Cover
Titel
Die Hunnen.


Autor(en)
Stickler, Timo
Erschienen
München 2007: C.H. Beck Verlag
Umfang
128 S.
Preis
€ 7,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ulrich Lambrecht, Institut für Geschichte, Universität Koblenz-Landau, Campus Koblenz

Es ist ein riskantes Unterfangen, ein Thema wie die Hunnen in toto auf rund 120 Seiten abzuhandeln, wie es in der Reihe „C. H. Beck Wissen“ üblich ist. Timo Stickler wird dieser Aufgabe gerecht, indem er seinen Schwerpunkt über die Hunnen in Europa durch komprimierte Informationen zu den Reiternomaden und den Hunnen in Asien vorbereitet. So bietet er zugleich Grundlagen zum Verständnis für ihre Lebensweise in Europa, deren Begrenzungen und die Einschätzung von Chancen und Gefahren, die sich durch eine Assimilation an die Agrarkultur hätten ergeben können. Wenngleich diese Voraussetzungen nur mit wenigen Strichen dargelegt werden können, vermag der Leser am Ende doch nachzuvollziehen, wie sich im Donauraum das hunnische Machtzentrum bilden konnte, wie es mit dem Römischen Reich und das Reich mit ihm umging und vor allem, wie es sich sozusagen im Nichts wieder auflöste.

Dem Hauptteil voraus gehen daher vier kürzere Kapitel mit allgemeinen, für die Einschätzung des Phänomens der Hunnen in Europa notwendigen und nützlichen Informationen. Stickler stellt die signifikanten Kennzeichen reiternomadischer Kulturen der Graslandzone Eurasiens vor und weist auf den „endemischen Konflikt“ zwischen Reiternomaden und Ackerbauern hin: Die aus dem Kontakt resultierenden strukturellen Veränderungen entluden sich im Spannungsfeld von Konfrontation und Integration; aus der Auseinandersetzung mit der agrarischen Zone ergaben sich bei den Reiternomaden hierarchische Strukturen, entstand Herrschaft auf der Grundlage von Prestige und dessen ständiger Bestätigung gegenüber der Gefolgschaft. Daher bezogen die Reiternomaden ihre Identität nicht aus ethnischen Gemeinsamkeiten, sondern aus ihrer Lebensweise. Mit Hilfe der numismatischen Forschungsergebnisse Robert Göbls [1] weist Stickler an den hunnischen Invasionen in Zentralasien und Nordwestindien (4.-8. Jahrhundert) bündig auf die verschiedenen Bezeichnungen für die Hunnen und die inneren und äußeren Anpassungsprozesse sowie die damit einhergehenden Akzeptanzprobleme der Reiternomaden hin. Dem Kapitel über die Hunnen in Europa, das das Jahrhundert von 370 bis 470 n.Chr. chronologisch in den Blick nimmt, ist noch ein kurzer Abschnitt über das politische Umfeld vorgeschaltet, das die Hunnen hier erwartete. Stickler vertritt den in der aktuellen Forschung dominanten Gedanken der Transformation des Römischen Reiches in der Spätantike, der im Zusammenhang mit dem Völkerwanderungsgeschehen an die Stelle der Untergangsszenarien früherer Zeit getreten ist [2] und die Attraktivität des Reiches für die Hunnen zu unterstützen vermag; auch die moderne Ansicht der Forschung über die germanischen gentilen Einheiten und ihr Verhältnis zum römischen Imperium wird vorgestellt.

Im Mittelpunkt des Hauptkapitels über die Hunnen in Europa, das knapp zwei Drittel des Textumfangs ausmacht, stehen Aufstieg und Fall Attilas (434-453), der aus den Hunnen in der Großen Ungarischen Tiefebene eine Großmacht formte. Aus den Informationen über das Vordringen der Hunnen in den nördlichen Schwarzmeer- und den Donauraum (circa 370-395) sowie über hunnische Aktivitäten unter ihren Anführern Uldin (fassbar 400-408) und Ruga (belegt 422-434) wird deutlich, wie die Beziehungen zwischen den Reiternomaden und dem Imperium im Spannungsfeld zwischen zuverlässiger Partnerschaft (etwa durch Militärhilfe für die Römer) und eindeutiger Gegnerschaft funktionierten. Dass die Hunnen zugleich auch Energien germanischer Einheiten in ihrem Einflussbereich banden und insofern indirekt die Lage des Römischen Reiches teilweise erleichterten, trat seit der Großmachtbildung unter Bleda und Attila mehr und mehr hervor; deutlich wurde aber auch, dass die Hunnenmacht selbst bei der Verfolgung des Zieles, „durch Aggression nach außen eine Konsolidierung im Innern herbeizuführen“ (S. 69), für das Reich größere Risiken barg. Zu den für die Machtentfaltung Attilas um 450 n.Chr. nachteiligen Faktoren zählt Stickler die Frage nach der Anpassungsbereitschaft der Hunnen an die naturgegebenen Bedingungen eines Raumes, der nicht der idealen Graslandzone entsprach, und an die Voraussetzungen des Römischen Reiches, denen mit althergebrachten Lebensgewohnheiten allein nicht beizukommen war. Aus verschiedenen Indizien erschließt Stickler eine Umorientierung der Politik Attilas mit dem Ziel weitergehender Integration durch Herrschaftsbeteiligung am weströmischen Reich mittels Anlehnung an Kaiser Valentinian III. nach vorheriger Ausschaltung des allmächtigen Heermeisters Aëtius. Diese Ambitionen mündeten in der militärischen Auseinandersetzung mit dem Höhe- und Wendepunkt der „Völkerschlacht“ (S. 94) auf den Katalaunischen Feldern 451. Attilas Misserfolge 451/52 im Westen, der Kaiserwechsel 450 im Osten und schließlich Attilas Tod 453 sowie das ungeschickte Agieren seiner Söhne sorgten für einen Zerfall der hunnischen Koalition, von der sich Gepiden, Ostgoten und andere absetzten, so dass die Hunnen nach einigen Jahren als politischer Faktor keine Rolle mehr spielten.

Die Ereignisgeschichte und strukturelle Grundlagen integrierende Sichtweise Sticklers hilft den Quellenmangel zu den Hunnen und die spezifisch römische Perspektive der überlieferten Schriftquellen auszugleichen. Die Beziehungen zwischen Hunnen und Römischem Reich werden auch dadurch gewissermaßen relativiert, dass wenigstens in Grundzügen „Vergleichsmaterial“ durch die Behandlung von Kontakten der Reiternomaden zu asiatischen Ackerbauernkulturen geboten wird. Angesichts des komplexen Wandels im spätrömischen Reich des 4. und 5. Jahrhunderts ist es keine leichte Aufgabe, das Verhältnis von Hunnen und Imperium in bestimmten politischen Situationen mit wenigen Strichen sachlich vertretbar zu skizzieren. Dies leistet Stickler, durch seine Forschungen zu Aëtius bestens vertraut mit den Binnenverhältnissen besonders des Westreichs im 5. Jahrhundert [3], aber durchweg überzeugend.

Das Büchlein wäre nicht vollständig ohne die Behandlung der Hunnen-Rezeption bis ins 20. Jahrhundert: Das „kollektive Gedächtnis Europas“ (S. 2) bewahrte jedoch nicht die komplizierten Beziehungen zwischen dem römischem Imperium und den Hunnen, sondern allein deren in der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern kulminierende Abwehr; diese wird „zitiert“, wenn etwa im Ersten Weltkrieg in den Deutschen „Hunnen“ gesehen werden.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Göbl, Robert, Dokumente zur Geschichte der iranischen Hunnen in Baktrien und Indien, 4 Bde., Wiesbaden 1967.
[2] Vgl. demgegenüber aber jetzt Heather, Peter, Der Untergang des römischen Weltreichs, Stuttgart 2007, und Ward-Perkins, Bryan, Der Untergang des Römischen Reiches und das Ende der Zivilisation, Darmstadt 2007; zu beiden die Besprechung von Hartmann, Udo, in: H-Soz-u-Kult, 09.07.2007 <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-3-022>.
[3] Vgl. Stickler, Timo, Aëtius. Gestaltungsspielräume eines Heermeisters im ausgehenden Weströmischen Reich, München 2002.

Zitation
Ulrich Lambrecht: Rezension zu: : Die Hunnen. München  2007 , in: H-Soz-Kult, 28.03.2008, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-11006>.
Redaktion
Veröffentlicht am
28.03.2008
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