Sammelrezension: Rückblicke auf den "Historikerstreit"

Kailitz, Steffen (Hrsg.): Die Gegenwart der Vergangenheit. Der "Historikerstreit" und die deutsche Geschichtspolitik. Wiesbaden : VS Verlag für Sozialwissenschaften  2008 ISBN 978-3-531-16132-7, 154 S. 24,90 €.

Kronenberg, Volker (Hrsg.): Zeitgeschichte, Wissenschaft und Politik. Der "Historikerstreit" - 20 Jahre danach. Wiesbaden : VS Verlag für Sozialwissenschaften  2008 ISBN 978-3-531-16120-4, 201 S. 24,90 €.

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Philipp Stelzel, History Department, University of North Carolina, Chapel Hill

Der „Historikerstreit“ der späten 1980er-Jahre gilt gemeinhin als eine wissenschaftlich weitgehend unergiebige Auseinandersetzung, in der – je nach Position des Betrachters – „Frageverbote“ etabliert oder aber Versuche zur „Entsorgung der Vergangenheit“ abgewehrt wurden. Eine Beschäftigung mit dieser Kontroverse 20 Jahre danach kann verschiedene Ziele haben: etwa eine Neubewertung der damals vertretenen Thesen oder die Historisierung der Debatte als Episode der Intellectual History der alten Bundesrepublik. Die hier rezensierten Sammelbände versuchen beides, jedoch mit nur mäßigem Erfolg.

Die Herausgeber Volker Kronenberg und Steffen Kailitz, Politikwissenschaftler an der Universität Bonn bzw. am Dresdner Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung, sind bereits mit monographischen Arbeiten zu Aspekten des „Historikerstreits“ in Erscheinung getreten, die implizit oder explizit für eine Rehabilitierung des vermeintlich zu Unrecht diskreditierten Ernst Nolte warben.[1] Das Ziel der beiden jetzigen Publikationen ist dagegen eine Historisierung der Kontroverse, „diszipliniert und jenseits von ‚geschichtspolitischen’ Motivlagen oder gar kulturellen Hegemoniebestrebungen“, wie es Kronenberg formuliert (S. 8). Auch Kailitz betont, es gehe ihm und den anderen Autoren „um eine Analyse des Streits und nicht um seine Fortsetzung“ (S. 9).

Der von Kailitz herausgegebene Band umfasst acht Beiträge, von denen jeweils vier die politische bzw. die wissenschaftliche Dimension des „Historikerstreits“ untersuchen, obwohl diese Trennung natürlich nie ganz sauber einzuhalten ist. Zu den interessanteren Analysen zählt diejenige von Claus Leggewie, der den „Historikerstreit“ aus transnationaler Perspektive beleuchtet. Dabei betont er die Zusammenhänge zwischen den innenpolitischen Auseinandersetzungen der 1980er-Jahre (zu denen eben auch der „Historikerstreit“ zählte) sowie den geschichts- und außenpolitischen Entwicklungen der 1990er-Jahre und darüber hinaus (zum Beispiel die Errichtung des Berliner Holocaust-Mahnmals und die von der rot-grünen Koalition veranlassten Militäreinsätze im Ausland). Uffa Jensen liefert eine ebenso differenzierte wie kritische Untersuchung von Habermas’ Argumentation im „Historikerstreit“, bei der er unter anderem hervorhebt, dass auch die von Habermas propagierte, vermeintlich „postkonventionelle“ nationale Identität noch eine ethnisch-deutsche Prägung impliziere. Armin Pfahl-Traughber weist sowohl Habermas als auch Nolte wissenschaftlich zweifelhafte Methoden nach: Bei ersterem zeige sich dies vor allem in der Manipulation einiger Zitate seiner Kontrahenten, bei Nolte hingegen in der Behauptung historischer Zusammenhänge ohne Belege. Gerd Koenen widmet sich schließlich Noltes These eines „kausalen Nexus“ zwischen dem „bolschewistischen Klassenmord“ und dem „nationalsozialistischen Rassenmord“, von der am Ende von Koenens Analyse nichts übrig bleibt. Stattdessen postuliert Koenen einen „Nexus“ zwischen Nationalsozialismus und Stalinismus in der Form einer „Dauerentzündung der imperialen Phantasien“ einerseits, der „Verschärfung aller Kategorien von Politik und Krieg“ andererseits (S. 151).

Die restlichen vier Aufsätze liefern hingegen kaum Neues: Hans-Christian Crueger kommt „aus politikwissenschaftlicher Perspektive“ zu dem wenig überraschenden Ergebnis, der „Historikerstreit“ sei ein politischer Streit gewesen, was aber bei historischen Debatten eher die Regel als die Ausnahme darstelle. Enrico Syring diskutiert den „Historikerstreit“ im Zusammenhang mit Martin Broszats Historisierungsplädoyer. Steffen Kailitz analysiert die „politische Deutungskultur“ der Bundesrepublik anhand des „Historikerstreits“. Barbara Zehnpfennig schließlich befasst sich mit „ideologischem Denken vor und nach dem Historikerstreit“.

Der von Kronenberg herausgegebene Band gliedert sich in drei Teile: Zunächst geht es um das Geschichtsdenken Noltes, vor allem auch um dessen Rezeption in Frankreich und Italien. Manchmal implizit, manchmal explizit lautet hier die These, Nolte habe im Ausland die Anerkennung erfahren, die ihm in Deutschland aus unlauteren Gründen versagt geblieben sei. Pierluca Azzaro beschreibt Parallelen zwischen der Geschichtsschreibung des katholischen Philosophen Augusto Del Noce und derjenigen Ernst Noltes. Stéphane Courtois’ Versuch, Noltes Wertschätzung unter französischen Historikern zu illustrieren, gerät zu einer Polemik gegen vermeintliche und tatsächliche Apologeten des Kommunismus in Frankreich. Weder Azzaro noch Courtois können aber letztlich zeigen, dass Noltes Werk in Italien oder Frankreich besonders einflussreich geworden wäre. Del Noces ebenso apodiktische wie problematische Feststellung, „Noltes Interpretation der Zeitgeschichte [sei] die einzige, die Katholiken akzeptieren können“ (zit. bei Azzaro, S. 27), dürfte hierfür kaum ausreichen. Enzo Traversos Kritik eines „neuen Antikommunismus“, den er in verschiedenen Ausprägungen durch Nolte, Courtois und François Furet vertreten sieht, bildet immerhin einen politischen Kontrapunkt zu Courtois’ Aufsatz.

Den „Historikerstreit“ und das bundesrepublikanische Selbstverständnis behandeln vier Beiträge: In einem bereits an anderer Stelle erschienenen Aufsatz analysiert Ulrich Herbert den Streit als Debatte der „Flakhelfer-Generation“ bzw. der „45er“ (so der von A. Dirk Moses eingeführte und inzwischen wohl häufiger benutzte Generationsbegriff). Herbert verweist auch auf die größere Aufmerksamkeit, die der Holocaust im Jahrzehnt nach dem „Historikerstreit“ erfahren habe und die zumindest als unbeabsichtigte Nebenfolge dieser Debatte gelten könne. Somit sei der „Historikerstreit“ wissenschaftlich doch nicht als gänzlich unergiebig anzusehen. Eckhard Jesse plädiert für einen „weltoffenen Patriotismus“, schwärmt vom Fußball-„Sommermärchen“ des Jahres 2006 – „friedliche Freude fröhlicher Fußball-Fans faszinierte“ (S. 120) – und verbindet dies mit einer Kritik an Habermas’ Plädoyer für einen universalistisch-abstrakten „Verfassungspatriotismus“ als Grundlage nationaler Identität. Daran anknüpfend argumentiert Volker Kronenberg für Dolf Sternbergers Version des Verfassungspatriotismus – Identifikation mit Verfassung und Nation verbindend – und gegen die von Habermas vertretene Alternative.

Durchweg enttäuschend sind drei abschließende, essayistisch gehaltene Beiträge, die sich mit der „politischen Deutungs- und Streitkultur“ beschäftigen. Friedrich Pohlmann macht den damaligen wie heutigen „Zeitgeist“ für das weithin herrschende negative Urteil über Ernst Nolte verantwortlich und beklagt, dass sich nach der deutschen Einheit der „Multikulturalismus“ als Ersatzideologie des Sozialismus entwickelt habe. Entspricht dies einer eher konventionellen Form des Kulturpessimismus, wird es zum Schluss doch noch interessant, wenn Pohlmann feststellt, Noltes Werk sei „vergleichbar demjenigen Max Webers, mit dem es auch inhaltlich manche Gemeinsamkeit teilt“ (S. 170). Leider bleibt Pohlmann dem Leser jeglichen Nachweis für diese Behauptung schuldig. Bizarr mutet Brigitte Seebachers Essay an, der zunächst einmal mehr den durch die „68er“ angeblich verursachten Verfall aller Werte beklagt und schließlich Jürgen Habermas vorhält, nicht dasselbe Deutschland-Bild wie Willy Brandt vertreten zu haben. Generell dient Brandt als Maßstab, an dem Habermas gemessen wird: „Mit Habermas verband Willy Brandt nichts; im Nachlass findet sich kein einziger Brief.“ (S. 180) Das mag sein, trägt jedoch wenig zum Thema bei. Manfred Funke schließlich präsentiert seine „Anregung zum Gedankenaustausch“ als „Auswahl gedanklicher Risiken im Verbund von Konkordanz, Kollision, Fakten und Folgerungen“ (S. 189); dem Rezensenten ist die dahinter stehende Aussage verborgen geblieben.

Die in den beiden Sammelbänden vertretenen Autoren sind teils Historiker, teils Politikwissenschaftler oder Soziologen. So hilfreich eine Analyse des „Historikerstreits“ durch Wissenschaftler aus Nachbardisziplinen sein könnte (Leggewies Beitrag beweist dies), treten in manchen Essays potenzielle Nachteile deutlich zutage. Auch Nichthistoriker sollten zumindest mit den Grundzügen des historiographischen Forschungsstandes vertraut sein, wenn sie über eine vor allem von Historikern geführte Debatte urteilen; aus manchen der Essays spricht jedoch eher Unkenntnis. Die Politikwissenschaftlerin Barbara Zehnpfennig behauptet etwa, eine historiographische Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Ideologie finde auch 20 Jahre nach dem „Historikerstreit“ „kaum“ statt (in: Kailitz, S. 117). Und nach Meinung des Soziologen Friedrich Pohlmann verfolgt Heinrich August Winkler „eine gemäßigt neomarxistische Geschichtsschreibung der Weimarer Republik“ (in: Kronenberg, S. 160) – angesichts der oft und deutlich geäußerten Positionen Winklers ein eher unterhaltsames Fehlurteil.[2]

Die eigentliche Schwäche beider Bände ist jedoch die nur ungenaue Fokussierung vieler Beiträge auf den „Historikerstreit“ selbst. Einige allgemeine Sätze zur Kontroverse dienen oft als Ausgangspunkt für Überlegungen, die kaum zu einer Neubewertung dieser letzten großen Historikerdebatte der alten Bundesrepublik beitragen. Trotz einiger interessanter Texte hält sich deshalb der Erkenntnisgewinn in Grenzen. Eine zuverlässige Historisierung des „Historikerstreits“ findet man anderswo[3]; die wenigen darüber hinausführenden Einsichten lohnen die Anschaffung der beiden Bände kaum. Rätselhaft bleibt schließlich, warum sich Herausgeber und Verlag für diese Parallel-Publikation entschieden haben.

Anmerkungen:
[1] Volker Kronenberg, Ernst Nolte und das totalitäre Zeitalter. Versuch einer Verständigung, Bonn 1999; Steffen Kailitz, Die politische Deutungskultur im Spiegel des „Historikerstreits“. What’s right, what’s left?, Wiesbaden 2001.
[2] Vgl. etwa Heinrich August Winkler, Revolution, Staat, Faschismus. Zur Revision des Historischen Materialismus, Göttingen 1978; ders., Streitfragen zur deutschen Geschichte. Essays zum 19. und 20. Jahrhundert, München 1997.
[3] Klaus Große Kracht, Die zankende Zunft. Historische Kontroversen in Deutschland nach 1945, Göttingen 2005, S. 91-114.

Zitation
Philipp Stelzel: Rezension zu: Kailitz, Steffen (Hrsg.): Die Gegenwart der Vergangenheit. Der "Historikerstreit" und die deutsche Geschichtspolitik. Wiesbaden  2008 / Kronenberg, Volker (Hrsg.): Zeitgeschichte, Wissenschaft und Politik. Der "Historikerstreit" - 20 Jahre danach. Wiesbaden  2008 , in: H-Soz-Kult, 12.05.2009, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-11963>.
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Veröffentlicht am
12.05.2009
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