T. Witulski: Die Johannesoffenbarung und Hadrian

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Titel
Die Johannesoffenbarung und Kaiser Hadrian. Studien zur Datierung der neutestamentlichen Apokalypse


Autor(en)
Witulski, Thomas
Erschienen
Göttingen 2007: Vandenhoeck & Ruprecht
Umfang
415 S.
Preis
€ 84,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Kay Ehling, Staatliche Münzsammlung München

Nachdem Witulski den ‚historischen Teil‘ seiner 2004/05 von der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster angenommenen Habilitationsschrift („Hadrian und Christus“) wenig glücklich als eigenen Band publiziert hat [1], liegt mit dem hier anzuzeigenden Band der ‚neutestamentliche Teil‘ seiner Studie vor. Thema der Arbeit ist die Frage, wann die Apokalypse des Johannes (Apk) verfasst wurde (S. 11). Seit Mitte der 1980er-Jahre ist die Abfassungszeit der Apk durch neuere Ergebnisse insbesondere der althistorischen Forschung wieder in die Diskussion gekommen (S. 11). Im Gegensatz zu der überwiegend vertretenen Auffassung einer „Frontstellung“ der Johannesapokalypse gegen Domitian (S. 81-96) favorisiert Witulski eine spätere Datierung, und zwar in hadrianische Zeit.

Die bisherigen Datierungsvorschläge (nach dem Tode Neros, am Ende der Regierungszeit Domitians, zur Zeit Nervas, Traians oder Hadrians) diskutiert Witulski ausführlich im einleitenden ersten Teil seiner Arbeit (S. 14-53). Die Argumente für eine Abfassung der Apk in spätflavischer Zeit sind vielleicht (trotz Apk 12,1-6 und den Münzen, vgl. S. 26 mit Literatur) nicht so eindeutig wie allgemein angenommen. Einen historischen Zusammenhang zwischen Apk 6,6 und dem bei Suet. Dom. 7,2 überlieferten, aus der Zeit um 90/92 stammenden „Weinbauedikt“ Domitians hat schon die ältere Forschung in Zweifel gezogen (so Kraus oder Hadorn, wenn auch nicht mit den richtigen Schlussfolgerungen). Ebenso wenig lässt sich eine Verbindung zwischen Apk 6,6 und dem um 92/94 n.Chr. zu datierenden Edikt des L. Antistius Rusticus aus dem pisidischen Antiocheia ziehen, wie Hans-Ulrich Wiemer gezeigt hat.[2] Witulski führt einerseits aus, dass mit Irenaeus von Lyon (adv. haer. 5,30,3) eine Datierung der Johannesapokalypse in domitianische Zeit letztlich nicht begründet werden kann (S. 22ff.), und zeigt andererseits, dass der Kaiserkult in der Provinz Asia (auf den der Apokalyptiker reagiert) unter Domitian (trotz der Einrichtung des Kaiser-Tempels in Ephesos zwischen 82-84) die Dimensionen des bisherigen Kaiserkultes nicht sprengte, vielmehr sogar hinter dem Kult für Augustus zurückblieb (S. 34).

Letzteres veränderte sich unter der Regierung Hadrians (S. 136ff.): Der Kaiser wurde auf provinzialer Ebene in Smyrna, Ephesos und Kyzikos kultisch verehrt, das religiöse Leben zudem durch die Einweihung des Zeus Olympios-Tempels in Athen und die Schaffung des Panhellenion intensiviert. In diese Intensivierung des religiösen Lebens fügen sich auch Einrichtung und Förderung des Kultes für Hadrians 130 n.Chr. im Nil ertrunkenen Favoriten Antinoos. Zusammenfassend stellt Witulski fest: „Die kultisch-religiöse Verehrung Hadrians reichte nicht nur an die des Augustus heran, sondern noch deutlich über diese hinaus. Hadrian wurde mit dem Jahr 132 n.Chr. in der gesamten Provinz römische Asia und weit darüber hinaus als universaler Heilbringer propagiert, die Zeit seiner Herrschaft wurde als universale Heilszeit definiert, die kultisch-religiöse Verehrung seiner Person wurde in den privaten Bereich implantiert und zugleich überprovinzial organisiert. Damit stieß die Praxis der kultisch-religiösen Kaiserverehrung in der römischen Provinz Asia auf verschiedenen Gebieten in neue, in ihrer Geschichte bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht erschlossene Dimensionen vor“ (S. 137). Witulski folgert daraus auf eine Abfassung der Johannesapokalypse zwischen 132 und 135 n.Chr. (S. 138).

Nachdem er im zweiten Teil seiner Arbeit (S. 64ff.) die theologische Gesamtkonzeption der Apk untersucht und dabei festgestellt hat, dass der Apokalyptiker mit seiner Schrift auf den zunehmenden Kaiserkult reagiert (S. 112ff.), interpretiert er im dritten Teil einige ausgewählte Textstellen (Apk 13; 2,12-17; 2,18-29; 17,9-14; 21,1-8) in zeitgeschichtlicher Perspektive. Zunächst versucht er zu klären, wer die beiden apokalyptischen Tiere (thēria) in Apk 13 sind, und erkennt in ihnen Hadrian und den sophistischen Rhetor M. Antonius Polemon. Auf Hadrian weist wohl die in Apk 13,18 genannte Zahl 666 hin, da – wie bereits Daniel Völter 1885 gesehen hat – der Name Traianus Hadrianus mit hebräischen Buchstaben geschrieben und zur Summe addiert die Zahl 666 ergibt (S. 52; 236 und nicht Domitian: S. 334ff. Wie dehnbar diese Zahlenspielereien jedoch sind, zeigt sich daran, dass die Zahl 666 hebräisch auch „Kaiser Nero“ ergeben kann: S. 179 mit Anm. 206). Die Formulierung in Apk 13,1, das erste Tier entsteige dem Meer (ek tēs thalassēs), bringt Witulski mit der weit ausgreifenden Reisetätigkeit Hadrians in Verbindung, bei der der Kaiser ja auch viel mit dem Schiff unterwegs war; die zahlreichen Seefahrten haben ihren Niederschlag noch in der kaiserlichen Münzprägung gefunden (zu den Reiseerinnerungsmünzen: S. 48; 137; 235; 290). Das zweite thērion identifizierte Völter mit Herodes Atticus; doch kann Witulski zeigen, dass dieses eher der aus Smyrna stammende Antonius Polemon war (S. 226ff.). Dass es sich bei dem zweiten „Tier“ um einen Redner handeln dürfte, geht aus Apk 13,5-6 hervor. Dazu passt die Überlieferung, dass Polemon im Jahr 132 n.Chr. auf Wunsch Hadrians bei der Einweihung des Zeus Olympios-Tempels in Athen die Festrede hielt; Witulski vermutet zudem überzeugend, dass derselbe Redner bei der Gründung des Panhellenion eine intellektuell führende Rolle gespielt hat (S. 228). Für den Apokalyptiker freilich war Polemon bloß ein pseudoprophētēs (Apk 16,13; 19,20; 20,10, vgl. S. 229ff.). Witulski meint, dass es sich bei dem thronos tou satana (Apk 2,13) nicht um den berühmten Pergamonaltar (S. 262f.), sondern um den Thronsitz des Gottes Zeus handeln dürfte, der in dem im Jahr 129 n.Chr. geweihten Tempel des Zeus Philios und des Kaisers Traian aufgestellt war (S. 275ff.). Mit der Weihung des Tempels ergäbe sich ein terminus post quem von 129 für die Abfassung der Apk.

Im Unterkapitel „Die zeitgeschichtliche Interpretation der sieben Sendschreiben Apk 2f“ (S. 290ff.) werden die Schreiben an die christlichen Gemeinden der Provinz Asia analysiert. In der pergamenischen und der thyateirischen Gemeinde scheint es eine größere Anzahl Christen gegeben zu haben, die „entweder weil es ihnen sozial oder ökonomisch opportun erschien, oder aber, weil sie Repressalien von staatlicher Seite fürchteten, durchaus bereit gewesen sind, sich an dieser intensiven kultisch-religiösen Verehrung Hadrians zu beteiligen. Sie besuchten etwa entsprechende Kultfeiern, beteiligten sich an von Hadrian initiierten Stiftungen“ oder weihten Altäre in ihren Häusern (S. 291). Interessant sind die Ausführungen zu der mit Isebel gleichgesetzten Prophetin in Thyateira, die ihre Glaubensbrüder und -schwestern zur Teilnahme an heidnischen Kulthandlungen verführt (Apk 2,20, vgl. S. 279ff.). Für Pergamon konstatiert der Verfasser der Apk ähnliche Vorgänge (2,14-15); von den orthodoxen Christen wurde diese Gruppierung als Nikolaïten bezeichnet (Apk 2,6.15, vgl. S. 240ff.). Witulski beschließt seine Arbeit mit einem 15zeiligen Fazit (S. 350). Im Anhang (S. 351-362) sind die wichtigsten Quellentexte mit Übersetzung abgedruckt.

Insgesamt überzeugen die Datierung der Apk in späthadrianische Zeit und die von Witulski herausgearbeiteten hadrianischen Bezüge zumindest den Rezensenten. Ob die Kollegen von der Theologie dies freilich auch so sehen, wird sich zeigen. Ausgehend von Witulskis Neuansatz wird nach weiteren zeitgeschichtlichen Zusammenhängen zu suchen sein; etwa, ob die in der Apk (6,12; 8,5; 11,13.19; 16,18) erwähnten Erdbeben einen Hinweis auf jenes Beben geben, das zu Beginn der 120er-Jahre die Landschaften Bithynien und Mysien (und vielleicht auch Lydien und Ionien) schwer in Mitleidenschaft zog (Hadrians Anwesenheit in der Krisenregion und sein Engagement zur Linderung der Not sind literarisch und epigraphisch bezeugt); oder ob die in Apk 6,6 erwähnte Getreideteuerung („Ein Maß Weizen für einen Denar und drei Maß Gerste für einen Denar, …“) vielleicht als eine Folge dieser Naturkatastrophe anzusehen ist; oder ob die „tödliche Wunde“, die das erste Tier erleidet, von der es aber geheilt wird (Apk 13,3.12), möglicherweise eine Anspielung auf den Tod des Antinoos und den Schmerz des Kaisers über diesen Verlust darstellt (13,3: „Und es wunderte sich die ganze Erde über das Tier“). Für die Verbindung von Hadrian, Antinoos und Polemon ist interessant, dass letzterer als Strategos von Smyrna wahrscheinlich im Jahr 134/35 n.Chr. eine umfangreiche Münzserie für den verstorbenen kaiserlichen Liebling stiftete.[3] Zu fragen ist schließlich auch, ob die Vision des himmlischen Jerusalem (Apk 21) die Antwort des Apokalyptikers auf die Errichtung von Aelia Capitolina war.

Anmerkungen:
[1] Thomas Witulski, Kaiserkult in Kleinasien. Die Entwicklung der kultisch-religiösen Kaiserverehrung in der römischen Provinz Asia. Von Augustus bis Antoninus Pius, Göttingen 2007. Vgl. dazu die Besprechung von Helga Botermann, H-Soz-u-Kult, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2008-2-103> (13.05.2008).
[2] Hans-Ulrich Wiemer, Das Edikt des L. Antistius Rusticus: eine Preisregulierung als Antwort auf eine überregionale Versorgungskrise, in: Anatolian Studies 47 (1997), S. 195-215, bes. 210ff.
[3] Vgl. Dietrich O. A. Klose, Die Münzprägung von Smyrna in der römischen Kaiserzeit, Berlin 1987, S. 68f.; 250ff., Nr. 1ff.

Zitation
Kay Ehling: Rezension zu: : Die Johannesoffenbarung und Kaiser Hadrian. Studien zur Datierung der neutestamentlichen Apokalypse. Göttingen  2007 , in: H-Soz-Kult, 13.10.2008, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-11477>.
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13.10.2008
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