K. Laß: Vom Tauwetter zur Perestrojka

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Titel
Vom Tauwetter zur Perestrojka. Kulturpolitik in der Sowjetunion (1953-1991)


Autor(en)
Laß, Karen
Erschienen
Köln u.a. 2002: Böhlau Verlag Köln
Umfang
448 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Wladislaw Hedeler

Die vorliegende in 16 Kapitel sowie ein Register untergliederte Arbeit wurde vom Fachbereich Philologie der Ruhr-Universität Bochum 1999 als Dissertation zur Erlangung des akademischen Grades des Doktors der Philosophie angenommen. Es handelt sich um eine ebenso materialreiche wie umfangreiche, gut lesbare und übersichtlich (chronologisch sowie thematisch) gegliederte Studie, die vom Fleiß und der Ausdauer der Doktorandin beim Suchen, Sammeln und Sichten der Texte und Archivalien zeugen. Diese zweisprachig (russisch und deutsch) wiedergegebenen Auszüge aus den Quellen, von denen bis auf einige Ausnahmen (dazu weiter unten) alle richtig übersetzt sind, wiegen die fehlenden Verallgemeinerungen auf.

Karen Laß knüpft gewissermaßen dort an, wo Denis Babitschenko in "Schriftsteller und Zensoren" (Moskau 1994) und Jewgeni Gromow in "Stalin - Macht und Kunst" (Moskau 1998) aufhörten. Sie hat die russischsprachige Literatur zum Thema weitgehend ausgewertet. Es ist bedauerlich, aber mit Blick auf den Charakter der Studie nachvollziehbar, dass neuere, nach 1999 veröffentlichte russische Dokumenteneditionen zum Thema, wie die Dokumentation der Sitzungen der Ideologiekommission des ZK der KPdSU(B), weder berücksichtigt noch in einem "aktualisierten" Vorwort zur vorliegenden Ausgabe genannt werden. Nachvollziehbar ist auch, dass die den auf Breshnew folgenden Generalsekretären Andropow, Tschernenko und Gorbatschow gewidmeten Kapitel 13 bis 15 (S. 362-394) eher holzschnittartig bleiben.

Zu welchem Moskauer Archiv Karen Laß Dank Prof. Dr. Karl Eimermacher Zugang hatte, geht aus den angegebenen Signaturen nicht sofort hervor und wird dem Leser erst auf Seite 56 mitgeteilt. Auskünfte über das Archiv und die Arbeitsbedingungen (Zugang zu den Findmitteln, Stand der Deklassifizierung der themenrelevanten Bestände) fehlen. Bei dem Archiv handelt es sich um das Zentr chranenija sowremennoj dokumetazii, ein Archiv, dessen Grundstock das Archiv der Allgemeinen Abteilung des ZK der KPdSU bildet. Der thematische Katalog enthält 435 000, die Personenkartei 895 000 Karteikarten. Für 1994 weist ein Archivverzeichnis 169 opisi aus. Das in die vorliegende Studie aufgenommene kommentierte Personenregister auf den Seiten 435-448, das leider nur knapp die Hälfte der im Buch genannten Personen (Parteifunktionäre, Künstler und Nonkonformisten) enthält und in den vorhandenen Angaben äußerst lückenhaft ist, lässt Rückschlüsse auf die Zugänglichkeit des im Archiv vorhandenen Materials zu.

Auch wenn es nicht Karen Laß' Aufgabe war, ein 'Who is who' der sowjetischen Kulturpolitik zu verfassen, hätte die gründlichere Recherche zu einigen Biographien der sogenannten "Schestidesjatniki", die in der Perestrojka-Zeit eine wichtige Rolle spielten, zur Handhabbarkeit des Bandes beigetragen. "In der vorliegenden Arbeit kommt es mir darauf an, die Interaktionsmechanismen zwischen (Kultur-)Politikern, Verbandsfunktionären, den Instanzen der Kritik und Zensur und den Künstlern, die den kulturellen Prozess von verschiedenen Ebenen aus beeinflussten, darzustellen. Gefragt werden soll dabei, welche Persönlichkeiten verschiedene kulturelle Prozesse initiierten oder behinderten und aus welcher Motivation heraus dies geschah" (S. 10).

Es ist dem Buch anzumerken, dass Karen Laß souverän mit ihrem Stoff umgeht, der ihr in einer erstaunlichen Bandbreite von der Musik über die Literatur bis hin zur Malerei gegenwärtig ist. Für den interessierten Leser, der das alles nicht vor Augen hat, ergeben sich hingegen Verständnisschwierigkeiten, da Auskünfte über die in Romanen, Erzählungen und Artikeln aufgeschriebenen oder auf Leinwand gemalten Inhalte der Kunstwerke, die von der Partei gewürdigt oder auf deren Weisung hin im wahrsten Sinne in Grund und Boden gewalzt wurden, aus den Titeln oft nicht hervorgehen. Auf Seite 305 wird die Schilderung eines Augenzeugen wiedergegeben, der beschreibt, wie ein Bulldozerfahrer über die auf freiem Feld ausgestellten Bilder einer nichtgenehmigten Ausstellung nonkonformer Künstler walzt. Am Schiebeschild der Planierraupe klammert sich ein Künstler fest, um nicht von ihr überrollt zu werden.

Diese Aktion oder die Erwähnung "einstürzender Ateliers" aufgrund "akkurat durchgesägter" (S. 165) tragender Balken zeigt ebenso wie die Schilderung der Prozesse gegen Sinjawski und Daniel, dass Menschenleben nicht zählten, wenn es der sowjetischen Führung um den Erhalt ihrer Machtposition ging. Die Zusammenarbeit zwischen Parteiapparat und KGB wird deutlich, nur bleibt oft unausgesprochen, von wem die Initiative ausging, ob es sich dabei um gesteuerte Kampagnen handelte und in welchem Maße in den Künstlerverbänden tätige Informanten das nötige "Belastungsmaterial" lieferten. Diese spezifische Sicht ist den von der Autorin genutzten Quellen geschuldet. Über die ideologische Färbung des von ihr verwendeten Materials ist sich Karen Laß ebenso bewusst wie über die propagandistischen Ziele, die westliche Darstellungen verfolgten (S. 11).

Problematisch und nicht immer gelungen erscheint dem Rezensenten die versuchte Zuordnung sowjetischer Funktionäre insbesondere am Ende der Chrustschow-Ära zu Reform- oder konservativen Flügeln. Auch hierzu liegen mittlerweile Dokumenteneditionen der entscheidenden Plenartagungen der KPdSU (über die „parteifeindliche Gruppe“ um Malenkow und Molotow) sowie Studien über die Entwicklung der Sowjetgesellschaft vor.

Abschließend sei eine Anmerkung zur weiterführenden deutschsprachigen Literatur gestattet. So fällt es auf, dass Karen Laß die in der DDR bzw. den neuen Bundesländern veröffentlichten guten und häufig mit kommentierenden Vor- oder Nachworten versehenen Übersetzungen russischer Belletristik, die themenrelevante, ins deutsche übersetzte Memoirenliteratur (Simonow, Ehrenburg, Fadejew) sowie ausgewählte "Sekundärliteratur" nicht erwähnt (wo man es mit Blick auf die zitierten englischsprachigen, ein stückweit veralteten Sekundärquellen eigentlich erwartet).

Der Soziologe Leonid Ionin hat sich z.B. im Band "Russische Metamorphosen. Aufsätze zu Politik, Alltag und Kultur" (Berlin 1995) im Aufsatz "Von der monostilistischen zur polystilistischen Kultur" zu den "Stiljagi" geäußert, einem aufschlussreichen Phänomen der sowjetischen Antikultur, das Karen Laß ausschließlich aus der Perspektive der KPdSU-Führung (S. 152) schildert. Desgleichen fehlen Hinweise auf die deutschsprachigen Werkausgaben von Lenin und Stalin sowie die in der DDR veröffentlichten Übersetzungen der Reden Chrustschows. Wer hier nachlesen will, muss erst lange selbst nach den Belegstellen suchen.

Auch wenn die versprochene Gesamtdarstellung einige Schwächen aufweist, ist es Karen Laß gelungen, die Grundlinien des kulturpolitischen Wandels von der poststalinistischen Tauwetterperiode bis zur Perestrojka festzuhalten. Ausgehend von ihrem sachkundig zusammengetragenen Material kann der interessierte Leser einzelne Fragestellungen aufgreifen und weiter vertiefen. Mit Gewinn wird er die im Buch aufgezeigten Querverbindungen zwischen den Disziplinen und Künstlerverbänden zur Kenntnis nehmen.

Zitation
Wladislaw Hedeler: Rezension zu: : Vom Tauwetter zur Perestrojka. Kulturpolitik in der Sowjetunion (1953-1991). Köln u.a.  2002 , in: H-Soz-Kult, 30.07.2002, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-1192>.
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Veröffentlicht am
30.07.2002
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