C. Jörg: Hungersnöte und Versorgungskrisen

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Titel
Teure, Hunger, Großes Sterben. Hungersnöte und Versorgungskrisen in den Städten des Reiches während des 15. Jahrhunderts


Autor(en)
Jörg, Christian
Erschienen
Stuttgart 2008: Anton Hiersemann
Umfang
XII, 464 S.
Preis
€ 178.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Klara Hübner, Departement für die Geschichte der Moderne und des Mittelalters, Universität Fribourg, Misèricorde

„Und was tho dure allent, wath men hebben scholde“. Mit den kargen Worten eines Stralsunder Chronisten, der damit Versorgungskrise und Hungersnot des Jahres 1439 in seiner Stadt umreißt, gibt Christian Jörg bereits mit dem einleitenden Satz die programmatische Richtung seiner Dissertation vor: „Teure, Hunger, Großes Sterben“. Es geht darin um die Auslöser und Begleiterscheinungen der kurz aufeinander folgenden, in der bisherigen Forschung eher am Rande behandelten agrarischen Krisenphasen zwischen 1437 und 1440 aus der Sicht großer spätmittelalterlicher Städte im Süden und Westen des Reichsgebietes. Ungewohnt ist dabei nicht nur der komparatistische Ansatz, sondern auch die Breite der Fragestellung sowie des herangezogenen Quellenmaterials zu dieser europaweit manifesten Hungerkrise, die der Autor selbst als die schwerste des 15. Jahrhunderts bezeichnet. Er stellt sich damit bewusst in die Tradition Wilhelm Abels, der als einer der ersten anhand des periodischen Auftretens von Hungersnöten im 14. und 15. Jahrhundert die gegenseitige Abhängigkeit von Versorgungsengpässen und demografischem Rückgang aufzeigte, was er letztlich zur Formulierung „Krise des Spätmittelalters“ verdichtete, die wie so manche Zugangsweise bei aller Einprägsamkeit methodisch und begrifflich diffus blieb. Dem Fehlen über die klassische Wirtschaftsgeschichte hinausgehender Modelle und Begriffe begegnet Jörg, indem er Abels Ausgangspunkt um aktuelle Ansätze aus den Sozialwissenschaften, der Ökonomie-, Verfassungs- und Kulturgeschichte erweitert: Nicht die Wiederkehr des Phänomens selbst, sondern die vielfältigen sozialen und politischen Folgen von Getreideknappheit, Teuerung und Seuchen im innen- und außenpolitischen Handeln der Städte stehen dabei im Vordergrund. Entsprechend nuanciert ist seine Fragestellung. Sie reicht von den Mitteln und Handlungsspielräumen, die den Stadtführungen im 15. Jahrhundert zur Verfügung standen, um Versorgungsengpässe zu lindern, über deren Bedeutung für die Aufrechterhaltung der inneren Ordnung bis hin zu spezifischen Erwartungen, die einzelne Mitglieder oder Interessensgruppen innerhalb der Stadtgemeinde an ihre Entscheidungsträger stellten. Da Krisen nur selten geografisch isoliert waren, gilt seine Aufmerksamkeit auch ihrem Einfluss auf städtische Außenbeziehungen, insbesondere jene innerhalb von Städtenetzwerken und Bündnissystemen. Neben der Chronistik stützt er sich dabei auf bislang wenig benutztes, weil größtenteils unpubliziertes Quellenmaterial, allen voran Rechungsquellen, Regestenbücher oder die Aufzeichnungen bruderschaftlich organisierter städtischer Gemeinschaften.

Der erste Teil der Studie ist der Problematik städtischer Versorgungspolitik aus globaler Sicht gewidmet, was auf eine gelungene Auseinandersetzung mit der bislang weitgehend übergangenen zeitgenössischen Terminologie in städtischen Chroniken hinausläuft, wo der Beschreibung agrarischer Krisen zumeist viel Raum zugestanden wurde. Dieser wird anschließend die Begriffsverwendung in der historischen Forschung unterschiedlichster ideologischer Prägung gegenübergestellt. Dabei gilt Jörgs Aufmerksamkeit allerdings auch der Diversifizierung von Städtetypen, die er nicht primär herrschaftstypologisch, sondern aufgrund ihrer unterschiedlichen Versorgungsvoraussetzungen einteilt. Das Kernstück seiner Studie stellt jedoch der dritte, inhaltlich und thematisch ambitionierteste Abschnitt dar, welcher einen Gesamtüberblick über die Folgen der Teuerungsphasen und Hungersnöte zwischen 1430 und 1440 beinhaltet. Dabei werden einleitend die Auslöser betrachtet, an die er klimahistorisch herangeht: Demnach gehen Krisen aus einer ungünstigen Konstellation anthropogener und klimatischer Rahmenbedingungen hervor. Letzteres wird anhand zahlreicher Beispiele aus dem städtischen Bereich zwischen iberischer Halbinsel und dem Ostseeraum sowie zwischen Italien und Irland illustriert. Bei aller Betonung eines europäischen Krisenjahrzehnts vergisst Jörg jedoch nicht, den regionalen und lokalen Spezifika Rechnung zu tragen. Dass agrarische Krisen – trotz ähnlichen Auslösern – unterschiedliche Folgen haben konnten, zeigt er detailliert am Beispiel der Städte im Süden und mittleren Westen des Reiches, namentlich Basel, Nürnberg, Augsburg und Frankfurt am Main, wo er die beiden schlimmsten Verlaufsphasen zwischen 1430 und 1440 systematisch nachzeichnet. Eindrücklich ist etwa die Darstellung des sich zuspitzenden Konfliktes zwischen Stadt und Land in Franken und Schwaben, wo explodierende Kornpreise und Viehseuchen 1437 gesellschaftlich verheerende Folgen hatten. Im Gegensatz zu Abel, der sich bei seinen Aussagen auf einen Jahreskornpreis stützte, geht Jörg von den ereignisnahen monatlichen Preisschwankungen aus, da diese den schmalen Grat zwischen kurzzeitigem Aufschub und demografischer Katastrophe besonders gut dokumentieren. Die existenzielle Bedrohung durch Hungersnöte führte auch zu einer gewissen Prominenz des Themas im zeitgenössischen Reformdiskurs, was zu einem Exkurs über die anonyme Reformatio Sigismundi führt, die bislang nicht in diesem Kontext interpretiert wurde. Auch wenn ihr Verfasser Krisenerscheinungen durchaus traditionell erklärt, nämlich als göttliches Strafgericht, bediente er sich aber auch Argumente, die im urbanen Bereich besonders verbreitet waren. So etwa der Kritik am Fürkauf oder des Vorwurfes, dass sich städtische Bäcker- und Metzgerzünfte auf Kosten einer hungernden Bevölkerung bereicherten.

Da Versorgungskrisen nicht nur eine existenzielle Bedrohung für den Einzelnen darstellten, sondern auch den politischen Führungsanspruch der Stadtobrigkeiten gefährden konnten, widmet sich Christian Jörg anschließend ausgiebig den Maßnahmen, die die Stadtführungen dieser periodisch wiederkehrenden Gefährdung entgegenbrachten. So etwa dem Versuch, Kornausfuhren durch Geldstrafen zu beschränken, wobei die schwierige Umsetzung solcher Ratsentscheidungen in die Praxis zudem die Frage nach Effizienz und Reichweite von Stadtherrschaft aufwirft. Breiter Raum wird anschließend der Anlage städtischer Großspeicherbauten, der Reglementierung Getreide verarbeitender Gewerbe, der Bestrafung von Wucher sowie der gezielten Armenfürsorge zugestanden – Letzteres stets mit der Absicht, die Grenze zwischen abgabeberechtigter Einwohnerschaft und unberechtigten Personengruppen deutlicher hervorzuheben. Dass jedoch keines der Führungsgremien finanziellen und zeitlichen Aufwand scheute, um die Kornversorgung der eigenen Stadt sicherzustellen, zeigt Jörg anschließend anhand von Beispielen, die er unter dem Gesichtspunkt städtischer Außenpolitik abhandelt. Mag dieses Kapitel auch etwas kurz geraten sein, so genügt es doch, um in den folgenden Abschnitten anschaulich zu dokumentieren, welche Entfernungen mit Kornkäufen betraute Ratsherren zurückgelegt haben, welcher immense infrastrukturelle Aufwand getrieben wurde und wie unrentabel solche Geschäfte waren, da ein Teil des oftmals über weite Strecken transportierten Korns nur zu reduzierten Preisen angeboten werden konnte, um die Versorgung der Ärmsten sicherzustellen. Besonders beachtenswert ist das Beispiel Frankfurts, wo die Messe und der Wahltag nach dem Tode Kaiser Sigismunds für Versorgungsengpässe sorgten. Dies bewog den Rat in seinen an verbündete Städte gerichteten Bittbriefen zu dem einzigartig gebliebenen Appell an die in der Goldenen Bulle beschworene Städtesolidarität. Dass dieser Aufwand nicht nur dem altruistischen Selbstbild als „buon governo“ diente, wird aus den folgenden Kapiteln ersichtlich, die Inklusions- und Exklusionsmechanismen in der städtischen Armenfürsorge gewidmet sind. Deutlich wird hierbei die Abhängigkeit zwischen vermehrt auftauchenden Vorurteilen und obrigkeitlichen Maßnahmen gegenüber Bettlern, Beginen und Begarden, Juden und „Zigeunern“ in Teuerungsphasen dargestellt. Versöhnlicher ist der letzte Abschnitt der Arbeit, welcher die unterschiedlichen Formen kommunaler Erinnerungspraxis an Notjahre thematisiert. Dabei stehen nicht nur Prozessionen in den Städten im Vordergrund, sondern auch größere Bittwallfahrten – hier besonders jene der Jahre 1437 bis 1440. Besonderes Augenmerk gilt aber auch öffentlichen Inschriften sowie anderen, zumeist bildlichen Bezügen zu Getreideteuerung und Hungerkatastrophen.

Christian Jörg zeichnet mit seiner Untersuchung ein facettenreiches Bild des Phänomens „agrarische Krise“ aus städtischer Sicht, das seinem ambitionierten Anspruch gerecht wird. Sie besticht nicht nur durch die Breite des herangezogenen Quellenmaterials und die gelungene Pluralität der angewandten methodischen Ansätze, die den Themenbereich der Wirtschaftsgeschichte um zahlreiche Aspekte erweitert, sondern auch durch die gute Lesbarkeit, welcher etwa die umfassenden Zusammenfassungen am Ende der Großkapitel dienlich sind. Wie jede in sich abgerundete Arbeit, wirft auch diese mehr Fragen auf als sie beantworten will. Man mag nur hoffen, dass damit Studien ähnlichen Stils anregt werden.

Zitation
Klara Hübner: Rezension zu: : Teure, Hunger, Großes Sterben. Hungersnöte und Versorgungskrisen in den Städten des Reiches während des 15. Jahrhunderts. Stuttgart  2008 , in: H-Soz-Kult, 18.03.2009, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-11094>.
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18.03.2009
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