Sammelrezension: Der Zusammenbruch des Deutschen Reiches 1945

Müller, Rolf-Dieter (Hrsg.): Der Zusammenbruch des Deutschen Reiches 1945. Die Folgen des Zweiten Weltkrieges. Stuttgart : Deutsche Verlags-Anstalt  2008 ISBN 9783421043382, 798 Seiten € 49,80.

Müller, Rolf-Dieter (Hrsg.): Der Zusammenbruch des Deutschen Reiches 1945. Die militärische Niederwerfung der Wehrmacht. Stuttgart : Deutsche Verlags-Anstalt  2008 ISBN 9783421062376, 948 Seiten € 49,80.

Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Thomas Kühne, Strassler Family Center for Holocaust and Genocide Studies, Clark University

Die hier anzuzeigenden zwei Teilbände bilden die Zielgerade eines wissenschaftlichen Marathonlaufs des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes (MGFA), dessen Planung bis in die späten 1960er-Jahre zurückreicht und in den folgenden Jahrzehnten wie kaum ein anderes Projekt Wege und Abwege der ‚amtlichen’ Militärgeschichtsschreibung in Deutschland (als ein dem Bundesverteidigungsministerium unterstelltes Organ genießt das MGFA nicht den Grad sonst national und international üblicher akademischer Freiheit) repräsentiert. Atmete der 1979 erschienene erste Band zur Vorgeschichte des Zweiten Weltkrieges den Geist der damals innovativen, kritischen Militärgeschichte um Manfred Messerschmidt, Wilhelm Deist und Wolfram Wette, so gerieten die folgenden Bände zum Krieg gegen die Sowjetunion in den Bann der internen, politisierten Richtungsstreitigigkeiten, die das MGFA in den 1980er-Jahren beherrschten. Dabei war es immerhin möglich, die – freilich oft in der Rhetorik schicksalhafter Tragik präsentierte - Verwicklung der Wehrmachtführung (nicht jedoch breiterer Soldatenschichten) in die genozidale Kriegsplanung und –ausführung zu benennen. Möglich war auch der Abdruck eines wissenschaftlichen Elaborats, das die in rechten, den Wehrmachtveteranen nahestehenden Kreisen damals sehr populäre These vom bloß defensiven, einem Angriff der Sowjetunion vorgreifenden Charakter des nationalsozialistischen Vernichtungskrieges bediente. Im Zuge des Umzugs des MGFA von Freiburg nach Potsdam und seines unverhüllten konservativen Richtungswechsels zu Beginn der 1990er-Jahre geriet das „Weltkriegsprojekt“ ins Stocken und unter Beschuss konzeptioneller Kritik von außen – fulminant in einem anlässlich der ersten Hamburger Wehrmachtausstellung 1995 veröffentlichten Aufsatz von Omer Bartov. Bartov zeigte, wie insbesondere in dem Weltkriegsprojekt des MGFA die Unterstützung des Holocaust durch die Wehrmacht zwar nicht rundweg geleugnet, aber doch konsequent marginalisiert wurde. [1]

Diese und andere, die Engführung des Projekts auf Strategien, Taktiken und Schlachten im Sinne traditioneller Militärgeschichte bemängelnde Kritik wurde teilweise durch den viel gelobten, von MGFA-Mitarbeiter Jörg Echternkamp herausgegebenen neunten Doppelband zur Heimatfront, zum Völkermord und zur Perspektive des Krieges von „unten“ aufgefangen. Aber die Krux des ganzen Unternehmens, die in der fehlenden Einordnung militärischer Planungen, Entscheidungen und Handlungen in ihre gesellschaftlichen und (in diesem Krieg) insbesondere genozidalen Zusammenhänge bestand, konnte durch diese Form der Arbeitsteilung - Militärgeschichte hier, Sozial- und Genozidgeschichte dort, erstere geleistet von MGFA-Mitarbeitern, letztere delegiert an nicht im MGFA beschäftigte Historiker - nicht behoben werden.[2] Diese Krux prägt auch die letzten beiden Teilbände des Werkes.

Im ersten Teilband schildert der frühere Amtschef des MGFA, Werner Rahn, das Fiasko der deutschen Seekriegführung von 1943 bis 1945. John Zimmermann rekapituliert in einem exzellenten Beitrag die Besetzung und Eroberung des Deutschen Reiches im Westen 1944/45 und lotet dabei auch die Mitmachbereitschaft der Deutschen noch in der Endphase des Krieges aus. Im dritten Beitrag stellt Richard Lakowski den Zusammenbruch der deutschen Ostfront und die Eroberung Berlins dar. Basierend auf seiner früheren Monographie, widmet sich Manfred Zeidler der von Rachestimmung angetriebenen Gewalt und frühen Besatzungspolitik der Roten Armee in Ostdeutschland. Den Zweiten Teilband eröffnet Andreas Kunz mit einer knappen Zusammenfassung seiner Dissertation zum Verfall der Wehrmacht 1944/45.[3] Der Wirtschaftsgeschichte des Zusammenbruchs nimmt sich Rolf-Dieter Müller, einer der besten Kenner dieser Materie, in einem längeren, äußerst informativen Artikel an, der besonders auf die ambivalente Rolle Albert Speers und seiner Ambitionen auf die Nachfolge Hitlers eingeht. Den Zusammenhang zur internationalen Politik, das heißt zur Kriegs- und Deutschlandplanung der Alliierten, stellt Wilfried Loth auf der Basis seiner bekannten Forschungen her.[4] Rüdiger Overmans bietet eine detaillierte Zusammenschau seiner Studien zum Schicksal der deutschen Kriegsgefangenen.[5] Michael Schwartz ordnet die Ergebnisse seiner grundlegenden Studie zur Flucht und Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus dem Osten [6] in umfassendere Überlegungen zur Politik der „ethnischen Säuberung“ und Zwangsmigration ein und geht dabei auf einigen Seiten auch auf den Mord an den europäischen Juden ein. Jörg Echternkamp bietet einen konzisen Aufriss seiner Forschungen zur deutschen Gesellschaft im Zeichen des Zusammenbruchs 1945. [7] Beschlossen wird das Werk durch eine Zusammenfassung dieser Beiträge aus der Feder des Bandherausgebers sowie eine knappe Gesamtbilanz, die auf frühere oder anhaltende Debatten um den Ort der Wehrmacht in der deutschen Militär- und europäischen Gewalt- und Genozidgeschichte nicht Bezug nimmt, sondern stattdessen Floskeln von der „Schlussphase des Zweiten Weltkrieges“ als dem „Ergebnis einer zivilisatorischen Entgleisung“ und vom Judenmord als eines der „schlimmsten Projekte der Menschheitsgeschichte“ zitiert (beide Bd. 2, S. 726) und im übrigen die unheilvolle Rolle Hitlers im Zweiten Weltkrieg beschwört.

Die im engeren Sinne einer traditionellen Militärgeschichte durch das Weltkriegsprojekt bereitgestellte Fülle von Daten und Fakten ist nirgendwo anders zu finden. Insofern ist es einzigartig. Dem MGFA ist zum Abschluss dieses großen Werkes zu gratulieren. Gleichzeitig ist zu hoffen, dass Planung und Realisierung der dringend erforderlichen grundlegenden Revision des Werkes nicht allzu lange auf sich warten lassen. Ein deutsches Prestigeprojekt zur Geschichte des Zweiten Weltkrieges sollte den Standards des Fachs und dem Erkenntnisstand zu Beginn des 21. Jahrhunderts entsprechen.

Anmerkungen:
[1] Omer Bartov, Wem gehört die Geschichte? Wehrmacht und Geschichtswissenschaft, in: Hannes Heer / Klaus Naumann (Hrsg.), Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944, Hamburg 1995, S. 601-619.
[2] Thomas Kühne / Benjamin Ziemann, Militärgeschichte in der Erweiterung. Konjunkturen, Interpretationen, Konzepte, in: dies. (Hrsg.), Was ist Militärgeschichte?, Paderborn 2000, S. 9-46. <http://www.zeitgeschichte-online.de/zol/_zf/documents/pdf/kuehne_ziemann_mge.pdf> (24.02.2011).
[3] Andreas Kunz, Wehrmacht und Niederlage: Die bewaffnete Macht in der Endphase der nationalsozialistischen Herrschaft 1944 bis 1945, 2. Aufl. München 2007.
[4] Wilfried Loth, Die Teilung der Welt. Geschichte des Kalten Krieges 1941 – 1955, München 1980 und öfter.
[5] Rüdiger Overmans, Soldaten hinter Stacheldraht. Deutsche Kriegsgefangene des Zweiten Weltkriegs, Berlin 2000.
[6] Michael Schwartz, „Vertriebene“ und Umsiedlerpolitik. Integrationskonflikte in den deutschen Nachkriegs-Gesellschaften und die Assimilationsstrategien in der SBZ-DDR 1945-1961, München 2004.
[7] Jörg Echternkamp, Nach dem Krieg. Alltagsnot, Neuorientierung und die Last der Vergangenheit 1945-1949, Zürich 2003.

Zitation
Thomas Kühne: Rezension zu: Müller, Rolf-Dieter (Hrsg.): Der Zusammenbruch des Deutschen Reiches 1945. Die Folgen des Zweiten Weltkrieges. Stuttgart  2008 / Müller, Rolf-Dieter (Hrsg.): Der Zusammenbruch des Deutschen Reiches 1945. Die militärische Niederwerfung der Wehrmacht. Stuttgart  2008 , in: H-Soz-Kult, 25.02.2011, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-11356>.
Redaktion
Veröffentlicht am
25.02.2011
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/
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