Cover
Titel
Crossing the Border. Migration und Klassenkampf in der US-amerikanischen Geschichte


Autor(en)
Chacon, Justin Akers; Davis, Mike
Erschienen
Berlin 2007: Assoziation A
Umfang
349 S.
Preis
€ 20,00
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Torsten Bewernitz, Universität Münster

Nachdem im Dezember 2005 durch den ‚Sensenbrenner’-Vorschlag die US-amerikanisch – mexikanische Grenze weiter befestigt werden und die Beihilfe zum illegalen Grenzübertritt deutlich kriminalisiert werden sollte, kam es zu massiven Protesten und auch Streiks von MigrantInnen, die das vorliegende Buch motiviert haben werden. Drei Millionen Menschen streikten im Mai 2006 für die Rechte der MigrantInnen – eine Zahl, die selbst die Weltmacht USA beeindruckt haben dürfte. Der Sensenbrenner-Vorschlag ist nicht durch das US-amerikanische Parlament ratifiziert worden. Damit ging aber auch das Engagement der traditionell nicht gerade einwanderungsfreundlichen Gewerkschaften unter dem Mantel des Dachverbandes AFL-CIO zurück.

Die Autoren Davis und Chacón führen uns auf einen Streifzug durch die US-amerikanische Geschichte, die nicht aus einem weißen Zentrum, sondern im wahrsten Sinne aus der Peripherie, dem Grenzraum, geschrieben ist. Dabei ist Chacón zuzustimmen, wenn er betont, dass diese Grenzzone das Herzstück US-amerikanischer Kultur sei: Die südlichen Grenzgebiete waren lange mexikanisch und die Cowboy- und Goldgräber-Klischees tragen mehr mexikanische als nordamerikanische Züge.
Was für die Kultur gilt, gilt, und das ist Chacóns Hauptthese, auch für die Ökonomie. Der Klassenkonflikt ist historisch und aktuell durch die lateinamerikanischen WanderarbeiterInnen bestimmt. Mike Davis beschreibt dies in seinem Eingangsbeitrag „Was ist ein Vigilante Man?“ anhand des Engagements von MigrantInnen in der militanten Gewerkschaft IWW (Industrial Workers of the World) zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Chacóns These von der Relevanz der Migration für die Ökonomie lässt sich aber nicht allein aus dem Engagement, das mit den Protesten von 2006 wieder an diese Tradition anknüpft, belegen. Vielmehr weist er anhand zahlreicher Quellen die Relevanz migrantischer Arbeitskräfte für die US-amerikanische Wirtschaft nach. Herauszuheben ist dabei das Bracero-Programm, das als das größte US-amerikanische ‚Gastarbeiter-Programm’ für LandarbeiterInnen beschrieben werden kann. Der Vergleich mit dem deutschen Begriff der ‚Gastarbeiter’ trifft insbesondere, weil er unterstreicht, dass die Anwesenheit der mexikanischen Handarbeiter (brazo: span. Arm) nur zeitweilig erwünscht war. Chacón beschreibt diese Praxis als eine politökonomische, die auch die Arbeitermacht der weißen Arbeiterklasse brechen sollte: Die migrierten MexikanerInnen fungierten legal wie illegal als ‚Reservearmee’. Die Unmöglichkeit, sich gewerkschaftlich zu organisieren, in Tarifverhandlungen zu treten oder aber gar zu streiken – aufgrund der Abschiebungsgefahr – ließ die Löhne der mexikanischen ArbeiterInnen auf niedrigstem Niveau bleiben und drückte die der amerikanischen Staatsbürger.

Chacóns Argumentationsweise ist hier durchaus ambivalent zu beurteilen: Einerseits betont er die Notwendigkeit der Immigration für die US-amerikanische Ökonomie, um das ausgrenzende Engagement der US-amerikanischen Nativisten und Nationalisten zu verurteilen. Andererseits kommt er auch nicht umhin, die ökonomischen Praxen, die aus den MigrantInnen eine solche Verwertbarkeit herauspressen, aus ethischer Warte zu verurteilen. Es ist lobenswert, die Geschichte der mexikanischen Migration in die USA aus materialistischer Sicht zu schreiben und auf diese Weise – auch für europäische Verhältnisse – den Begriff des Klassenkampfes als Analyseraster für Migrationsdebatten sag- und nutzbar zu machen. Dabei gleitet Chacóns Argumentationsweise aber manchmal fließend von einer ökonomischen in eine ökonomistische ab, was durchaus zu Fehleinschätzungen führt. Das Bracero-Programm, das folgende Maquiladora-Programm und das Freihandelsabkommen NAFTA von 1994 lassen sich so erklären, das nativistische Engagement von KuKluxKlan bis zu selbsternannten Grenzwächtern aber nur bedingt. Um sich aus dieser Argumentationsfalle zu winden, rettet sich Chacón in emotionale Maximalismen, die, so richtig sie sind, seiner Beschreibung nicht immer gut tun. Wenn Chacón z.B. erläutert, dass die restriktive Grenzpolitik der USA dazu führt, dass MexikanerInnen sich zum Bleiben entscheiden, um die Grenze nicht ein weiteres Mal überqueren zu müssen, impliziert dies, dass eine Grenzöffnung deshalb zu bevorzugen sei, weil dann weniger migrantische ArbeiterInnen den US-amerikanischen Haushalt dauerhaft belasten würden. Chacón hat aber vorher schlüssig belegt, dass die MigrantInnen das Sozialsystem der USA nicht belasten, sondern finanzieren. Er unterschlägt, kurz gesagt, zugunsten der Ökonomie seine ethische Position, dass nämlich jenseits der Ökonomie, die ja Ursache der Misere des rassistischen Grenzregimes sei, auch weitergehende Argumente für offene Grenzen existieren.

Dass der ökonomische Aspekt des US-amerikanischen Migrationsregimes nicht nur relevant ist, sondern vielleicht sogar der relevanteste, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Grenzpolitik auch durch andere Faktoren bestimmt ist. Die Konstruktion der Grenze, die Chacón erst in den 1970er Jahren diagnostiziert – was stark anzuzweifeln ist – ist auch eine emotionale, sprachliche und ideologische Praxis. Mag diese auch mit ökonomischen Interessen begründbar sein, so doch nicht auf unmittelbarem Wege und als bewusste Handlung der Akteure. Das wird gerade deutlich in Chacóns Beschreibung der jüngsten Geschichte. Die unter William Clinton begonnene „Operation Gatekeeper“, die Chacón als Krieg gegen die Immigration bezeichnet –zu Recht spricht er von der militarisiertesten Grenze zwischen zwei in Frieden miteinander lebenden Staaten – mag begonnen sein als Schutz der nordamerikanischen Ökonomie vor der mexikanischen Migration. Intensiviert wurde dieser ‚Krieg’, nachdem die USA sich nach dem 11.September 2001 in einem Krieg gegen den Terror wähnen und die MigrantInnen jenseits der Ökonomie als Bedrohung wahrnehmen. Der Clinton- und Bush-Administration hier allein einen ökonomischen Plan zu unterstellen, dem sich Medien und sich als paramilitärische Grenzsheriffs gebehrende Staatsbürger anschließen, verkürzt die US-amerikanische (Migrations-)Politik. Selbstverständlich ist auch hier der Fokus auf den ökonomischen Aspekt sinnvoll – aber nicht immer ist die Ökonomie Ursache, manchmal muss sie deutlich als Folge beschrieben werden, etwa im Rückgang der remesas (Rücküberweisungen) von mexikanischen MigrantInnen nach Mexiko – immerhin nach der Erdölindustrie die zweitgrößte Einnahmequelle des Landes, die durch die US-amerikanische Migrationspolitik massiv sinkt.

In seinem Abschlusskapitel „Queremos un mundo sin fronteras“ („Wir wollen eine Welt ohne Grenzen“) stellt Chacón den aktuellen und vielfältigen Widerstand von Gewerkschaften, NGOs und Bürgerrechtsbewegungen dar. Leider etwas kurz gekommen, ist dies das Kapitel, dass dem Anspruch des Buches am besten entspricht, jenem, ein Handbuch für AktivistInnen zu sein. Unter diesem Aspekt sind die Inkongruenzen in Chacóns Argumentation mehr als verzeihbar und unter diesem Aspekt sollte das Buch auch gerade in Europa und Deutschland gelesen werden. Mag auch die Argumentation in Sachen ökonomischer Ursachen nicht immer ganz schlüssig sein, so ist es doch um so deutlicher, dass der Protest – in USA wie Europa – nur unter Anwendung ökonomischen Drucks erfolgversprechend ist. Das zeigt das Beispiel des durch drei Millionen streikende MigrantInnen verhinderten Sensenbrenner-Entwurfs. Das Beispiel der AFL-CIO, zugunsten neuer Arbeitersubjekte auf einen alten, institutionalisierten Rassismus oder Nationalismus – hierzulande in Form eines sich auf den deutschstämmigen, männlichen Industriearbeiter beziehenden Standortnationalismus – zu verzichten (bzw., da er selbstverständlich nicht immer bewusst vertreten wird, diesen zu reflektieren), darf durchaus als Vorbild für hiesige Gewerkschaften dienen. Parallelen werden einfach zu entdecken sein.

Zitation
Torsten Bewernitz: Rezension zu: : Crossing the Border. Migration und Klassenkampf in der US-amerikanischen Geschichte. Berlin  2007 , in: Connections. A Journal for Historians and Area Specialists, 09.07.2010, <www.connections.clio-online.net/publicationreview/id/rezbuecher-11558>.
Redaktion
Veröffentlicht am
09.07.2010
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/
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