Cover
Titel
Kazakhstan. Ethnicity, Language and Power


Autor(en)
Dave, Bhavna
Erschienen
London 2007: Routledge
Umfang
256 S.
Preis
€ 116,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Robert Kindler, Lehrstuhl Geschichte Osteuropas, Humboldt-Universität zu Berlin

Bhavna Dave behandelt in „Kazakhstan. Ethnicity, Language and Power“ ein wichtiges Problem: Wie ist es um die nationale Identität der Kasachen bestellt und welche politischen, sozialen und kulturellen Entwicklungen trugen dazu bei, dass sie zu jenen wurden, die sie heute sind? In ihrer Antwort konzentriert sie sich auf den russischen bzw. sowjetischen Einfluss auf die kasachische Gesellschaft. In den Worten der Autorin klingt dies so: „Das entscheidende Argument dieses Buches ist, dass die Darstellung sowjetischer Herrschaft in Kasachstan und Zentralasien als überwiegend kolonial oder imperial und die Porträtierung der Zentralasiaten als machtlose Subjekte und Rezipienten sowjetischer Modernität sowohl simplifizierend als auch ungenau ist. Das Buch lenkt die Aufmerksamkeit auf die Hybridität postsowjetischer Identitäten und Institutionen in der Region und auf die umfassende Mitwirkung gewöhnlicher Menschen an der Konstruktion des sowjetischen Staates und neuer nationaler Identitäten“ (S. 5).[1]

Diese keineswegs neue These von den Angeboten und Drohungen des Staates auf der einen und der kollektiven Aneignung offizieller Diskurs- und Sprechpraktiken auf der anderen Seite und dem letztendlichen Entstehen neuer Identitäten ist es, die dem Buch Struktur verleihen soll. In einem ersten, vier Kapitel umfassenden Teil wird nach jenen Prozessen gefragt, die die Kasachen dazu brachten, sich ins sowjetische System zu integrieren und dabei eine Identität zu entwickeln, die gleichermaßen ethnisch und international, also „sowjetisch“, gewesen sei. Im zweiten Teil geht es darum, wie sowjetische Identitätskategorien, Institutionen und Praktiken die postsowjetische Ordnung bestimmen würden. Im Folgenden soll versucht werden, drei der wichtigsten im Buch angesprochenen Probleme zu skizzieren: Wie und warum integrierten sich die Kasachen in die sowjetische Ordnung? Wie entwickeln sich sowjetisch geprägte Identitäten in postsowjetischen Verhältnissen? Und schließlich: Welche Konsequenzen hatte die „Entdeckung“ einer kasachischen Identität für die nationalen Minoritäten der Republik?

Begünstigt durch die Nationalitätenpolitik der Bolschewiki entwickelten die Kasachen ein subalternes Selbstbewusstsein, in dem zwei Aspekte miteinander verknüpft waren, so die Autorin: Einerseits akzeptierten ethnische Kasachen ihre Position in der Völkerhierarchie der Sowjetunion und andererseits verbanden sie mit ihrem Status Erwartungen und Ansprüche an das System, wobei sich letztere jedoch nur zu dessen Bedingungen artikulieren ließen. Die Katastrophenerfahrung der Hungersnot zu Beginn der 1930er-Jahre habe alle Versuche einer Etablierung nationaler kasachischer Diskurse unmöglich gemacht. Und in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg setzten sich Kasachen, wo immer sie sich in der Öffentlichkeit ihrer Muttersprache bedienten, dem Risiko aus, als „Nationalisten“ gebrandmarkt zu werden. Zugleich habe sich die russische Sprache als immer wichtigere Grundvoraussetzung für den sozialen Aufstieg erwiesen, zumal in einer Sowjetrepublik, in der die Mitglieder der Titularnation über Jahrzehnte nicht die Bevölkerungsmehrheit stellten. Die „Russifizierung“ sei also sowohl von „oben“ gewollt, als auch von „unten“ angenommen und befördert worden. Für die Eliten war es wichtig, sich als „Internationalisten“, als „sowjetische Menschen“ zu inszenieren. Sie waren in die unterschiedlichen Patronage- und Klientelnetzwerke zwischen Moskau und Alma-Ata eingebunden: Ein zu offensives Ausspielen der „nationalen Karte“ hätte sich als hinderlich für individuelle Karrieren erwiesen. Zudem vermochten es die Kommunisten in Moskau durch eine geschickte Politik der Bevorzugung von Titularnationen und dem gleichzeitigen Verbot, nationale Bedürfnisse öffentlich zu artikulieren, die Eliten in gleichem Maße zu Produkten und Profiteuren dieser Politik werden zu lassen.

Diese umfassende Integration der kasachischen Nomenklatura in die Netzwerke des sowjetischen Staates habe dazu beigetragen, dass sich die Eliten um den damaligen Parteichef und heutigen Präsidenten Kasachstans, Nursultan Nasarbajew, erst sehr spät dazu entschließen konnten, die Unabhängigkeit zu proklamieren. Von nationalem Pathos und patriotischer Euphorie war im Dezember 1991 nur wenig zu spüren. Vielmehr regierten angesichts der prekären Zukunftsaussichten Unsicherheit und Misstrauen. Doch es gelang jenen, die als „Internationalisten“ in der Sowjetunion Karriere gemacht hatten, sich nun als Patrioten zu inszenieren und, was wesentlich wichtiger war, die entscheidenden Machtpositionen zu behaupten. In den Jahren nach 1991 erkennt Dave zwei parallel laufende Prozesse: einen Transformationsprozess ohne Regimewechsel und den Versuch, eine nationale Identität zu etablieren, die sich, anders als etwa im Fall Georgiens oder der Ukraine, nicht aus dem Konflikt mit und der bewussten Abgrenzung von Russland speist.

Dies ist der Punkt, an dem die Grundthese des Buches erstmals auf schwankendem Grund steht: Die kasachischen Verhältnisse stellen im postsowjetischen Raum keine Ausnahme dar. Zudem sind nicht überall dort, wo nationale Diskurse tendenziell antirussisch konnotiert sind, neue Eliten in die entscheidenden Positionen aufgestiegen. Wie also kann das Argument von der besonders „sowjetischen“ Republik Kasachstan und der außerordentlichen Integration ihrer Eliten hier als Explanans dienlich sein? Noch ein weiterer Aspekt kommt hinzu: Dass Funktionäre auf das Engste mit der Ordnung des Sowjetstaates verbunden waren, vermag nicht zu überraschen. Viel interessanter wäre es doch, nach den Loyalitäten und Identitäten breiterer Bevölkerungsschichten zu fragen – ein Anliegen, das eingangs auch formuliert wird. So müsste etwa erklärt werden, auf welche Weise sich etwa kasachische Kolchosbauern, deren Familien in den 1930er-Jahren verhungert waren, als sowjetische Menschen begreifen konnten und wie sich diese Identitäten nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion transformierten. Es erscheint zweifelhaft, ob Aussagen, die auf die multiethnischen Regionen im Norden und Osten Kasachstans mit einem hohen Anteil russischer und europäischer Bevölkerungsgruppen zutreffen, auch im kasachisch und eher traditionell geprägten Süden oder gar in den zentralen Steppengebieten Gültigkeit besitzen.

Denn in den multiethnischen Regionen Kasachstans erlangte die russische Sprache nicht nur deshalb einen solch prominenten Status, weil sie sozialen Aufstieg verhieß, sondern weil sie allein die Kommunikation zwischen Kasachen und Europäern zu garantieren vermochte. Im stärksten Teil der Studie widmet sich Dave der Sprachpolitik und dem Nationalisierungsprojekt der kasachischen Führung nach 1991. Warum provozierte die offenkundige Bevorzugung des Kasachischen keine substantiellen Proteste der Russen? Dave macht hier eine Reihe von Gründen aus, die von der massenhaften Emigration russischsprachiger Bevölkerungsgruppen über die Differenz zwischen statistischer und tatsächlicher Implementierung des Kasachischen als Amtssprache bis hin zu dem Umstand reichen, dass Russisch seinen Status als interethnische Verkehrssprache noch immer nicht eingebüßt habe. Vor allem aber seien die viel diskutierten Sprachgesetze relativ moderat und als Versuch der Regierung zu begreifen, keine Diskussion über nationale Identität und Kultur aufkommen zu lassen. Der Status des Russischen als „offizieller Sprache“ dürfe nicht als Bevorzugung der russischen Bevölkerung begriffen werden, sondern als Entscheidung für jene Kasachen, die eben nur dieser Sprache mächtig seien. Das Gesetz betone lediglich symbolisch die Superiorität des Kasachischen, de facto sei es jedoch dazu gemacht, das soziale Gleichgewicht nicht zu erschüttern.

Warum ist das wichtig? Bhavna Dave zeigt, dass es für die herrschenden Eliten vor allem von Bedeutung ist, Kasachstan als „Oase der Stabilität“ zu inszenieren und ethnische Konflikte zu vermeiden. Zugleich sei die Sprachpolitik auch Ausdruck des grundsätzlichen Problems, vor dem Kasachstan stehe: Die Eliten hätten sich nicht entschieden, ob sie den Weg einer Nationalisierung, also einer „Kasachisierung“, die sich auf die Klans und traditionellen Institutionen kasachischer Kultur berufen könnten, gehen, oder die so genannte „civic option“ wählen und einzelnen Statusgruppen tatsächliche Partizipationsrechte einräumen wollten. So interessant dieser Befund auch ist, der Schluss, den Dave daraus zieht ist ernüchternd: Kasachstan integriere Elemente beider Varianten in seine Politik, sei aber letztlich ein patrimonialer Staat, in dem von der „Nationalisierung“ allein die Netzwerke der Eliten profitieren würden.

Und so legt man das Buch mit gemischten Gefühlen aus der Hand. So kenntnisreich die Argumentation im Einzelnen ist und so erhellend viele der hier beschriebenen Zusammenhänge auch sind: In der Gesamtschau erweist sich die Darstellung als relativ redundant. Wenn etwa im ersten Kapitel dargelegt wird, wie der sowjetische Staat beschaffen gewesen sei und dann im darauf folgenden Abschnitt die Rede davon ist, wie sich die Kasachen in diese Gesellschaft integrierten und welche Motive sie dafür hatten, dann werden all jene Aspekte, von denen man schon las, noch einmal aufgeführt. In vier Kapiteln immer wieder aufs Neue über die Geschichte Kasachstans informiert zu werden, ist ermüdend. Mit dem beständigen Verweis auf das sowjetische Erbe grenzt sich die Autorin zwar von jenen Studien ab, in denen unablässig von Klans und Verwandtschaftsnetzwerken die Rede ist, wenn Macht- und Herrschaftsbeziehungen in Zentralasien thematisiert werden. Doch eine wirklich neue Geschichte erzählt sie nicht; sie tauscht nur das Vokabular.

Anmerkungen:
[1] Übersetzung aus dem Englischen durch den Verfasser

Zitation
Robert Kindler: Rezension zu: : Kazakhstan. Ethnicity, Language and Power. London  2007 , in: H-Soz-Kult, 14.10.2008, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-10713>.
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Veröffentlicht am
14.10.2008
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