C. Geulen: Geschichte des Rassismus

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Titel
Geschichte des Rassismus.


Autor(en)
Geulen, Christian
Erschienen
München 2007: C.H. Beck Verlag
Umfang
128 S.
Preis
€ 7,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christian Koller, School of History, Welsh History and Archaeology, Bangor University

Der Rassismus ist und bleibt ein aktuelles Thema. Der Umstand, dass in der Reihe „C.H. Beck Wissen“ nun eine knappe und preiswerte Übersichtsdarstellung seiner Geschichte erschienen ist, bedarf somit keiner weiteren Begründung. Das Buch des Koblenzer Juniorprofessors Christian Geulen folgt dabei denjenigen Überblickswerken, die sich nicht auf die Moderne beschränken, sondern auf der Suche nach rassistischen Diskursen und Praktiken einen weiter zurückreichenden, wenn auch eurozentrischen Zugriff wagen.

In der Einführung befasst sich Geulen mit der Problematik einer Definition des Rassismusbegriffs und verwirft Begriffsbestimmungen, die den Rassismus als Weltbild betrachten, wie auch solche, die ihn als Erklärung für radikale und gewalttätige Praktiken heranziehen, als „Leerformeln“. Demgegenüber sei es „sinnvoller, den Rassismus nüchtern und zugleich genauer als einen Versuch zu verstehen, in Zeiten verunsicherter Zugehörigkeit entweder hergebrachte oder aber neue Grenzen von Zugehörigkeit theoretisch zu begründen und praktisch herzustellen“ (S. 11f.). Diese Begriffsbestimmung macht einerseits die Verknüpfung von Diskurs und Praxis zu einem definitorischen Merkmal des Rassismus – und engt diesen damit wesentlich ein –, verzichtet aber andererseits darauf, die Zugehörigkeitskriterien inhaltlich zu bestimmen – womit der Rassismusbegriff umgekehrt beinahe beliebig dehnbar wird. Auf diesen Definitionsversuch folgen Ausführungen zur Begriffsgeschichte von „Rasse“, die sich im Wesentlichen auf Werner Conzes Artikel in den „Geschichtlichen Grundbegriffen“ stützen.

Die chronologisch angelegten Kapitel beginnen mit der Antike, für die Geulen die Identitätskonstruktionen bei Griechen und Römern und die Wahrnehmung der „Barbaren“ anhand von Kosellecks Konzept „asymmetrischer Gegenbegriffe“ analysiert und zu dem Schluss gelangt, dass von einer Geburt des Rassismus aus dem Geiste der Antike keine Rede sein könne. Auf das altindische Kastenwesen, das etwa Imanuel Geiss in seinem Überblickswerk als wichtigen Teil der „weiteren Vorgeschichte“ des Rassismus behandelte[1], weist Geulen nicht hin. Für das Mittelalter sieht er sodann ein Fortwirken der asymmetrischen Weltwahrnehmung, wobei an die Stelle der „Barbaren“ die Nicht-Christen getreten seien.

Entscheidend für die Herausbildung des Rassenbegriffs waren dann vier Umwälzungen des 15. und 16. Jahrhunderts, nämlich die europäische Expansion, die Reformation, die Innovation des Buchdrucks und die Herausbildung einer sich von der Theologie emanzipierenden Wissenschaft. Hinzu kam der Abschluss der „Reconquista“ in Spanien, in deren Endphase sich das Konzept der „limpieza de sangre“ („Reinheit des Blutes“) herausbildete, das die Möglichkeit der Konversion als Zutritt zur Mehrheitsgesellschaft konterkarierte. Der Beitrag der europäischen Expansion zur Geschichte des Rassismus lag primär in der Institution der transatlantischen Sklaverei – deren „endgültiges“ Ende Geulen fälschlicherweise bereits mit dem Sezessionskrieg und nicht erst mit der zwei Jahrzehnte später erfolgten Emanzipation in Brasilien und auf Kuba ansetzt (S. 42) –, während sich die entstehende Wissenschaft im Bemühen, das wachsende Wissen über fremde Länder und Menschen zu ordnen, zunehmend des Rassenbegriffs bediente.

Der Abschnitt über das 18. Jahrhundert und die Aufklärung startet mit Henri de Boulainvilliers’ 1727 formulierter Vorstellung, dass in Frankreich Adel und Volk zwei völlig getrennte Rassen seien. Damit, so Geulen, war die Idee eines ewigen Kampfes zwischen antagonistischen Großgruppen geboren, die in den modernen Weltdeutungen immer wieder aufgegriffen wurde. Als für die Geschichte des modernen Rassismus wesentliche Entwicklungen sieht Geulen sodann den Übergang vom Denken in asymmetrischen Gegensatzpaaren zu einem auf den Menschheitsbegriff fokussierenden radikalen Universalismus, bei dessen Zugehörigkeitsbestimmung es kein Außen mehr gibt, und die Faszination, die der Rassenbegriff auf die Gelehrten ausübte – wegen seines Versprechens, eine von den Lehren der Kirche unabhängige Ordnung der Welt und der in ihr lebenden Menschen beschreibbar zu machen.

In zwei Kapiteln zum 19. Jahrhundert befasst sich Geulen zunächst mit der Etablierung des Evolutionismus und der Verbreitung von Theorien über Rassenkampf, Rassenmischung und auch Rassenerzeugung. Der Schritt zur Eugenik wandte laut Geulen „den Rassendiskurs wie auch die ihn begleitenden Praktiken ins Totalitäre“ (S. 74). Entscheidend für die Entwicklung im 19. Jahrhundert sei gewesen, dass aus dem Rassismus weniger eine in sich geschlossene Ideologie wurde als „ein zunehmend abstraktes und andere politische Ideologien häufig überformendes Prinzip“; der Rassenbegriff passte „zu den komplexer werdenden Sozialformationen des 19. Jahrhunderts wie der ideologische Schlüssel ins ordnungspolitische Schloss“ (S. 75). Als Formen rassistischer Praxis im 19. Jahrhundert genauer analysiert werden die Verknüpfung des Rassismus mit Nationalismus und Kolonialismus sowie die Genese des Rassen-Antisemitismus.

Das vorletzte, dem 20. Jahrhundert gewidmete Kapitel überschreibt Geulen mit „Entfesselung der Biopolitik“, ohne dieses Konzept allerdings genauer zu erläutern – so tauchen die Namen Foucault und Agamben auch im Personenregister nicht auf. Auf knapp neun Seiten wird gerafft die Geschichte von Francis Galtons Prägung des Begriffs „Eugenik“ im Jahre 1883 bis zur „Eskalation der Gewalt“ im Zweiten Weltkrieg dargestellt. Hier erstaunt das geringe quantitative Gewicht, welches Geulen einzelnen Stationen und Schauplätzen des Rassismus einräumt. Selbst wenn es berechtigt ist, dessen Geschichte nicht wie in früheren Gesamtdarstellungen teleologisch auf den Holocaust hin gerichtet zu schreiben, erscheinen die insgesamt drei Absätze beziehungsweise 59 Zeilen, die Geulen dem Nationalsozialismus, seiner Ideologie und seinen Verbrechen einräumt, doch entschieden zu knapp bemessen.

Der zugleich einengenden und dehnbaren Rassismusdefinition Geulens ist der Umstand geschuldet, dass etwa die Genese und Wirkungsmächtigkeit des Ariermythos außen vor bleibt, während in die Abschnitte zum Nationalsozialismus Hinweise auf „andere, aber vergleichbare Varianten der Kombination von Eugenik und darwinistischem Rassenkampf“ (S. 98) außerhalb Deutschlands eingeschoben werden. Als erstes nennt Geulen in diesem Kontext den nicht vertiefter analysierten Stalinismus, „dessen Säuberungspolitik in den 1930er-Jahren nicht nur ebenfalls genozidale Ausmaße annahm, sondern in ganz ähnlicher Weise funktionierte und begründet wurde“ (S. 98), dann aber auch generell die Praxis der „totalen“ Kriegführung im Zweiten Weltkrieg. Geulens Rassismusbegriff hat offensichtlich die Intention, die Gemeinsamkeiten von Gewaltregimen unterschiedlicher politischer Couleur stärker zu gewichten als die Unterschiede, und wird damit als eine Art übergreifendes totalitarismustheoretisches Analysekonzept strapaziert.

Das letzte Kapitel befasst sich mit der Gegenwart und Zukunft des Rassismus. Hier konzentriert sich Geulen auf drei Aspekte, nämlich die Ablösung der Eugenik durch die Genetik, die kritische Thematisierung des Rassismus im Zuge der Dekolonisation und des Entstehens neuer sozialer Bewegungen in den 1960er- und 1970er-Jahren sowie die Globalisierung. In Bezug auf die Genforschung und ihre biopolitischen Versprechungen weist Geulen auf strukturelle Parallelen zur wissenschaftlich überholten und politisch diskreditierten Eugenik hin. Beim Antirassismus argumentiert Geulen (hierin eine Überlegung des nicht namentlich genannten französischen Sozialwissenschaftlers Pierre-André Taguieff aus dem Jahr 1991 aufgreifend), dass dieser einen anachronistischen Rassismus bekämpfe, gegen die aktuellen Rassismen aber schlecht gewappnet sei. Im Kontext der Globalisierung befasst sich Geulen – wiederum ohne den Politologen Samuel Huntington namentlich zu erwähnen – insbesondere mit dem Konzept des „Kampfes der Kulturen“, in dem er nicht zu Unrecht eine Wiederkehr des Mythos vom Rassenkampf erkennt. Das Buch klingt aus mit der Feststellung, Rassismus beginne „dort, wo Menschen der Ansicht sind, dass die Bekämpfung bestimmter Gruppen anderer Menschen die Welt besser mache“ (S. 119).

Geulens Darstellung versammelt zahlreiche interessante Überlegungen, krankt neben der Definition des Rassismusbegriffs und deren konzeptionellen Konsequenzen für die Abschnitte über das 20. Jahrhundert aber an der vom Verlag vorgegebenen Kürze. Zentrale Themen der Geschichte des Rassismus, wie etwa die Anthropometrie und die Kriminalbiologie, werden bestenfalls gestreift oder bleiben gänzlich außen vor, wie etwa der in letzter Zeit vermehrt thematisierte Antiziganismus. Zudem fehlt aufgrund des nicht existenten Anmerkungsapparates an zahlreichen Orten schlicht der Forschungskontext oder auch die quellenbezogene Fundierung der Argumentation. Dies mindert den Wert dieser Überblicksdarstellung als Einführungswerk etwa für Studierende.

Anmerkung:
[1] Geiss, Imanuel, Geschichte des Rassismus, Frankfurt am Main 1988, 4. Aufl. 1993.

Zitation
Christian Koller: Rezension zu: : Geschichte des Rassismus. München  2007 , in: H-Soz-Kult, 16.05.2008, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-10930>.