P. Kolar: Geschichtswissenschaft in Zentraleuropa

Cover
Titel
Geschichtswissenschaft in Zentraleuropa. Die Universitäten Prag, Wien und Berlin um 1900


Autor(en)
Kolář, Pavel
Erschienen
Umfang
580 S.
Preis
€ 49,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jan Surman, Universität Wien

Das zweibändige Werk von Pavel Kolář stellt einen Versuch dar, die ‘zweite Phase’ der Institutionalisierung und Verwissenschaftlichung der deutschsprachigen mitteleuropäischen Geschichtswissenschaft zu analysieren. Der Autor untersucht die „,Wechselwirkung‘ […] zwischen institutionellen Bedingungen und kognitiv-intellektuellen Inhalten“ (S. 15) an drei, von der Position in dem Wissenschaftssystem unterschiedlichen Universitäten in Berlin, Prag und Wien. Die bisher einerseits von der „fachinternen Vergangenheitsbewältigung“, andererseits durch bestimmte Fragestellungen zersplittert behandelten historischen Fächer, erschienen hier als eine kognitive Gemeinschaft, die ungeachtet der fachspezifischen Pluralisierung, mehr verbindet als trennt. Die „meta-Fachtradition“ (Idealismus und Historismus in Preußen, Tradition des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung in der Habsburgermonarchie) verbindet hier die einzelnen „lokalen“ Traditionen und ist zugleich ein vorherrschendes unifizierendes Paradigma, dem sich innovative Zugänge entgegenzustellen versuchten.

Die explizite Fragestellung geht dem Verhältnis von Innovation und Traditionsbeharrung unter unterschiedlichen institutionellen Vorzeichen nach. Dabei will Kolář sowohl die „Peripherie“ der zentraleuropäischen Geschichtswissenschaft (Prag) einbeziehen, wie auch deren „Katzentische“[1], wie die historischen Hilfswissenschaften oder die alte Geschichte. Einigermaßen überraschend ist in dieser Hinsicht die extrem knappe Behandlung der Veränderungen des politischen Umfelds – etwa der Entstehung der neuen Staaten Tschechoslowakei und Republik Österreich, die gerade im Kontext der Berufungsverfahren in dem halb-autonomen System der Universitäten der Habsburgermonarchie, mit Zerfall des Einheitsstaates und der politischen Reorientierung für die Struktur der Hochschulen ausschlaggebend waren. Die Kapitel über die tschechoslowakische Geschichte (S. 137-150) und die osteuropäische Geschichte beinhalten zwar wichtige Informationen zur Kontextbedingtheit der Forschung, der Leser wird allerdings schnell damit konfrontiert, eine innerwissenschaftliche Perspektive der Wissenschaftsentwicklung einzunehmen – was der explizit formulierten Fragestellung des Autors entgegensteht (S. 31).

Der Zeitrahmen, von den 1890er- bis in die 1930er-Jahre, bildet einen spannungsreichen Zeitabschnitt, in dem die Auseinandersetzungen zwischen Modernisierungstendenzen und Traditionsbeharrung das universitäre Feld prägte. Wobei eine unterschiedliche Periodisierung für die drei Universitäten gewählt wurde – was vor allem mit der Teilung der Prager Universität im Jahre 1882 und somit der Neukonstituierung des Faches Geschichte an der deutschsprachigen Carolo-Ferdinandea zusammenhängt; das Ende des Untersuchungszeitraums stellt die jeweilige Machtübernahme durch das NS-Regime dar. Die komparatistische Perspektive erlaubt dem Autor die unterschiedlichen Wissenschaftskulturen zu vergleichen, sowie auch ihre zeitlichen Veränderungen darzustellen, wofür vor allem die Abschnitte über die Struktur der universitären Systeme (S. 39-47, S. 387-393) sehr hilfreich sind.

Interessant ist vor allem die Behandlung der Frage nach der Struktur des wissenschaftlichen Feldes, in der Pierre Bourdieus „akademische Macht“[2] statistisch operationalisiert und unter anderem aufgrund der Beteiligung an Berufungs- und Habilitationskommissionen aufgeschlüsselt, sowie mit Prestige (Nennungen in Lexika, Mitgliedschaften in wissenschaftlichen Vereinen) angereichert wird. So gelingt es, die Einflussmöglichkeiten einzelner Professoren auf das Fach darzustellen, was dann in ausführlichen Beschreibungen der kognitiven Entwicklung der Disziplin entlang einzelner Berufungen und Habilitationen verfolgt wird. Die ausführliche Behandlung der Privatdozenturen, die nicht als „akademischer Proletariat“, sondern – hier auch im Sinne Bourdieus – als wichtige Innovationsinstanzen behandelt werden, erweitert die bisher in der Historiographiegeschichtsschreibung dominierende ordinarienzentrierte Perspektive. So gelingt es Kolář, das Verhältnis zwischen symbolischem Kapital und tatsächlicher akademischer Macht gegeneinander abzuwägen und somit das Durchsetzungs- bzw. Beharrungspotential geschichtswissenschaftlicher Denkstile aus mehreren Perspektiven zu beleuchten. Dabei zeigt sich, dass in Prag angesichts der vom jeweiligen Ordinarius beherrschten Kommissionen für Berufung- und Habilitationsverfahren eine „monozentrische und konsensorientierte“ (S. 75), in Wien und Berlin eine „polyzentrische“ (S. 286, S. 340, S. 514) Struktur mit mehreren Kommissionsmitgliedern bestand, was die Innovationsaussichten maßgeblich beeinflussten. Hierbei erweisen sich die Großuniversitäten als innovationsfreudiger, als das kleine und „provinzielle“ Prag, was die weitverbreitete Annahme über traditionsgebundene großen- und innovativen kleine Hochschulen in Frage stellt.

Als Ergebnis der Untersuchung stellt Kolář fest, dass die Phase um 1900 von einer weitgehenden Pluralisierung der Geschichtswissenschaften geprägt war und zwar sowohl in räumlich-thematischer wie auch in methodologischer Hinsicht. Dabei ist allerdings „der fundamentale Kompromisscharakter, der beobachteten Erneuerungen nicht zu übersehen“ (S. 528). Statt einem Paradigmenbruch erfolgte eine „behutsame Innovation“ innerhalb einer bestehenden Tradition: „Vielmehr ging es den Reformanhängern darum, sich besser als die Konkurrenz im Narrativ der bestehenden Tradition zu platzieren und damit die Traditionsdeutung für sich zu gewinnen.“ (S. 528f.)

Kolářs Studie stellt einen sorgfältig ausgearbeiteten und methodologisch innovativen Beitrag zur Geschichte der Geschichtswissenschaften an den untersuchten Universitäten dar und ergänzt die bisherigen Darstellungen der Entwicklung der jeweiligen Fächer um interessante Quellen. Einen weitere Qualität des Buches liegt in der ausführlichen Behandlung der, in der bisherigen Wissenschaftsgeschichte eher marginalisierten deutschen Prager Universität, deren Einbettung in die Habsburgische (etwa die Kontroverse um die österreichische Reichsgeschichte) und tschechoslowakische (osteuropäische Geschichte) Wissenschaftslandschaft thematisiert wird. Die vom Autor gewählte ausführliche Behandlung der Universitäten in getrennten Abschnitten stellt jedoch sowohl einen Vorteil als auch Nachteil dar – was für einen an der jeweiligen Universität interessierten Leser dienlich ist, ist aufgrund des Umfanges des Buches und einer allzu knappen Zusammenfassung (S. 511-533) für an den Zusammenhängen interessierte Leser weniger gut geeignet. Die imponierende Anzahl an einbezogenen Quellen und Werken der Sekundärliteratur, sowie der innovative Zugang, machen das Buch aber jedenfalls zu einem unentbehrlichen Nachschlagewerk für jeden Historiker der Geschichtswissenschaften.

Anmerkungen:
[1] Annekatrin Schaller, Michael Tangl (1861-1921) und seine Schule. Forschung und Lehre in den Historischen Hilfswissenschaften, Stuttgart 2002, S. 10.
[2] Pierre Bourdieu, The Specifity of the Scientific Field and the Social Condition of the Progress of Reason, in: Social Science Information 14/6 (1975), S. 19-47.

Zitation
Jan Surman: Rezension zu: : Geschichtswissenschaft in Zentraleuropa. Die Universitäten Prag, Wien und Berlin um 1900. Leipzig  2008 , in: H-Soz-Kult, 02.03.2009, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-11944>.
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Veröffentlicht am
02.03.2009
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