A. Grossmann: Jews, Germans, and Allies

Cover
Titel
Jews, Germans, and Allies: Close Encounters in Occupied Germany. Close Encounters in Occupied Germany


Autor(en)
Grossmann, Atina
Erschienen
Umfang
414 S.
Preis
€ 25,69
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Luise Hirsch, Heidelberg

Erst in den letzten Jahren trägt die Forschung allmählich der Tatsache Rechnung, dass die britische und vor allem die US-Besatzungszone in den ersten Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Durchgangsstation für rund 300.000 jüdische Überlebende aus Osteuropa waren. Diese Überlebenden waren wie Millionen andere auch als "Displaced Persons" (kurz "DPs") klassifiziert. Sie wurden von den alliierten Militäradministrationen in Zusammenarbeit mit amerikanisch-jüdischen und UN-Hilfsorganisationen versorgt und schon bald in separaten Lagern untergebracht, die sie weitgehend selbst verwalteten. Da eine Rückkehr in ihre ursprünglichen Heimatländer aus vielen Gründen nicht in Frage kam, eine Ausreise in die USA oder in das bis 1948 unter britischem Völkerbundsmandat stehende Palästina ihnen aber ebenfalls verweigert wurde, lebten die jüdischen DPs über Jahre unfreiwillig ausgerechnet im Land der Mörder, auf der "verfluchten deutschen Erde". Dazu kamen noch mehrere tausend deutschstämmige Jüdinnen und Juden, die dank "privilegierten Mischehen" oder (seltener) im Untergrund überlebt hatten oder aus dem Exil nach Deutschland zurückgekehrt waren. Mit anderen Worten: Entgegen ihren Erwartungen fanden die alliierten Besatzer Deutschland nicht "judenfrei" vor. Sie waren vielmehr mit zwei unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen konfrontiert, Juden und Nichtjuden, die miteinander möglichst nichts zu tun haben wollten, aber um Privilegien und um die Anerkennung ihres Opferstatus durch die Alliierten und die Weltöffentlichkeit konkurrierten. Aus dieser unerwarteten und oft von bitterer Ironie geprägten Konstellation entstand ein (wenn auch instabiles und ephemeres) Dreieck aus Juden, Deutschen und Alliierten.

Atina Grossmann, eine ausgewiesene Gender-Historikerin mit dem Forschungsschwerpunkt deutsch-jüdische Geschichte, hat sich mit diesem Buch viel vorgenommen. Das auf den ersten Blick vielleicht miniaturhaft erscheinende Thema wirft tatsächlich ein Unzahl von Fragen auf, die mitten in einige der heftigsten fachwissenschaftlichen und allgemein-politischen Diskussionen der Gegenwart führen: "entangled histories", Erinnerung und kulturelles Gedächtnis, kollektives Trauma, konkurrierende Opfernarrative, sekundärer Schuldabwehr-Antisemitismus, Postzionismus, der weibliche Körper als ideologische Projektionsfläche, um nur die wichtigsten zu nennen. Grossmann, das darf man getrost so sagen, ist es gelungen, eine enorme Fülle von Fakten, viele aus bislang unerschlossenen Quellen, souverän zu präsentieren und zu situieren und dabei die genannten Forschungsprobleme und -diskussionen überall angemessen zu berücksichtigen. Dabei verfällt sie niemals in eine naive Identifikation mit ihrem Sujet. Atina Grossmann demonstriert von der ersten bis zur letzten Seite, was es heißt, als Forscherin die notwendige Distanz zum eigenen historiographischen Gegenstand zu halten (nicht zu verwechseln mit moralischer Indifferenz oder Äquidistanz zu Opfern und Tätern).

Jews, Germans, and Allies beginnt mit der Alltagsgeschichte der Besatzung am Beispiel Berlins mit besonderer Berücksichtigung der Gender-Aspekte, vor allem dem Themenkomplex von freiwilligen ("Fraternisierung") und unfreiwilligen (Vergewaltigungen) sexuellen Kontakten zwischen deutschen Frauen und alliierten Soldaten. Deutsche Leser werden zu diesem Punkt wenig grundlegend Neues erfahren. Anders ist es mit Grossmanns Ergebnissen zum heute wieder diskutierten deutschen Opferdiskurs. Sie zitiert aus einer Überfülle zeitgenössischer Quellen von Militärangehörigen und Zivilisten gleichermaßen (Publikationen, Tagebücher, Spielfilme), die übereinstimmend von grenzenlosem deutschem Selbstmitleid bei gleichzeitiger Ablehnung jeglicher Schuld, kollektiver oder individueller, berichten. Das erste Kapitel trägt als sarkastisches Zitat den Titel "Armes Deutschland". Anders als in den 1950er-Jahren (und heute) scheinen als Topoi des deutschen Opfernarrativs nicht Flucht und Vertreibung im Vordergrund zu stehen, sondern der Hunger und überhaupt die Besatzung generell – was explizit die westlichen Besatzungszonen miteinschloss. Den Beobachtern bot sich durchgängig das Bild einer "mürrischen" ("sullen") deutschen Bevölkerung, die sich zum schuldlosen Opfer der "Verführung" durch den Nationalsozialismus und der alliierten Besatzung gleichermaßen stilisierte. Sofern die deutschen Verbrechen in diesem Diskurs überhaupt vorkamen, wurden sie allen Ernstes als durch die Leiden der Nachkriegszeit bereits gesühnt betrachtet. Mit den Worten eines US-Spielfilms: "They can't remember Dachau, Lidice, Buchenwald, Rotterdam, Warsaw. That they can't remember, but that they couldn't get meat last week, that they remember." (S. 86) Es bleibt festzuhalten, gerade im Hinblick auf die Debatten der letzten Jahre, dass von einer "Tabuisierung" des deutschen Leids, sollte es sie überhaupt je gegeben haben, in der unmittelbaren Nachkriegszeit jedenfalls dezidiert keine Rede sein kann.

Die Juden, die sich zu dieser Zeit in Deutschland aufhielten, teilten aus offensichtlichen Gründen dieses deutsche Opfernarrativ nicht. Wie Atina Grossmann deutlich herausarbeitet, bildeten sich stattdessen parallele jüdische Narrative, die die Heterogenität der jüdischen Bevölkerung widerspiegeln. Die deutschstämmigen Juden, die entweder die NS-Jahre in Deutschland überlebt oder aus dem Exil zurückgekehrt waren, markieren die eine Gruppe; die osteuropäischen jüdischen DPs die andere. Für die DPs stand fest, dass sie Deutschland so schnell wie möglich verlassen wollten (wenn auch einige am Ende trotzdem blieben und neue jüdische Gemeinden in der Bundesrepublik aufbauten). Die deutschen Juden waren gespalten, zumal viele von ihnen nichtjüdischen Ehepartnern ihr Überleben verdankten. Dazu kam der Wunsch, "arisiertes" Eigentum zurückzuverlangen und, bei manchen, beim Aufbau eines demokratischen Deutschlands mitzuhelfen. Die DPs hatten für Appelle an eine solche Rolle als jüdische "Bewährungshelfer" nur Verachtung übrig: "We are loaded with so many obligations toward the poor defenseless Germans! We must prove that we are 'decent' carriers of humanism." (S. 173) Einig waren beide jüdischen Bevölkerungsgruppen in ihrem Entsetzen über den offenen deutschen Schuldabwehr-Antisemitismus. Der bittere Witz, die Deutschen würden den Juden Auschwitz niemals verzeihen, entstand, wie Grossmann zeigt, schon in der unmittelbaren Nachkriegszeit (S. 38). Einig waren sich zunächst auch alle Juden, in Deutschland und im Ausland, darin, dass es für eine jüdische Gemeinschaft in Deutschland keine Zukunft geben dürfe – ein Konsens, der erst in den 1950er-Jahren zerbrach.

Die DPs lebten überwiegend in eigenen Lagern, in denen sich ein intensives kulturelles und politisches Leben entwickelte, das zunehmend in Oral-History-Projekten und in der Forschungsliteratur aufgearbeitet wird. Es war eine letzte kurze Blüte des zerstörten osteuropäischen Judentums. Atina Grossmann zeigt, wie die Präsenz jüdischer Überlebender (vor allem im ländlichen Bayern) dem deutschen Schuldabwehr-Antisemitismus Nahrung gab. Die DPs wurden zu einer Art Erweiterung der Besatzungsarmee stilisiert. Die Haltung der US-Armee gegenüber den jüdischen DPs schwankte. Nachdem anfängliche Berichte über die Zustände in den Lagern die amerikanische Öffentlichkeit empört hatten, wurden separate jüdische Lager unter Selbstverwaltung errichtet. In dem Maß, in dem die amerikanische Deutschlandpolitik (West-)Deutschland zum Verbündeten im Kalten Krieg aufbaute und die Politik der Entnazifizierung einstellte, betrachtete, so Grossmann, die amerikanische Militärverwaltung zunehmend – und in Übereinstimmung mit dem neuen deutschen Antisemitismus – "the victims of Nazism, still displaced and unruly, as inconvenient and disreputable disturbers of the peace." (S. 165)

Die Mehrzahl der DPs wollten, wie Quellen zeigen, nur zu gern in die USA auswandern; dieser Wunsch traf aber auf Widerstand beim zutiefst antisemitischen State Department. Erst ab 1948 wurden knapp der Hälfte von ihnen tatsächlich Visa für die USA erteilt. Eine knappe weitere Hälfte wanderte in den neugegründeten Staat Israel aus. Zionistische Aktivitäten waren von Anfang an ein wichtiger Teil des politischen und kulturellen Lebens in den DP-Lagern, obwohl, wie Grossmann zu Recht konstatiert, die meisten DPs nicht aus tiefer politischer oder religiöser Überzeugung Zionisten waren, sondern es sich eher um einen "therapeutischen" oder einen pragmatischen "Katastrophen-Zionismus" handelte. Ein zweites Charakteristikum der DP-Lager ist der Heirats- und Geburtenboom, den Grossmann vor allem unter Gender-Aspekten analysiert. Jedes jüdische Baby, das im Lager zur Welt kam, war in vielfacher Weise symbolisch und diskursiv konnotiert. Die Überlebenden selbst betonten immer wieder, dass ein Kind Hoffnung, Zukunft und Lebenssinn für die individuellen Eltern und für das gesamte jüdische Volk bedeute. Auch der Topos der "Rache an Hitler" findet sich in zeitgenössischen Äußerungen immer wieder. Schwangere und junge Mütter mit Kinderwagen wurden zur diskursiven Ikone der DP-Lagerkultur; entsprechende Fotos bis heute immer wieder reproduziert. Grossmann betont aber auch, dass "for Jewish survivors, fertility and maternity provided a means both of claiming personal agency and an intact individual body" (S. 194) und plädiert dafür, den DP-Babyboom als explizite Strategie zur Traumabewältigung anzuerkennen. Die vielfältig dokumentierten schweren psychischen Belastungen, die das Verhältnis von Überlebenden zu diesen Kindern oft kennzeichnete ("second generation syndrome"), lässt sie allerdings unerwähnt.

Der jüdische Geburtenboom führte zu einer bizarren Fußnote deutsch-jüdischer Geschichte: die meisten jungen Mütter unter den jüdischen Displaced Persons nahmen deutsche Frauen aus der Umgebung als Säuglingsschwestern und Haushaltshilfen in Anspruch. Dieses kurzlebige, aber intime und potentiell emotional geladene Arrangement dient Atina Grossmann (neben Quellen zu sexuellen Beziehungen und einigen Eheschließungen zwischen DPs und deutschen Frauen) als weiterer Beleg dafür, dass "against conventional wisdom, most historiography, and much received memory [...] Jews and Germans did not live in entirely separate worlds, and, moreover, that their encounters were also often mutually useful and relatively harmonious." (S. 223) Man muss aber doch fragen, ob ausgerechnet das Verhältnis von Deutschen und Juden in den Jahren zwischen 1945 und 1948, die (zusammen mit den vorangegangenen zwölf Jahren) ohne Zweifel den Tiefpunkt dieser schwierigen "entangled history" markieren, als Beispiel für einen solchen methodischen Zugang geeignet sind, wie es die Autorin in der Einleitung ankündigt (S. 11). Atina Grossmann erhebt zu Recht den Anspruch, "to 'de-Germanize' a German history in which multiculturalism or heterogeneity is too often seen as an invention of the very recent past, and cut through the persistent division between German history and the history of Jews in Germany" (S. 13). Eine so gänzlich unfreiwillige, zufällige und kurze Phase deutsch-jüdischen Zusammenlebens wie die Periode der jüdischen DPs in Deutschland beweist aber fast eher das Gegenteil. Die wichtigste Erkenntnis von Jews, Germans, and Allies ist die, dass nichts zwei Gruppen so sehr trennt wie konkurrierende Opfernarrative. Allenfalls könnte man also von einer Fallstudie zu einer "entangled history" in ihrer schwierigsten, instabilsten und vergiftetsten Form sprechen.

Zitation
Luise Hirsch: Rezension zu: : Jews, Germans, and Allies: Close Encounters in Occupied Germany. Close Encounters in Occupied Germany. Princeton  2007 , in: H-Soz-Kult, 29.05.2008, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-10946>.
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29.05.2008
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