C. Poore: Disability in Twentieth-Century German Culture

Titel
Disability in Twentieth-Century German Culture. Corporealities: Discourses of Disability


Autor(en)
Poore, Carol
Erschienen
Umfang
432 S.
Preis
$ 70.00 € 66
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Elsbeth Bösl, Münchener Zentrum für Wissenschafts- und Technikgeschichte

Disability History als Teil der transdisziplinären Disability Studies historisiert Behinderung und erschließt der Geschichtswissenschaft den Zugang zu einem Forschungsgegenstand, der bisher primär der Medizin, Rehabilitationswissenschaft und Pädagogik zugeordnet war. Das Fernziel der Disability History ist es, Behinderung als Analysekategorie wie Geschlecht oder Ethnizität zu etablieren.[1] Zunächst geht es aber auch darum, die Geschichte von Behinderung von ihren bisherigen Meistererzählungen zu befreien und differenzierte Bilder von der Konstruktion von Behinderung und vom Umgang damit entstehen zu lassen. Disability History benutzt ein soziokulturelles Erklärungsmodell von Behinderung an und geht davon aus, dass Behinderung eine soziokulturelle Zuschreibung ist, die auf der Wahrnehmung von bestimmten sinnlich erfahrbaren körperlichen, psychischen und mentalen Merkmalen gründet.

Diesen Zugang operationalisiert die amerikanische Germanistin Carol Poore[2] in ihrer kulturgeschichtlichen Studie über die kulturellen Repräsentationen von Behinderung in Deutschland zwischen dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Gegenwart. Beeinträchtigungen und Benachteiligungen, die mit der Zuschreibung Behinderung verknüpft sind, zeigen sich ihr als Produkte kultureller Werte und Praktiken wie auch als Ergebnisse materieller Kräfte. Die Studie überwindet die traditionellen defizitorientierten Narrative über Behinderung, von denen sich auch die deutsche Historiografie allmählich löst.[3]

Carol Poore unternimmt eine Neuinterpretation von Werken der Kunst, der Literatur und des Films, die bislang nicht explizit auf die Thematisierung von Behinderung befragt wurden. Sie setzt einen breiten Behinderungsbegriff an, der körperliches, geistiges und seelisches Anderssein in allen Formen und Ursachen umfasst. Ihre Studie erstreckt sich von der Untersuchung kultureller Bilder von Behinderung in der Weimarer Republik über die Suche nach dem Ort von Behinderung in der NS-Ideologie bis hin zu einer Parallelgeschichte von Behinderung in beiden deutschen Staaten nach 1945. Einige Ergebnisse seien hervorgehoben:

Carol Poore zeigt, wie die große Zahl von Kriegsbeschädigten zur Belastungsprobe der politisch instabilen Republik von Weimar und Behinderung zu einem Fokus sozialpolitischer und kultureller Kontroversen gerieten. War die traditionelle ‚Krüppelfürsorge‘ vor dem Ersten Weltkrieg Teil der sozialen Frage gewesen, musste der Staat von Weimar angesichts des schichtübergreifenden Massenphänomens der Kriegsbeschädigung neue Antworten auf Behinderung finden, die über die Fürsorge bei Bedürftigkeit hinausgingen. Die Untersuchung der kulturellen Verarbeitung von Behinderung in der Literatur, bildenden Kunst und Filmproduktion Weimars ergibt, dass Behinderung im Kunstbetrieb primär als Stilmittel und Metapher einer Gesellschaftskritik eingesetzt und von Künstlern wie Max Beckmann, George Grosz oder Otto Dix stets grotesk dargestellt wurde. Dieser Repräsentationen bedienten sich konservative Kritiker der Weimarer Kunst sowie Befürworter einer negativen Eugenik, um die Werke als degeneriert zu kritisieren oder eugenische Maßnahmen zu propagieren.

Im Zentrum des NS-Kapitels steht die Frage nach der visuellen Vermittlung von Bildern über Behinderung in der Propaganda. Indem Carol Poore analytisch verschiedene Gruppen von Menschen mit Behinderungen unterschiedlicher Art und Ursache voneinander trennt, gelingt ihr ein detaillierter Blick auf die höchst unterschiedlichen Lebens- und Verfolgungssituationen von Kriegsbeschädigten, den als ‚lebensunwert‘ Klassifizierten und der großen, heterogenen Gruppe derjenigen, die zwar in vielerlei Hinsicht ausgegrenzt und diskreditiert waren, aber nicht dem Krankenmord oder der Zwangssterilisation zum Opfer fielen. Damit wird das von der älteren Forschung monolithisch gezeichnete Bild der rassenideologisch motivierten Verfolgung ausdifferenziert.

Auf Repräsentation von Behinderung im westdeutschen Kulturbetrieb nach 1945 untersucht die Autorin unter anderem Filme wie die „Die Mörder sind unter uns“ (1946) und „Die Sünderin“ (1951) und literarische Werken von Heinrich Böll (Wanderer kommst Du nach Spa, 1950), Bertolt Brecht, (Der Einarmige im Gehölz, 1953) und Wolfgang Borchert (Draußen vor der Tür, 1947, Schischyphusch, 1946). Den künstlerischen und politischen Umgang mit den NS-Verbrechen charakterisiert sie als Tabuisierung. Sie zeigt auch, dass der Diskurs um den sozialen Ort von Menschen mit Behinderungen in der Nachkriegszeit viel weniger Raum einnahm als in den Jahren vor 1933. Ab den 1960er-Jahren, besonders aber in den Folgejahrzehnten, setzte ein langsamer Wandel im bundesdeutschen Kulturbetrieb ein. Hatte Behinderung zuvor als Metapher für etwas Anderes, Negatives gestanden, erhielt sie nun Eigenwert als Gegenstand der Kulturproduktion. Gleichwohl hatten die Repräsentationen bei Thomas Bernhard (Ein Fest für Boris, 1970) oder Siegfried Lenz (Der Verlust, 1981) noch wenig mit dem Leben zu tun oder reproduzierten wie Rainer Werner Fassbinders Film „Chinesisches Roulette“ (1976) primär Stereotype. Für einen realistischen und emphatischen Zugang zu Behinderung als Ausgrenzungserfahrung steht bei Carol Poore hingegen Franz Xaver Kroetz (Stallerhof, 1971, Mondscheinknecht, 1981, Der Soldat, 1987).

Mit einer Untersuchung der bundesdeutschen Publizistik leitet Carol Poore in die Gegenwart über und vergleicht – der methodisch problematische disparate Vergleich müsste begründet werden – den massenmedialen Umgang mit den körperlichen Behinderungen des amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt (1882-1945) und des CDU-Politikers Wolfgang Schäuble sowie deren Selbstinszenierungen. Während Roosevelt die Behinderung aus seinem Selbstbild ausklammerte und ihm die internationalen Medien über Jahrzehnte dabei folgten, wird ausführlich thematisiert, dass Wolfgang Schäuble mit einer Behinderung lebt – von ihm selbst und von den Massenmedien.

Der Bundesrepublik gegenübergestellt ist der kulturelle und politische Umgang mit Behinderung in der DDR. Welchen Platz nahmen Menschen mit Behinderungen in der sozialistischen Gesellschaft ein? Wie fügte sich Behinderung in das durch Gesundheit, Fleiß und Uniformität charakterisierte sozialistische Persönlichkeitsideal ein? Einerseits beförderte das sozialistische Leistungsprinzip die konkreten Rehabilitationsbemühungen und die Eingliederung zumindest in die Arbeitswelt, andererseits schloss es jene aus, die nicht die geforderte Gemeinschaftsleistung erbrachten. Doch hob sich diese Dialektik kaum grundlegend von der kapitalistischen Rehabilitationspolitik der Bundesrepublik ab wie überhaupt die deutsch-deutschen Unterschiede weniger in Konzeption und Methodik lagen als vielmehr im gravierenden Ressourcen- und Infrastrukturproblem der DDR.[4] Die Erfahrungsgeschichte von Behinderung weist weitere Parallelen auf, denn Behördenwillkür oder Unverständnis waren nicht systemspezifisch. Ein wichtiger Unterschied lag allerdings darin, dass sich in der DDR vor 1989/90 anders als in der BRD keine politische Behindertenbewegung formieren konnte. Auch die kulturelle Bearbeitung von Behinderung verlief in der DDR anders. Während in den 1950er-Jahren Anna Seghers Menschen mit Behinderungen entwarf, die aktive Rollen beim Aufbau der sozialistischen Gesellschaft ausfüllten, machten spätere AutorInnen das Thema zum Vehikel ihrer Kritik an Leistungsidealen und präsentierten Behinderung als individualisierendes Moment in der Gleichheitsgesellschaft.

Um Menschen mit Behinderungen als Subjekte sichtbar zu machen, thematisiert Carol Poore wiederholt Möglichkeiten der Selbstorganisation und Selbstrepräsentation. Sie prüft, wann und in welchen Konstellationen Menschen mit Behinderungen – insbesondere in den Kriegsbeschädigtenorganisationen – für und über sich selbst sprachen. Doch wird dieses ‚Für-sich-Sprechen‘ auch problematisiert, etwa weil der Selbsthilfebund der Körperbehinderten bereits vor 1933 die Unterscheidung zwischen ‚wertvollen‘ und produktiven Menschen mit Körper- und Sinnesbehinderungen und für die Gesellschaft vermeintlich ‚wertlosen‘, unproduktiven Menschen mit geistigen Behinderungen propagierte oder weil sich Mittäterschaft, Interessenvertretung und Opferstatus in den gleichgeschalteten Behindertenorganisationen der NS-Zeit verbanden. Wie Carol Poores Probebohrungen hinsichtlich der methodisch schwierigen Frage, wie sich das Alltagsleben unterschiedlicher Gruppen von Menschen mit Behinderungen jenseits der Verfolgung im Nationalsozialismus gestaltete, zeigen, besteht Raum für weitere Forschungen über das Nebeneinander von Nutzbarmachung, begrenzter Eingliederung und Ausgrenzung.

Mit ihrer Analyse der Geschichte der (west)deutschen Behindertenbewegung seit 1970 betritt Poore auf gelungene Weise Neuland. Ihrer fundierten Analyse ist anzumerken, dass Carol Poore der deutschen Behindertenbewegung persönlich verbunden ist. Sie stellt zudem am Beispiel der bundesdeutschen Gleichstellungsgesetzgebung seit den 1990er-Jahren überzeugend ideelle Verbindungen zu den USA und transatlantische Methodentransfers heraus.

Abschließend kontrastiert sie auf beeindruckende Weise die Erfahrungen, die sie als eine mit einer Körperbehinderung lebende Frau in der Bundesrepublik der 1970er- und 1980er-Jahre machte, einerseits mit ihren Erlebnissen aus dem wiedervereinigten Deutschland nach 1990 und andererseits mit ihrem Alltag in den USA. Aus ihrer Sicht wandelte sich der öffentliche Umgang mit Behinderung in Deutschland von der bevormundenden Ausgrenzung hin zu Bemühungen um Normalisierung und Gleichberechtigung. Doch auch der in den USA geübte, in vielerlei Hinsicht barrierefreiere Umgang mit Behinderung hat Grenzen, wie Poore an den Hürden ihrer beruflichen Laufbahn erkannte. Ein autobiografischer Zugang dieser Art ist für Studien der angloamerikanischen Disability Studies keineswegs ungewöhnlich, er hat lediglich in der deutschen akademischen Kultur (bislang) keine Entsprechung.

Am stärksten ist die Studie in den Analysen der kulturellen Repräsentationen von Behinderung anhand von literarischen und filmischen Werken. Doch auch die politik- und sozialgeschichtliche Kontextualisierung ist stets präzise. Die Autorin zeigt sich überdies als Kennerin der nicht eben umfangreichen und oft an verborgenen Stellen publizierten deutschen Forschungsliteratur und fügt eine gut ausgewählte Bibliografie an. Wer dieses kenntnisreiche Buch liest, wird sich wünschen, es gäbe schon mehr Studien dieser Art.

Anmerkungen:
[1] Longmore, Paul K.; Umansky, Lauri, Disability History: From the Margins to the Mainstream, in: Dies. (Hrsg.), The New Disability History: American Perspectives, New York 2001, S. 1-29; Kudlick, Catherine, Disability History: Why We Need Another „Other”, in: American Historical Review 108 (2003), 3, S. 763-793.
[2] Carol Poore ist Professorin für German Studies an der Brown University in Providence, RI.
[3] So z. B. Büttner, Malin, „Nicht minderwertig, sondern mindersinnig …“ Der Bann G für Gehörgeschädigte in der Hitler-Jugend, Frankfurt am Main 2005; Fandrey, Walter, Krüppel, Idioten, Irre. Zur Sozialgeschichte behinderter Menschen in Deutschland, Stuttgart 1990; Fuchs, Petra, ‚Körperbehinderte’ zwischen Selbstaufgabe und Emanzipation: Selbsthilfe – Integration – Aussonderung, Berlin 2001.
[4] Rudloff, Wilfried, Überlegungen zur Geschichte der bundesdeutschen Behindertenpolitik, in: ZS für Sozialreform 49 (2003), 6, S. 863-886; Ders., Rehabilitation und Hilfen für Behinderte, in: Hockerts, Hans Günter (Hrsg.), Geschichte der Sozialpolitik in Deutschland seit 1945. Bd. 5: 1966-1974. BRD. Eine Zeit vielfältigen Aufbruchs, Baden-Baden 2006, S. 557-591; Ders., Rehabilitation und Hilfen für Behinderte, in: Ruck, Michael; Boldorf, Marcel (Hrsg.), Geschichte der Sozialpolitik in Deutschland seit 1945. Bd. 4: 1957-1966. BRD. Sozialpolitik im Zeichen des erreichten Wohlstandes, Baden-Baden 2007, S. 463-502; Boldorf, Marcel, Rehabilitation und Hilfen für Behinderte, in: Hoffmann, Dierk; Schwartz, Michael, (Hrsg.), Geschichte der Sozialpolitik in Deutschland seit 1945. Bd. 8: 1949-1961. DDR. Im Zeichen des Aufbaus des Sozialismus, Baden-Baden 2004, S. 453-474.

Zitation
Elsbeth Bösl: Rezension zu: : Disability in Twentieth-Century German Culture. Corporealities: Discourses of Disability. Ann Arbor  2007 , in: H-Soz-Kult, 23.09.2008, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-11166>.
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Veröffentlicht am
23.09.2008
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