J. F. Drinkwater: The Alamanni and Rome

Cover
Titel
The Alamanni and Rome 213–496. (Caracalla to Clovis)


Autor(en)
Drinkwater, John F.
Erschienen
Oxford u.a. 2007: Oxford University Press
Umfang
XI, 408 S.
Preis
£ 68.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Philipp von Rummel, Institut für Ur- und Frühgeschichte, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

John F. Drinkwaters Monographie zu den Alemannen gehört zu einer Reihe von Arbeiten der letzten Jahre, die traditionelle Bilder einer durch die Zerstörungswut heranstürmender barbarischer Horden verfallenden römischen Zivilisation differenzieren und das römisch-barbarische Verhältnis in neuem Licht erscheinen lassen. Schon der Titel verrät den bestimmenden Ansatz des Buches. Nicht „Die Alemannen“ oder „Geschichte der Alemannen“ werden hier behandelt, sondern „Die Alemannen und Rom“; auch die chronologische Rahmengebung sowie der Klappentext verraten, dass der Autor die Alemannen vom Standpunkt ihrer Interaktion mit der römischen Welt her untersucht. Drinkwater verfolgt in diesem Sinn das schon in seinen älteren Artikeln vorgezeichnete Konzept, die frühe alemannische Geschichte vornehmlich im Licht der römischen Innenpolitik zu beschreiben und öffnet auf diese Weise der Interpretation neue Wege.

„Die Alemannen und Rom“ ist trotz des auf den ersten Blick einschränkend wirkenden Titels keine Teilbetrachtung spezieller Aspekte der alemannischen Geschichte, sondern ein Werk mit Überblicks- und Einführungscharakter. Als solches schließt es eine Lücke auf dem englischsprachigen Markt, auf dem die Alemannen bisher noch nicht im Zentrum eines monographischen Werkes standen. Die Gründe für diese Lücke liegen wohl in der Tatsache begründet, dass ein Großteil des bisherigen Schrifttums zu den Alemannen deutschsprachig ist. Dies unterstreicht gleichzeitig das große Verdienst Drinkwaters, der die deutschsprachige Literatur breit rezipiert hat und sie so der englischsprachigen Forschung besser zugänglich macht.

Das Buch gliedert sich in neun Kapitel, denen eine Einführung vorangestellt ist. Die Einleitung (S. 1-10) erläutert die zeitliche Eingrenzung von der ersten Erwähnung der Alemannen bis zur Niederlage gegen den fränkischen König Chlodwig und klärt den Ausgangspunkt der Arbeit. Allgemein hätten zwei unterschiedliche Linien der Forschung Drinkwaters Sicht auf die Alemannen verändert: zum einen das vor allem von Reinhard Wenskus, Herwig Wolfram und Walter Pohl entwickelte Ethnogenesemodell, zum anderen die reichhaltigen Ergebnisse neuerer archäologischer Forschungen in Südwestdeutschland. Essentielles zum Hintergrund der Untersuchung findet sich in den Fußnoten der Einführung, etwa S. 2, Anm. 6, in der sich Drinkwater dem Ethnogenesemodell anschließt, da es die Forschung in Hinsicht auf mit den Alemannen verbundene ethnische Prozesse von der Annahme großer Stammeswanderungen befreie. Der von Drinkwater betonte Unterschied zu Ethnogenesemodellen zahlreicher anderer gentes der Völkerwanderungszeit, die Alemannen hätten keinen eigenen Traditionskern besessen (S. 45), wäre aber insofern zu hinterfragen, als das Fehlen eines Belegs für einen Traditionskern bei den Alemannen noch kein Beweis für sein tatsächliches Fehlen ist. Trotz der in der Arbeit durchgehend verfolgten römischen Perspektive distanziert sich Drinkwater in der gleichen Anmerkung von der Position Patrick Amorys [1] und dessen pointierter Stellungnahme gegen das Konzept einer binären Opposition von Römischem und Germanischem, die Amory für das Produkt römisch-elitärer Propaganda hält. Drinkwater hält dagegen, dass es eine neue ‚germanische Ansiedlung‘ gegeben habe und dass Zweifel an dem Wert des Konzepts der ‚frontier zone‘ angebracht seien (S. 2, Anm. 6). Da Drinkwater mit Amory Ethnizität als Begriff für ein Gruppenbewusstsein auffasst, das sich auf Glauben an gemeinsame Abstammung und Vergangenheit sowie kulturelle Gemeinsamkeiten und einheitliche politische Ziele gründet, werden die frühen Alemannen des 3. Jahrhunderts von ihm ausdrücklich nicht als Ethnos, Gens oder Volk angesprochen: „Alamanni won general currency as a Roman designation, identifying barbarians coming from and settling over the Rhine and Danube“. (S. 7) Die so durchgeführte Loslösung des scheinbaren Ethnonyms von Ethnizität ist überzeugend und könnte allgemeinen Modellcharakter haben. Leider aber wird der hohe Grad an Differenzierung nicht im ganzen Buch ausgeführt, was etwa bei dem Germanenbegriff auffällt. Drinkwater nimmt zwar die Kritik Amorys zur Kenntnis, der Germanenbegriff sei ein philologischer, kein ethnischer oder kultureller[2], behält ihn aber mit der Bemerkung „we have to call these people something“ bei (S. 2, Anm. 6). Die Frage, ob diese Entscheidung jedoch wirklich glücklich war, stellt sich insbesondere im archäologischen Zusammenhang, in dem zuweilen unklar bleibt, was etwa mit „germanischer Technik“ (S. 86) oder „typisch germanischen Grubenhäusern“ (S. 89) ausgedrückt werden soll.[3]

Das erste Kapitel (Prelude, S. 11-42) gibt einen Überblick über die Entwicklung der Rheingrenze im 1. und 2. Jahrhundert n. Chr. und betont die Rolle der Grenze als Legitimationsmittel der Kaiser und der Aristokratie. Nach dieser das Buch bestimmenden These seien die Germanen am Rhein keine wirkliche Bedrohung für das Imperium gewesen, sondern willkommene Gegner für die Aufrechterhaltung einer imperialen ‚Politik der Angst‘. Im zweiten Kapitel (Arrival, S. 43-79) schildert Drinkwater die frühe Phase des Entstehungsprozesses der Alemannen in Südwestdeutschland bis zum Jahr 285. Im Gegensatz zur derzeitigen communis opinio hält er, der überzeugenden Argumentation Bruno Bleckmanns folgend[4], die Erwähnung von Siegen Caracallas gegen Alemannen bei Cassius Dio für keine spätere Interpolation. Die Ersterwähnung des Alemannennamens im Jahr 213 fällt somit deutlich vor die Periode in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts, in der verstärkte Einwanderung in das Land zwischen Limes, Rhein und Donau angenommen wird. Das Modell eines ‚elbgermanischen Dreiecks‘ zwischen der Elbmündung, Böhmen und dem Breisgau (S. 45ff. mit Abb. 5) verbildlicht einen Raum, in dem kulturelle, politische und ökonomische Einflüsse in alle Richtungen verlaufen konnten, nicht nur, aber in Person der Neusiedler doch vornehmlich, von Ost nach West. Eine gute Übersicht über die Forschungen zur Siedlungsarchäologie in Südwestdeutschland bietet das dritte Kapitel (Settlement, S. 80-116), leider mit nur wenigen vergleichenden Blicken in die angrenzenden Regionen westlich des Rheins und südlich der Donau, vor deren Hintergrund die Besonderheiten der Entwicklung im Dekumatland noch deutlicher darzustellen gewesen wären. Das vierte Kapitel (Society, S. 117-144) erläutert die Sozialstruktur und die Untergliederung der alemannischen Bevölkerung, die im vierten Jahrhundert „a rich mix of Germanic warriors [...], Roman provincials, the products of interbreeding between these, and dependants from Free Germany“ (S. 140f.) gewesen sei. Drinkwater rechnet mit einer Bevölkerungszahl von 120.000 Menschen in der Alemannia, denen 10 Millionen Gallier/Römer gegenüberstehen, also ein Verhältnis von 1:80. Diese Zahlen geben nur annäherungsweise die Größenordnungen wieder, sie erklären aber, so Drinkwaters Argumentationsgang, warum die Alemannen größeres Interesse daran hatten, ihren Nachbarn zu dienen als sie dauerhaft zu schädigen, etwa durch Dienst in der Armee, der das Thema des fünften Kapitels ist (Service, S. 145-176). Drinkwater entwickelt hier sechs unterschiedliche Modelle für alemannischen Dienst in der römischen Armee, vom kurzzeitigen Söldnerdienst wandernder Gruppen (Modell I) über Einzelpersonen in römischem Dienst (Modell III) bis hin zur Übergabe der Grenzbewachung an alemannische Alliierte (Modell VI).

Die Kapitel sechs bis acht beschreiben unter dem Titel „Konflikt“ die Auseinandersetzungen zwischen Alemannen und dem Römischen Reich zwischen 285 und 394, mit einem deutlichen, durch die Quellenlage vorgegebenen Schwerpunkt auf den Kampagnen Julians, Valentinians I. und Gratians. Hier entwickelt Drinkwater an unterschiedlichen Beispielen jene These, die den originellsten Aspekt des Buches darstellt, aber sicher auch den umstrittensten. Neben der Betonung der propagandistischen Ausschlachtung und Überhöhung der Grenzkonflikte reduziert Drinkwater die von Alemannen ausgehende Bedrohung des Imperiums auf ein Minimum. Da die unterschiedlichen pagi der Alemannen nicht nur in Bezug auf die Bevölkerungszahl, sondern auch auf Technik und die sozio-ökonomische Entwicklung den römischen Nachbarn in jeder Hinsicht unterlegen waren, wird statt einer alemannischen Bedrohung Galliens vielmehr die römische Bedrohung der Alemannen geschildert: „Alamanni and Franks were never a menace to Rome. The Empire exploited them much more than they could ever have damaged it“ (S. 177). Stabilität im alamannischen Gebiet konnte geschaffen und zerstört werden, ganz nach römischen Interessen. Drinkwater zeigt etwa am Beispiel Julians oder Valentinians I., wie bewusst Bedrohungsszenarien aufrecht erhalten wurden, um eigene Positionen zu stärken oder nicht in den weitaus gefährlicheren Osten des Reiches ziehen zu müssen. Aber auch Alemannen profitierten von der behutsam gepflegten Fiktion der barbarischen Bedrohung durch regelmäßige Zahlungen, Positionen in der römischen Armee und langfristig eine beachtliche politische und ökonomische Stabilität, in die beide Seiten, die römische wie die alemannische, nur mit geringstem Risiko eingriffen und kein Interesse daran zeigten, die andere Seite dauerhaft zu beschädigen. Das letzte Kapitel widmet sich dem fünften Jahrhundert (S. 320-363) und kulminiert in der Frage, warum sich Alemannen und Franken im 5. Jahrhundert so unterschiedlich entwickelten. Zur Beantwortung dieser Frage verweist Drinkwater auf die Schlacht bei Straßburg 357 und die Verhinderung einer alemannischen Niederlassung westlich des Rheins. Im Gegensatz zu den Alemannen hätten die Franken dauerhaften Erfolg gehabt, weil sie nicht die römische Propagandalast tragen mussten (S. 363). Das Buch schließt mit einem Appendix zum Lyoner Bleimedaillon (S. 364-367), dem Literaturverzeichnis und einem Register.

Die das Buch bestimmende und meist plausible Argumentation, die Alemannen seien keine echte Bedrohung für das römische Reich gewesen, überzeugt allerdings nicht durchgehend. So bezeugen archäologische Befunde, vor allem auch numismatischer Art, durchaus unruhige Zeiten. Hierzu gehören etwa die erschlagenen Menschen von Regensburg-Harting, deren Schädel als gelungener Kontrast zur Argumentation auf dem Schutzumschlag des Buches abgebildet sind. Ein anderes Beispiel sind die Einfälle von 233, die Drinkwater als Überfälle von „scattered raiders“ und als Ereignisse beschreibt, die nicht überbewertet werden sollten (S. 51). Dagegen vermitteln regionale Studien jedoch andere Eindrücke. Zu erwähnen wäre etwa die Arbeit Bernd Steidls zur Wetterau, in der er zu dem Schluss kommt, die mit dem Einfall von 233 einhergehenden Zerstörungen seien von solchem Umfang, dass darin ein bedeutender Einschnitt in der Siedlungsgeschichte der Region zu erkennen sei.[5] Auch das jüngst von Marcus Reuter anhand archäologischer Quellen aufgezeigte abrupte, gewalttätige Ende des rätischen Limes im Jahr 254 spricht für ein gewaltiges Zerstörungspotential damaliger Konflikte.[6] Aus archäologischer Perspektive zu überdenken wären unter anderem auch die mehrmals von Drinkwater betonte römische Anleitung bei der Errichtung der Terrassen auf dem Zähringer Burgberg bei Freiburg, deren Verbindung mit der Ermordung von Vithicabius 365/66 und die römische Vereinnahmung seines Nachfolgers durch Unterstützung beim Bau. Derartige Plätze lassen sich erstens nicht so exakt datieren und zweitens sind doch erhebliche Unterschiede zu den benachbarten Anlagen der römischen Armee zu beobachten.

Dies schmälert jedoch nicht das Verdienst Drinkwaters, nicht nur für den englischsprachigen Raum ein Standardwerk geschaffen zu haben, das bei aller Informationsfülle flüssig zu lesen ist und durch die neue Sicht auf spätrömische Barbaren weit über die eigentliche Alemannenforschung hinaus Akzente setzen wird. Dass dennoch erstaunlich unklar bleibt, wer die Alemannen eigentlich waren, liegt keineswegs an der beachtenswerten Leistung des Autors, sondern an den schütteren Informationen der Quellen, die nur durch neue archäologische Forschungen zur Entwicklung Südwestdeutschlands im 3.–5. Jahrhundert bereichert werden können.

Anmerkungen:
[1] Amory, Patrick, People and Identity in Ostrogothic Italy, 489–554, Cambridge 1997.
[2] Amory, People and Identity, S. xv u. 33. Vgl. auch Jarnut, Jörg, Germanisch. Plädoyer für die Abschaffung eines obsoleten Zentralbegriffes der Frühmittelalterforschung, in: Pohl, Walter (Hrsg.), Die Suche nach den Ursprüngen, Wien 2004, S. 107–113.
[3] Vgl. zu diesem Problemfeld Brather, Sebastian, Ethnische Interpretationen in der frühgeschichtlichen Archäologie. Geschichte, Grundlagen und Alternativen, Berlin u.a. 2004.
[4] Bleckmann, Bruno, Die Alemannen im 3. Jahrhundert: Althistorische Bermerkungen zur Ersterwähnung und zur Ethnogenese, in: Museum Helveticum 59 (2002), S. 145–171.
[5] Steidl, Bernd, Die Wetterau vom 3.–5. Jahrhundert n. Chr., Wiesbaden 2000, hier S. 110.
[6] Reuter, Marcus, Das Ende des raetischen Limes im Jahr 254 n. Chr., in: Bayerische Vorgeschichtsblätter 72 (2007), S. 77–149.

Zitation
Philipp von Rummel: Rezension zu: : The Alamanni and Rome 213–496. (Caracalla to Clovis). Oxford u.a.  2007 , in: H-Soz-Kult, 15.02.2008, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-10359>.
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15.02.2008
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