Cover
Titel
Karl der Große.


Autor(en)
McKitterick, Rosamond
Erschienen
Darmstadt 2008: Primus Verlag
Umfang
472 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Max Kerner, Historisches Institut, RWTH Aachen

Rosamond McKitterick, Professorin für mittelalterliche Geschichte an der Universität Cambridge und herausragende Kennerin der Karolingerzeit und deren handschriftlicher Überlieferung, hat hier ein ungemein gelehrtes und vielfach anregendes Buch zu Karl dem Großen vorgelegt. In fünf Schwerpunkten werden die Geschichte und die Bedeutung des Frankenherrschers erschlossen, indem zunächst die Quellen und deren Kritik (Kapitel I: Karlsbilder), dann der Aufstieg der Karolinger und das Wachsen des Karlsreiches (Kapitel II: Errichtung einer Dynastie), weiter der reisende König, die Fragen seines Itinerars, die Herstellung und Überlieferung seiner Urkunden (Kapitel III: Königshof), die Formen der Kommunikation und die Mittel politisch-kultureller Identität (Kapitel IV: König und Reich) sowie Karls religiöse und kulturelle Strategien und die damit verbundenen Texte und Artefakte (Kapitel V: Correctio, Wissen und Macht) dargestellt werden. Insgesamt sollen auf diese Weise „im Rahmen einer erneuten Evaluation der zeitgenössischen Quellen“ (S. 325) die rasante Expansion des Karlsreiches, der dynamische Wandel von Karls Herrschaft und die christliche Kohärenz seines Staatsgebildes verdeutlicht und neu bewertet werden.

Ausgehend von dem allgemein akzeptierten Stereotyp, in Karl dem Großen einen bedeutenden europäischen Herrscher zu sehen, versucht die Verfasserin in ihren Überlegungen zu den Karlsbildern (Kapitel I) diese karolingische Erfolgsgeschichte bereits in den grundlegenden Texten des 9. Jahrhunderts festzumachen, so etwa bei Einhard und in den fränkischen Reichsannalen. Für McKitterick hat Einhard, dessen mögliche Vorlagen und historische Bedeutung besprochen werden, Karl den Großen gewissermaßen „erfunden“, was nicht zuletzt durch dessen spätere Rezeptions- und Wirkungsgeschichte belegt werden kann. Bei den offiziösen Reichsannalen untersucht McKitterick nicht nur deren verschiedene Rezensionen, deren wahrscheinliche Originalfassung, deren Autorenwechsel sowie kodikologischen Kontexte, sondern vermutet ihre Entstehung unter königlicher Verantwortung in Saint-Denis zu Beginn der 790er-Jahre. Hierzu würde gut die gleichzeitige Zusammenstellung der päpstlichen Korrespondenz mit den frühen Karolingern (Codex Carolinus) oder auch das etwa zur selben Zeit entstandene sogenannte Formularbuch von Saint-Denis (Paris, BN lat. 2777) passen, das von der Verfasserin als eine „Materialsammlung zu historiographischen Zwecken“ (S. 55) verstanden wird.

In Kapitel II geht es um die Errichtung der karolingischen Dynastie, auch hier weniger um die engere Ereignisgeschichte des Aufstiegs der Karolinger als vielmehr um dessen Darstellung und Wahrnehmung in den zeitgenössischen Quellen. Dabei werden der Prinzipat der karolingischen Hausmeier 687-751, Pippins Königsherrschaft 751-768, Karls gemeinsame Herrschaft mit Karlmann 768-771 genauso besprochen wie Karls Alleinherrschaft und deren Folgen. Beschrieben werden seine Sachsenkriege und die Christianisierung Norddeutschlands, seine italische Politik und die Geschichte der Franken in Spanien, das Ende der Agilolfinger und des Awarenreiches sowie die Rolle der exteriores gentes. Herausgestellt werden bei dieser Schilderung vom „Wachsen des Reiches“ zwei bedeutsame Zeugnisse: die ‚notitia Italica’, eine wichtige Quelle über die Eroberung und die Neugestaltung des langobardischen Italien (entstanden 774-776) sowie der viel besprochene Kaisertitel Karls des Großen.

In Kapitel III wird der Königshof Karls des Großen näher gekennzeichnet, indem dessen bisheriges Bild als einer „statischen und unveränderlichen Institution“ (S. 130) mit der Dominanz der Aachener Pfalz aufgebrochen wird. McKitterick fragt nach der Beleglage für den königlichen Haushalt und seine Strukturen, nach den zeitgenössischen Informationen über Aachen im Vergleich zu anderen karolingischen Pfalzen sowie nach dem königlichen Itinerar. Festgemacht wird diese Beleglage an den königlichen Diplomen mit ihren Arengen und Datierungsklauseln, an den Kapitularien, an den Werken Adalhards von Corbie bzw. Hinkmars von Reims (‚de ordine palatii’) sowie an den narrativen Darstellungen eines Einhard und Notker bzw. an den materiellen Überresten der Artefakte und Münzen. Dabei ergibt sich für die Pfalzen Karls des Großen ein gewichtiger Befund: Neben Ingelheim und Nimwegen, neben Worms und Frankfurt oder auch neben Paderborn, das als urbs Karoli geplant war, wird insbesondere die Rolle Aachens diskutiert, dessen Marienkirche als „sakrales Zentrum einer reichsweiten Liturgiereform“ (S. 158) gesehen und dessen Pfalz erst in den letzten Lebensjahren des Kaisers als faktische Hauptresidenz genutzt wird. Zum Thema des Königshofes gehört für die Verfasserin schließlich auch die Frage des wandernden Hofes und reisenden Königs. McKitterick versucht stärker als bisher, die Aktivitäten der königlichen Amtsträger herauszustellen und die entsprechenden Bemerkungen in den Urkunden (ad vicem ... recognovi-Hinweise bzw. eine genauere Untersuchung des sogenannten Vollziehungsstrichs) ernst zu nehmen.

Kapitel IV (König und Reich) beschreibt die mündlichen und schriftlichen Formen der Kommunikation, die sich aus den Kapitularien und Königsurkunden, aus den Briefen des täglichen Verwaltungsbetriebs, aus dem Codex Carolinus oder auch aus dem Formelbuch des Markulf erfassen lassen. Als ergiebigste Quelle für Programm und Praxis von Karls Herrschaft erweisen sich für McKitterick die Kapitularien, gleichsam „als unverfälschte Stimme Karls des Großen“ (S. 208), die nacheinander unter dem Aspekt des Programmatischen (769-797), des Regionalen (Italien, Bayern, Sachsen) und des Administrativen (802-813) ausführlich diskutiert werden. Eine entscheidende Rolle für die Stärkung der administrativen Bindungen im Reich spielten auch die missi dominici, deren Tätigkeit an Kapitulariensammlungen gut nachvollzogen werden kann, so etwa an der des Gerbald von Lüttich.

Kapitel V (Correctio, Wissen und Macht) arbeitet die Eigenart der karolingischen Kultur heraus, indem die Personen und Institutionen, die Karls Religionspolitik mitgetragen haben (Bischöfe, Metropoliten, Königsklöster) genauso dargestellt werden, wie die programmatischen Texte der Kirchenreform, wie sie etwa in den Bestimmungen der ‚Admonitio generalis’ von 789 enthalten sind, einem Schlüsseltext für den christlichen Glauben und die christliche Lebensführung. Hinzu kommt Karls Bemühen um die lateinische Sprache und den christlichen Glauben (vgl. die dogmatischen Streitigkeiten um Adoptianismus und Bilderstreit sowie die Frage des Filioque). Die Förderung des Lateins, aber auch der altfranzösischen und altdeutschen Textformen wie überhaupt der Schriftkultur hat insgesamt mitgeholfen, eine fränkisch-kulturelle Identität auszubilden. Wichtig ist für McKitterick schließlich der persönliche Glaube Karls, der sich aus den Arengen seiner Urkunden, aus den an ihn gerichteten Papstbriefen, aus seinem sakralen Itinerar oder aus den von ihm favorisierten Heiligen und seinen Reliquiensammlungen bzw. -schenkungen ableiten lässt. Bedeutsam sind hier ebenfalls die Gebetbücher Karls des Großen, die wir kennen oder die uns erhalten sind: zum einen das Gebetbuch, das Alkuin für Karl schuf, zum anderen das großformatige Godescalc-Evangelistar bzw. der berühmte Dagulf-Psalter (Wien ÖNB Cod. 1861). In diesen Kontext passt schließlich die von McKitterick betonte Rolle der Aachener Marienkirche, die bei der Herstellung und Verbreitung wichtiger liturgischer und rechtlicher Texte (Evangeliare, Sakramentare, Kanonessammlungen) sowie des orthodoxen Glaubens (vgl. Version des Credos mit dem Filioque) von grundlegender Bedeutung war. Geschaffen wurden hier in der Hofwerkstatt Karls des Großen königliche Bücher von überwältigender Schönheit und außergewöhnlicher handwerklicher Fertigkeit.

Man hat der Verfasserin bereits an anderer Stelle[1] kleinere Nachlässigkeiten und Ungenauigkeiten aufgelistet oder auch das Fehlen wichtiger Literatur vorgehalten bzw. beim Vergleich der englischen und deutschen Fassung ihres Buches mancherlei Nachteile der deutschen Ausgabe moniert, etwa die ans Buchende gesetzten Anmerkungen, die Reduktion der Indizes auf ein bloßes Personenregister, unnötige Übersetzungsfehler und anderes mehr. Dies soll hier im Einzelnen nicht wiederholt oder ergänzt werden. Wichtiger ist die inhaltliche Gesamtwertung: Rosamond McKitterick wollte weder eine klassische Biografie noch eine herkömmliche Monografie zu Karl dem Großen schreiben, sondern vielmehr dessen Herrschaft neu beurteilen: die integralen Bestandteile seiner politischen Macht (Kultur, Religion, Recht und geschriebenes Wort), die kommunikativen und kulturellen Mittel seiner Herrschaft, die Bedeutung der lateinischen Bildung und christlichen Orthodoxie. Bei dieser Neueinschätzung sind ihr viele überzeugende Ein- und Ansichten gelungen: von der Karlsvita Einhards, über St. Denis als Entstehungsort der Reichsannalen bis hin zur Frömmigkeit Karls des Großen oder auch zur Bedeutung des karolingischen Aachen. Solche Forschungsaspekte wie auch die stets quellen- und überlieferungskritische Angangsweise machen das Karlsbuch von Rosamond McKitterick zu einer anspruchsvollen Lektüre, die für die hoffentlich zahlreichen Leserinnen und Leser eine Herausforderung darstellen wird.

Anmerkung:
[1] Wilfried Hartmann, Rezension zu Rosamond Mc Kitterick, Karl der Große, in: Concilium medii aevi 11 (2008), S. 1019-1025.

Zitation
Max Kerner: Rezension zu: : Karl der Große. Darmstadt  2008 , in: H-Soz-Kult, 25.03.2009, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-11236>.
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25.03.2009
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