Titel
Geschichtskultur. Die Anwesenheit von Vergangenheit in der Gegenwart


Hrsg. v.
Oswalt, Vadim; Pandel, Hans-Jürgen
Erschienen
Schwalbach am Taunus 2009: Wochenschau-Verlag
Umfang
237 S.
Preis
€ 22,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christian Schmidtmann, Studienseminar Hamm

Schon lange wird die Geschichtskultur als „praktisch wirksame Artikulation von Geschichtsbewusstsein in einer Gesellschaft“ (Jörn Rüsen) von Geschichtsdidaktikern als ihr ureigenes Forschungsfeld begriffen. Allein: die empirische Forschung blieb hier hinter den selbst definierten Ansprüchen weit zurück. Dagegen nahmen sich zunehmend Fachhistoriker des Forschungsfeldes an, wobei allerdings kaum die Theoriebildung im Bereich der Geschichtsdidaktik aufgenommen wurde. Einflussreicher wurden Überlegungen, wie sie etwa im deutschsprachigen Bereich vom Ägyptologen Jan Assmann und seiner Frau, der Anglistin Aleida Assmann, unter den Schlagworten „kulturelles Gedächtnis“ oder „Erinnerungsgeschichte“ ausformuliert wurden. Wie austauschbar die Begriffe allerdings zu sein scheinen, beweist der vorliegende Sammelband. Während „Geschichtskultur“ als plakativer Titel des Buches firmiert, versammelt es Beiträge, die im Rahmen einer interdisziplinären Tagung mit dem Thema „Erinnerungskultur als Aufgabe der Universitäten“ entstanden.[1] Offensichtlich soll hier wohl für die Geschichtsdidaktik verloren gegangenes Terrain wieder besetzt werden, sehen die Herausgeber beide Begriffe doch „als auf durchaus ähnliche Fragen und Phänomene bezogen“ an und halten sie für „nicht wirklich systematisch abgrenzbar“ (S. 8). Vor diesem Hintergrund fiel es ihnen erkennbar schwer, eine gemeinsame Fragestellung für die Beiträge zu entwickeln, die die Spezifität oder den Mehrwert eines „geschichtskulturellen“ Zugangs deutlich werden lässt. Entsprechend weit ist das Spektrum der versammelten Texte, sollte doch das „Forschungsfeld Geschichtskultur“ lediglich „in zentralen interdisziplinären Bezugpunkten“ umrissen und „offene Fragen und Diskussionspunkte“ deutlich werden (S. 7). Dies geschieht in sieben thematischen Blöcken, die sich mit „Geschichtskultur und Erinnerungskulturen als Forschungs- und Lernfeld“, „Ficta versus Facta“, „Legale[n] Grenzen und Tabus im ‚öffentlichen Gebrauch der Historie‘“, „Museum und Musealisierung zwischen Bildung und Kommerz“, „Medien und kommunikativem Gedächtnis“ sowie der „Anwesenheit ‚ferner‘ Vergangenheit in der Gegenwart“ beschäftigen.

Hier kann nicht auf jeden der insgesamt 16 meist recht kurzen Beiträge eingegangen werden. Zwei Besonderheiten, die viele Aufsätze durchziehen und die vielleicht der Tatsache geschuldet sind, dass die übergroße Mehrzahl der Beiträgerinnen und Beiträger im Bereich der Geschichtsdidaktik arbeiten, lassen sich jedoch erkennen.

Zum einen halten sie kaum noch an der traditionellen Grenzziehung zwischen „wissenschaftlichen“ und „populären“ Umgangsformen mit Geschichte fest, bei der die Wissenschaften als einzig legitime Sachwalter von Geschichte angesehen werden und andere Erscheinungsformen zwangläufig als defizitär zu gelten haben. Ein übertriebenes wissenschaftliches Selbstbewusstsein wäre angesichts der interessanten Ergebnisse, zu denen Frank Bösch in seinem Beitrag zur „Medialisierung der Zeitgeschichte nach 1945“ kommt, auch kaum angebracht. Kann er doch zeigen, dass in Bezug auf die Beschäftigung mit der Geschichte des „Dritten Reichs“ Innovationen oft eher von den Massenmedien und „journalistischen“ Geschichtsschreibern als von den maßgeblichen Fachhistorikern ausgingen. Auch Saskia Handro und Gerhard Schneider geht es in ihren Beiträgen über „Geschichte im kommerziellen Fernsehen“ bzw. „Geschichte in der Werbung“ nicht um das Aufzeigen von Defiziten, sondern um die Analyse des Umgangs mit Geschichte in diesen zwei Bereichen, die aufgrund ihrer Quoten- bzw. Erfolgsorientierung sowohl Rückschlüsse auf das Geschichtsbewusstsein breiter Teile der Bevölkerung zulassen als auch ihrerseits das Geschichtsbewusstsein wahrscheinlich mehr prägen als jeder Geschichtsunterricht.

Zum anderen bieten viele Beiträge Überlegungen, wie mit geschichtskulturellen Zeugnissen umgegangen werden kann und sollte, wie sie für (schulische) Bildungsprozesse fruchtbar gemacht werden können. So beklagt Hans-Jürgen Pandel einleitend in einem gewohnt anregend polemischen Text die weitgehende Nichtberücksichtigung von Geschichtskultur im Geschichtsunterricht. Viele Geschichtslehrerinnen und Geschichtslehrer hätten sich in einen von „flohknackerischer Quellenforschung“ geprägten „Elfenbeinturm“ zurückgezogen (S. 19). Sein Plädoyer, geschichtskulturelle Zeugnisse zur Initiierung von Denkprozessen zu nutzen, überzeugt. Freilich wird an dem in diesem Zusammenhang skizzierten Beispiel (Maurizio Cattelans ironisch gebrochene Hitlerskulptur „Him“ aus dem Jahr 2001) zugleich deutlich, wie viel Vorwissen nötig ist, um überhaupt zum tiefer gehenden Denken zu kommen. „Viel zu wissen“, wie es in der Überschrift des Aufsatzes heißt, ist in der Tat „zu wenig“, aber aus der Sicht des Praktikers ist es schon sehr schwierig, überhaupt zu diesem Wissen bei Schülerinnen und Schülern zu kommen.

Wie sehr es auf die sorgfältige, durchdachte und letztlich natürlich zeitaufwendige Einbettung geschichtskultureller Zeugnisse im Unterricht ankommt, zeigt auch der Beitrag von Vadim Oswalt, der sich mit „Komödien zum Thema ‚Drittes Reich‘ als geschichtskulturelle[m] Phänomen und Lernanlass“ beschäftigt. Wie Oswalt zeigt, sind erhebliche Verständnishürden zu überwinden, und die Möglichkeiten des Fehlverstehens sind immens. So können derartige Filme bestehende Darstellungs- und Erarbeitungsformen des historischen Lernens zum Thema Holocaust nicht ersetzen und benötigen einen hohen Grad an Kontextwissen. Freilich bieten sie auch großes Interpretationspotential und motivieren in hohem Maße, sich gerade mit den spezifischen Problemen des Umgangs mit dem Holocaust auseinander zu setzen.

Ebenfalls mit einer Form gegenwärtiger Erinnerung an den Holocaust beschäftigt sich Michele Barricelli in seinem Beitrag „Das visuelle History Archive des Shoah Foundation Institute als geschichtskulturelle Objektivation und seine Verwendung im Geschichtsunterricht“. Auch hier sind „immense Sachkenntnis, Gattungskompetenz sowie (theoretische, da praktisch nicht vorhandene) Lebenserfahrung [...] nötig, um die gefilmte biographische Selbsterzählung mit Gewinn zu interpretieren und für die eigene historische Orientierung fruchtbar zu machen“ (S. 204). Dies umso mehr, als dass Barricelli den hehren Zielen, die dieses Archiv im Rahmen der „Holocaust Education“ verfolgt, skeptisch gegenüber steht. Er plädiert für die Zurücknahme der „in dieser Materie so überdeutlich normativen Perspektive des Geschichtslernens“ und möchte „Platz für subjektive Relevanzsetzung sowie echte, d.h. ergebnisoffene Reflexivität“ schaffen (S. 203). Dafür schlägt der Hannoveraner Didaktiker, dem es wieder einmal gelingt, umfassende geschichtstheoretische Informiertheit und unterrichtliche Wirklichkeit sinnvoll zu verbinden, eine Reihe handlungsorientierter und multiperspektivischer Herangehensweisen vor, die ihm geeignet erscheinen, zugleich wesentliche historische Kompetenzen einzuüben.

Der Sammelband bietet in der Tat eine erste Exploration in den Bereich der Geschichtskultur. Er zeigt fast ganz ohne fachwissenschaftlichen Hochmut, wie auf verschiedenen Feldern mit dem „Rohstoff“ Vergangenheit in der Gegenwart umgegangen wird und bietet erste Überlegungen, wie diese Präsenz didaktisch fruchtbar gemacht werden kann. Aufgabe der Zukunft wird es sein, die Spezifität eines geschichtskulturellen Zugangs weiter zu profilieren. Das gilt zum einen bei allen „erinnerungsgeschichtlichen“ Analysen der Anwesenheit von Vergangenheit in der Gegenwart und zum anderen für die Ausarbeitung eines kohärenten didaktischen Zugangs, der gegenwärtige Geschichte eben nicht nur als „Lernanlass“ für die Erarbeitung „der richtigen“ Geschichte begreift.

Anmerkung:
[1] Vgl. Tagungsbericht Erinnerungskultur als Aufgabe der Universitäten. 29.06.2007-01.07.2007, Gießen, in: H-Soz-u-Kult, 04.10.2007, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=1710>.

Zitation
Christian Schmidtmann: Rezension zu: Oswalt, Vadim; Pandel, Hans-Jürgen (Hrsg.): Geschichtskultur. Die Anwesenheit von Vergangenheit in der Gegenwart. Schwalbach am Taunus  2009 , in: H-Soz-Kult, 25.11.2009, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-11330>.
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Veröffentlicht am
25.11.2009
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