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Titel
Erfahrung der Welt. Reisen und Kulturbegegnung im späten Mittelalter


Autor(en)
Reichert, Folker
Erschienen
Stuttgart u.a. 2001: Kohlhammer Verlag
Umfang
314 S
Preis
€ 29,50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stephanie Irrgang, Friedrich-Meinecke Institut der FU-Berlin

Eine geschlossene Geschichte des Reisens im Mittelalter zu schreiben, ist wiederholt versucht worden. Überhaupt haben migrationsgeschichtliche Themen jüngst einen großen Aufschwung erfahren, ein alltagsgeschichtliches Forschungsfeld, das auf zahllosen Tagungen, in Sonderforschungsbereichen und Arbeitskreisen fleißig beackert wird. Aus der Fülle an Publikationen der letzten Jahre zu diesem Thema werden immer wieder die Monographien von Margaret Labarge [1] und Norbert Ohler [2] rezipiert. Dass es sich um weit mehr als eine Modeerscheinung in der deutschen Mediävistik handelt, belegen die zurückhaltenden Mahnungen vieler Reiseforscher, denen die umfassende Reiseforschung „verdächtig“ erscheint. Den Publikationen von Ohler und Labarge werden dabei Quellen- und Methodenferne vorgeworfen. Tatsächlich vermögen Überblicksdarstellungen kaum, die Erfahrung des Reisens im Mittelalter jeweils an ihren sozialen, geistesgeschichtlichen, politischen und historischen Voraussetzungen zu situieren. Diese Einsicht, dass nur über die Hinwendung zu Einzeluntersuchungen spezieller Bereiche ein fruchtbarer Weg der kritischen und quellenfundierten Auseinandersetzung mit Wanderungen im Mittelalter beschritten werden kann, hat zu einer Systematisierung von Forschungsfeldern innerhalb der historischen Reiseforschung geführt. Neben der Charakterisierung von Personengruppen und den Formen von Migration finden auch verkehrs- und raumgeschichtliche Themen der Historischen Geographie wie Transporttechnik und Reisegeschwindigkeiten, Übernachtungsmöglichkeiten, Reisekosten, Straßenverhältnisse und Gefahren auf Reisen zunehmend Beachtung. Dennoch bleibt die historische Reiseforschung belastet von den essentiellen Problemen einer methodischen Verschwommenheit, dem Fehlen geschlossener Quellenbestände und einer diffusen Begrifflichkeit.

Folker Reichert hat nun ein Buch vorgelegt, das sehr anregend und farbenreich die vielfältigen inhaltlichen und regionalen Bezüge spätmittelalterlichen Unterwegsseins darstellt und, ausgehend von Überlegungen zu mittelalterlichen Reisenden und ihren Berichten, anhand der drei Leitfragen wer reist? wer schreibt? wer liest? methodische Fragen berührt. Es folgen Reflexionen über die allgemeinen Grundlagen und Bedingungen des Reisens im Reich, über Straßenverhältnisse, Verpflegung, Reisekosten und die Rezeption des „Fremden“ auf Reisen. Die Aspekte Fremdheit, Kulturbegegnung, regionale Identität und Vertrautheit werden immer wieder aufgegriffen und umreißen den strukturellen Rahmen der Darstellung trotz steter Erweiterung des geographischen Horizontes fest. Exemplarisch an einer dänischen Hochzeit, „französischen Sitten“, „burgundischen Städten“ und „böhmischen Dörfern“ zeigt Folker Reichert die spezifische Ausprägung adeliger Reiseaktivitäten entlang der Kategorien Nähe und Fremdheit. Dabei kommt auch zum Ausdruck, wie stark Reiseberichte den Konflikt zwischen Vorurteilen und eigener Anschauung widerspiegeln.

Die Reise, auf die uns Reichert schickt, beginnt im nordalpinen Reich und in Italien. Besonders in Venedig und Rom werden längere Stationen eingelegt, um Gelegenheit zu geben, die Rezeption der Kultur der Renaissance in Italien zu beschreiben. Weiter geht es an die Grenzen des abendländischen Europa. Reichert bezieht Wallfahrten nach Santiago de Compostela, eine Reise des Hieronymus Münzer nach Lissabon, Aufenthalte im urwüchsigen Irland des Mittelalters sowie eine Reise des Enea Silvio Piccolomini in die eisige Kälte Schottlands „extra terrarum orbem“ (S. 104) ebenso ein wie die Preußenreisen des europäischen Adels oder den Bericht des habsburgischen Diplomaten Sigmund von Herberstein aus Moskau. In jedem dieser Abschnitte werden die komplexen Dimensionen, Absichten, Erfahrungen und Überlieferungschancen spätmittelalterlichen Unterwegsseins anschaulich deutlich.

Dann überquert Reichert den Mittelmeerraum mit dem Hauptziel einer Pilgerreise in das Heilige Land und nach Jerusalem. Aber es bleibt nicht bei der Betrachtung dieser klassischen Reisetätigkeit und seiner religiösen Motive, sondern der Blick richtet sich gleichermaßen auf Konstantinopel und die Antikenrezeption auf Kreta, Rhodos, Zypern, auf den Kykladen und Ionischen Inseln, auf das Osmanische Reich, auf den Sinai mit dem Katharinenkloster und auf Ägypten. Folker Reichert gelingt es, den Leser etwas von der Faszination spüren zu lassen, die abendländische Reisende in diesen fernen Regionen ergriffen haben muss und die sich in einer reichen Überlieferung niedergeschlagen hat.

Die besondere Qualität der Monographie besteht nun darin, dass Reichert den abendländischen Erfahrungshorizont noch weiter spannt und tatsächlich Regionen mit einbezieht, die man meistens vergeblich in umfassenden Reisedarstellungen des Mittelalters sucht. Reichert schöpft hierbei aus seiner reichen wissenschaftlichen Erfahrung mit mittelalterlichen Asienreisen und vermag kenntnisreich das Muster eurozentrischer Perspektive aufzubrechen. Die kulturelle Begegnung des Abendlandes mit Indien, dem Mongolenreich und China, die vielfältigen Handelstätigkeiten, die portugiesischen Entdeckungsreisen, Marco Polos Mission am Mongolenhof oder die Streifzüge durch Timurs Reich hinterlassen einen nachhaltigen und sehr starken Eindruck.

Als Abschluss wagt Reichert die Überfahrt über den Atlantik nach Amerika: Bahamas, Haiti, Kuba, Jamaika, Puerto Rico, Venezuela und Brasilien. Wie vereinnahmend die europäische Sichtweise beim Kulturkontakt mit den „Kannibalen und Amazonen“ (S. 214) war, fand auch Ausdruck in Christopher Columbus‘ Sturheit, ein Leben lang zu behaupten, die ostindischen Inseln und China auf dem westlichen Wege erreicht zu haben.

Den Deutschen unterstellt Reichert besondere Reisefreudigkeit. Es liegt nahe, auch die Frage nach „umgekehrten Entdeckungsreisen“ zu stellen, die Frage, welche Wirkung Europa auf Fremde hatte. Reisende aus Byzanz aber auch aus Armenien und Äthiopien finden bei Folker Reichert abschließende Erwähnung.

Seien es Pilgerfahrten, Adelsreisen, Entdeckungsfahrten oder Bildungsreisen, Mobilität ist für Reichert ein tief in der abendländischen Kultur verhaftetes Grundmuster. Hinter einem solchen Bewegungsmuster sind immer auch Anstrengungen zur Erfassung kultureller Vielfalt und zur Horizonterweiterung erkennbar, die in der schriftlichen Verarbeitung ihren bleibenden Ausdruck fanden. Folker Reichert geht so weit, dieses mentalitätsgeschichtliche Phänomen als Motor gesamtabendländischer Entwicklung zu interpretieren. Den Bogen vom Wunder Indiens oder dem Wunder Ägyptens schlagend, problematisiert er am Ende noch das „Wunder Europa“. Untrennbar scheinen der Erfolg europäischer Expansion mit der Geschichte des Reisens verbunden. Die permanente Orientierung nach außen in ihren verschiedenen geistigen, religiösen oder intellektuellen Formen begreift Reichert als mittelalterliche „Weichenstellung“ (S. 227) für den Aufbruch Europas in die Moderne. Max Webers Thesen über den „okzidentalen Rationalismus“ erfahren hier eine bemerkenswerte Neubewertung und verdienen, künftig aufgegriffen und vertieft zu werden. Reisen sind nicht nur räumliche Entfernungsbewegungen, sondern haben ein kulturschaffendes Potenzial; die Welterfahrung ist nicht nur ein individualbiografisches Erlebnis, sondern gleichermaßen von gesamtgesellschaftlicher Relevanz. Folker Reicherts Darstellung gewinnt angesichts dieser Thesenbildung ein überdurchschnittliches Profil, das den Rang eines Standardwerkes beanspruchen darf und gleichzeitig ein breites Leserpublikum begeistern wird.

Ein sorgfältiger Anmerkungsapparat, ein Quellen- und Literaturverzeichnis und ein Register mit Personen- und Ortsnamen runden die überaus lesenswerte Darstellung ab. Eine Vielzahl von Karten und Abbildungen machen den zusätzlichen Reiz des Buches aus.

[1] Margaret Labarge: Medieval Travellers. The Rich and the Restless. London 1982
[2] Norbert Ohler: Reisen im Mittelalter. München 1986

Zitation
Stephanie Irrgang: Rezension zu: : Erfahrung der Welt. Reisen und Kulturbegegnung im späten Mittelalter. Stuttgart u.a.  2001 , in: H-Soz-Kult, 30.04.2002, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-1034>.
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Veröffentlicht am
30.04.2002
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