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Titel
Die 68er. Schlüsseltexte der globalen Revolte


Hrsg. v.
Ebbinghaus, Angelika
Erschienen
Wien 2008: Promedia Verlag
Umfang
224 S.
Preis
€ 12,90
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Johanna Wolf, Global and European Studies Institute, Universität Leipzig

„Die 68er. Schlüsseltexte der globalen Revolte“ von Angelika Ebbinghaus ist eine interessante Publikation zum 40jährigen Jubiläum von „68“. Das Verdienst der in Bremen an der Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts ansässigen Historikerin und Psychotherapeutin ist die Darstellung des globalen Phänomens durch Schriften ihrer Protagonisten. Zwar ist diese Idee im Kontext der „68er“ nicht neu [1], aber durch die Auswahl der Texte im globalen Maßstab gelingt es Angelika Ebbinghaus, die Vielschichtigkeit des Phänomens und die Parallelität der Ereignisse hervorzuheben. Um die weltweite Dimension zu verdeutlichen, gliedert sie die im Buch zusammengestellten politisch-programmatischen und theoretischen Texte damaliger Wortführer, Intellektueller, und Theoretiker in die kontinental gedachten Weltregionen. Bei der Begründung für die Wahl ihrer Texte operiert sie mit dem Begriff „Chiffre 1968“, der beinhaltet, die Auswahl nicht auf das Jahr 1968 zu beschränken, sondern sie auf das davorliegende Jahrzehnt auszuweiten, um die „[…] zugrundeliegenden langfristigen Veränderungen der gesellschaftlichen Strukturen zu erfassen“[2] und „[…] auf soziale und politische Vorläufer sowie auf intellektuelle Stichwortgeber aufmerksam [zu machen].“[3]

Bringt man die theoretischen Gedanken der Autorin mit den historischen Texten im Buch zusammen, ergeben sich einige Interpretationslinien für die 1960er/70er-Jahre. Die Zeit war (erstens) in eine Phase globaler Veränderungen in ökonomischen und gesellschaftlichen Strukturen eingebettet. Ende der 1960er Jahre setzte nach mehr als zwei Jahrzehnten prosperierendem Wohlstands eine Rezession ein. Die wirtschaftlich hochentwickelten Länder reagierten mit der Expansion eines liberalen, transnationalen Marktsystems durch die Ausbreitung multinationaler Konzerne in die entlegensten Gebiete der Erde. Dadurch gerieten die jüngst ausgefochtenen Errungenschaften der dekolonisierten Länder in eine neue Abhängigkeit. Die Liberalisierung des kapitalistischen Wirtschaftssystems führte zur stärkeren Vernetzung der Märkte und damit zu neuen Raumordnungen im Sinne ökonomischer Machtmechanismen. Die im Buch von Angelika Ebbinghaus abgedruckte Analyse des Entwicklungstheoretikers Andre Gunder Frank von 1968 verdeutlicht die Problematik, die sich hinter dieser wirtschaftlichen Expansion verbarg. Frank argumentiert überzeugend, dass sich die Peripherien nicht aus ihrer Unterentwicklung befreien konnten, solange sie in das kapitalistische System eingebunden blieben. Ihre Unterentwicklung sei bedingtes Produkt des Kapitalismus.[4]

Aus der Textsammlung von Ebbinghaus lässt sich (zweitens) herauslesen, dass nicht nur die Einbindung in dieses ökonomische System von den Kritikern der 1960er Jahre als problematisch bewertet wurde. Die meisten unter dem Kapitel „Afrika“ zusammengetragenen Quellen im Buch beschreiben die traumatischen Folgen einer jahrelangen kolonialen Gewaltherrschaft und die damit einhergehenden Auswirkungen auf die eigene Gewaltbereitschaft im Kampf um die Unabhängigkeit. In diesem Zusammenhang lassen sich die Worte des ersten Ministerpräsidenten des unabhängigen Kongo Patrice Lumumba von 1961 kurz vor seiner Ermordung lesen: „Die Kongolesen waren einig vor der Unabhängigkeit im Kampf gegen den Kolonialismus […]. Deshalb […] bitte ich Euch als einer der Euren, aufzuhören mit dem Bruderkrieg, mit der Selbstzerfleischung […].“[5]

Neben dem ökonomischen und gesellschaftlichen Wandel ist diese Zeit (drittens) zunehmend durch die Infragestellung der „Blockbildung“ in ein US-amerikanisches und sowjetisches Lager geprägt. Kritik kam, ob über die hegemoniale Kriegführung der Amerikaner im Vietnamkrieg oder über die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 durch die sowjetischen Truppen, aus den Reihen der sich etablierenden sozialen Bewegungen weltweit.

Je nach nationaler Ausprägung des Konfliktherdes, nach Ausmaß des sozialen Missstandes und der zur Verfügung stehenden Mittel äußerten sich die Proteste unterschiedlich. Als gemeinsames Element lag ihnen aber (viertens), neben den strukturellen Rahmenbedingungen, eine neue Form der transnationalen Vernetzung zugrunde. Der Transfer von Ideen und Meinungen über die Nationalgrenzen hinweg wurde mit der zunehmenden Partizipation an den Medien und der wachsenden Mobilität möglich. So kam es zu transnationalen Zusammenschlüssen, in denen die Bewegungen gemeinsame Ziele formulierten und sich gegenseitig im Protest unterstützen. Besonders beeindruckend steht hierfür die im Buch von Ebbinghaus abgedruckte Neujahrsbotschaft an die amerikanischen Friedenskämpfer des Staatsmanns Ho Tschi Minh 1968: „Wie Sie alle wissen, hat noch niemals ein Vietnamese Unheil über die USA gebracht. Dennoch sind eine halbe Million amerikanischer Soldaten nach Südvietnam geschickt worden, um gemeinsam mit 700.000 Mann Marionetten- und Satellitentruppen täglich vietnamesische Menschen zu töten […]. Freunde, mit Ihrem Kampf um die Beendigung des Aggressionskrieges in Vietnam verteidigen Sie die Gerechtigkeit und lassen uns gleichzeitig Unterstützung zuteil werden.“[6] Die im Buch zusammengeführten Wortmeldungen von Studentenbewegungen zeichnen den Vietnamkrieg als zentrales Thema der Protestbewegungen in den 1960er Jahren.

Bemerkenswert ist, dass der Einmarsch der sowjetischen Truppen in Prag, den ausgewählten Texten nach zu urteilen, eine nicht annährend so große internationale Solidarisierungswelle ausgelöst haben muss. Dabei waren die Bewegungen Ost- und Mitteleuropas nicht von minderer politischer Brisanz. Die Quellen der ost- und mitteleuropäischen Bewegungen im Buch zeugen von einer erstaunlichen Ähnlichkeit in den Ideen über eine Reformierung des real existierenden Sozialismus. Und sie zeigen eine überraschende Klarheit politisch formulierter Ziele im Vergleich zu den Aktionsprogrammen westeuropäischer Studentenbewegungen.

Die Aneinanderreihung der historischen Texte ermöglicht, diese Parallelen und Diskontinuitäten aufzuzeigen. Die hermeneutische Leistung bleibt allerdings dem Leser weitestgehend selbst überlassen. Bis auf die einleitende Zusammenfassung theoretischer Ansätze über „1968“ von Angelika Ebbinghaus und die kurzen Darstellungen des historischen Kontextes der Länder, aus denen die Quellen stammen, gibt es kaum Interpretationshilfen. Zu wenig wurden zum besseren Textverständnis Querverweise oder Erläuterungen angeführt. Hier weist das Buch einen Schwachpunkt auf.

Das eigentliche Problem der Publikation ist jedoch ein anderes. Dem Buch fehlt eine eindeutige Definition, wer den „68ern“ zuzuordnen ist. Es entsteht zunächst der Eindruck, dass alle hier aufgeführten Texte den sozialen Bewegungen der 1968er entsprungen sind. Angelika Ebbinghaus schreibt gleich zu Beginn: „In den 1960er Jahren gab es weltweit in den Zentren und an der Peripherie des Weltsystems soziale und politische Massenbewegungen. Dazu gehörten die Befreiungsbewegungen Afrikas, Asiens und Lateinamerikas, […].“[7] Weiter heißt es aber: […] diese Bewegungen [stellten] gleichsam eine Art Folie dar, auf die das Interesse, die Anteil- und Parteinahme der 68er-Bewegungen gerichtet waren.“[8] Es geht Ebbinghaus also weniger um die Darstellung der Synchronizität der Ereignisse und die Vielschichtigkeit sozialer Unruhen um das Jahr 1968, sondern vielmehr um die Zusammenstellung verschiedener Inspirationsquellen der „68er-Bewegung“ (der „westlichen Hemisphäre“). Damit liest sich der Titel „Die 68er. Schlüsseltexte der globalen Revolte“ aus einer anderen Perspektive. Die „68er“ waren demnach nicht „global“, sondern setzten sich mit globalen Themen ihrer Zeit auseinander.

Doch liegt dieser Denkart nicht ein eurozentristisches Raster zugrunde? Würde das Thema nicht gewinnen, betrachtete man die weltweiten sozialen Unruhen als Teil einer weltweiten Umbruchphase und Reaktion auf eine sich verändernde Weltordnung? Die Texte verdeutlichen, wie viel Potential in dieser Geschichte steckt.

Anmerkungen
[1] Vgl. Lutz Schulenberg (Hrsg.), Das Leben ändern, die Welt verändern! 1968. Dokumentation und Bericht. Hamburg 1998; Wolfgang Kraushaar (Hrsg.), Frankfurter Schule und Studentenbewegung. Von der Flaschenpost zum Molotowcocktail. 1946-1995, 3 Bde., Hamburg 1998.
[2] Angelika Ebbinghaus, Die 68er. Schlüsseltexte der globalen Revolte, Wien 2008, S. 9.
[3] Ebd.
[4] Vgl. Ebd., S. 73.
[5] Ebd., S. 48.
[6] Ebd., S. 72.
[7] Ebd., S. 9f.
[8] Vgl. Ebd., S. 10.

Zitation
Johanna Wolf: Rezension zu: Ebbinghaus, Angelika (Hrsg.): Die 68er. Schlüsseltexte der globalen Revolte. Wien  2008 , in: Connections. A Journal for Historians and Area Specialists, 18.12.2009, <www.connections.clio-online.net/publicationreview/id/rezbuecher-11169>.
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Veröffentlicht am
18.12.2009
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/