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Titel
Ernst Jünger. Die Biographie


Autor(en)
Kiesel, Helmuth
Erschienen
Berlin 2007: Siedler Verlag
Umfang
717 S.
Preis
€ 24,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Reinhard Mehring, Institut für Gesellschaftswissenschaften, PH-Heidelberg

Moderne Zeiten sind nicht ganz einfach zu bestehen. Ihre literarische Verdichtungen sind auch oft genug nur ein schöner Schleier. Heinrich Heine verglich – in der „Romantischen Schule“ – die Poesie einmal mit der Perle, in der eine Muschel Verletzungen einkapselt. Baudelaire nannte sie eine „Blume des Bösen“. Walter Benjamin machte diese Ästhetik für die literarische Moderne bekannt. Karl-Heinz Bohrer sprach vor Jahrzehnten schon für Ernst Jünger von einer „Ästhetik des Schreckens“.[1]

Auch für Helmuth Kiesel ist das Verhältnis von Literatur und Moderne ein zentrales Thema. Schon vor seiner Promotion trat er mit einer – koautorschaftlich verfassten – literatursoziologischen Überblickdarstellung „Gesellschaft und Literatur im 18. Jahrhundert“ hervor.[2] Er promovierte mit „Untersuchungen zur literarischen Hofkritik von Sebastian Brant bis Friedrich Schiller“ und machte dann die literarische Verarbeitung der Modernitätserfahrung zum Thema.[3] 1984 habilitierte er sich mit einer Studie über die „Literarische Trauerarbeit“ von Alfred Döblins Spätwerk.[4] 1994 konfrontierte er Max Webers Entzauberungsdiagnose mit Ernst Jüngers literarischer Sinngebung.[5] In seiner eindringlichen großen „Geschichte der literarischen Moderne“ lotete er zuletzt den ganzen „Möglichkeitsspielraum“ der literarischen Moderne bis zur Gegenwart aus.[6] Alfred Döblin, Gottfried Benn und Bert Brecht diskutierte er dabei je exemplarisch für Epik, Lyrik und Dramatik als Hauptvertreter einer „reflektierten Moderne“, die sich überspannte Flausen der „ersten Realisierungen“ abgestoßen hat.

Die Stoßkraft dieser Geschichte lag in der eindringlichen Profilierung der „reflektierten Moderne“ gegen erste Realisierungen. Kiesel setzte beim Avantgardebewusstsein an und zeigte von soziologischen Befunden ausgehend, wie sich Moderne als Avantgarde verstand und formierte und wie ihre Innovationen in der „reflektierten Moderne“ bewahrt blieben. Seine These, dass die programmatischen und experimentellen Exaltiertheiten der ersten Formulierungen in einer „reflektierten Moderne“ quasi „aufgehoben“ und bewahrt sind, ist von großer Bedeutung für die ästhetische Diskussion und Wertung. Das Döblin-Kapitel war ein konfessionelles Zentrum des Buches. Klassiker wie Mann, Musil oder Kafka kamen dagegen beim paradigmatischen Zugriff nur ergänzend vor. Ausführungen zu Hugo Ball sahen die Wendung zum Katholizismus in der Konsequenz der Avantgarde. Kiesel näherte sich den Mineuren der Weimarer Republik, den modernen Rechtsintellektuellen, also aus der Perspektive der „Trauerarbeit“ und einer gewissen Modernitätsskepsis, die die klassische Aufklärung des 18. Jahrhunderts im Rücken hat. Es ging ihm dabei auch um eine Verteidigung der Legitimität dieser skeptisch reflektierten Moderne, wie sein Engagement für Martin Walser in den letzten Jahren zeigte.

Die umfassende Biographie Ernst Jüngers ist nun gewissermaßen eine zweite Fallstudie zur Prosa reflektierter Moderne. Schon lange beschäftigte Kiesel sich mit Jünger. Die Quellenbasis der Biographie wurde in den letzten Jahren durch wichtige Briefeditionen verbreitert, so durch den von Kiesel selbst herausgegebenen Briefwechsel mit Carl Schmitt sowie durch die Edition der politischen Publizistik der Weimarer Zeit, die schon Hans-Peter Schwarz in seiner Pionierstudie über den „konservativen Anarchisten“ berücksichtigt hatte.[7] Kiesel schreibt nun eine abgeklärte Biographie, die die Ökonomie des Materials ohne Schlüsselattitüde und intime Schlüssellochperspektive beherrscht und die Fülle von Jüngers langem Leben auf die Würdigung seiner epischen Schriften ausrichtet. Er gibt keine sensationell neuen Informationen. Viele biographische Informationen liest Kiesel dem literarischen Werk ab: so auch Erinnerungen an die Schulzeit und das desaströse Intermezzo „Afrikanischer Spiele“ in der Fremdenlegion.

Ernst Jünger war ein sehr belesener, aber „miserabler Schüler“ (S. 35), der vor der Schule floh und sich auf den Spuren seiner Abenteuerromane über die Fremdenlegion nach Zentralafrika aufmachte. Als Deserteur verhaftet, konnte sein Vater ihn loseisen. Als Kriegsfreiwilliger erlangte Jünger dann 1914 ein Notabitur. Eingehend analysiert Kiesel die Kriegstagebücher und „Stahlgewitter“ in den verschiedenen Fassungen, politischen Tendenzen und literarischen Einflüssen: insbesondere Nietzsches und Hamanns. Dabei betont er die Herkunft aus dem Expressionismus, die Wendung zur neuen Sachlichkeit und zur „reflektierten Moderne“ (S. 162, 365f.). Etwas anders als Karl-Heinz Bohrer betont Kiesel weniger die Prägung durch den französischen Ästhetizismus und Surrealismus nach Baudelaire und Rimbaud, als vielmehr die romantische Prägung bis hin zu Alfred Kubin.

Bis Ende August 1923 war Jünger Soldat, freilich ohne seine Meriten als Kriegsheld fortsetzen zu können. Seinen „Ultra-Radikalismus“ (S. 325f.) hielt er aber die Weimarer Zeit hindurch fest: in Alkohol- und Drogenexzessen ebenso wie im militanten Nationalismus und Anti-Republikanismus. Die „Stahlgewitter“ erschienen als „eine Art von Sachbuch“ (S. 208) in einem Militärverlag. Erst im Kontext anderer Kriegsromane wurden sie langsam als literarische Zeugnisse wahrgenommen. Bestseller schrieb Jünger nicht. Er bewegte sich mehr in politischen Kreisen als unter Literaten. Eher am Rande erwähnt Kiesel das enge Verhältnis Jüngers zu seiner Ehefrau Gretha sowie das Familienleben mit zwei Söhnen. Sehr deutlich wird die Kontinuität des geschichtsphilosophischen Zuges und der „normativen Anthropologie“ vom Frontsoldaten als Vortrupp des modernen Arbeiters.

Kiesel stellt Jüngers nietzscheanischen Personalismus und Heroismus heraus. Eingehend berücksichtigt er die politische Publizistik im „neuen Nationalismus“. Jünger stand dem „Stahlhelm“ nahe und war mit Hugo Fischer, Ernst Niekisch und Friedrich Hielscher sowie seinem Bruder Friedrich Georg eng befreundet. Nach ersten Begegnungen im Jahr 1927 lehnte er Goebbels ab, weshalb schon vor 1933 ein klarer Trennungsstrich zum Nationalsozialismus gezogen war. Kiesel macht deutlich, dass diese Distanzierung sich mehr auf die intellektuelle Einfalt der Nationalsozialisten bezog als auf deren Radikalismus. Hitlers strategischen Legalitätskurs lehnte Jünger ab. Der Antisemitismus war ihm nicht zentral. Sein problematischer Artikel „Über Nationalismus und Judenfrage“ entstand 1930 eventuell schon „unter dem Einfluss Carl Schmitts“ (S. 314). Das „Abenteuerliche Herz“ markiert 1928 eine Abkehr vom Nationalismus und eine Wendung zum Künstlertum. Kiesel vergleicht es als „Montagetext“ mit Döblins zeitgleich veröffentlichtem „Alexanderplatz“. Der geschichtsphilosophische Essay „Der Arbeiter“ war 1932 ein „totalitäres Konzept“ (S. 396), im Internationalismus und Technokratismus eher bolschewistisch als nationalsozialistisch, wie einige Zeitgenossen es schon sahen.

Dem Nationalsozialismus hielt sich Jünger nach 1933 konsequent fern. Er distanzierte sich deutlich und ging in die „innere Emigration“ nach Goslar und Überlingen. Den Umzug nach Kirchhorst bei Hannover im Frühjahr 1939 deutet Kiesel dann als kluge Strategie, „für den Fall der Mobilmachung im Einzugsbereich seiner alten Einheit“ (S. 458) zu sein. Die „Marmorklippen“ liest er als respektables Zeugnis der Distanzierung, das der Idee eines Attentats allerdings eine „klare Absage“ (S. 480) erteilte.

Bei Kriegsbeginn meldete sich Jünger erneut zum Fronteinsatz, obgleich er die Einberufung eventuell hätte vermeiden können. In Paris hatte er, wie Kiesel betont, vor allem eine enge Beziehung zur „Halbjüdin“ Sophie Ravoux. In Kiesels Biographie erscheint Jünger nicht als der sexuelle Freibeuter, als der er gelegentlich geschildert wurde. Kiesel verteidigt Jünger auch gegen den Vorwurf des Ästhetizismus und Amoralismus. Insbesondere unter den Geiselerschießungen habe Jünger gelitten. Auch im Kaukasus wollte er Zeuge sein. Seine Friedensschrift sei allerdings nicht sonderlich überzeugend. In den 20. Juli 1944 war Jünger nicht eingeweiht.

Das Nachkriegsleben und -werk schildert Kiesel nur knapp und summarisch. Insbesondere „Heliopolis“ würdigt er als unzeitgemäß „großartigen Roman“ (S. 558ff.). Nach 1945 habe Jünger in Wilfingen weiter produktiv und zurückgezogen gelebt. Heidegger stand ihm nun nahe. Von einer konservativen Verschwörung sowie einer „Kerntruppe eines neuen Konservatismus“ (S. 584) könne keine Rede sein, wie sich nicht zuletzt am belasteten Verhältnis zu Carl Schmitt zeigte. In seinen späten Geschichtsspekulationen sah Jünger den „Weltstaat“ kommen. Verstärkt zog er sich auf Reisen und „subtile Jagden“ zurück. Im Alter fand er hohe Anerkennung auch durch politische Repräsentanten wie Bundeskanzler Kohl und Staatspräsident Mitterand. Jünger war ein epochaler Zeuge der deutsch-französischen Versöhnung. Kiesel wertet das Spätwerk aber nicht, wie etwa Peter Koslowski, als große Geschichtsphilosophie gegenüber dem Frühwerk auf.[8] Überhaupt verzichtet er auf starke Wertungen, propagiert Jünger nicht lauthals als „Klassiker“ einer „reflektierten Moderne“. Ästhetisch und politisch wertet Kiesel nicht massiv. Es wird aber deutlich, wie problematisch Jüngers Militarismus zunächst war und wie konsequent Jünger sich in die Literatur zurückzog. Der kluge Soldat geht in Deckung. Und die „subtilen Jagden“ schenken letztlich reicheren Genuss.

Anmerkungen:
[1] Bohrer, Karl-Heinz, Die Ästhetik des Schreckens. Die pessimistische Romantik und Ernst Jüngers Frühwerk, München 1978.
[2] Kiesel, Helmuth; Münch, Paul, Gesellschaft und Literatur im 18. Jahrhundert, München 1977.
[3] Kiesel, Helmuth, „Bei Hof, bei Höll“. Untersuchungen zur literarischen Hofkritik von Sebastian Brant bis Friedrich Schiller, Tübingen 1977.
[4] Kiesel, Helmuth, Literarische Trauerarbeit. Das Exil- und Spätwerk Alfred Döblins, Tübingen 1986.
[5] Kiesel, Helmuth, Wissenschaftliche Diagnose und dichterische Vision der Moderne. Max Weber und Ernst Jünger, Heidelberg 1994.
[6] Kiesel, Helmuth, Geschichte der literarischen Moderne. Sprache, Ästhetik, Dichtung im zwanzigsten Jahrhundert, München 2004.
[7] Schwarz, Hans-Peter, Der konservative Anarchist. Politik und Zeitkritik Ernst Jüngers, Freiburg 1962.
[8] Koslowski, Peter, der Mythos der Moderne. Die dichterische Philosophie Ernst Jüngers, München 1993.

Zitation
Reinhard Mehring: Rezension zu: : Ernst Jünger. Die Biographie. Berlin  2007 , in: H-Soz-Kult, 22.10.2007, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-10329>.
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22.10.2007
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