S. Saaler u.a. (Hrsg.): Pan-Asianism in Modern Japanese History

Titel
Pan-Asianism in Modern Japanese History. Colonialism, Regionalism, and Borders


Hrsg. v.
Saaler, Sven; Koschmann, J. Victor
Erschienen
London u.a. 2007: Routledge
Umfang
304 S.
Preis
$ 43.95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Nadin Heé, SFB 700, Freie Universität Berlin

In Japan unterlag die historische Untersuchung pan-asianistischer Bewegungen in den ersten Jahrzehnten nach 1945 gleichsam einer Art Tabu. Seit den 1990er-Jahren aber sind derartige Studien – oft gekoppelt an das Stichwort Regionalismus – nicht mehr aus der japanischen Forschungslandschaft wegzudenken. Diese Entwicklung hängt nicht zuletzt mit den sich verändernden wirtschaftlichen Konstellationen in der Region zusammen: 1997 wurde in Kuala Lumpur das Gremium „ASEAN Plus Three“ gegründet, welches neben den zehn ASEAN-Staaten (Brunei, Kambodscha, Indonesien, Laos, Malaysia, Myanmar, Philippinen, Singapur, Thailand und Vietnam) auch Japan, Südkorea und die Volksrepublik China umfasst.[1] Vor dem Hintergrund der stark wachsenden ökonomischen Verflechtungen zwischen den einzelnen Mitgliedsländern hat somit die Frage nach historischen Vorläufern für eine grenzüberschreitende Kooperation asiatischer Länder sowohl an Aktualität als auch Attraktivität gewonnen.

Im Vorwort des Sammelbandes „Pan-Asianism in Modern Japanese History: Colonialism, regionalism, and borders“ beziehen sich die Herausgeber Sven Saaler und Victor Koschmann auf diese Kooperation. Heutige Wirtschaftsbündnisse und Regionalismen sind aber, so Sven Saaler in seinem Beitrag „Pan-Asianism in modern Japanese history“, immer noch von Altlasten der Vergangenheit geprägt, wie die andauernden Diskussionen um den Yasukuni-Schrein oder territoriale Dispute Japans mit seinen Nachbarn zeigten. Als einen zentralen und kontroversen Aspekt dieses Vermächtnisses sieht er auch den Pan-Asianismus – „an ideology that served not only as a basis for early efforts at regional integration in East Asia, but also as a cloak for expansionism and as a tool for legitimizing Japanese hegemony and colonial rule“ (S. 1). Das Buch setzt sich zum Ziel, die Ideologie und die Bewegung des Pan-Asianismus als einen Vorläufer heutiger Regionalismen in Asien zu untersuchen und eine historische Perspektive auf neuere Herangehensweisen an regionale Kooperationen und Integrationen zu eröffnen. Zentrales Desiderat dabei ist „ to illuminate the broad variety of transnational approaches that have been forward with the ultimate aim of defining and constructing East Asian region – a still ongoing task“ (S. XV). Der aus einer gleichnamigen Tagung des Deutschen Instituts für Japanstudien in Tokyo vom November 2002 hervorgegangene Sammelband gibt denn auch in fünfzehn Beiträgen einen breiten ideengeschichtlichen Überblick über die vielfältigen Ausprägungen pan-asiatischen Gedankenguts in Japan zwischen dem späten 19. Jahrhundert bis heute. Nicht klar wird allerdings, was mit einer „transnationalen Herangehensweise“ gemeint ist, denn ausnahmslos alle Beiträge analysieren japanische Pan-Asianismen. Ebenfalls unklar bleibt, was eigentlich unter „Asien“ verstanden wird. Insbesondere die Tatsache, dass „Asien eine Erfindung Europas ist“[2] würde im Rahmen einer Analyse des japanischen Pan-Asianismus eine Diskussion des Begriffs erfordern.

Das Buch ist in vier chronologische Teile gegliedert: 1. Creating a regional identity: ideal and reality, 2. Regionalism, nationalism and ethnocentrism, 3. Creating a regional hegemony: Japan’s quest for a „new order“ und 4. Pan-Asianism adjusted: wartime to postwar. Ein in der Tagung dieser Gliederung vorangestellter fünfter Block mit dem Titel „Pan-Asianism in Comparative Perspective“ sowie ein Beitrag unter Punkt 3 „Pan-Germanism Meets Pan-Asianism: Nazi Germany and Japan's Greater East Asia Policy“ – Studien mit einer transnationalen Perspektive – erfuhren hingegen keine Integration in den Band.[3] Dies ist schade, denn die Beiträge hätten das Credo der Herausgeber nach einer transnationalen Herangehensweise vielleicht erfüllen können.

Im Anschluss an die Untersuchung von Koschmann aus den späten 1990er-Jahren[4] thematisieren mehrere Beiträge die Ambivalenzen und Widersprüche in pan-asiatischen Diskursen. Miwa Kimitada erläutert in seinem Überblick über die Geschichte des Pan-Asianismus ab der Mitte des 19. Jahrhunderts bis heute das Oszillieren des Konzepts zwischen zwei Typen: Auf der einen Seite stehe die Idee, dass die Japaner physische Ähnlichkeiten mit Koreanern und Chinesen aufwiesen und ein historisch verwurzeltes gemeinsames Weltsystem besäßen. Als zweiten Typus macht er einen Asianismus aus, der sich in Abgrenzung zum „Westen“ konstituiert und die von diesem propagierte „gelbe Gefahr“ in eine „weiße Gefahr“ umkehre. Er beschreibt Pan-Asianismus als regionalen Universalismus und überzeugt mit seiner Argumentation, dass dieser heute in Form einer universal gedachten Mission, dem Pazifizismus eines „auserwählten japanischen Volkes“, weiterlebe. Widersprüchlichkeiten im Denken einzelner Pan-Asianisten werden besonders klar und einleuchtend herausgearbeitet im Beitrag von Christopher W. A. Szpilman zur Mitsukawa Kametarô-Kampagne zur Befreiung Asiens sowie in John Namjun Kims Analyse des „imperialen Kosmopolitismus“ zweier Philosophen der Kyôtoer Schule, Miki Kiyoshi und Tanabe Hajime.

Die Heterogenität pan-asiatischer Konzepte illustrieren insbesondere die Beiträge von Li Narangoa, Michael A. Schneider und Victor Koschmann. Li befasst sich mit den pan-asiatischen Visionen der religiösen Sekte Ômotokyô, wobei sie festhält, dass für diese Gruppe „Asien“ nur einen Teil einer globalen und universalen Mission darstelle. Dabei verfällt sie jedoch teilweise selber dem pan-asiatischen Diskurs. So spricht sie an einer Stelle davon, dass die Anhänger der Ômotokyô keine Nationalisten gewesen seien (S. 55), später berichtet sie aber von ihren imperialistischen Kampagnen (S. 64). Michael A. Schneider bringt die Kategorie gender bei der Analyse ins Spiel und untersucht die unterschiedlichen Interpretationen pan-asiatischer Gedanken eines Paares aus männlicher und insbesondere aus weiblicher Sicht. Koschmanns Beitrag liefert eine differenzierte Analyse der Ideen des Politikwissenschaftlers Rôyama Masamichi. Seine Schlussfolgerung, dass „in some of its formulations the pan-Asianist ideology of Japanese dominion in Asia was more rational and methodologically sophisticated than is often recognized“ (S. 199) trifft zwar zu, evoziert aber die Frage, ob in diesem Kontext die realhistorischen Auswirkungen solcher Denkweisen nicht auch in den Blick genommen werden müssten.

Nach den überzeugenden Beiträgen von Oguma Eiji und Kristine Dennehy im vierten Teil des Buches gemahnen gewisse Textstellen im letzten Beitrag von Hatsuse Ryûhei zu Pan-Asianismus in den Internationalen Beziehungen teilweise an asianistische Rhetorik aus der Vorkriegszeit. Hatsuse spricht über die Aktivitäten japanischer nichtstaatlicher Organisationen in den 1970er-Jahren in Asien, die er einstuft als „a new type of transnational cooperation among Asian peoples that is in some ways reminiscent of the transnationalist thread of prewar Pan-Asianism“ (S. 226). Über mehrere Seiten hinweg widmet er sich dem Arzt Nakamura Tetsu und lobt dessen Bestrebungen als Chef der Organisation Peshawar-kai medizinische Hilfe in Afghanistan aufzubauen. In diesem Zusammenhang definiert er Nakamuras Pan-Asianismus mit folgenden Worten: „His thinking and behaviour show him to be more an Oriental type of humanist than a Western one – he is concerned with the implementation of human rights at the subsistence level endured by the Asian poor [...]. Thus he has developed a strong sense of transnational Pan-Asianism [...].“ (S. 242f.) Wenig später fasst er zusammen: „The West oppresses the Orient in social and cultural terms as much as it oppresses the Orient militarily, politically, and economically. It is this Western dominance in the social and cultural spheres that Peshawar-kai members have tried to overcome through their medical and communal activities.” (S. 244) Diese Worte krönt er mit der abschließenden Bemerkung, dass Nakamura die Rolle eines pazifistischen Japan wahrnehme und gegenseitige Unterstützung unter asiatischen Völkern vorantreibe, die Mitgliedschaft in einem elitären westlichen Klub ablehne und die Freuden und Leiden der Region mit seinen Nachbarn teile. Hatsuses Beitrag belegt ironischerweise die These Miwa Kimitadas im zweiten Beitrag des Bandes, dass Pan-Asianismus im heutigen Japan als eine Form des regionalistischen Universalismus weiterexistiere.

Der Sammelband bietet einen breiten ideengeschichtlichen Überblick über pan-asiatische Geistesströmungen in Japan zwischen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis heute. Vielleicht hätte eine stärkere Rückbindung der einzelnen Ideen und Konzepte an die Realpolitik, an konkrete transnationale Kräfteverschiebungen, Interessenskonflikte und wirtschaftliche Verflechtungen die Problematik, mit den Untersuchungen teilweise selber im Diskurs japanischer Pan-Asianismen verhaftet zu bleiben, größtenteils beseitigt.

Anmerkungen:
[1] Stubbs, Richard, ASEAN Plus Three: Emerging East Asian Regionalism?, in: Asian Survey, 42/3 (2003), S. 440-455.
[2] Osterhammel, Jürgen, Konstanten und Wandel im neuzeitlichen Asien, in: Ders. (Hrsg.), Asien in der Neuzeit. Sieben historische Stationen, Frankfurt am Main 1994, S. 9-25, hier S. 9.
[3] Vgl. das Tagungsprogramm unter: <http://www.dijtokyo.org/?page=event_detail.php&p_id=210=210> (5. Juni 2008).
[4] Koschmann, J. Victor, Asianism's Ambivalent Legacy, in: Katzenstein, Peter J.; Shiraishi, Takashi (Hrsg.), Network Power. Japan and Asia, Ithaca 1997, S. 83-110.

Zitation
Nadin Heé: Rezension zu: Saaler, Sven; Koschmann, J. Victor (Hrsg.): Pan-Asianism in Modern Japanese History. Colonialism, Regionalism, and Borders. London u.a.  2007 , in: H-Soz-Kult, 08.07.2008, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-11097>.
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08.07.2008
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