F. Wiedemann: Rassenmutter und Rebellin

Titel
Rassenmutter und Rebellin. Hexenbilder in Romantik, völkischer Bewegung, Neuheidentum und Feminismus


Autor(en)
Wiedemann, Felix
Erschienen
Würzburg 2007: Königshausen & Neumann
Umfang
465 S.
Preis
€ 58,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
René Gründer, Freiburg im Breisgau

Neopagane Glaubensgemeinschaften, deren Mitglieder sich als Anhänger einer vor- beziehungsweise außerchristlichen Religiosität europäischen Ursprungs verstehen, verzeichneten in den vergangenen Jahren in den westlichen Industrieländern ein langsames, doch stetiges Wachstum.[1] Über das in den 1950er-Jahren in England formierte Wiccatum (‚Hexenkult’) geriet dabei die Figur der ‚Hexe’ zur zentralen Legitimationsinstanz für die Konstruktion neopaganer Glaubenssysteme. Diese werden zunehmend Gegenstand sowohl kritisch-dekonstruktionistischer[2] als auch phänomenologisch-rekonstruktiver[3] Forschungsansätze.

Die ideengeschichtliche Rekonstruktion von Hexenbildern in Romantik, völkischer Bewegung, Neuheidentum und Feminismus steht im Zentrum der in diesem Diskursfeld verortbaren Arbeit von Felix Wiedemann. Zu Beginn seiner von Wolfgang Wippermann und Uwe Puschner betreuten Dissertation fragt der Historiker nach den Gründen für die Attraktivität des Hexen-Bildes in vordergründig gegensätzlichen zeitgeschichtlichen Strömungen. Zur Beantwortung der Fragestellung geht das sowohl rezeptionsgeschichtlich als auch strukturanalytisch ausgerichtete Untersuchungsdesign von einem modernen ‚Hexenmythos’ als „kohärentes Wahrnehmungs- und Interpretationsmodell historischer Vergangenheit“ (S. 14) aus.

Der analysierte Materialkorpus beinhaltet primär deutschsprachige Publikationen zum Themenkreis Hexereiglaube, Hexenverfolgung und Hexenreligion seit etwa 1800 unter Fokussierung auf Materialien (national-)romantischer, okkultistischer, völkischer, neugermanischer und feministisch-esoterischer Autorinnen und Autoren. Relevante Befunde zur Hexenrezeption im gegenwärtigen Neuheidentum werden durch Dokumentanalysen einschlägiger Netzwerkmedien abgesichert. Für das Gebiet feministischer Spiritualität seit den 1970er-Jahren wurden zudem Quellen aus dem englischsprachigen Bereich einbezogen.

Die stringente Darstellung der Befunde zu völkischen, neuheidnischen und feministischen Hexenbildern basiert auf der Annahme differenzierter Rezeptionsprozesse eines Grundmodells zweier grundlegender Interpretationsmuster der Hexen-Thematik im 19. Jahrhundert. Das rationalistische Hexenbild formierte sich als antiklerikale Argumentationsfigur bereits während der Aufklärung. Es skandalisierte den vorgeblich von der Kirche geförderten Hexerei-Aberglauben und dessen verheerende Konsequenzen für die Opfer der Hexenverfolgungen. Das romantische Hexenbild beruhte hingegen auf Spekulationen über archaische außerchristliche Glaubensvorstellungen der als ‚Hexen’ verfolgten Frauen die als mythische Überlieferungen ‚weiser Frauen’ Eingang in die Wissenssysteme der westlichen Esoterik fanden.

Wiedemann erkennt fünf gemeinsame Merkmale des aus diesen Deutungen hervorgegangenen ‚Hexenmythos’. Dieser besteht in der Annahme der realen Existenz (historischer) Hexen, deren Rollenzuschreibung als ‚weise Frauen’ bzw. Priesterinnen einer vorchristlichen einheimischen (Volks-)religion, der Vorstellung ihrer naturverbundenen Lebensweise außerhalb christlicher Moralvorstellungen, der Antizipation ihrer Auflehnung gegen die christliche Ordnung sowie schließlich ihrer Opferrolle „in einer planmäßig von der Kirche initiierten Vernichtungsaktion“ (S. 13). Die Attraktivität dieser mythischen Hexe als positive Identifikationsfigur spiritueller wie politischer Emanzipationsbestrebungen beruht für Wiedemann in „[…] ihrer doppelten Funktion als Opfer und Rebellin, d.h. in der Möglichkeit, die Hexe sowohl als Opfer männlicher Gewaltherrschaft als auch als widerständiges Subjekt zu präsentieren“ (S. 333).

Die anhand einschlägiger Autoren wie Jacob Grimm, Johann Jacob Bachofen und Jules Michelet explizierten romantischen Hexenbilder werden in ihrer Rezeption und Integration in esoterisch-okkultistische, völkische, neuheidnische und schließlich feministische Weltdeutungen verfolgt. Wiedemann arbeitet insbesondere die Bedeutung des Hexenmythos für die Konstruktion der Deutschen Mythologie in der Nationalromantik klar heraus und verfolgt deren Rezeption bis ins aktuelle neopagane Milieu. Der Historiker fokussiert auf dieser Grundlage insbesondere die ideologische Instrumentalisierung der Hexenfigur als ‚Rassenmutter’ in neugermanisch-völkischen Weltanschauungen. Überaus instruktiv sind Wiedemanns Analysen zur Hexenrezeption bei Carl Gustav Jung, bei Frauen aus dem Spektrum des ‚völkischen Feminismus’ sowie in der feministischen Theologie der 1970er-Jahre. Als weiter verfolgenswert erscheint daneben ein eher impliziter Diskursstrang, der die Hexenfigur als Projektionsfläche mannigfaltiger Vorstellungen einer entfesselten archaisch-weiblichen Sexualität im Kontext von Okkultismus (Aleister Crowley), völkischer ‚Rassenzucht’-Ideologie (Willibald Hetschel) bis hin zu feministischen Gruppen (Dianic Wicca, Reclaiming Witchcraft) konturiert.

Nach Wiedemanns Darstellung wird der emanzipatorische Anspruch feministischer Spiritualität durch die darin feststellbare Rezeption naturalistischer Geschlechter-Stereotype im romantischen Hexenbild konservativer Autoren des 19. Jahrhunderts weitgehend unterlaufen. Allerdings verzichtet der Autor auf die Thematisierung mancher Widersprüche im Gegenstandsbereich der Untersuchung zugunsten einer argumentativen Stringenz seiner Befundlage. So vermerkt Wiedemann beispielsweise nirgends den jüdischen Hintergrund der überaus einflussreichen Mitbegründerin der ‚Reclaiming Witchcraft’ Miriam Simos (‚Starhawk’), übergeht die (kontraintuitive) Rezeption historisch korrekter Opferzahlen der Hexenverfolgungen bei ‚völkischen Feministinnen’ im Nationalsozialismus (S. 163) und meidet die Einbeziehung hybrider neureligiöser Phänomene wie etwa des ‚Christian Wicca’[4].

Zu zahlreichen Teilaspekten des Themas (etwa: völkische Esoterik, neugermanisches Heidentum, ‚neue Rechte’ und Heidentum, ökospirituelle feministische Spiritualität) vermag Wiedemann kaum Neues beizutragen und systematisiert eher bislang verstreute Analysen.[5] Die Auseinandersetzungen mit dem naturalistisch-essentialistischen Frauenbild des spirituellen Feminismus (S.255-307) sowie völkischer Ideologeme im Roman bei Zimmer-Bradley folgen beispielsweise weitgehend der durch Stefanie von Schnurbein vertretenen Argumentation.[6]

Im strukturanalytisch konzipierten Schlussteil des Buches befragt Felix Wiedemann sein Material auf wiederkehrende Argumentationsmuster und Topoi der Hexenrekurse in völkischen, neuheidnischen und feministischen Religionsentwürfen. Solche strukturellen Gemeinsamkeiten findet er zum einen in der Hexe als Hüterin einer romantisierten Naturkonzeption, im polaren Geschlechtermodell, im Rekurs auf rückwärtsgewandte Urgeschichts-Mythen, im Antimonotheismus sowie daraus unmittelbar abgeleitet, im Zentralbefund eines ‚antichristlichen Antisemitismus’ als „unterschwelliges Moment“ von „Religionsentwürfen, die im weitesten Sinne der modernen Esoterik zuzuordnen sind“ (S. 388). Wiedemann erkennt die in den von ihm analysierten ‚neureligiösen’ Hexenrekursen inhärente Konstruktion einer ‚judäochristlichen’ Feindesreligion als originäres Erbe christlich-religiöser Judenfeindschaft (S. 371f.). Zugleich richtet er seine Würdigung monotheismuskritischer Hexenrekurse an einem problematischen Konzept von Antisemitismus aus: „Dadurch dass Naturfeindschaft, Patriarchat, Fortschrittsdenken, Entzauberung der Welt und Monotheismus auf alttestamentliche – und somit jüdische – Ursprünge zurückgeführt werden, schlägt die Identifikation mit der Hexe regelmäßig in einen antichristlichen Antisemitismus um“ (S. 388). Diese enorme Erweiterung des ursprünglich zur Kennzeichnung eines explizit völkisch-religiösen Rassen-Antisemitismus eingeführten Topos trägt nicht nur zur Aufweichung des Antisemitismus-Begriffs bei sondern stellt in ihrer theologisch-apologetischen Fundierung (Gnosis-Abwehr, Kritik von ‚Selbstvergottungsphantasien’) zugleich die Leitvorstellung einer werturteilsfreien Wissenschaftskultur in Frage.[7]

Das übergeneralisierende Fazit des Buches erstaunt umso mehr, als der Historiker seine Fähigkeit zur differenzierenden Analyse – etwa der Heterogenität aktueller ‚neureligiöser’ Strömungen (S. 185, S. 336) – andernorts klar unter Beweis stellt. Jene Aspekte des Hexenmythos, die auf aktuelle Fragestellungen nach den Sinndimensionen von Natur, Geschlecht, Geschichte und Religion (S. 386f.) antworten, belegen evident die primär modernisierungstheoretischen (und weniger theologischen) Implikationen des Themas: Die ‚Hexe’ nahm und nimmt immer schon einen bedeutsamen Platz im Schattenreich der von der aufgeklärten, christlich-abendländischen Gesellschaft exkludierten Wissensordnungen bzw. religiös aufgeladener politischer Utopien ein.

Anmerkungen:
[1] Barbara Jane Davy, Introduction to Pagan Studies. Lanham 2007, S. 3-7.
[2] Oliver Ohanecian, Wer Hexe ist bestimme ich: Zur Konstruktion von Wirklichkeit im Wicca-Kult, Schenefeld 2005.
[3] Kathrin Fischer, Das Wiccatum. Volkskundliche Nachforschungen zu heidnischen Hexen im deutschsprachigen Raum, Würzburg 2007; Britta Rensing, Die Wicca-Religion. Theologie, Rituale, Ethik, Marburg 2007.
[4] Nancy Chandler Pittman, Christian Wicca: The Trinitarian Tradition, Bloomington 2003.
[5] Mattias Gardell, Gods of the Blood. The pagan revival and white separatism, London 2003; Miro Jennerjahn, Neue Rechte und Heidentum: zur Funktionalität eines ideologischen Konstrukts, Frankfurt am Main u.a. 2006; Julia Zernack, „Germanin im Hauskleid“. Bemerkungen zu einem Frauenideal deutscher Gelehrter, in: Richard Faber / Susanne Lanwerd (Hrsg.), Kybele – Prophetin – Hexe. Religiöse Frauenbilder und Weiblichkeitskonzeptionen, Würzburg 1997, S. 213-232; Stefanie von Schnurbein, Walküren des Neuen Zeitalters. Zum Frauenbild neugermanisch heidnischer Gruppen der Gegenwart, in: Donate Pahnke (Hrsg.), Blickwechsel. Frauen in Religion und Wissenschaft, Marburg 1993, S.143-173.
[6] Stefanie von Schnurbein, Kräfte der Erde – Kräfte des Blutes. Elemente völkischer Ideologie in Fantasy-Romanen von Frauen, in: Weimarer Beiträge 44 (1998), S. 600-614; dies., Neuheidnische Religionsentwürfe von Frauen, in: Otto Bischofberger / Peter Hözle / Stefanie von Schnurbein: Das neue Heidentum. Rückkehr zu den alten Göttern oder neue Heilsbotschaft? Fribourg 1996, S. 72-103.
[7] Werner Patzelt, Sozialwissenschaftliche Forschungslogik, Oldenbourg 1986, S. 225f.

Zitation
René Gründer: Rezension zu: : Rassenmutter und Rebellin. Hexenbilder in Romantik, völkischer Bewegung, Neuheidentum und Feminismus. Würzburg  2007 , in: H-Soz-Kult, 24.11.2008, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-11881>.
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Veröffentlicht am
24.11.2008
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