U. Fröschle: Friedrich Georg Jünger und der "radikale Geist"

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Titel
Friedrich Georg Jünger und der "radikale Geist". Eine Fallstudie zum literarischen Radikalismus der Zwischenkriegszeit


Autor(en)
Fröschle, Ulrich
Erschienen
Dresden 2008: Thelem
Umfang
658 S.
Preis
€ 68,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Meyer, Fakultät für Philosophie, Wissenschaftstheorie und Religionswissenschaft, Ludwig-Maximilians-Universität München

Ulrich Fröschles Studie zu Friedrich Georg Jünger lässt sich, sieht man von Daniel Morats Buch aus dem Jahr 2007 einmal ab, wenig zur Seite stellen. Die Arbeiten des Dresdner Literaturwissenschaftlers zu den Brüdern Jünger sind nicht nur in Bezug auf den Untersuchungsgegenstand früheren Darstellungen weit überlegen, sondern sie stellen auch für die ideengeschichtliche Aufarbeitung der deutschen Historie seit 1914 neue Maßstäbe auf.[1] So bezieht Fröschle etwa die Literatur, die sein Protagonist zur Kenntnis nahm, wie selbstverständlich in seine Interpretation mit ein. Die dabei in Anschlag gebrachte Tiefenhermeneutik richtet sich an den Diskursen der Zeit aus. Der so entstehende methodologische Purismus ist gut begründet: Wer in den intellektuellen Auseinandersetzungen im Ersten Weltkrieg und der Weimarer Republik den Überblick gewinnen und dann behalten möchte, der muss den Mut haben, die Protagonisten in die zu ihrer Zeit gegebenen Zusammenhänge einzubetten. Genau an diesem Punkt muss aber auch die Kritik an Fröschles Vorgehen einsetzen, denn dieser Schritt verbindet sich bei ihm mit einer doppelten Absicht: Den vermeintlich durch Vor-Urteile gesteuerten, durch spätere Ereignisse entscheidend beeinflussten Deutungen zu entgehen und stattdessen der Einsicht Raum zu geben, dass Diskursformationen sich nicht so eindeutig parteilich zuordnen lassen, wie es ein bestimmter Zeitgeist wohl möchte.

Fröschle situiert seine Arbeit als „Fallstudie“ (S. 45), um Friedrich Georg Jünger als „Kulturproduzenten“, Teil einer „Deutungselite“ und schließlich durch den Status eines „freischwebenden Intellektuellen“ auszeichnen zu können. Abgeglichen werden diese drei Kategorien mit den verschiedenen Textgenres, derer sich Jünger bediente. Die Prämisse für die differenzierten Überlegungen formuliert Fröschle unmissverständlich: „Dementsprechend muß im folgenden auch versucht werden, den jeweils möglichen Wahrnehmungsrahmen Jüngers in den Blick zu bekommen. Leitend ist hier also die Annahme, daß für eine angemessene Deutung der konsequente Bezug auf die jeweilige persönliche und historisch-politische Lage von größter Bedeutung ist, um nicht ideologischen Vorgaben der Gegenwart zu verfallen“ (S. 51).

Konsequent wird dieser Ansatz dann zunächst in der Auseinandersetzung mit den Werken bis 1926 untersucht, die die „Wege zur ‚Dichtung‘“ in den Blick nehmen. Dabei misst Fröschle der Komplexität der Beziehungen der Jünger-Brüder zueinander, zu ihrem Vater und zu ihren Freundinnen einige Bedeutung zu, lehnt dabei jedoch psychoanalytische Erklärungsmuster klar ab. Bei Friedrich Georg Jünger fehlt auch das Kriegserlebnis. Anders als bei seinem von 1914 bis 1918 im Feld stehender Bruder Ernst waren seine zwei Einsatz-Wochen ereignislos. Umso mehr steht in Frage, warum beide sich auf obsessive Weise der Erfahrungen und Wahrnehmungen des Krieges widmeten.[2] Wichtig in diesem Zusammenhang ist die von Fröschle erstmals unternommene Engführung des Kriegs- und Technikinterpreten mit dem Juristen Friedrich Georg Jünger. Hierin könnte sowohl die denkerische wie stilistische Eigentümlichkeit des heute unbekannteren Jünger liegen.

In einem zweiten, eine eigenständige Monographie ausmachenden Durchgang wird die literarische Produktion unter dem Schlagwort des „Radikalismus“ behandelt. Ausführlich werden die zahllosen Beziehungen zu antidemokratischen Zirkeln dargestellt, in denen die Jüngers als adäquate Sinndeuter oder als Vorkämpfer einer angeblich dem Vergessen ausgelieferten Weltkriegserfahrung stilisiert wurden. Mit ihrer Schreibwut und -flut setzten sich die Jüngers, mit genau abgestimmten Akzentuierungen, gegenüber intellektuell meist dürftigeren „Mitbewerbern“ durch. Dabei muss naturgemäß der ideologische Weg der beiden genau verfolgt werden. Bis zum sogenannten „Marsch auf die Feldherrnhalle“ am 9. November 1923 sind die Jüngers auf Ludendorff, Hitler und die NSDAP eingeschworen. Danach freilich speiste sich die zunehmende Distanz aus dem Vorwurf, dass die Nationalsozialisten einen „legalistischen“ Kurs einbehielten, statt der „nationalen Revolution“ das Wort zu reden. Fröschle kann hier eine Postkarte von Friedrich Georg an Ernst Jünger vom 9. Oktober 1930 zitieren, in der es unter anderem heißt: „Homunkulus Adolph [sic!] ist auch zu redselig, die Kerls kacken sich ja vor Legalität in die Hose“ (S. 247). Doch nicht nur hier sieht Fröschle eine Trennlinie zwischen den Jüngers und er NSDAP, auch der in dieser Zeit zur ersten Prominenz gelangende Generationsbegriff könne etwas erklären: „Da die Brüder niemals an den von ideologischem Haß und Unbedingtheitsanspruch geprägten Bürgerkriegsgefechten und Straßenkämpfen teilgenommen hatten, mußte ihnen trotz ihrer theoretischen Radikalität die revolutionäre Härte und Unbedingtheit von Thälmanns und Hitlers ‚politischen Soldaten‘ fremd bleiben“ (S. 270).

Hier tut sich ein Widerspruch zwischen der eingeforderten „Radikalität“ der Jüngers und der vom Interpreten attestierten „theoretischen Radikalität“ auf: Wer sich mit den Jüngers beschäftigt, sollte keinerlei Kohärenzen erwarten. Man betrachte dazu die genauen Nachzeichnungen Fröschles zu der wohlfeilen Maxime „vom Wort zur Tat“, die innerhalb der Jüngerschen situationsgebundenen Rhetoriken so etwas wie einen roten Faden bilden. Dazu gehört die berühmte Störung von Thomas Manns Rede am 17. Oktober 1930 im Beethovensaal der Berliner Philharmonie, an der neben den Jüngers auch der Schriftsteller Arnolt Bronnen und der später berühmte Alexander Mitscherlich teilnahmen.

Das literarisch-intellektuelle Profil Friedrich Georg Jüngers wird im weiteren Verlauf geschärft, indem Fröschle ihn mit Carl Zuckmayer, Bertolt Brecht und anderen Autoren sowie innerhalb diskursiver Konstellationen der Zeit liest. Ausführlich geht er auf die Topoi der Liberalismus-Kritik ein und glaubt dabei in den Extremhaltungen klare Gemeinsamkeiten herausarbeiten zu können. Dass dies selbst wieder ein liberales Deutungsangebot ist, darauf geht Fröschle nicht ein. Klar und ohne jeden falschen Zungenschlag stellt Fröschle dagegen den im 1930/31 zusammen mit Edmund Schultz herausgebrachten Bildband „Das Gesicht der Demokratie“ erkennbaren Antisemitismus seines Protagonisten heraus. Dass es ihm auch hier um Feinunterscheidungen zu tun ist, ist zu begrüßen, doch am Übergang von der Demokratie hin zur nationalsozialistischen Diktatur heben sich solche Feinunterscheidungen wieder auf. Ob für die Zeit vorher sinnvoll von „Ambivalenzen“ im antisemitischen Diskurs gesprochen werden kann, wäre noch zu beweisen.

Der letzte Abschnitt macht die „liberale“ Sicht Fröschles wieder deutlich: „Mit fortschreitender Herrschaftspraxis des neuen Regimes entpuppten sich schließlich Hitler und seine ‚Bewegung‘ allmählich auch für die Brüder Jünger als das, was sie im Grunde von Anfang an stets gewesen waren: die ‚eigne Frage als Gestalt‘ – und diese ist, in Anlehnung an jene Sentenz Theodor Däublers und Carl Schmitts gesprochen, der ‚Feind‘: Im real existierenden Nationalsozialismus wurden den im Kern doch immer bürgerlich gebliebenen, de facto wenig revolutionären Brüdern Jünger die Konsequenzen einer Konzeption, die der eigenen nicht allzu fern stand, als politische Praxis vor Augen geführt“ (S. 539). Mit einem starken Schlussbild im wahrsten Sinne des Wortes endet die Studie: Man sieht auf Seite 576 unter anderem die Brüder Jünger, wohl in der frühen Nachkriegszeit. Die Legende informiert: „Wahrnehmungselite in Goslar?“ Darüber zitiert Fröschle aus dem 1949 bei Klostermann erschienenen Nietzsche-Buch Friedrich Georg Jüngers den – nach seinen Vorkriegsäußerungen – unglaublichen Satz „Wir sind Emigranten.“ Die Selbstumdeutung und Opferstilisierung hatte begonnen.

Nur in äußerst verknappter Form und gleichsam im Telegrammstil konnte hier ausgebreitet werden, was den Rezensenten zu seinen eröffnenden Lobeshymnen veranlasste. Anders als zahlreiche, sich als „Ideengeschichte“ schmückende, dennoch seichte Studien liegt hier eine ernst zu nehmende Probe auf dieses methodische Konstrukt vor. Fröschle widmet dem Wechselspiel von Fremd- und Selbstwahrnehmung eine gleichermaßen verteilte Aufmerksamkeit. Das für Arbeiten von Ernst Cassirer, Paul Oskar Kristeller, Peter Gay bis Quentin Skinner übliche Einbeziehen von sozialen Prozessen in sprachlichen Bedeutungsverschiebungen wird hier auf hohem Reflexionsniveau geleistet.

Kritik muss hingegen in der Anwendung dieser theoretischen Erschließungshilfsmittel geübt werden. Dabei geht es weniger um die in Fußnoten zu findenden Verdikte gegen andere Auslegungen. Wichtiger ist die angestrebte Gegenerzählung, wie sie Christian Tilitzki in die Diskussion einführte.[3] Die Notwendigkeit, die Positionen der Zeit aus sich heraus zu verstehen, wird von Tilitzki und auch von Fröschle gegen die übliche, wenn man so will: alt-bundesrepublikanische Auslegung in Stellung gebracht. Danach gebe es einen Vorgriff auf die Kategorien Gut und Böse, als erledigten sich später mit dem Nationalsozialismus kontaminierte Personen, Werke und Argumente durch diese Tatsache per se. Dem muss jedoch entschieden widersprochen werden. Zwar weit weniger radikal, so ist doch Fröschle sehr oft von der Faszination seines Kenntnisreichtums um die Berührungspunkte von linken und rechten Intellektuellen gefangen. Natürlich kann man die Heiligsprechung etwa Walter Benjamins durch bestimmte Diskurse weder ertragen, noch sie intellektuell akzeptieren. Aber so wenig ist schon dieser Feststellung ein eigener Wahrheitswert für die Auseinandersetzungen bis 1933 zuzuweisen. Ärger noch ist die Tatsache, dass die Ideologeme nur ausgetauscht werden: Fröschle bewegt sich immer wieder auf einem schmalen Grat, wenn er die Jüngers „verstehen“ möchte – bis es dann nichts mehr zu verstehen gibt.

So bleibt die Hoffnung, dass aus diesen oberflächlichen Bemerkungen eine Debatte um die ideengeschichtliche Aufarbeitung der Zusammenhänge Erster Weltkrieg – Weimarer Republik – frühes nationalsozialistisches Deutschland entstehen möge. Fröschles Buch hätte es unbedingt verdient.

Anmerkungen:
[1] Methodisch ähnlich verfährt die ebenfalls vorbildliche Studie von Ulrich Fröschle / Thomas Kuzias, Alfred Baeumler und Ernst Jünger. Mit einem Anhang der überlieferten Korrespondenz und weiterem Material. Dresden 2008. Mit dem hier vorgestellten Buch bildet es eine interpretatorische Einheit. Vgl. auch Daniel Morat, Von der Tat zur Gelassenheit. Konservatives Denken bei Martin Heidegger, Ernst Jünger und Friedrich Georg Jünger 1920-1960, Göttingen 2007.
[2] Die wichtige Studie von Julia Encke, Augenblicke der Gefahr. Der Krieg und die Sinne 1914-1934, Paderborn 2006, konnte von Fröschle wohl nicht mehr mit einbezogen werden.
[3] Christian Tilitzki, Die deutsche Universitätsphilosophie in der Weimarer Republik und im Dritten Reich. 2 Teilbde., Berlin 2001.

Zitation
Thomas Meyer: Rezension zu: : Friedrich Georg Jünger und der "radikale Geist". Eine Fallstudie zum literarischen Radikalismus der Zwischenkriegszeit. Dresden  2008 , in: H-Soz-Kult, 10.11.2009, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-11842>.
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10.11.2009
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