Chr. Ronning: Herrscherpanegyrik unter Trajan und Konstantin

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Titel
Herrscherpanegyrik unter Trajan und Konstantin. Studien zur symbolischen Kommunikation in der römischen Kaiserzeit


Autor(en)
Ronning, Christian
Erschienen
Tübingen 2007: Mohr Siebeck
Umfang
IX, 445 S.
Preis
€ 79,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Johannes Wienand, Universität Konstanz

Mit seiner Studie zur Herrscherpanegyrik unter Trajan und Konstantin knüpft Christian Ronning an eine Forschungstradition an, die sich mit der Bedeutung der Panegyrik für die Interaktion zwischen dem Kaiser und den diversen gesellschaftlichen Gruppierungen des Imperium Romanum sowie mit der Frage nach der sozialen Stellung des Lobredners am kaiserlichen Hof befasst. Gegenüber der älteren Forschung, die oft bei bloßer Stilkritik oder isolierter Analyse narrativer Topoi verharrte und den Lobredner lediglich als Sprachrohr kaiserlicher Propaganda verstand, hat sich das Verständnis der vielfältigen Funktionen der Panegyrik, der gesellschaftlichen Ambitionen der Redner und der Position der Lobrede im rituellen und zeremoniellen Gesamtkontext kaiserlicher Inszenierungen in den letzten Jahrzehnten erheblich verfeinert.[1] Hier gelingt es Ronning, weitere wichtige Impulse für ein umfassenderes Verständnis der sozialen, politischen und kulturellen Interaktionsfelder zu setzen, innerhalb derer sich die lateinische Panegyrik vollzieht.

Im Fokus der Analyse stehen drei panegyrische Reden: (1) die als Lob Trajans konzipierte gratiarum actio, die Plinius 100 n.Chr. zum Antritt seines Suffektkonsulats vor dem Senat in Rom hielt und die in einer für die Publikation überarbeiteten und wesentlich erweiterten Version überliefert ist; (2) die gratiarum actio von 311 n.Chr., die im Rahmen der konstantinischen quinquennalia perfecta in Trier von einem Redner aus Augustodunum zum Dank für beneficia des Kaisers gegenüber der Stadt gehalten wurde, sowie (3) die Gratulationsrede von 313 n.Chr., die von einem geladenen Festredner vermutlich ebenfalls in Trier im Rahmen von Festlichkeiten gehalten wurde, mit denen Konstantin seine jüngsten Siege über Maxentius und über die Franken feierlich beging. Die Begrenzung auf diese Auswahl einzelner Lobreden ist Ronnings Interesse an den individuellen Entstehungs- und Rezeptionsbedingungen geschuldet, das eine umfassende Entwicklung der situativen Spezifika erforderlich macht, um die rhetorischen Strategien herausarbeiten und in den entsprechenden politischen und sozialen Rahmenbedingungen verorten zu können. Ronning nimmt folgerichtig bewusst Abstand von einer seriellen Analyse rhetorischer Topik, ohne allerdings die Serialität des Mediums und die damit verbundene longue durée der rhetorischen und performativen Entwicklungsstränge aus dem Blick zu verlieren.

Im ersten Kapitel dechiffriert Ronning systematisch das politische Programm des plinianischen Panegyricus. Vor dem Hintergrund der Verwerfungen, die das spannungsreiche Scheitern der julisch-claudischen und der flavischen Dynastie nach sich zog, habe sich Plinius bemüht, „die inzwischen konsolidierte und akzeptierte monarchische Staatsform mit dem ordo dignitatum in Einklang zu bringen“ (S. 129). Einen den Ansprüchen der Gattung, den Erwartungen des laudandus, den Anliegen der Senatsaristokratie und den eigenen Ambitionen dienlichen Weg habe der Redner darin gefunden, diese Neubestimmung im Bereich der zeremoniellen Begegnungen zwischen dem Monarchen und dem Senat zu verorten und dabei den aus republikanischer Zeit überkommenen rituellen und zeremoniellen Vollzügen neue Aussagekraft zu verleihen. Als Authentifizierungs- und Plausibilisierungsstrategie habe ihm nicht zuletzt der Rekurs auf die zeichenhaften Codes der Gestik, Mimik, Körpersprache und Bewegungsabläufe der beteiligten Akteure gedient, im wesentlichen also auf nichtsprachliche Aspekte der Kommunikation zwischen Trajan und dem Senat, die Plinius insbesondere in seiner Beschreibung des ersten Adventus des neuen Kaisers im Sommer 99 n.Chr. ausführt: Mit Gesten der Reverenz („Rituale der Nähe“ und „Zeichen der Vertrautheit“) habe Trajan die dignitas des Senats gewahrt und seine Position im Gesamtgefüge römischer Herrschaft diskursiv als unus ex nobis definiert; der Senat wiederum habe mit affekthaften Ausbrüchen und enthusiastischen Akklamationen spontan seine ungeheuchelte Erleichterung über das manifeste Ende des Dominats domitianischen Zuschnitts zum Ausdruck gebracht. Ronning zufolge geht es Plinius hierbei nicht lediglich um eine Beschreibung bloßer Konsensrituale. Civilitas und moderatio des Kaisers seien für den senatorischen Lobredner keine austauschbaren Topoi schmeichlerischer adulatio. Seine Stellung als homo novus und seine weitere Karriere in der kaiserlichen Verwaltung hingen vom Wohlwollen des Monarchen ab, sein Ansehen innerhalb des Senats jedoch von der Wahrung aristokratischer dignitas. Der plinianische Panegyricus mitsamt seinem komplexen Editionsprozess wird so in der Interpretation Ronnings zu einem Balanceakt zwischen widerstrebenden politischen Ansprüchen und sozialen Konventionen und vollzieht sich in einem Spannungsfeld, innerhalb dessen der Redner die Konstruktion eines idealen Verhältnisses zwischen Senat und Princeps für sein eigenes Ringen um Glaubwürdigkeit und Prestige einsetzt.

Die sozialen und politischen Zusammenhänge sind in der Spätantike grundlegend verschieden, doch auch hier macht Ronning überzeugend ein komplexes Konfliktfeld widerstreitender Ansprüche und Konventionen aus, in dem sich die lateinische Panegyrik positioniert. Der Redner stehe nach wie vor als Mittler im Schnittpunkt eines nun allerdings veränderten kommunikativen Netzwerkes: Als Gesandter seiner Heimatstadt stellte er für den lokalen ordo den Kontakt zum Kaiser her, fungierte so quasi als patronus bzw. als Euerget; gegenüber dem Kaiser konnte der Redner zugleich seinen eigenen Karriereinteressen Ausdruck verleihen, gegenüber den zahlreichen anderen Rednern erlaubte ihm die Exzellenz seiner sprachlichen Darbietung eine Profilierung der eigenen Fähigkeiten; das symbolische Kapital, das diese vielschichtige Funktion dem Redner verleiht, konnte dieser wiederum in der Heimatstadt zur Prestigesteigerung in seinen Betätigungen als Professor, Anwalt, Diplomat und Mitglied des Stadtrats einsetzen. Da der soziale Status des Redners und der Ruhm der Stadt über den Faktor der Kaisernähe so aufs Engste miteinander verknüpft sind, spricht Ronning zu Recht von einer geradezu „symbiotischen Beziehung von Redner und Stadt“ (S. 171) – eine deutliche Verschiebung gegenüber dem frühen und hohen Principat, durch die die formale rhetorische Ausbildung mehr und mehr zur conditio sine qua non sozialen Prestiges und politischen Einflusses geworden sei.

Beide konstantinischen Reden kreisen erneut um den kaiserlichen Adventus, und auch hier gelingt es Ronning plausibel aufzuzeigen, dass es den Rednern bei der Beschreibung der entsprechenden Rituale weniger auf die Generierung einer Konsensfiktion, als vielmehr auf die Darstellung und Interpretation eines je spezifischen Interaktionsstils zeichenhafter Handlungen ankam, durch den die beteiligten Akteure die bestehenden Erwartungen zum Ausdruck bringen konnten und die Unsicherheiten über das gegenseitige Verhältnis abzufedern versuchten. Die Funktion des Redners als „Sprachrohr des Hofes“, zunächst in aulischer Umgebung, sekundär auch gegenüber der Heimatstadt, versieht Ronning dabei mit wesentlichen Einschränkungen (S. 168), um nicht in das zu Recht überholte Verständnis des Lobredners als bloßen Übermittlers kaiserlicher Propaganda zurückzufallen. Die resultierende Marginalisierung dieses Aspekts blendet allerdings eine ebenfalls wichtige Kommunikationsrichtung der Panegyrik aus. Dass diese Facette nach wie vor Beachtung finden muss, zeigt sich nicht zuletzt an der Rede von 313 n.Chr., deren Redner nicht als Gesandter in entsprechender diplomatischer Mission, sondern als geladener Festredner auftrat.

Als eigentlicher Vorzug der Auswahl dieser Reden erweisen sich im Laufe der Untersuchung nicht die verbindenden Elemente, die Ronning zur Begründung seiner Zusammenstellung hervorhebt, sondern vielmehr die Differenzen, durch die sich die Reden und die historischen Ereignisse, auf die sie sich beziehen, im Einzelnen auszeichnen. So generieren die unterschiedlichen sozialen und politischen Konstellationen je eigene Interaktionsbedingungen: Ein und dasselbe Ritual – der kaiserliche Adventus – stellt sich dadurch als situativ außerordentlich modifizierbares kommunikatives Geschehen heraus, und durch die direkte Gegenüberstellung der beiden zeitlichen Ebenen kann Ronning zugleich entscheidende Veränderungen der Kommunikationsmodi zwischen Kaiser und Untertanen und damit auch in der gesellschaftlichen Konfiguration des römischen Imperiums schlaglichtartig beleuchten. Der genaue Verlauf dieses Wandels wird allerdings nur partiell erhellt, da der historische Schritt von Plinius zu den konstantinischen Panegyrikern im Rahmen der Studie nur ansatzweise analytisch überbrückt werden kann.

Mit Ronnings differenziertem Verständnis der lateinischen Panegyrik lassen sich die feinen Unterschiede zwischen der monarchischen Selbstbeschreibung, wie sie etwa in monumentalen Bildzyklen oder in der Münzprägung greifbar ist, und dem Bild kaiserlichen Wesens und Wirkens, das die Panegyriker zeichnen, sinnvoll verstehen. Ronning führt diese Differenzen auf überzeugende Weise nicht primär auf die distinkten Rollenanforderungen der militärischen und zivilen personae des Kaisers zurück, sondern sieht in der römischen Enkomiastik eine ganz eigene Dynamik am Werk, die sich aus den Ambitionen der Redner und den restringierenden Vorgaben des jeweiligen diskursiven Umfelds speist. Ronning kommt dabei nicht umhin, den Panegyrikern und ihren überformten Texten hohe Glaubwürdigkeit für die Rekonstruktion kaiserlicher Inszenierungen einzuräumen: Das Zeugnis der Redner nutzt er zur Analyse des entsprechenden Kommunikationsstils, des Rollenspektrums und der Strategien der Positionierung innerhalb der sozialen Hierarchie. Der Ertrag dieses Vorgehens ist besonders für die Konstantinforschung interessant: Die von Ronning herausgearbeitete mehrfache Kontextbindung der Kommunikation zwischen dem Kaiser und seinen Untertanen erlaubt es, die klassische Frage nach der religiösen Selbstverortung Konstantins als Frage nach dem Wandel religiöser Kommunikationsmodelle zu reformulieren, und trägt so zu einem besseren Verständnis der stets als widersprüchlich empfundenen Zeugnisse zur „religiösen Haltung“ dieser „Sphinx der historischen Wissenschaft“ (J. Vogt) bei.

Anmerkung:
[1] Vgl. u.a. Nixon, Charles E. V.; Rodgers, Barbara Saylor (Hrsg.), In Praise of Later Roman Emperors. The Panegyrici Latini. Introduction, Translation, and Historical Commentary with the Latin Text of R. A. B. Mynors, Berkeley 1994; Wiemer, Hans-Ulrich, Libanios und Julian. Studien zum Verhältnis von Rhetorik und Politik im 4. Jahrhundert nach Christus, München 1995; Whitby, Mary (Hrsg.), The Propaganda of Power. The Role of Panegyric in Late Antiquity, Leiden 1998; Rees, Roger, Layers of Loyalty in Latin Panegyric: AD 289-307, Oxford 2002. In jüngerer Zeit hat noch Mause, Michael, Die Darstellung des Kaisers in der lateinischen Panegyrik, Stuttgart 1994 einen rein auf die Analyse narrativer Topoi begrenzten Ansatz gewählt.

Zitation
Johannes Wienand: Rezension zu: : Herrscherpanegyrik unter Trajan und Konstantin. Studien zur symbolischen Kommunikation in der römischen Kaiserzeit. Tübingen  2007 , in: H-Soz-Kult, 20.05.2008, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-10523>.
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20.05.2008
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