprengend konnte man etwa die Forderung Konrad Weiß` interpretieren, eine „öffentliche Kontrolle der machtstützenden Organe – der Polizei, der Justiz, des Strafvollzugs, des Staatssicherheitsdienstes – würde gerade jungen Bürgern mehr Rechtssicherheit und Vertrauen geben und Aggressionen abbauen“ (S. 403). Mit diesen Kernforderungen der DDR-Opposition stellte er das Herrschaftsprinzip der SED-Diktatur, ihren Anspruch auf vollständige Kontrolle von Staat und Gesellschaft, massiv infrage. Auch die immer wieder kolportierte Behauptung, die deutsche Frage hätte in den oppositionellen Kreisen und Zirkeln keine Rolle gespielt, wird u.a. durch einen Brief von Ludwig Mehlhorn aus dem Jahre 1986 an die evangelischen Bischöfe Martin Kruse und Gottfried Forck widerlegt. In diesem später mit zum Impulsgeber für die Initiative Absage an Praxis und Prinzip der Abgrenzung gewordenen Schreiben wird zwar die Wiedervereinigung Deutschlands zum damaligen Zeitpunkt für nicht realisierbar gehalten. Sein Autor glaubte aber dennoch, „an der Perspektive der Einheit festhalten“ zu können und hoffte, dass sie „über die Stufen Entmilitarisierung und vertraglich gesicherte Neutralität [...] eines Tages auf friedlichem Wege erreicht werden“ könne (S. 406).

Kowaclzuk, der bereits an der von der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen initiierten Ausstellung über den Samisdat in Zentral- und Osteuropa mitgewirkt hatte, gelingt mit dieser Dokumentation ein in dieser Form einzigartiger Überblick in Selbstzeugnissen über das politische Selbstverständnis von Opposition und Widerstand in der DDR. Ein umfassendes Autorenverzeichnis informiert zudem über die Vita führender Persönlichkeiten des Widerstandes gegen die SED-Diktatur im Besonderen und den real existierenden Sozialismus im Allgemeinen. Zwei in das Buch integrierte Fotoblöcke visualisieren die Thematik. Sie porträtieren zum einen zentrale Persönlichkeiten aus Opposition und Widerstand und vermitteln dadurch einen Eindruck von der Atmosphäre, die in den oppositionellen Kreisen bei der Anfertigung von verbotenen Publikationen vorherrschte. Zum Anderen gewähren sie einen Einblick in die grafische Gestaltung und inhaltliche Aufbereitung des politischen Samisdat.

Der Autor erschließt mit dieser Arbeit nicht nur den politischen Samisdat einer breiten Öffentlichkeit, sondern liefert zugleich auch einen Überblick über seine Entstehung, politisch-gesellschaftliche Bedeutung und Wirkungsgeschichte. Dadurch gewährt er Einblick in die „Diskussionen um Demokratie, Menschenrechte, Gesellschaft und Vergangenheitsbewältigung“ innerhalb und zwischen den verschiedenen oppositionellen Gruppierungen, wie Karl Wilhelm Fricke in seiner Vorbemerkung zutreffend feststellt (S. 12).

Auch wenn einige Aspekte, wie beispielsweise die exemplarische Übersichtstabelle über den politischen Samisdat, aus anderen Arbeiten übernommen wurden, [6] gelingt es Kowalczuk erstmalig die Opposition gegen das SED-Regime in ihren Selbstzeugnissen zu den zentralen Debatten in der DDR ab Mitte der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts zu Wort kommen zu lassen. Diese Dokumentation gehört dadurch schon jetzt zu den Standardwerken auf dem Gebiet der Samisdatforschung für die DDR und wird somit zu einem unverzichtbaren Nachschlagewerk für alle, die sich mit Opposition und Widerstand in Ostdeutschland auseinandersetzen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Neubert, Erhart, Geschichte der Opposition in der DDR 1949 – 1989, Bonn 1997. Kowalczuk, Ilko-Sascha u.a., Zwischen Selbstbehauptung und Anpassung. Formen des Widerstandes und der Opposition in der DDR, Berlin 1995. Deutscher Bundestag (Hg.), Materialien der Enquete-Kommission „Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland“, 12. Wahlperiode des Deutschen Bundestages, 9 Bände in 18 Teilbänden, Bd. VII/1, Baden-Baden 1995, S. 896-986.
[2] Vgl. Jander, Martin (unter Mitarbeit von Thomas Voß), Die besondere Rolle des politischen Selbstverständnisses bei der Herausbildung einer politischen Opposition in der DDR außerhalb der SED und ihrer Massenorganisationen seit den siebziger Jahren, in: Deutscher Bundestag (Hg.), Materialien der Enquete-Kommission, Bd. VII/1, [FN1], S. 896-986.
[3] Vgl. Eichwede, Wolfgang (Hg.), SAMIZDAT. Alternative Kultur in Zentral- und Osteuropa. Die 60er bis 80er Jahre, Bremen 2000.
[4] Vgl. Kloth, Hans Michael, Unabhängige Archive und Materialien der Bürgerbewegungen. Der Stand von Erfassung, Hebung, Sichtung und Erschließung von Oppositionsdokumenten, in: Deutscher Bundestag (Hg.), Materialien der Enquete-Kommission „Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozeß der deutschen Einheit“ 13. Wahlperiode des Deutschen Bundestages, 8 Bände in 14 Teilbänden, Band VI, Baden-Baden 1999, S. 919-996; Krone, Tina; Sello, Tom, Oppositionsarchive sind mehr als nur Dokumentenspender, in: Zeitschrift des Forschungsverbundes SED-Staat 2 (1996), S. 83-87.
[5] Vgl. Jander (vgl. Anm. 2).
[6] Vgl. Neubert (vgl. Anm.1), S. 756-766.

Zitation
Udo Baron: Rezension zu: Kowalczuk, Ilko-Sascha (Hrsg.): Freiheit und Öffentlichkeit. Politischer Samisdat in der DDR 1985-1989. Berlin  2002 , in: H-Soz-Kult, 24.07.2003, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-1016>.
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24.07.2003
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