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Titel
Kaiser Friedrich II. (1194-1250). Herrscher, Mensch, Mythos


Autor(en)
Houben, Hubert
Erschienen
Stuttgart 2007: Kohlhammer Verlag
Umfang
262 S., 28 Abb.
Preis
€ 16,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Robert Gramsch, Historisches Institut, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Friedrich II., das "Staunen der Welt", der "Vorläufer des Antichrist", hat auch heute noch, in Zeiten eines schwindenden Bewusstseins der Deutschen für die Tiefendimensionen ihrer eigenen Geschichte, das Zeug zum "Superstar". Seine Biographie weist alles auf, was eine packende Story braucht: eine von merkwürdigen Sagen umwobene Geburt, eine – nach heutigen Maßstäben – alles andere als wohlbehütete oder glückliche Kindheit, einen fulminanten Siegeslauf von Sizilien bis Aachen und Rom, dramatische Auseinandersetzungen mit missgünstigen Päpsten, rebellischen Sarazenen, Städten, Fürsten, sogar dem eigenen Sohn. Palermo, Jerusalem, Castel del Monte – schon die Namen evozieren das Bild einer exotisch schillernden Existenz, die keineswegs in das landläufige Bild der "dark ages" passt. Gar nicht zu reden von Sultanen, Assassinen, Deutschordensrittern, arabischen und schottischen Gelehrten, mit denen er Umgang pflegte. Kurzum: Friedrichs Leben, je nach Ort und Zeitgeschmack verstanden als Chiffre für deutsche Kaiserherrlichkeit, italienische Nationalstaatlichkeit, Modernität und religiöse Toleranz, aber auch für Hybris und politisches Scheitern, erzwingt sich immer wieder von neuem die Beachtung der Nachwelt. Und zu allem Überfluss stehen alsbald wieder Friedrich-Jubiläen vor der Tür.

Das Zögern Hubert Houbens, des Verfassers des hier anzuzeigenden Buches, einer Vielzahl von Darstellungen des Lebens Friedrichs II. eine weitere hinzuzufügen, ist verständlich. Doch das Ergebnis überzeugt, denn Houbens Werk füllt eine Lücke. Zwar vermag Ernst Kantorowicz selbst nach 80 Jahren den Leser noch zu fesseln und mit der 1992/2000 erschienenen Friedrich-Biographie Wolfgang Stürners liegt eine den heutigen Forschungsstand repräsentierende, umfassende Darstellung von hoher Qualität vor. An knappen, konzisen Einführungen jedoch, die dieses facettenreiche Thema auszuleuchten vermögen, bestand schon seit längerer Zeit ein Mangel.

Houben untergliedert seine Darstellung in drei Teile, was er schon im Titel des Buches kenntlich macht: "Herrscher, Mensch und Mythos". Es ist dies eine bei Friedrich nahe liegende, gängige Strukturierung des Stoffs, die Übersichtlichkeit schafft: Teil I widmet sich der Herrscherpersönlichkeit Friedrichs, Teil II dem faszinierenden "Menschen" (soweit wir ihn zu fassen kriegen) und Teil III dem Friedrich-Mythos, von dem die auf Barbarossa umgemünzte Geschichte vom Stauferkaiser unter dem Berge nur eine von vielen Facetten darstellt.

Man wird von einer Übersichtsdarstellung dieser Art nur wenig Originelles erwarten. Teil I folgt den gängigen Periodisierungen (mit den Stichdaten 1220 und 1238/39) und fasst eine umfangreiche Forschungstradition konzise zusammen, damit deren Stärken und Schwächen abbildend. Denn während der Aufbau des süditalienischen "Modellstaates", die Genese der Konflikte mit den Päpsten und den norditalienischen Kommunen sowie der Kreuzzug als gut erforscht gelten können, klaffen hinsichtlich der Deutschlandpolitik Friedrichs, vor allem seit 1220, doch empfindliche Lücken. Das, was Houben hier, durchaus im Einklang mit der Forschung, schreibt, etwa zum Konflikt mit Heinrich (VII.), kann nach Meinung des Rezensenten eigentlich nur noch als Scheinwissen bezeichnet werden. Hier muss erst einmal eine Grundlegung durch neue Arbeiten erfolgen. Houben ist daraus kein Vorwurf zu machen, zumal sich aus der Perspektive einer Friedrich-Biographie, der eben doch vor allem ein italienischer Herrscher war, die deutsche Politik kaum noch angemessen darstellen lässt.

Am Schluss dieses Kapitels bleibt eine "insgesamt allerdings negative" Bilanz von Friedrichs Herrschaft (S. 103). Friedrichs Unnachgiebigkeit gegenüber den Lombarden, vor allem nach dem Erfolg von Cortenuova, war eben vielleicht doch ein entscheidender Fehler. Ob der Stellenwert von Ehre und Würde, die Friedrich durch die Lombarden verletzt sah, wirklich so hoch war, dass er diese Selbstüberschätzung entschuldigen kann, erscheint mir zumindest zweifelhaft: Die Wahrung des "honor imperii" war wichtiges Handlungsmotiv staufischer Herrscher, aber sie musste sie keineswegs blind gegenüber politischen Realitäten machen.

Die Darstellung des "Menschen" Friedrich (Teil II) steht im Bewusstsein der Schwierigkeiten, unzulänglichen Quellenzeugnissen wirklich belastbare Aussagen abgewinnen zu können, doch kommt eine Friedrich-Biographie um so spannende Punkte wie seine vielen Frauen und Kinder (und möglicherweise Haremsdamen), das Leben bei Hofe und seine gekonnte Herrschaftsrepräsentation, seine religiöse "Aufgeklärtheit", seine Jagdleidenschaft und dilettierende Intellektualität natürlich nicht herum. All dies wird, bei aller nötigen Zurückhaltung, anschaulich behandelt, der Abschnitt über die (zumeist zweifelhaften) Kaiserdarstellungen (S. 158-170) auch mit zahlreichen Abbildungen versehen.

Ebenfalls hochinstruktiv und damit auch manche sehr viel längere Friedrich-Biographie schlagend ist der Teil III über den Mythos Friedrich, dessen Anfänge im Spannungsfeld zwischen "Päpstlicher Verteufelung" und "Kaiserlicher Sakralisierung" besonders detailliert dargestellt werden. Da Houben seit langem als Professor im apulischen Lecce tätig ist, lenkt er zudem den Fokus der Aufmerksamkeit auf das Friedrich-Bild der Italiener, das erst lange durch die päpstliche Verteufelung geprägt war, im Zuge des Risorgimento aber eine Aufhellung erfuhr, da Friedrich als Vorkämpfer eines säkularen italienischen Nationalstaates vereinnahmt werden konnte. Dies wie auch Houbens abschließende Beobachtungen zur Rolle Friedrichs II. im heutigen süditalienischen Lokalpatriotismus sind Aspekte des Friedrich-Mythos, von denen man sonst nur selten etwas hört.

Ob Friedrich II. ein persönlich integrer Mensch gewesen ist oder eher ein skrupelloser Gewaltherrscher mit liebenswerten Zügen, die rasch hinter Grausamkeit und Rücksichtslosigkeit zurücktreten konnten – wir wissen es, natürlich, auch nach dieser Biographie nicht. Ein jeder darf sich weiterhin "sein Bild machen". Was man heute wissenschaftlich gesichert über Friedrich II. zu erfahren vermag, darüber kann sich der Leser, sei es ein Fachhistoriker, Student oder interessierter Laie, schnell, zuverlässig und auf kurzweilige Weise einen Überblick in Houbens Studienbuch verschaffen.

Zitation
Robert Gramsch: Rezension zu: : Kaiser Friedrich II. (1194-1250). Herrscher, Mensch, Mythos. Stuttgart  2007 , in: H-Soz-Kult, 08.04.2009, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-11839>.