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Titel
Stadt der Schieber. Der Berliner Schwarzmarkt 1939-1950


Autor(en)
Zierenberg, Malte
Erschienen
Göttingen 2008: Vandenhoeck & Ruprecht
Umfang
349 S.
Preis
€ 36,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jürgen Schmidt, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung

Was gibt es Verlockenderes, aber auch Riskanteres als sich in einer Dissertation einem Thema zuzuwenden, von dem die meisten denken, alles sei gesagt, viel Neues nicht zu finden und das darüber hinaus noch überlagert ist von Bildern im kollektiven Gedächtnis sowie der individuellen Überlieferung von Generation zu Generation? Malte Zierenberg hat sich in seiner Arbeit dieser Herausforderung gestellt und sich dem Thema des Schwarzmarktes in Berlin zugewandt. Das Thema ist – wie die umfangreichen Anmerkungen und Literaturverweise im entsprechenden Abschnitt der Einleitung deutlich machen – besser erforscht als der Autor dies den Lesern versucht nahezulegen. Was wirklich neu und aufregend ist, ist der gewählte Zugang. Durch die Verbindung der Kultur- und Alltagsgeschichte mit der Wirtschaftsgeschichte gelingt es Zierenberg aus einem scheinbar bekannten Thema neue Funken zu schlagen. Er analysiert zum einen kulturgeschichtliche Aspekte: alltägliche Tauschpraktiken, Raum- und Zeiterfahrungen, die Bildung von Netzwerken, Diskurse über Schieber sowie Kategorien des Vertrauens und der Kontakte. Auf der anderen Seite wird der Schwarzmarkt als wirtschaftliches Phänomen Ernst genommen, und – soweit dies möglich ist – Warenströme, Anbieter, Kunden, Verteilungslogiken und Ausbildung der Marktplätze untersucht. Zentraler begrifflicher Bezugspunkt ist dabei der des Tauschens, der sowohl auf der Mikroebene des unmittelbaren Kontakts zwischen zwei Marktteilnehmern mit seinen vielfältigen Konnotationen als auch auf der diskursiven Ebene des „Bedeutungstausches“ untersucht wird.

Neben Einleitung und Schluss gliedert Zierenberg seine Arbeit in fünf chronologisch aufeinander aufbauende Teile, die von der Schwarzmarktzeit nach dem Ersten Weltkrieg bis Anfang der 1950er-Jahre reichen. Der Rückblick auf die Zeit nach 1916 ist für den Autor zwingend notwendig, da die Bilder des Steckrübenwinters 1916/17 und des Schwarzmarktchaos mit seinen Tauschpraktiken in der Frühphase der Weimarer Republik als Referenzpunkte wirkten, gegen die sich sowohl die nationalsozialistische als auch die alliierte Versorgungspolitik versuchte abzusetzen. Die Abneigung gegen den Tauschbegriff ging nach Meinung Zierenbergs so weit, dass die nationalsozialistische Propaganda – auf die persönliche Bindung an den „Führer“ abgestimmt – im semantischen Feld des Tausches mehr und mehr auf Begriffe der „Gabe“ und des „Geschenkes“ auswich.

Im zweiten Teil wird eindrücklich belegt, dass der Schwarzmarkthandel nicht erst nach Kriegsende einsetzte, sondern bereits unter dem Nationalsozialismus begonnen hatte. Der Handel fand allerdings – zumindest bis zum letzten Kriegsjahr – nicht in der Öffentlichkeit, sondern in privaten, weitverzweigten Netzwerken statt. An einem Einzelbeispiel, das durch die nationalsozialistischen Verfolgungsbehörden in den Quellen sehr gut dokumentiert ist, zeigt Zierenberg facettenreich die Vielfalt eines solchen Netzwerks auf. Er analysiert die Kontaktanbahnung im familiären, nachbarschaftlichen und arbeitsplatzbezogenen Umfeld, die Chancen und Risiken enthielt. Einerseits war der Erstkontakt relativ ungefährlich, da man die betreffende Person zumindest etwas besser kannte, andererseits war gerade in der Nachbarschaft und am Arbeitsplatz eine hohe Sozialkontrolle gegeben, so dass man sich nicht schnell aus der Anbahnung zurückziehen konnte. Auf Grund von 500 Verurteilungen wegen Kriegswirtschaftsverbrechen (70 Prozent Männer, 30 Prozent Frauen) kann Zierenberg auch eine grobe Einschätzung der Marktteilnehmer geben. Beteiligt waren meist mittlere bis ältere Alterskohorten, bei Männern waren dies die über 40jährigen, Frauen waren etwas jünger. Männliche Angeklagte waren zu je 20 Prozent als untere Angestellte/Beamte oder Selbständige tätig, bei Frauen überwogen mit über 40 Prozent die unteren Angestellten. Nicht erwähnt wird leider, zu welchen Strafen die Angeklagten verurteilt wurden. Dies wäre durchaus notwendig gewesen, um die unterschiedlichen Bedingungen des Schwarzmarktes und die Entwicklung zwischen Nationalsozialismus und Nachkriegszeit zu verdeutlichen. Denn bereits ab dem Spätherbst 1944 zeichnete sich nach Zierenberg ein Übergang zu quasi öffentlichen Schwarzmärkten ab, der aber offensichtlich erst nach der Kriegsniederlage wirklich aufblühte: „Der Übergang von zufälligen oder eigenen individuell verabredeten Tauschbegegnungen hin zu Marktplätzen mit relativ festen Handelszeiten und einer alternativen Marktordnung begann mit den […] Übergangsphänomenen zwischen Zerstörung, Orientierungslosigkeit und neuen Ordnungsmustern“ (S. 199). Es bleibt somit die Frage, ob nicht doch von zwei unterschiedlichen Schwarzmarkttypen auszugehen ist und eher der Bruch als die Kontinuität betont werden sollte.

Dem Schwarzmarkt der Nachkriegszeit widmet Zierenberg den größten Teil der Arbeit. Zunächst schildert er im dritten Teil knapp die Chaos- und Umbruchsituation des Jahres 1945, in der „Raumbezüge des städtischen Alltags“ verloren gingen und die „zeitliche Organisation des Berliner Lebens aus dem Takt“ gerieten. Der vierte Teil wendet sich ausführlich der Zeit des Schwarzmarktes zwischen Kapitulation und Währungsreform zu – gewissermaßen der klassischen Phase des Schwarzmarktes. Hier wird noch einmal die ganze Palette von Zierenbergs Ansatz sichtbar. In „dichter Beschreibung“ und mit Hilfe von Erving Goffmanns und Adam Kendons Interaktionsmodellen werden die Schwarzmarktpraktiken entschlüsselt. Der Schwarzmarkt war demnach kein chaotisches Treiben, sondern folgte „in Wahrheit Regeln, die unterschiedliche Rollen- und Interaktionsmuster, Körperpositionen und Praktiken so erfolgreich in Einklang brachten, dass der konfliktträchtige Handel zu einer dauerhaft funktionierenden, sozialen wie räumlichen Institution des Berliner Alltags werden konnte“ (S. 212f.).

Freilich macht Zierenberg auch auf die Schattenseiten dieser Institution aufmerksam. Käufer hatten keinerlei Sanktionsmöglichkeiten gegenüber den Händlern, wenn die Qualität der gekauften/getauschten Waren nicht stimmte. Mit dem Auftauchen alliierter Soldaten auf den Märkten machten sich „Inferioritätserfahrungen“ breit. Unterschiede zwischen ‚Starken’ und ‚Schwachen’ wurden radikal ausgenutzt. Zudem werden auch die Eingriffe der Politik in das Schwarzmarktgeschehen betrachtet, die durch Razzien oder – halbherzige – Legalisierungsbestrebungen versuchte Einfluss zu nehmen. Insgesamt kamen die Politiker aber nicht über eine „Symbolpolitik“ hinaus. Dies war auch nicht weiter verwunderlich, da viel zu viele Menschen an diesen illegalen Aktionen beteiligt waren. Während der öffentliche Diskurs das Negativbild des Schiebers propagierte, der sich auf Kosten der Masse ein Leben in Luxus gönnte, wurde das eigene Tun bagatellisiert oder in anderen Kategorien des Notbehelfs legitimiert.

Mit der Währungsreform erledigte sich das Thema Schwarzmarkt keineswegs, wie der letzte Teil zeigt, der die „Straßenökonomie zwischen Währungsreform und ‚Wirtschaftswunder’“ behandelt. Für Berlin war dies zunächst auch nicht weiter überraschend, da mit der Blockade und der Luftbrücke der ‚Anreiz’ zu alternativen Wirtschaftsformen bestehen blieb – dies übrigens ein Aspekt, den Zierenberg nicht weiter vertieft.

Die Bedeutung des Schwarzmarktes für die Wirtschaftspolitik der Bundesrepublik wird durch ein Zitat von Alfred Müller-Armack, einem der ‚Väter’ der sozialen Marktwirtschaft deutlich. Danach, so betont auch Zierenberg, trugen die negativen Erfahrungen der Schwarzmarktzeit mit ihrer „’mehr und mehr versagenden Wirtschaftslenkung und der Währungs-Unordnung’“ (S. 313) zur Akzeptanz der sozialen Marktwirtschaft bei.

Beeindruckend nah führt Zierenberg die Leser an die Tauschgeschäfte auf den Schwarzmärkten der Kriegs- und Nachkriegszeit heran. Der eine oder andere geradezu feuilletonistisch-impressionistische Einsprengsel ist immer an Quellen rückgebunden und zeigt, wie vielfältig dieses Thema in neuem Licht dargestellt werden kann. Einige Wiederholungen fallen zwar auf (wie zum Beispiel der Hinweis auf den Übergang von der privaten zur öffentlichen Schwarzmarktzeit), wirken aber nicht störend. Es bleibt die Frage, ob die Schwarzmarktprozesse auf ihren Tauschcharakter reduziert werden können und nicht auch der Kauf als gleichberechtigter weiterer Prozess in die Analyse einbezogen werden sollte?[1] Solche Fragen zeigen aber eher das Potential, das in dieser Arbeit steckt, als dass sie sie prinzipiell in Frage stellen.

Anmerkung:
[1] Die Berliner Polizei ermittelte regelmäßig die Preise für die auf dem Schwarzmarkt angebotenen Waren. Vgl. Jürgen Schmidt (Hrsg.), Rote Rüben auf dem Olivaer Platz. Quellen zur Ernährungskrise in der Nachkriegszeit Berlins 1945-1949, Berlin 2008, S. 205-207.

Zitation
Jürgen Schmidt: Rezension zu: : Stadt der Schieber. Der Berliner Schwarzmarkt 1939-1950. Göttingen  2008 , in: H-Soz-Kult, 23.12.2008, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-10671>.
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23.12.2008
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