K. Petzold: Soziologische Theorien in der Archäologie

Titel
Soziologische Theorien in der Archäologie. Konzepte, Probleme, Möglichkeiten


Autor(en)
Petzold, Knut
Erschienen
Saarbrücken 2007: VDM Verlag Dr. Müller e. K.
Umfang
132 S.
Preis
€ 49,00
Rezensiert für Clio-online und H-Soz-Kult von:
Gerson H. Jeute, Lehrstuhl Ur- und Frühgeschichte, Humboldt-Universität zu Berlin

Die Geschichte der vor- und frühgeschichtlichen Archäologie und insbesondere ihrer theoretischen Entwicklung lässt sich – stark vereinfacht – folgendermaßen beschreiben: Nach der antiquarisch geprägten Anfangsphase folgt mit dem 19. Jahrhundert eine erste wissenschaftliche Phase, in der Funde systematisch geordnet werden. An diese typologische und chronologische Betrachtungsweise schließt sich am Ende des 19. Jahrhunderts, vor allem aber zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine raumgreifende Sicht. Die Verteilung von vergleichbaren Funden führte nun zur Annahme von Kulturkreisen bis hin zur Postulierung von Lebensräumen einzelner Völker, einschließlich der damit verbundenen nationalistischen und nationalsozialistischen Auswüchse. Nach dem Zweiten Weltkrieg konzentrierte man sich zunächst wieder auf das Material, betrachtete von nun an aber auch den Kontext stärker, also die Befunde aus denen die Funde stammen. Dies führte mit der allgemeinen Verbreitung digitaler Rechentechnik zu einer weiteren Entwicklung, in der Ergebnisse und Strukturen zusammengefasst und mit Modellen beschrieben wurden. Diese Strömungen lassen sich unter der Bezeichnung Prozessuale Archäologie zusammenfassen. Daraus und ihr entgegen entwickelte sich die Postprozessuale Archäologie bzw. Postprozessuale Kritik, die den Modellen einen stärker individuellen Einfluss des Menschen entgegenhält. Die Diskussion um diese theoretischen Strömungen fasste jedoch in Deutschland erst in den 1990er-Jahren Fuß.[1] Da eines der Hauptanliegen der Postprozessualen Kritik die Reflexion der eigenen archäologischen Arbeiten war, entwickelte sich – man kann bekanntlich über die Arbeit anderer besser reflektieren als über eigene – eine stärkere Beschäftigung mit der Forschungsgeschichte des Faches.[2] Dennoch sucht die Postprozessuale Kritik (aufgrund der von ihr aufgezeigten Widersprüche) nach einer eigenständigen Methodik.[3] Dies führte bislang zu ersten Ansätzen, einschließlich des kreativen Versuchs einer inversive archaeology. Eben bei dieser Suche nach einem Ausweg setzt die Arbeit von Petzold an, der sowohl Ur- und Frühgeschichte als auch Soziologie studiert hat und aus gemeinsamen Anknüpfungspunkten beider Fächer einen gangbaren Weg formulieren möchte.

Zur Erläuterung skizziert Petzold zunächst die archäologische Theoriediskussion. Dabei folgt er der gängigen Lehrmeinung, die strikt zwischen der deutschen und der englischsprachigen Diskussion unterscheidet und ersterer stets eine Theoriefeindlichkeit vorwirft. Jedoch sind auch prozessuale Techniken, beispielsweise Seriationen, bereits seit den 1970er-Jahren in beiden deutschen Staaten verstärkt zum Einsatz gekommen. Nachdem Petzold zunächst in einem weiteren Kapitel unter der Frage der archäologischen Erkenntnis Archäologie und Soziologie vergleicht, stellt er den Strukturell-individualistischen Ansatz (SIA) vor und unterzieht ihn verschiedener Vergleiche. Im Folgenden konzentriert er sich auf die „Theorie der Rationalen Wahl“, deren Formen, Begrifflichkeiten und archäologische Anwendungsmöglichkeiten den Schwerpunkt des vorliegenden Bandes ausmachen. Die Theorie der Rationalen Wahl postuliert, dass kollektive Sachverhalte durch individuelles Handels bestimmt werden. Zur Klärung der sozialen Phänomene müssen also die individuellen Akteure näher betrachtet werden. Dies geht freilich nicht ohne weitere Hypothesen, die dem vorgeschichtlichen Menschen stets rationales Handeln unterstellen.

Den SIA wendet Petzold anhand eines Beispiels im Rahmen der „Logik des Erklärens“ exemplarisch an. Herangezogen wird dafür die Trichterbecherkultur, jene Phase des Frühneolitikums, in der Megalithgrabbauten (Dolmen, Steinkreise, Stelen, Großsteingräber) in Skandinavien, Norddeutschland und Polen weit verbreitet waren. In der Forschung finden sich sehr unterschiedliche Deutungen dieser Bauerngesellschaften, die Petzold in prozessuale und postprozessuale Lager einordnet. So konnte ein Grab eine exklusive Funktion in Opposition zur Natur darstellen und territoriales Verhalten der Gesellschaft ausdrücken oder es diente als direkte Verbindung zu den Vorfahren und bildete somit eine Kontrollfunktion der Reproduktion innerhalb der Gemeinschaft. Andere Interpretationen betonen den Aspekt der Machtverteilung, demnach in den Großsteingräbern nur Personen bestattet wurden, die damit ihren Machtanspruch unterstrichen (so genannte „big-men“-Theorie). Ebenso wird vermutet, dass die meist offenen Grabanlagen den unmittelbaren Zugang zum Tod ermöglichten. Die Lebenden waren somit nicht von den Toten getrennt. Letztlich sieht man die Monumente als Ausdruck eines Teils der prähistorischen Weltansicht, sie dienten als Vermittler zwischen der natürlichen und der übernatürlichen Welt. An all diesen Argumenten bemängelt Petzold, dass sie meist ad hoc-Behauptungen heranziehen und nutzt daher den SIA innerhalb der Theorie der Rationalen Wahl.

Im Explanandum stellt er zunächst die ihm wichtigste Frage, warum es diese megalithischen Monumente gibt. Hierfür beschreibt er auf der Makroebene das Aufkommen von Megalithbauten im Verbreitungsgebiet und präzisiert auf der Mesoebene durch eine detaillierte Beschreibung des verwendeten Materials. So folgt für ihn, dass Gemeinschaftsgräber mit kollektiven Bestattungen auch „Gemeinschaftsprojekte“ waren und der Bau eines megalitischen Monumentes also ein kollektives Gut darstellte. Beim Blick auf die Situation werden Makro- und Mikroebene verknüpft und es wird gefragt, welche Präferenzen und Restriktionen vorliegen. Demnach versuchten die neolitischen Akteure soziale Wertschätzung und physisches Wohlbefinden zu produzieren. Die nachweisbaren Restriktionen, beispielsweise ein demographischer Wandel und Veränderung der Wirtschaftsweise, sind zeit- und raumabhängig.

Dem folgen in der Selektion die Fragen, welche Wirkungen die Restriktionen auf die Handlungswahl der (individuellen und kollektiven) Akteure haben. Zur Beantwortung schaut Petzold auf das vorhergehende Mesolithikum, wo sich seiner Meinung nach Status noch nach dem Individualitätsprinzip, beispielsweise über Wissen und Besitz, produzieren ließ. Demnach trugen Jagd- und Sammelbeute als Lebensunterhalt sowie das nomadische Leben zum physischen Wohlbefinden bei. In der nachfolgenden Bauerngesellschaft wurde soziale Wertschätzung weniger über Besitz knapper Güter und über Wissen produziert, sondern eher über Affekt und Verhaltensbestätigung. Gemeinwohlstärkende Handlungen wurden bevorzugt und durch verschiedene Faktoren (Bevölkerungszunahme, Gruppengröße, nutzbares Land, Erwartungen der Mitmenschen) verstärkt. Petzold verweist weiterhin darauf, dass in einer frühen Bauerngemeinschaft – im Gegensatz zu Jäger- und Sammlergemeinschaften – das Gemeinwohl im Vordergrund steht. Somit hat „jeder Einzelne [...] ein Interesse am Bau eines ‚Gemeinschaftsprojektes megalithisches Monument’ mitzuwirken“ (S. 109). Die Aggretation stellt nun nur noch eine schlichte Summierung von Mikro-, Meso- und Makroebene dar: Da sich alle Bauern der Trichterbecherkultur an den anderen orientieren, kommt es zu massenhafter Errichtung megalitischer Monumente.

Aufgrund dieses Ergebnisses zieht Petzold ein positives Fazit der Anwendung des SIA, dessen Verfahren zwar die Problematik sehr übersichtlich abhandelt, jedoch – wie der Autor betont – nur als Hypothese angesehen werden kann. Der Erkenntnisgewinn des SIA ist allerdings in Relation zu anderen Verfahren höher und es können bekannte prozessuale und postprozessuale Argumentationen integriert werden. Dies ist jedoch nur möglich, wenn sich die Elemente archäologisch nachweisen lassen. So werden hier auch die Grenzen des vorgestellten Ansatzes sichtbar. Es bleibt aber Petzolds Verdienst, die Annäherung von Archäologie und Soziologie ein weiteres Stück vorangetrieben zu haben.

Anmerkungen:
[1] Als deutschsprachige Standardwerke: Bernbeck, Reinhard, Theorien in der Archäologie, Tübingen und Basel 1997; sowie Eggert, Manfred K. H.; Veit, Ulrich (Hrsg.), Theorie in der Archäologie: Zur englischsprachigen Diskussion. Tübinger Archäologische Taschenbücher 1, Münster et al. 1998.
[2] Als kleine Auswahl: Grünert, Heinz, Gustaf Kossinna (1858-1931). Vom Germanisten zum Prähistoriker. Ein Wissenschaftler im Kaiserreich und in der Weimarer Republik, Rahden 2002; Leube, Achim (Hrsg.), Prähistorie und Nationalsozialismus. Die mittel- und osteuropäische Ur- und Frühgeschichtsforschung in den Jahren 1933-1945, Heidelberg 2002; Steuer, Heiko (Hrsg.), Eine hervorragend nationale Wissenschaft. Deutsche Prähistoriker zwischen 1900 und 1995. Ergänzungsbände zum Reallexikon der germanischen Altertumswissenschaft 29, Berlin 2001; Biehl, Peter F. u.a. (Hrsg.), Archaeologies of Europe. History, Methods and Theories, Münster 2002.
[3] Zu den Schwierigkeiten exemplarisch: Mante, Gabriele, Gibt es eine postprozessuale Methodik? Zur Anwendbarkeit theoretischer Konzeptionen, in: Ethnographisch-Archäologische Zeitschrift 39 (1998), S. 595-606.

Zitation
Gerson H. Jeute: Rezension zu: : Soziologische Theorien in der Archäologie. Konzepte, Probleme, Möglichkeiten. Saarbrücken  2007 , in: H-Soz-Kult, 17.07.2008, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-10768>.
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Veröffentlicht am
17.07.2008
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