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Titel
Otto der Große (912-973). Eine Biographie


Autor(en)
Laudage, Johannes
Erschienen
Regensburg 2001: Pustet
Umfang
416 S., Abb.
Preis
€ 34,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christian Hillen, Stiftung Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv zu Köln

Und es geht doch. Auch im dafür nicht gerade bekannten und gerühmten Deutschland werden historische Bücher geschrieben, die auf der einen Seite wissenschaftliche Qualität und neueste Forschungsergebnisse und auf der anderen Seite eine publikumswirksame, gute und zum Teil geradezu spannende Lektüre miteinander vereinen. Laudage ist dies mit seiner Biographie Ottos des Großen in hervorragender Weise gelungen.

Diese – wahrscheinlich vor dem Hintergrund der großen Ottonen-Ausstellung in Magdeburg im letzten Jahr veröffentlichte – Publikation unterscheidet sich schon in ihrer Aufmachung von vielen akademischen „Bleiwüsten“, indem ein relativ großer Schrifttyp gewählt wurde. Auf Fußnoten wurde zugunsten eines angehängten, über 30 Seiten starken Kommentars verzichtet, um die Lesbarkeit für den historisch interessierten Laien zu erhöhen. Der wissenschaftlich versierte Forscher mag sich vielleicht darüber ärgern, dass er dadurch gezwungen ist, für die Quellen- und Literaturbelege hin und her zu blättern, wird aber im Kommentar alle relevanten Angaben finden. Er wird für seine Mühen an anderer Stelle belohnt, nämlich durch ein ausgesprochen umfangreiches Quellen- und Literaturverzeichnis von über 60 Seiten, das mit der zum Zeitpunkt der Drucklegung allerneuesten Literatur aufwartet und zu fast allen denkbaren Aspekten der ottonischen Geschichte weiterführende Lektüre anbietet. Ebenfalls erfreulich sowohl für Laien als auch für Fachleute sind die zahlreichen, teilweise farbigen Abbildungen und Karten, die einen optischen Eindruck des ottonischen Zeitalters vermitteln.

Neben diesen „äußeren“ kann Laudages Biographie aber auch mit „inneren“ Werten aufwarten. Er beginnt mit zeitgenössischen oder wenig später entstandenen Beschreibungen der Person Ottos des Großen. Die Beschreibungen von äußerer Erscheinung und Charakterzügen werden stets einer gründlichen Quellenkritik unterzogen. Somit erfährt der Laie, welchen Schwierigkeiten sich der moderne Historiker gerade beim Versuch, einen mittelalterlichen Herrscher zu porträtieren, gegenüber sieht. Der Eingeweihte wird dagegen über die neuesten Interpretationsansätze informiert. So gelingt tatsächlich das, was Laudage in seiner Vorbemerkung zu den Kommentaren behauptet, nämlich, dass dem Laien der wissenschaftliche Apparat erspart wird, während der „Fachmann […] die Auseinandersetzungen mit den verschiedenen Interpretationsansätzen, Thesen und Kontroversen der Forschung ohnehin auf Schritt und Tritt“ spürt (S. 302).

Nach den einleitenden Bemerkungen über Person und Persönlichkeit Ottos wendet sich Laudage einer stärker chronologisch geordneten Schilderung zu. Bevor er jedoch zum Herrschaftsantritt des späteren Kaisers kommt, beschreibt er ausführlich sowohl die politischen als auch die sonstigen Rahmenbedingungen ottonischer Herrschaft. Auch hier kommt wieder die Quellenkritik nicht zu kurz: Ein ganzes Kapitel widmet sich der Glaubwürdigkeit Widukinds von Corvey. Dies erscheint nicht nur deswegen geboten, um exemplarisch Methoden der Quellenkritik vorzuführen, sondern um gleichsam eine interpretatorische Grundlage für die immer wieder notwendig werdenden Rückgriffe auf die Schilderung des Corveyer Mönchs zu legen. Denn Widukind besitzt „für viele Dinge den Rang eines Kronzeugen. Er ist der einzige, der uns ein einigermaßen geschlossenes Bild von der Zeit der Kindheit und Jugend Ottos des Großen vermittelt“ (S. 54).

Die Beschreibung und Interpretation der Herrschaft Ottos des Großen steht ganz im Zeichen der von Althoff, wenn nicht grundgelegten, so doch zumindest stark vorangetriebenen „pragmatischen Wende“ der Mittelalterforschung. Inszenierte und symbolische Handlungen, Gesten und andere non-verbale Kommunikationsformen werden immer in den Mittelpunkt des Interesses gerückt, ohne dass Laudages Buch wie eine Kopie von Althoffs Biographie Ottos III. [1] wirkt.

Ein wichtiger Punkt, mit dem sich bereits Althoff auseinandergesetzt hat, scheint aber auch Laudages Interesse gefunden zu haben: Die Frage, inwieweit die Politik mittelalterlicher Herrscher auf langfristiger Planung, auf politischen Konzepten oder eher auf ad hoc-Entscheidungen, auf bloßen Reaktionen auf Ereignisse beruht. Wie Althoff [2] kommt er dabei zu dem Schluss, dass Ottos Politik mehr improvisiert als geplant gewesen sei: „Nicht in langfristig geplanten Konzepten, sondern in einer langen Kette von Augenblicksentscheidungen verwirklichte sich die Herrschaft“ (S. 236). Wie Althoff kann aber auch Laudage diese Feststellung nicht treffen, ohne sich an anderer Stelle teilweise selbst zu widersprechen. Dies verrät allein die Kapitelüberschrift „Die dynastische Herrschaftskonzeption“ (S. 246). Die Errichtung des Erzbistums Magdeburg, die sich über Jahre hinzog, spricht auch dafür, dass Otto nicht völlig ohne politische Konzepte, auch recht langfristige, regierte. Mit der erfolgreichen Einrichtung des Metropolitansitzes – so gibt Laudage selber zu – „endete die konzeptionell aktivste Phase im Leben des Herrschers“ (S. 230).

Überzeugender ist dagegen Laudages Feststellung, dass „der Strukturwandel, den Otto I. innerhalb des Herrschaftsgefüges angestrebt und schließlich auch weitgehend durchgesetzt hat“ als eine seiner größten Taten anzusehen ist (S. 123 f.). Dieser Wandel bestand im Wesentlichen in einer stärkeren „Akzentuierung seiner Entscheidungsvollmacht und Autorität“ (S. 122) während noch sein Vater erfolgreich versucht hatte, auf der Basis von genossenschaftlichen Bindungen zwischen Königtum und Hochadel zu regieren. Damit unterstreicht Laudage Althoffs Ergebnisse im Bereich der Personengruppenforschung [3].

Insgesamt gelingt es Laudage, ein facettenreiches, buntes Bild von Otto dem Großen und seiner Zeit zu zeichnen, dass auf neuesten Forschungsergebnissen beruht, gleichzeitig aber allgemeinverständlich gehalten ist. In Teilen liest sich seine Darstellung geradezu wie ein Krimi. Laudages Otto der Große eignet sich damit hervorragend für ein allgemeines Publikum. Aber auch Experten werden es mit Gewinn lesen. Man kann diesem Buch nur eine breite öffentliche Resonanz wünschen, denn schließlich hat der Steuerzahler – zumindest der historisch interessierte – ein Recht darauf, zu sehen, dass die Forschung, die er mit seinen Steuergroschen alimentiert, auch für ihn verständliche Ergebnisse zu Tage fördern kann. Etwas, das zumal in Deutschland immer noch nicht selbstverständlich ist.

[1] Althoff, Gerd, Otto III., (Gestalten des Mittelalters und der Renaissance), Darmstadt 1996.

[2] Ebd., S. 22: „... Planungen und Konzepte dürften einer Gesellschaft doch eher fremd sein, deren Politikverständnis gewiß in dem Gedanken ihr Zentrum hatte, daß die gottgewollte Ordnung zu bewahren bzw. wiederherzustellen sei“.

[3] Althoff, Gerd, Verwandte, Freunde und Getreue. Zum Stellenwert der Gruppenbildungen im frühen Mittelalter, Darmstadt 1990, S. 166-167.

Zitation
Christian Hillen: Rezension zu: : Otto der Große (912-973). Eine Biographie. Regensburg  2001 , in: H-Soz-Kult, 10.07.2002, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-1033>.
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Veröffentlicht am
10.07.2002
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