H. Pohl (Hrsg.): Deutsche Bankiers des 20. Jahrhunderts

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Titel
Deutsche Bankiers des 20. Jahrhunderts.


Hrsg. v.
Pohl, Hans
Erschienen
Stuttgart 2007: Franz Steiner Verlag
Umfang
488 S.
Preis
€ 39,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christopher Kopper, Universität Bielefeld

Das biographische Genre hat auch in der Wirtschaftsgeschichte Konjunktur. Die in den letzten zwei Jahren erschienenen Biographien über den Bankier Hermann Josef Abs, den Industriellen Friedrich Flick und den Reichsbankpräsidenten Hjalmar Schacht fanden weit über den Kreis von Leser/-innen und Rezensent/-innen Beachtung, der sich üblicherweise für wissenschaftliche Literatur zur Unternehmensgeschichte interessiert.[1]

Biographien über Bankiers eignen sich dank ihrer Akteurs- und Handlungszentrierung eher als die traditionelle Monographie, über den Kunstgriff der Personalisierung das unternehmerische Handeln in einer Bank auch für Laien verständlich und vor allem interessant darzustellen. Der von Hans Pohl herausgegebene Sammelband erfüllt seinen Zweck durchaus, auch wenn der Herausgeber in seiner sehr knappen Einleitung versäumt, den heuristischen Wert der biographischen Darstellung für die Unternehmensgeschichte im Allgemeinen und für die Bankengeschichte im Besonderen zu erläutern.

Die 30 biographischen Skizzen zu Führungspersönlichkeiten des Bankenwesens stellen eine natürlich nicht vollständige, aber repräsentative Auswahl der deutschen Bankierselite im 20. Jahrhundert dar. Im Unterschied zu den traditionellen Überblicksdarstellungen und Spezialmonographien werden neben den bedeutendsten Privatbankiers und den prominenten Vorstandsmitgliedern der Großbanken auch einige besonders wirkungsmächtige führende Repräsentanten des öffentlich-rechtlichen Kreditsektors (der Sparkassen und Landesbanken) und des genossenschaftlichen Bankwesens exemplarisch vorgestellt.

Die Auswahl der Beiträge ist durchaus charakteristisch, auch wenn die Privatbankiers ein leichtes Übergewicht erhalten haben. Die verhältnismäßig große Zahl der biographischen Portraits von Privatbankiers lässt sich jedoch zumindest mit dem Argument rechtfertigen, dass die Geschäftspolitik der Privatbanken deutlich stärker durch Einzelpersönlichkeiten beeinflusst wurde als bei den Aktienbanken. Letztere wurden in aller Regel von einem Kollegialvorstand unter dem formellen oder informellen Vorsitz eines Vorstandsvorsitzenden oder eines „primus inter pares“ geleitet. Nur die Auswahl des Kölner Privatbankiers Iwan D. Herstatt, der 1974 für den aufsehenerregendsten Bankenkonkurs der Nachkriegsgeschichte Verantwortung trug, erscheint vor dem Hintergrund rationaler Kriterien wie der Größe und der wirtschaftlichen Macht des Bankhauses sowie des Beitrags des Beschriebenen für die Entwicklung des Bankgeschäfts gänzlich erratisch. Wenn überhaupt, so eignet sich der prominente Bankrotteur Herstatt als ebenso krasses wie kurioses Fallbeispiel für das Versagen unternehmerischer Risikokontrolle – aber nicht als ein typischer Repräsentant seines Berufsstands. Herstatt hatte nur deshalb eine (unbeabsichtigte) innovative Wirkung, weil der Konkurs seiner Bank die Gründung eines Einlagensicherungsfonds initiierte und die Bankenaufsicht nunmehr Routineprüfungen vornehmen konnte. Der eher journalistische Beitrag über Herstatt vermittelt Einblicke in das Geschäftsgebaren eines Mannes, der seinen kometenhaften Aufstieg vor allem einem illegitimen und dysfunktionalen Vetter des „Rheinischen Kapitalismus“ verdankte: dem „Kölschen Klüngel“.

Zwei der Beiträge (Lothar Gall über Hermann Josef Abs und Avraham Barkai über Oscar Wassermann)[2] sind lesenswerte Zusammenfassungen von Biographien, die in den letzten beiden Jahren über die vielleicht bedeutendsten Bankierpersönlichkeiten der Nachkriegszeit und der Weimarer Republik erschienen sind. Die Beiträge über Carl Friedrich Goetz, Jakob Goldschmidt und Karl Rasche (Dresdner Bank/Danat Bank) sowie über Hanns Deuß, Paul Lichtenberg und Curt Joseph Sobernheim (Commerzbank) stammen von Historikerinnen und Historikern, die sich im Rahmen von großen Forschungsprojekten zur Geschichte der Dresdner Bank und der Commerzbank während des „Dritten Reiches“ sehr intensiv mit der Geschäftspolitik der Banken, den Handlungsoptionen und Handlungsmotiven ihrer Manager sowie mit den personellen und organisatorischen Kontinuitäten von 1933 (und davor) bis über 1945 hinaus beschäftigt haben.[3] Obwohl die kritische Analyse unternehmerischen Handelns im Nationalsozialismus im Zentrum des Erkenntnisinteresses steht, werden epochenübergreifende Fragestellungen nicht vernachlässigt. Auch die Beiträge über die Deutsche Bank-Vorstände Arthur von Gwinner, Karl Helfferich und Emil Georg von Stauß profitieren von der enormen Sachkenntnis, dem souveränen Forschungsüberblick und der methodischen Sicherheit der Autoren sowie dem fortgeschrittenen Stand der Forschung.

All die genannten Beiträge – aber auch viele der anderen biographischen Abrisse – sind quellengesättigt und stehen auf dem Boden einer mittlerweile sehr differenzierten und methodisch reflektierten Forschung, die in den letzten 15 Jahren große Fortschritte gemacht hat. Mehrere der ausgewählten Vorstandsmitglieder von Großbanken und der Privatbankiers stehen paradigmatisch für die Entwicklung bestimmter Geschäftsfelder wie des Wertpapierhandels (Jakob Goldschmidt), die internationalen (Familien)netzwerke der privaten Merchant Banker (Max Warburg), das traditionelle Konsortialgeschäft (Oscar Wassermann), die aggressive unternehmerische Expansion in das von Deutschland besetzte Ostmitteleuropa (Karl Rasche), die Reintegration der deutschen Großbanken in das internationale Bankgeschäft (Hermann Josef Abs), die Schaltstellenfunktion der Banken in der „Deutschland AG“ (Friedrich Wilhelm Christians, Jürgen Ponto) und die Europäisierung der deutschen Großbanken in den 1980er-Jahren (Alfred Herrhausen). Auch die verschiedenen Typen des unternehmerischen Strategen und des politischen Bankiers wie der opportunistische industrielle Netzwerkspezialist (Emil Georg von Stauß), der öffentlich engagierte Politikberater (Robert Pferdmenges) und der Wanderer zwischen Ministerialverwaltung, Zentralbank und Privatwirtschaft (Karl Blessing, Otto Schniewind) werden an biographischen Beispielen erläutert.

Viele, aber nicht alle Beiträge werden hohen Qualitätsansprüchen gerecht. Die Beiträge über zwei führende Banker der 1970er- und 1980er-Jahre (Christians und Herrhausen) können sich noch nicht auf fundierte quellengestützte Studien zur historischen Einordnung dieser Epoche in die neuere Bankengeschichte stützen und stehen von ihrer Schreibweise und ihrer mangelnden analytischen Tiefe viel näher am postumen journalistischen Portrait als an einer exemplarischen historischen Biographie.

Die kurze biographische Skizze über Hans Luther vervollständigt zwar die Reihe der Notenbankpräsidenten Schacht und Blessing, ist aber deutlich zu knapp, um tiefere Einblicke in die gescheiterte Währungspolitik der Weltwirtschaftskrise zu vermitteln. Auch die Relativierung des aggressiven Arisierers Karl Rasche (Dresdner Bank) als „ehrgeiziger, karrierebewusster Bankmanager“(S. 348) fordert Widerspruch: Sein verhältnismäßig später Eintritt in die NSDAP und die SS (1939) kann nicht als Beleg für ein rein opportunistisches Verhalten gewertet werden, da Rasche die engen Geschäftsbeziehungen seines Vorstandskollegen Emil Meyer zur SS bereits zuvor rückhaltlos unterstützte. Darüber hinaus schlug Rasche 1937 auf Drängen Himmlers ein Aufsichtsratsmandat bei der Kaufhof AG aus, um sich gut mit den warenhausfeindlichen Wirtschaftsideologen in der NSDAP zu stellen.

Ungeachtet der fehlenden methodischen Einführung und des fehlenden Resümees ist dieser Band eine qualitativ gute Zusammenstellung von lesenswerten und forschungsrelevanten Portraits, die für den Einstieg in die Bankengeschichte hilfreich sind und die Neugier nach detaillierten monographischen Darstellungen wecken können. Nach dem Erscheinen dieses Bandes bleibt ein biographischer Sammelband dieser Qualität zur Geschichte der deutschen Industriellen oder zur Geschichte der deutschen Medienunternehmer ein umso stärkeres Desiderat.

Anmerkungen:
[1] Gall, Lothar, Der Bankier Hermann Josef Abs, München 2004; Priemel, Kim Christian, Flick. Eine Konzerngeschichte vom Kaiserreich bis zur Bundesrepublik, Göttingen 2007; Kopper, Christopher, Hjalmar Schacht, München 2006.
[2] Barkai, Avraham, Oskar Wassermann und die Deutsche Bank. Bankier in schwieriger Zeit, München 2005.
[3] Henke, Klaus-Dietmar (Hrsg.), Die Deutsche Bank im Dritten Reich, 4 Bde., München 2006. Zur Commerzbank bisher veröffentlicht: Herbst, Ludolf; Weihe, Thomas (Hrsg.), Die Commerzbank und die Juden 1933-1945, München 2004.

Zitation
Christopher Kopper: Rezension zu: Pohl, Hans (Hrsg.): Deutsche Bankiers des 20. Jahrhunderts. Stuttgart  2007 , in: H-Soz-Kult, 06.02.2008, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-10566>.
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Veröffentlicht am
06.02.2008
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