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Titel
Linke Gewalt. Der kurze Weg zur RAF


Autor(en)
Rabehl, Bernd
Erschienen
Schnellroda 2007: Edition Antaios
Umfang
79 S.
Preis
€ 8,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Martin Jander, Berlin

Der Titel des neuen Essays von Bernd Rabehl täuscht. Der emeritierte Soziologe, der seine Publikationen seit 1998 überwiegend in rechtslastigen Verlagen und Zeitschriften vorlegt[1], analysiert im Kern nicht die verschiedenen Wurzeln linker Gewalt nach dem Nationalsozialismus. Er malt hauptsächlich weiter an seinem Bild von Rudi Dutschke, wie er das bereits in zwei früheren Publikationen getan hat.[2] Das neue Bändchen hat sechs Unterkapitel, von denen das Kapitel über Dutschke und den Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) am längsten geraten ist. Rabehl unternimmt in dem Essay einen schnellen Ritt durch die Geschichte der Linken in der Bundesrepublik; er sucht die Quellen und Gründe ihres Verhältnisses zur Gewalt zu bestimmen.

Woher kamen also die Rote Armee Fraktion (RAF), die Bewegung 2. Juni und die Revolutionären Zellen (RZ)? Darauf gibt Rabehl, der mehrere Gründer terroristischer Gruppen gut kannte, eine falsche Antwort. Er schreibt dazu: „Die RAF kam zwar aus der Radikalität der APO, sie war jedoch deutlich getrennt von der Organisationsfrage, wie sie in der antiautoritären Linken diskutiert worden war. Sie folgte auf keinen Fall den Überlegungen von Dutschke, in denen die illegale Gewalt nur eine beschränkte Bedeutung besaß und Bestandteil einer Massenbewegung und alternativen ‚Szene’ sein musste.“ (S. 66f.) Falsch ist diese Formulierung insofern, als Dutschke der erste war, der die Theorien der Guerilla in die Organisationsdebatte des SDS einbrachte – Theorien, die später von den Gründern der linksterroristischen Gruppen rezipiert und in veränderter Form angewandt wurden. Dutschke hat für das Nachdenken über eine Guerilla-Bewegung in der Bundesrepublik bereits im September 1967 in dem „Organisationsreferat“ plädiert, das er zusammen mit Hans-Jürgen Krahl auf der 22. Delegiertenkonferenz des SDS in Frankfurt hielt.[3] Dutschke und Krahl formulierten: „Die ‚Propaganda der Schüsse’ (Che) in der ‚Dritten Welt’ muß durch die ‚Propaganda der Tat’ in den Metropolen vervollständigt werden, welche eine Urbanisierung ruraler Guerilla-Tätigkeit geschichtlich möglich macht. Der städtische Guerillero ist der Organisator schlechthinniger Irregularität als Destruktion des Systems der repressiven Institutionen.“

Statt Dutschke nennt Rabehl in seinem Essay eher Dieter Kunzelmann und andere aus dem Umkreis der Kommune 1, die aus philosophischen und ästhetischen Diskussionen um die Entfremdung des Individuums in der modernen Gesellschaft heraus mit der Gründung „revolutionärer Kommunen“ und noch später mit der Gründung der Tupamaros Westberlin (TW) ihren Anteil an der Formierung des linken Terrors hatten. (Einige Mitglieder der TW wiederum gründeten die Bewegung 2. Juni.) Dass aus der Idee eines neuen unentfremdeten Menschen, die in der Kommune 1 um Kunzelmann ventiliert wurde, ein Ansatz terroristischer Gewalt hervorging, ist nicht zu bestreiten. Dass Dutschke sich nach dem auf ihn verübten Attentat immer gegen den Terrorismus als Strategie aussprach, ist ebenfalls richtig. Sucht man jedoch nach den ideellen Voraussetzungen für die Gründung terroristischer Gruppen in der Bundesrepublik, dann muss man Dutschke, wie die neuere Forschung das auch tut, deutlich mit benennen.[4]

Wie in seinen beiden letzten Publikationen versucht Rabehl Dutschke vor allem als nationalen Denker zu präsentieren. Dutschkes Absichten beschreibt er wie folgt: „Ziel war das Konzept der nationalen Befreiung für die beiden Teile Deutschlands (und damit Europas), damit so etwas wie eine ‚nationale Autonomie’ gegenüber den USA oder der Sowjetunion gewonnen werden könnte.“ (S. 37) Was genau Dutschke unter Nation verstand, bestimmt Rabehl jedoch nur sehr mangelhaft. Er behauptet, Dutschkes Nationalismus „hatte keine Ähnlichkeiten mit den romantischen oder völkischen Auffassungen von Volk oder Nation“ (ebd.). Das freilich ist seit langer Zeit heftig umstritten. Wolfgang Kraushaar, der sich in der Forschung am intensivsten mit dem nationalen Denken Dutschkes auseinandergesetzt hat, schrieb: Dutschke „hat sich nicht nur ohnehin nicht gescheut, die schier bodenlosen Probleme der Deutschen mit dem Terminus Nation fassen zu wollen, sondern er hat diese zudem auch noch als Ursprüngliches, als etwas Substantielles gedacht“.[5] Da Rabehl jedoch die nationalrevolutionäre Position Dutschkes für heute beerben möchte, scheint ihm ein kritischer Zugang zu dessen nationalen Positionen nicht angebracht. Am Ende seines Essays formuliert der Autor als eigene Positionsbestimmung für die Gegenwart: „Die Globalisierungsgegner bleiben in ihrem Internationalismus ohne Substanz, solange sie nicht die nationale Frage stellen und die nationale Selbstbehauptung der einzelnen Völker und Nationen als das begreifen, was sie ist: das Bollwerk gegen die grenzenlose Vernutzung“ (S. 75).

Mit den Ursprüngen und Wurzeln linker Gewalt und des Terrorismus im postnationalsozialistischen Deutschland beschäftigt sich Rabehl somit nur sehr kursorisch. Vor allem nimmt er seinen toten Freund Dutschke in Schutz. Er sieht ihn nicht verantwortlich für die Entstehung linksterroristischer Organisationen, sondern vielmehr als möglichen Ideengeber für nationales und nationalistisches Denken in der Gegenwart.

Anmerkungen:
[1] Am 6.12.1998 hielt Rabehl vor der rechtsradikalen Burschenschaft „Danubia“ einen Vortrag mit dem Titel „Nationalrevolutionäres Denken im antiautoritären Lager der Radikalopposition zwischen 1961/1980“. Seither wird er wegen seiner nationalistischen Positionen heftig kritisiert.
[2] Rabehl, Bernd, Feindblick. Der SDS im Fadenkreuz des Kalten Krieges, Berlin 2000; ders., Rudi Dutschke. Revolutionär im geteilten Deutschland, Dresden 2002.
[3] Den Text dieses lange als verschollen geltenden Referates findet man im Internet unter <http://www.glasnost.de/hist/apo/67dutschke.html> (22.1.2008).
[4] Kraushaar, Wolfgang, Rudi Dutschke und der bewaffnete Kampf, in: ders.; Wieland, Karin, Reemtsma, Jan Philipp, Rudi Dutschke, Andreas Baader und die RAF, Hamburg 2005, S. 13-50; überarbeitet auch in: ders. (Hrsg.), Die RAF und der linke Terrorismus, Bd. 1, Hamburg 2006, S. 218-247. Dieser Artikel hat eine Debatte ausgelöst, die 2005 vor allem in der „taz“ geführt wurde.
[5] Kraushaar, Wolfgang, Rudi Dutschke und die Wiedervereinigung, in: ders., 1968 als Mythos, Chiffre und Zäsur, Hamburg 2000, S. 128.

Zitation
Martin Jander: Rezension zu: : Linke Gewalt. Der kurze Weg zur RAF. Schnellroda  2007 , in: H-Soz-Kult, 24.01.2008, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-10647>.
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Veröffentlicht am
24.01.2008
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