D. Kachulle: Waldemar Pabst und die Gegenrevolution

Titel
Waldemar Pabst und die Gegenrevolution. Vorträge, Aufsätze aus dem Nachlaß. Herausgegeben von Karl Heinz Roth


Autor(en)
Kachulle, Doris
Erschienen
Berlin 2007: Edition Organon
Umfang
XIII, 148 S.
Preis
€ 20,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Manfred Wichmann, Jüdisches Museum Berlin

Der Militär, Agent und Waffenhändler Waldemar Pabst war einer der wirkungsmächtigsten Akteure der antidemokratischen Opposition nach dem Ersten Weltkrieg, über den bisher eine umfassende wissenschaftliche Studie fehlt. Dabei sind seine außergewöhnliche Biographie und sein Wirken in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Italien für die zeitgeschichtliche Forschung von höchstem Interesse. Pabst war einer der umtriebigsten Organisatoren der antikommunistischen Bewegungen in gleich mehreren Ländern, er schuf sich dabei ein einzigartiges Netzwerk zwischen Militär, Politik, Nachrichtendiensten und der Rüstungswirtschaft. Die Bremer Sozialhistorikerin Doris Kachulle hat abseits des etablierten Wissenschaftsbetriebs jahrzehntelang zu Waldemar Pabst geforscht. Die geplante umfassende Biographie konnte durch ihren frühen Tod im Jahr 2005 nicht vollendet werden. Karl-Heinz Roth hat aus ihrem Nachlass, der bei der Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts bewahrt wird, den vorliegenden Band herausgegeben. In seiner Einführung gibt er den thematischen Kontext vor und liefert einen hilfreichen Überblick über Kachulles Biographie und Forschungen.

Formal ist dieses Sonderheft des Bulletins für Faschismus- und Weltkriegsforschung in zwei große Abschnitte eingeteilt: Im ersten Teil (Kapitel 1-2) sind sieben bekannte Vorträge und Artikel von Kachulle wiederveröffentlicht, im zweiten (Kapitel 3-4) werden unpublizierte Arbeitstexte und Dokumente zu Pabst aus dem Nachlass der Historikerin vorgestellt. Der erste Beitrag, der Pabst im Titel nicht unpassend als einen „Brückenbauer zwischen Konservatismus und Faschismus“ vorstellt, bietet dabei einen guten Einstieg in das Forschungsfeld. Kachulle gibt in diesem Vortrag aus dem Jahr 2002 einen Überblick über Pabsts Biographie und stellt ihre eigenen Forschungsrichtungen und Thesen vor. Sie schlägt dabei den Bogen von dessen politisch-militärischem Wirken in der Novemberrevolution bis zur öffentlichen Selbstdarstellung als Mörder von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in einem Spiegel-Interview 1962. Vervollständigt wird das erste Kapitel über Pabsts Wirken in Deutschland durch zwei Zeitungsartikel über seinen Einfluss bei der Reorganisation der preußischen Polizeieinheiten nach 1919 und über das Engagement Gustav Stresemanns für die 1925 beschlossene Amnestie der Verantwortlichen des Kapp-Lüttwitz-Putsches (zu deren engstem Kreis Pabst gehörte).

Das zweite Kapitel beinhaltet vier Artikel, in denen Kachulle die internationalen Verbindungen des Majors und seine Aktivitäten in Österreich als Heimwehrorganisator zwischen 1920 und 1931 sowie als Rüstungslobbyist in der Schweiz zwischen 1943 und 1955 aufzeigt. In allen Artikeln bemüht sie sich, bisher unbekannte Verbindungen nachzuzeichnen und ein antikommunistisch ausgerichtetes Netzwerk zu beleuchten, das Pabst mit diversen Regierungsbeamten, Wirtschaftsvertretern und Politikern in Mittel- und Osteuropa unterhielt. Das dritte Kapitel zeigt den Arbeitsstand von Kachulles groß angelegter Pabst-Biographie. Es finden sich dort eine biographisch-chronologische Inhaltsskizze und ein Exzerpt „Pabst 1933-1944“, das auch den umfangreichsten Beitrag dieses Bandes darstellt. Dieser stellt einerseits ein detail- und facettenreiches, aber nur grob strukturiertes und kaum ausgearbeitetes Bild von Pabsts Aktivitäten während der NS-Zeit vor, andererseits gewährt er dem Leser einen direkten Blick auf die Arbeitsweise der Historikerin: Der Text enthält zahlreiche Randbemerkungen, Quellenverweise, eigene ungeklärte Fragen, Recherchestände, unverblümte Deutungen und Thesen. Das abschließende Kapitel enthält Dokumente aus der UdSSR und der DDR zu Pabsts Verantwortung an den Luxemburg-Liebknecht-Morden. Sie sind von Klaus Gietinger mit einer thematischen Einleitung und einem umfangreichen Anmerkungsapparat versehen worden; damit bildet dieses Kapitel einen fast eigenständigen Beitrag zur Erforschung der Geschehnisse am 15. Januar 1919. Im Anhang finden sich eine Liste mit Kachulles gesammelten Veröffentlichungen und ein Personenregister.

Die hier versammelten Texte von Doris Kachulle sind Ergebnisse ihrer tief reichenden Detailkenntnisse zur Biographie von Waldemar Pabst und zeigen eine Reihe von neuen Verbindungen und Forschungsfelder zu diesem „Akteur im Hintergrund“ auf, der allzu häufig nur als „Luxemburg-Liebknecht-Mörder“ Erwähnung findet. Hierzu stellt das Buch einen notwendigen Gegensatz dar, weil es einen Überblick zu dessen vielfältigem Wirken über mehr als drei Jahrzehnte bietet. Das meist stark reduzierte Bild Pabsts auch in der Forschungsliteratur wird damit wesentlich erweitert.[1] So werden seine Verbindungen zu Gustav Stresemann beleuchtet, mit dem er 1924/25 vertrauliche Verhandlungen führte, um über den Reichstag eine Generalamnestie für die Kapp-Putschisten zu erreichen. Der Beitrag über den Neuaufbau der preußischen Polizeikräfte nach 1919 ist ein gutes Beispiel, wie intensiv – und auch innovativ – Pabst am Aufbau von Kampfeinheiten wirkte, die den antidemokratischen Kräften direkt zur Verfügung stehen sollten.[2] Zwar ist Pabsts richtungsweisende Denkschrift zur Reorganisation der Polizei schon länger bekannt[3], doch arbeitet Kachulle erstmals deren politische Dimension und Stoßrichtung deutlich hervor. Gestützt wird dies durch ein gutes Vergleichsbeispiel: In der kürzlich erschienen Dissertation zur Technischen Nothilfe weist Andreas Linhardt nach, wie Pabst auch hier seinen Einfluss und sein Organisationstalent einsetzte, um offizielle Einheiten als Streikbrecher und potenzielle Putschhelfer zu installieren.[4]

Auch für den Pabst-Kenner liefern die Artikel zahlreiche neue Erkenntnisse. Dies betrifft vornehmlich seine Rolle als Lobbyist für die NS-Rüstungsplanung und die sehr detailreichen Angaben über seinen Aufenthalt in der Schweiz.[5] Die persönlichen Verbindungen zur internationalen Waffen- und Rüstungslobby werden intensiv aufgezeigt, beruhend vor allem auf Kachulles Recherchen in Schweizer Archiven. Dafür bleiben einige wichtige Aspekte jedoch unbeleuchtet, dies gilt sowohl für die wichtigen Kooperationen mit Oberst Max Bauer und dem Mussolini-Vertrauten Giuseppe Renzetti als auch für Pabsts Affinität zum italienischen Faschismus und seine Bemühungen um den Aufbau einer „Weißen Internationale“, welche dann in der 1931 von ihm gegründeten „Gesellschaft zum Studium des Faschismus“ mündeten. Als problematisch erweist sich zudem Kachulles Anliegen, in vielen Bereichen von Pabsts Biographie einen Einfluss des deutschen militärischen Abwehrdienstes auszumachen. Zwar hatte Pabst erwiesenermaßen direkte und maßgebliche Kontakte vor allem zum Canaris-Kreis, doch bleibt es ohne konkreten Nachweis letztlich eine Hypothese, dass Pabst über lange Zeit auch ein Instrument der deutschen Abwehr gewesen sei. Kachulles Forschungen in Richtung des Abwehrdienstes machen aber gerade deswegen wissenschaftliche Desiderate nicht nur in Bezug auf Pabst deutlich.

Leider sind durch die Art der Texte bedingt keine direkten Quellenangaben und kein Fußnotenapparat vorhanden. Daher kann der Band für die wissenschaftliche Forschung nicht die Aufgabe einer biographischen Studie erfüllen. Dies wird erst durch die Bearbeitung des Kachulle-Nachlasses und die darauf aufbauende Pabst-Biographie von Klaus Gietinger möglich werden. Als die erste selbstständige Veröffentlichung zur Biographie über Waldemar Pabst bietet dieser Band daher zunächst einen Einstieg in die intensiven Forschungen von Doris Kachulle und gleichzeitig hoch interessante Einblicke in Pabsts Leben und vielgestaltiges Wirken. Als Ausschnitt aus einem jahrzehntelangen, aber unvollendeten Forschungsvorhaben bleibt zwar vieles nur angeschnitten, aber eine wesentliche Bedeutung dieser Artikelsammlung liegt auch darin, die unerforschten Aspekte von Pabsts Leben und Wirken zu beleuchten und damit einige offene – nicht nur biographische – Forschungsfelder aufzuzeigen.

Anmerkungen:
[1] Über Pabsts Rolle während der Revolutionszeit 1918/19 gibt es vor allem im Zusammenhang mit der Forschung zu den Januarmorden mittlerweile ein sehr genaues Bild. Aus der Forschungsliteratur zur Heimwehrbewegung lässt sich seine Zeit als militärischer Organisator der rechten Verbände in Österreich bis 1930 rekonstruieren. Darüber hinaus sind sein Lebenslauf und sein politisches Wirken bisher im Detail nicht dargestellt, und Gesamtdarstellungen reichen im Wesentlichen nicht über Michael Wettengels Eintrag in der Neuen Deutschen Biographie aus dem Jahr 1999 hinaus.
[2] Die Pabst-Denkschrift zum Aufbau der Schutzpolizei, auf die sich Kachulle in ihrem Beitrag bezieht, ist leider nicht als Quelle angegeben und sei hier nachgerecht. Sie stammt vom 10. März 1919 und eine Abschrift befindet sich heute im Hessischen Staatsarchiv Marburg, Rep. 150, Nr. 1964.
[3] Siehe Leßmann, Peter, Die preußische Schutzpolizei in der Weimarer Republik. Streifendienst und Straßenkampf, Düsseldorf 1989, S. 46f. und S. 79f.
[4] Linhardt, Andreas, Die Technische Nothilfe in der Weimarer Republik, Norderstedt 2006 (zugleich Diss. Technische Universität Braunschweig, 2006), S. 60–64, S. 85–89 und S. 140–152.
[5] Wie eng Pabst im Auftrag der deutschen Kriegsplanung mit der Schweizer Rüstungswirtschaft verbunden war, zeigt auch folgende detailreiche Studie: Hug, Peter, Schweizer Rüstungsindustrie und Kriegsmaterialhandel zur Zeit des Nationalsozialismus. Unternehmensstrategien, Marktentwicklung, politische Überwachung, 2 Bde., Zürich 2002.

Zitation
Manfred Wichmann: Rezension zu: : Waldemar Pabst und die Gegenrevolution. Vorträge, Aufsätze aus dem Nachlaß. Herausgegeben von Karl Heinz Roth. Berlin  2007 , in: H-Soz-Kult, 17.01.2008, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-10332>.
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17.01.2008
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