R. Doerries: Diplomaten und Agenten

Titel
Diplomaten und Agenten. Nachrichtendienste in der Geschichte der deutsch-amerikanischen Geschichte


Hrsg. v.
Doerries, Reinhard
Erschienen
Umfang
229 S.
Preis
€ 38,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Heike Bungert

Der vorliegende Sammelband ist ein gutes Beispiel dafür, wie nutzbringend die Erforschung der Tätigkeiten von Geheimdiensten für die Geschichte der internationalen Beziehungen wie auch für Militärgeschichte und politische Geschichte sein kann. In Deutschland beginnt die Geheimdienstgeschichte erst langsam Fuß zu fassen, obwohl sie in den angelsächsischen Ländern schon seit langem einen wichtigen Zweig der Geschichte darstellt. Alle Autoren sind ausgewiesene Kenner auf dem Gebiet der Geschichte der Nachrichtendienste.

Bis auf eine Ausnahme befassen sich alle Artikel mit den deutsch-amerikanischen Beziehungen. Zwei Beiträge (Reinhard Doerries und Michael Wala) beziehen sich auf die Tätigkeit deutscher Geheimdienste beziehungsweise Militärs in den Vereinigten Staaten zwischen 1914 und 1933. Die Artikel von Christof Mauch und Jürgen Heideking, dem der Band gewidmet ist, untersuchen die deutschlandpolitischen Aktivitäten des amerikanischen Geheimdienstes während des Zweiten Weltkrieges. Jürgen Rohwer gibt einen Überblick über die Entzifferung gegnerischer Fernmeldenachrichten im gleichen Zeitraum, vor allem bezogen auf England und die USA, während Wolfgang Krieger den Forschungsstand und die Quellenlage in den USA für eine Geschichte der Nachrichtendienste während des Kalten Krieges darlegt. Hinzu kommt ein Aufsatz von Ulrich Schlie über die bewegte Karriere des deutschen Spions Carl Marcus während des Zweiten Weltkrieges.

Der Band ist chronologisch angelegt. Doerries beginnt mit einer Skizze der Aktionen deutscher Agenten in den USA zwischen 1914 und 1918; die Agenten konzentrierten sich auf Sabotage und Propaganda und vernachlässigten die Gewinnung von Informationen über das militärische und industrielle Potential der Vereinigten Staaten. Die Deutschen gingen ihren Aktivitäten ohne irgendwelche Rücksichten auf amerikanische Sensibilitäten nach. Dadurch wurden die deutsch-amerikanischen Beziehungen zwischen 1914 und 1917 massiv beeinträchtigt. Im Jahre 1978 zahlte die Bundesrepublik Deutschland die letzten Raten für die Vernichtung einer Munitionsfabrik und eines Hafenterminals in New Jersey durch die deutschen Agenten (S. 31).

Wala untersucht anhand amerikanischer und deutscher Akten die wenig bekannten Beziehungen deutscher Militärs zu ihren amerikanischen Kollegen während der Weimarer Republik. Deutsche Offiziere ließen sich zwischen 1922 und 1929/1933 zu Studienreisen und Lehrgängen in die USA einladen, um dort - unter Missachtung von Protesten des Auswärtigen Amtes - Kenntnisse über dem Deutschen Reich untersagte Waffen zu sammeln. Obwohl die Offiziere nachrichtendienstlichen Tätigkeiten nachgingen, waren sie laut Aussage von Wala keine Spione, weil die Amerikaner in der Hoffnung auf gegenseitigen Informationsaustausch den Großteil des Materials freiwillig herausgaben. Der genaue Wert der gewonnen Informationen lässt sich nicht ermitteln, dennoch hat die Reichswehr wohl besonders auf den Gebieten der Heeresausrüstung, der Waffenentwicklung und der industriellen Mobilmachung von den “Studienreisen” profitiert.

Schlie befasst sich mit einer Einzelperson, mit Carl Marcus, der im Schatten des bekannteren Spions Karl Jahnke vermutlich für mehrere Länder, darunter das Deutsche Reich, die Sowjetunion, China und England, tätig war. Marcus scheint die Engländer von der Existenz eines deutschen Spions in der Umgebung des amerikanischen Botschafters in London, Joseph Kennedy, in Kenntnis gesetzt zu haben, und war womöglich in den Flug von Rudolf Hess nach England verwickelt. Nach dem Krieg hatte Marcus ein kurzes Gastspiel als Oberbürgermeister von Rheydt, wovon sich die Engländer wohl nachrichtendienstliche Vorteile versprachen, um 1948 in der Versenkung zu verschwinden.

Heideking und Mauch stellen die Ergebnisse ihrer Forschungen über die deutschlandpolitischen Aktivitäten des amerikanischen Geheimdienstes Office of Strategic Services (OSS) während des Zweiten Weltkrieges dar. Sie schildern sowohl konkrete Aktionen und Analysen als auch den Einfluss des Krieges gegen Deutschland auf den Aufbau vieler heute noch gültiger geheimdienstlicher Strukturen in den USA. Mauch macht klar, dass ein Großteil der einzelnen Aktionen des OSS gegen Deutschland nicht von Erfolg gekrönt waren, sie zusammengenommen aber eine Rolle spielten und vor allem den Spielraum eines Geheimdienst in einer Demokratie absteckten. Heideking führt aus, inwiefern die deutschlandpolitischen Prämissen und Diskurse des OSS in die amerikanischen Nachkriegsplanungen und die amerikanische Deutschlandpolitik einwirkten. Heideking befasst sich in seinem Aufsatz mit drei Teilgebieten; mit den Analysen der OSS-Forschungsabteilung, die auf einen Sturz Hitlers durch revolutionäre Kräfte und eine sozialistische Umgestaltung Deutschlands hoffte; mit der Instrumentalisierung des deutschen Widerstandes durch Teile des OSS; und mit der Suche nach Verbündeten für ein prowestliches Nachkriegsdeutschland durch das OSS-Büro in Bern unter Allen Dulles. Mauch beschäftigt sich ebenfalls mit Dulles und seiner antikommunistischen Einstellung, aber auch mit den realistischen Deutschlandanalysen der Forschungsabteilung, die einen langen Krieg vorhersagten, mit einer neuen Form von Medienkrieg, die als Vorläufer des Radio Free Europe bezeichnet werden kann, und mit den Projekten zur Infiltration Deutschlands durch Agenten aus dem deutschen Arbeiterwiderstand.

Schließlich enthält der Band noch zwei eher historiographische Beiträge. Rohwer schildert die Rolle der Funkaufklärung und -täuschung bei der Schlacht im Atlantik und der Invasion der Normandie und erläutert die Technik der SIGINT und COMINT, d.h. der Entzifferung gegnerischer Fernmeldenachrichten. Er legt dar, wie vor allem die Engländer den deutschen Funkverkehr anhand der Erbeutung einer Enigma-Schlüsselmaschine und der Dechiffrierung verschiedener Schlüsselkreise abhören konnten. Abschließend macht er klar, dass man Funkentschlüsselung nur im Zusammenhang mit anderen Aufklärungsmethoden sehen darf und dass SIGINT zur Verkürzung des Krieges beigetragen hat.

Kriegers Beitrag rundet den Band ab. Er erläutert die Quellenlage für eine Geschichte der Geheimdienste, wobei er sich hauptsächlich auf die USA bezieht. Dabei betont er, wie viel Historiker aus diesen Unterlagen lernen können. Anhand der Kubakrise 1962 führt er aus, wie sehr die amerikanische Geschichte durch die Freigabe geheimdienstlicher Dokumente umgeschrieben werden musste. Neben sechs Quellengruppen erwähnt Krieger auch die wichtigsten neuen Forschungsergebnisse. Ein interessanter Aspekt seines Artikels ist seine Beschreibung der sich ständig ändernden Haltung der Central Intelligence Agency zur Herausgabe ihrer Akten, die ganz offensichtlich stark von innen- und machtpolitischen Motiven geprägt war. Krieger schließt mit einem Aufruf an deutsche HistorikerInnen, sich mehr für die Chancen und Ergebnisse der Geheimdienstgeschichte zu interessieren, und appelliert an die deutsche Regierung, eine demokratischere und liberalere Politik in Bezug auf die Freigabe der Akten des Bundesnachrichtendienstes zu verfolgen.

Insgesamt liefert der vorliegende Band einen wichtigen Beitrag zur Geschichte der deutsch-amerikanischen Beziehungen während des langen 20. Jahrhunderts. Er gibt des Weiteren einen Einblick in die Bedeutung und Möglichkeiten einer genaueren Untersuchung der geheimdienstlichen Aspekte von Außen- und - in geringerem Maße - Innenpolitik. Alle Aufsätze sind gut geschrieben und lassen sich flüssig lesen. Zur leichten Handhabung enthält das Buch einen Index. Das einzig Bedauerliche ist, dass der Band, der thematisch gut zusammenhängt, diese Verbindungen nie explizit macht. Obwohl sich zwei Artikel mit dem amerikanischen Geheimdienst OSS befassen, Franz von Papen mehrmals vorkommt und Carl Marcus in zwei Aufsätzen behandelt wird, verweisen die einzelnen Beiträge nie aufeinander. Dies mag daran liegen, dass die Artikel mit einer Ausnahme einer Sektion des Historikertags in Frankfurt 1998 entspringen (dem Beitrag von Rohwer merkt man seinen Vortragscharakter auch noch an). Dennoch liefert der Band wertvolle Informationen für all diejenigen, die sich für deutsch-amerikanische Beziehungen, den Kalten Krieg und/oder das Potential einer Erforschung der “missing dimension”, der Tätigkeit von Geheimdiensten, interessieren.

Zitation
Heike Bungert: Rezension zu: Doerries, Reinhard (Hrsg.): Diplomaten und Agenten. Nachrichtendienste in der Geschichte der deutsch-amerikanischen Geschichte. Heidelberg  2001 , in: H-Soz-Kult, 12.04.2002, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-1081>.
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12.04.2002
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