K. Schilde: Jugendopposition 1933-1945

Cover
Titel
Jugendopposition 1933-1945. Ausgewählte Beiträge


Hrsg. v.
Schilde, Kurt
Umfang
185 S.
Preis
€ 16,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ann-Katrin Ostermann, Siegen

„Den Widerstand von Jugendlichen beispielhaft bekannt zu machen, ist immer noch eine lohnende Aufgabe für die Zukunft“ (S. 28). Wissenschaftliche Abhandlungen über den jugendspezifischen Widerstand der Jahre 1933 bis 1945 sind rar. Kurt Schildes „Jugendoppositionen“ versucht, dieses Desiderat zu schließen: Insgesamt zehn bereits zwischen 1983 und 2006 publizierte Abhandlungen verschaffen einen Einblick in eine Bewegung, die „alle Formen nonkonformen Verhaltens, der Verweigerung und des Protestes bis hin zum Widerstand“ aufweist (S. 11). Dieser definitorischen Breite entspricht die konzeptionelle Pluralität der zu besprechenden Schriftensammlung. Denn neben überblicksartigen Darstellungen über den politischen Jugendwiderstand Deutschlands, die Opposition als auch den Protest jüdischer Jugendlicher auf der Makroebene, werden mikroanalytisch (biografische) Skizzen entworfen, wie etwa über Marianne Cohn, die sich als Fluchthelferin für jüdische Kinder aus Frankreich einsetzte. Die Sozialarbeiterin wurde zum Opfer der nationalsozialistischen Herrschaft, als sie am 31. Mai 1944 versuchte, einen jüdischen Transport von 32 Kindern aus Lyon in der Schweiz zu sichern. Ausführlich beschreibt der Autor das Szenario an der französisch-schweizerischen Grenze, in dessen Folge Marianne Cohn ermordet wurde. Fotografische Portraits der Protagonistin lassen dabei, wie übrigens im gesamten Band, Geschichte lebendig werden und unterstreichen merklich die dokumentarische Nuance.

Einen biografischen Zugriff verfolgt auch ein Beitrag über Eva-Maria Buch, die mit zweiundzwanzig Jahren zu den jüngsten der hingerichteten Angehörigen der ‚Roten Kapelle’ gehörte. Trotz der wenigen historischer Spuren, die sie hinterließ, findet sich eine eindringliche Beschreibung ihres Weges in den Widerstand über ihre Verhaftung und den Prozess vor dem Reichskriegsrat bis hin zur Ermordung. Der Aufsatz schließt mit einem Auszug aus dem Abschiedsbrief der Hingerichteten an ihre Eltern, der getragen wird von Emotionen, die eher trostvoll und erleichtert erscheinen als niedergeschlagen – nicht wie verstummte Worte einer Kämpferin.

Wie oben angedeutet, werden solche personenzentrierte Werkteile abgelöst von gruppendynamischen Diskursen, die aber zumeist nicht auf biografische Fakten verzichten. Dabei kann „Mit den Waffen der Phantasie und der Lust am Risiko“ als Einführungstext des Bandes gelten. Der Autor informiert kenntnisreich über die vielfältigen Ausprägungen des Jugendwiderstandes, seine Formen, seine Evolution und vor allem seine Wirkung. Plastisch wird dieser Facettenreichtum, wenn die ‚Religiöse Resistenz‘, eine Gruppe katholisch organisierter Jugendlicher, einbezogen wird. Insgesamt transportiert dieser Beitrag gewissermaßen stellvertretend das gesamte Forschungsvorhaben Schildes: die Aufarbeitung eines historischen Phänomens in seiner ganzen intentionalen Breite wie Formenvielfalt.

Daher dürfen wissenschaftsgeschichtliche Exkurse nicht fehlen, unter denen die „Forschungen zum antifaschistischen Widerstandskampf der deutschen Jugend“ wohl die denkwürdigsten sind: Zwischen 1957 und 1991 visierte Karl-Heinz Jahnke von der Rostocker Universität den Gegenstand des kommunistischen Jugendwiderstands an. Die Untersuchungen sollten für die Propaganda wie auch für die Erziehung der Jugend fruchtbar gemacht werden, besonders in der FDJ. Trotz einzelner verdienstvoller Erkenntnisse „litt die historische Aufarbeitung unter der einseitigen Herausstellung und Übersetzung des Wirkungsgrades der Aktivitäten des Kommunistischen Jugendverbands“ (S. 12). Schilde geht noch weiter und beklagt „die Vernachlässigung individueller oppositioneller Aktivitäten von Jugendlichen“, die sich vor allem aus dem Legitimationszwang der DDR speiste (S. 35).

Der Hinweis auf versäumte oder missachtete wissenschaftliche Felder ist die eine Seite der Medaille. Die andere möchte aber keineswegs ausgeblendet werden, daher kommen auch die gut aufgearbeitete Geschichte Hanno Günthers und der Rütli-Gruppe zur Sprache. Ihre jeweiligen Flugblatt- und Klebezettelaktionen haben bis heute nichts an Aktualität eingebüßt. Obwohl diese Widerständler in der wissenschaftlichen Überlieferung oft eine Monopolstellung einnahmen, was wiederum zu einer eklatanten Vernachlässigung der Wahrnehmung anderer Oppositioneller führte, widmet sich Schilde dem Widerstand der ‚Weißen Rose‘ ebenso direkt wie wertneutral. So zitiert er unter anderem ausführlich aus originalen Materialien wie Streuzetteln oder lässt Zeitzeugen wie Hanno Günthers Mutter zu Wort kommen. Schildes Kompendium versteht sich merklich als eines für ‚In‘- und ‚Outsider‘.

Weit weniger bekannt sind jüdische Widerstandskämpfer und -kämpferinnen, deren Bedeutsamkeit von Schilde jedoch besonders betont wird: „Die in Deutschland vorhandene Geringschätzung des jüdischen Jugendwiderstandes hat dazu beigetragen, den falschen Eindruck von der jüdischen Bevölkerung als scheinbar ewigen Opfern aufrecht zu erhalten.“ (S. 13) Ein Beitrag klärt über grundlegende Tendenzen, Muster und Operationen der willensstarken jüdischen Heranwachsenden auf und intensiviert das Bild der Resistenz durch die Skizze eines Sonderfalls. Gemeint sind die Aktionen der Gruppen um den kommunistischen Funktionär Herbert Baum. Deren Existenz war dem früheren Deutschland alles andere als bekannt. Der Anschlag auf die in 1942 in Berlin eröffnete Ausstellung ‚Das Sowjetparadies‘ gilt als ihre wichtigste Handlung wider die Verschleierung nationalsozialistischer Verbrechen. Besonders anregend erscheint in diesem Zusammenhang eine kurze Skizze über Julius Kellers Roman „German Jews fought back“. Spinnt dieses Erzählstück ein Netz aus historischen Tatsachen oder ist seine ‚histoire‘ durch und durch Fiktion? Dem Verfasser gelingt es, entgegen Forschungen, die sich vornehmlich legitimatorischen Interessen verpflichten, das verschwommene Bild des jüdischen Widerstandes klarer zu fassen. Rigide plädiert er für eine Forschung, die sich aus der Rolle der Opferperspektive herausschält: „Mit Mythen des Widerstandes ist ebenso wenig zu erreichen, wie mit dem falschen Bild der angepassten Jugend.“ (S. 91)

Zudem werden wertfreie andere Bilder geliefert. So folgt ein Text über den Widerstand der Ghettojugend in Osteuropa, deren Radikalität und spezifischer Widerstand von einer Absage an die Erwachsenenwelt getragen wurde. Der doppelte Kampf im Untergrund sowohl gegen die deutschen Verfolger als auch gegen die jüdischen Erwachsenen – wurde stärker international erforscht als national. Schilde konstatiert: „Die Aufarbeitung der Geschichte der Ghettorevolten fand noch weniger Zustimmung, als die ebenfalls jahrzehntelang gezeigte Geringschätzung des Widerstandes der Arbeiterbewegung.“ (S. 103) Überdies gibt er Anlass, über die Frage nach Rekrutierungsmechanismen im Widerstandskampf nachzudenken, etwa im Fall der bündischen Jugendgruppen in Berlin, die sich hier in dreierlei Ausprägungen offenbaren: der „Schwarzen Jungmannschaft“, der „dj. 1.11“ und der „Schwarzen Schar“. Dabei wird über auch darüber reflektiert, was diese Gruppen besonders auszeichnete, von ihren flexiblen Grundüberzeugungen bis hin zu ihren einzigartigen politischen Aktionen, die sich auf dem schmalen Grad zwischen Illegalität und Opposition bewegten.

Mit einem Duktus, der ebenso unaufdringlich geradlinig wie lebendig erscheint, wird abschließend auch über die Entdeckung der „Edelweiß-Piraten“ berichtet, deren Existenz nicht zu leugnen ist. Obgleich ihr Hintergrund in der Öffentlichkeit lange verschleiert wurde, steht heute fest, dass ihre Etablierung vom Nationalsozialismus geradezu herausgefordert wurde: „Die Hitler-Jugend hat ihren Monopolanspruch auf die Erfassung der gesamten deutschen Jugend zu keiner Zeit vollständig durchsetzen können. Da sie obendrein den Erwartungen an ein attraktives Jugendleben nur begrenzt entsprach, hat sie die von ihr enttäuschten Jugendlichen durch die Verfolgung schrittweise zu oppositionellem Auftreten provoziert. […] Ausgerechnet die ‚Hoffnungsträger des neuen Deutschland‘ demonstrierten jedoch den Misserfolg der NS-Erziehung.“ (S. 138)

Schon in seiner Dissertation „Im Schatten der Weißen Rose. Jugendoppositionen gegen den Nationalsozialismus im Spiegel der Forschung (1945 bis 1989)“ hat sich Kurt Schilde mit der Geschichte von Jugendoppositionen beschäftigt. Die vorliegende Aufsatzsammlung vertieft und bündelt einen Komplex, der durch seine Mannigfaltigkeit besticht. „Jugendoppositionen 1993-1945“ entzieht sich dabei politischen Wertungen, sondern beschreibt vielmehr und regt zu weiteren Forschungen an. Fernab von legitimatorischen Bedürfnissen werden intra- und interindividuelle Dispositionen junger Frauen und Männer sichtbar, die kritisch-oppositionell bis regimefeindlich-widerständig agierten. Indem immer wieder textuell unterschiedlichste historische Quellen (vom Tagebuchauszug bis zum Gedicht) verknüpft werden, können retrospektiv schwer greifbare Phänomene wie Resistenz oder Widerstand dargestellt und authentisiert werden. Wohl unterstreicht der Autor, dass die theoretische Entschlüsselung der Vergangenheit immer konstruiert und nachträglich ist. Wer sich tiefgreifend mit spezifischen Phänomenen oppositionellen Verhaltens beschäftigen möchte, der sollte weiterhin zu Einzelmonographien greifen; hier ist auch der ausführliche Literaturanhang im Band hilfreich. Wer hingegen einen profunden wissenschaftlichen Überblick über (zentrale) Jugendoppositionen und den Widerstand im Kontext des NS-Regimes sucht, der möge sich des gut strukturierten Buches bedienen. Letzteres erweist sich, nicht zuletzt aufgrund seines dualen methodischen Ansatzes, als attraktiv für eine breite Leserschaft und ist sicher auch für Studienzwecke empfehlenswert.

Zitation
Ann-Katrin Ostermann: Rezension zu: Schilde, Kurt (Hrsg.): Jugendopposition 1933-1945. Ausgewählte Beiträge. Berlin  2007 , in: H-Soz-Kult, 23.07.2008, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-11206>.
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23.07.2008
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