Cover
Titel
Eye on Israel. How America Came to View Israel as an Allly


Autor(en)
Mart, Michelle
Erschienen
Umfang
242 S.
Preis
€ 19,88
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Manfred Berg, Historisches Seminar, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Die „besondere Beziehung“ zwischen Israel und den Vereinigten Staaten ist seit Langem Gegenstand heftiger politischer Debatten. Zuletzt haben John Mearsheimer und Steven Walt mit ihrem kontroversen Buch über den Einfluss der „Israel-Lobby“ der These neue Nahrung gegeben, dass die amerikanische Politik gegenüber Israel und dem Nahen Osten insgesamt nicht von den nationalen Interessen der USA, sondern von einer mächtigen heimischen Interessengruppe bestimmt werde.[1] Kritiker haben den Autoren vorgeworfen, antisemitische Ressentiments zu bedienen, und argumentieren ihrerseits, die Allianz zwischen den USA und Israel beruhe sowohl auf gemeinsamen strategischen Interessen als auch auf den gemeinsamen Werten westlicher Demokratien. In ihrem überaus anregenden Buch „Eye on Israel“ spürt die an der Penn State University lehrende Historikerin Michelle Mart den historischen und kulturellen Wurzeln dieser „Wertegemeinschaft“ nach, die sie in der Zeit zwischen dem Zweiten Weltkrieg und dem Ende der 1950er-Jahre verortet, also lange bevor Israel zum Empfänger massiver Militär- und Wirtschaftshilfe aus den USA wurde. Bei Marts Buch handelt es sich nicht um eine klassische diplomatiegeschichtliche Studie, sondern um einen Beitrag zur Kulturgeschichte der internationalen Beziehungen. Im Mittelpunkt steht das Bild Israels in der amerikanischen Kultur, das nach Auffassung der Autorin jedoch einen maßgeblichen Einfluss auf die Wahrnehmung der politischen Entscheidungsträger, der Meinungsmacher und der politischen Öffentlichkeit in Amerika hatte. Ihre Quellenbasis bilden zum einen Produkte der Populärkultur, vor allem Romane und Spielfilme, zum anderen aber auch Medienberichte sowie öffentliche Verlautbarungen und interne Dokumente von Präsidenten, Außenministern und Diplomaten.

Mart behandelt aber keineswegs nur das Image Israels. Ebenso breiten Raum nimmt die kulturelle Integration der amerikanischen Juden in den Mainstream der weißen, protestantischen Mehrheitsgesellschaft ein, die nach Auffassung der Verfasserin eine entscheidende Voraussetzung für die enge Bindung an Israel bildete. Das Thema ist dabei allerdings nicht, wie in vielen anderen Studien, der Einfluss jüdischer Organisationen auf die US-Außenpolitik, sondern die kulturelle Transformation der Juden von gesellschaftlichen Außenseitern zu authentischen Repräsentanten amerikanischer Werte. Dieser Prozess, so kann man die Grundthese des Buches verstehen, ermöglichte auch die diskursive „Amerikanisierung“ Israels als einer Nation, die, wie Amerika, zugleich einzigartig war und dabei doch universale Werte und Ziele verkörperte.

Die Analyse der kulturellen Erzählungen, die Israel mit den USA verbanden, ist in sich stimmig, birgt aber wenig Überraschungen. Die Autorin zeichnet nach, wie das Gemeinschaftsgefühl des Zweiten Weltkrieges und die Enthüllungen über den Holocaust den Antisemitismus der Mehrheitsgesellschaft nachhaltig diskreditierten. Offener Antisemitismus war in den 1950er-Jahren nicht mehr gesellschaftsfähig. Vor diesem Hintergrund verstanden auch viele christliche Amerikaner die Gründung Israels als Ausdruck einer universalen Mission und als Wiedergutmachung für den Holocaust. Diese Sichtweise wurde nicht zuletzt durch die gleichzeitige Dämonisierung der Araber als Kollaborateure der Nazis gefördert. In scharfem Kontrast zu den alten antisemitischen Stereotypen erschienen die Israelis nach dem Unabhängigkeitskrieg nun als tatkräftige, junge, mutige Pioniere und Männer, die sich wie David gegen Goliath einer feindlichen Übermacht zu erwehren hatten – Israel wurde gleichsam zum Ebenbild der amerikanischen Gründungsmythen stilisiert. Hinzu kamen die demokratische Staatsform und die Beschwörung der gemeinsamen religiösen Wurzeln im Paradigma der „jüdisch-christlichen Tradition“, das in den 1950er-Jahren gleichsam zu einer inoffiziellen Staatsreligion der USA avancierte. In den zahlreichen monumentalen Bibelfilmen, die Hollywood in diesen Jahren produzierte, man denke etwa an „The Ten Commandments“, „Samson and Delilah“, „The Robe“ oder „Ben Hur“, wurde das Judentum bis zur Unkenntlichkeit christianisiert und so zum Identifikationsobjekt der „White Anglo-Saxon Protestants“. Den israelischen Premierminister David Ben-Gurion stilisierten die amerikanischen Medien zum neuen Moses, der ein Volk junger Pioniere ins gelobte Land führte.

Während Israel Demokratie, Fortschritt und gemeinsame religiöse Wurzeln repräsentierte, verschlechterte sich parallel dazu das Bild der Araber, die als rückständig, primitiv, brutal, verschlagen und feige dargestellt werden. Solche „orientalistischen“ Stereotypen hatten natürlich bereits eine lange Tradition, doch argumentiert Mart, dass der projüdische bzw. proisraelische Diskurs direkte Auswirkungen auf die Verschlechterung des arabischen Images in den USA hatte. Dieser Zusammenhang erscheint durchaus plausibel, hätte jedoch noch klarer herausgearbeitet werden müssen.

Das letzte Kapitel des Buches, das die Zeit von der Suez-Krise bis zum Ende des Jahrzehnts behandelt, ist besonders interessant, weil hier die Verknüpfung von Kultur- und Politikgeschichte besonders eng ist. Gemeinhin gilt die Krise unter Politikhistorikern als Tiefpunkt der amerikanisch-israelischen Beziehungen, weil die USA sich gegen Israel, Großbritannien und Frankreich stellten, die nach der Verstaatlichung des Suezkanals militärisch gegen Ägypten vorgegangen waren. Die Autorin freilich sieht darin bestenfalls eine Episode. Tatsächlich, so ihre These, sei das positive Israelbild in den USA durch den politischen Konflikt kaum beschädigt worden. Letztlich gewannen die Stimmen in den USA die diskursive Hegemonie, die Israel Notwehr zubilligten und den ägyptischen Führer Nasser mit Hitler verglichen. Die Suez-Krise führte nach dieser Lesart indirekt dazu, dass Israel zum informellen Mitglied der westlichen Allianz im Kalten Krieg wurde.

Insgesamt ist „Eye on Israel“ eine interessante Studie, die belegt, dass sich Kulturgeschichte durchaus mit klassischer Politikgeschichte verbinden lässt. Wie nun einzelne Entscheidungsprozesse durch kulturelle Wahrnehmungen beeinflusst wurden, kann und will auch Mart nicht demonstrieren, aber es gelingt ihr gut, die kulturelle Atmosphäre nachzuzeichnen, in der die Amerikaner ihr Verhältnis zur „jungen Nation“ Israel bestimmten. Manches erscheint dabei aber doch etwas zu glatt. Ob der Antisemitismus in den USA in den 1950er-Jahren wirklich eine so geringe Rolle spielte, wie die Autorin nahe legt, ließe sich diskutieren. Auch umgeht Mart die spannende Frage, ob die sozialistischen Ideale des Zionismus während der antikommunistischen Hysterie der McCarthy-Ära nicht auch Misstrauen hervorriefen. Ähnliches gilt für die traditionelle Identifizierung der amerikanischen Juden mit politisch-sozialem Radikalismus. Die Verurteilung und Hinrichtung der angeblichen Atomspione und jüdischen Kommunisten Julius und Ethel Rosenberg tut sie als extremen Ausnahmefall ab, der die kulturelle und politische „Normalisierung“ des Judentums in den USA nicht ernsthaft behindert habe (S. 125). Dem aufmerksamen Leser kann jedoch nicht entgehen, dass sich Eye on Israel vor allem auf solche Quellen stützt, die Israel und das Judentum mehr oder weniger bewusst positiv darstellen. Auch wenn das von Mart entworfene Bild insgesamt überzeugend erscheint, hätte die Heranziehung einer größeren Zahl israelkritischer Stimmen dem Buch doch eine breitere Grundlage gegeben und eine weitere Differenzierung ermöglicht.

Anmerkung:
[1] Dt.: Mearsheimer, John J.; Walt, Steven M., Die Israel-Lobby: Wie die amerikanische Außenpolitik beeinflusst wird, Frankfurt am Main 2007.

Zitation
Manfred Berg: Rezension zu: : Eye on Israel. How America Came to View Israel as an Allly. Albany  2006 , in: H-Soz-Kult, 19.03.2008, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-10486>.
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Veröffentlicht am
19.03.2008
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