Cover
Titel
Wendepunkte. Schlüsselentscheidungen im Zweiten Weltkrieg


Autor(en)
Kershaw, Ian
Erschienen
Umfang
736 S.
Preis
€ 39,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Rüdiger von Dehn, Historisches Seminar, Bergische Universität Wuppertal

„Die Idee zu diesem Buch verdanke ich einem beiläufigen Gespräch in der Küche […] während wir darauf warteten, dass das Wasser im Kessel zu kochen begann.“ (S. 607) Fast ironisch wirkt diese Beschreibung des Zeithistorikers und Altmeisters Ian Kershaw über die Hintergründe, die zu seinem neuen Werk führten. Es ist ihm hoch anzurechnen, dass er sich zum Teekochen entschieden hatte und nicht nur schnell einen Kaffee holen ging.

Entscheidungen ganz anderer Art sind es, die Kershaw in zehn einzelnen Kapiteln reflektiert und die den Weg des Zweiten Weltkrieges in die Bahnen lenkte, die heute bekannt sind. In beispielhafter Schreibkunst erlaubt er dem Leser über Quellenzitate den Direkteinstieg in das Thema, womit dieser sofort mit der Atmosphäre der Jahre 1940/41 konfrontiert wird. Von Unterkapitel zu Unterkapitel lässt sich schließlich nachvollziehen, wie in Berlin und Tokio die Entscheidungen über Krieg und Frieden bzw. Leben und Tod regelrecht „wuchsen“, bevor sie endgültig gefällt wurden. Unabhängig davon, in welche Hauptstadt der Kriegsbeteiligten geschaut wird – immer gelingt es Kershaw klar zu unterstreichen, dass kein Beschluss eine politische Selbstverständlichkeit war und grundsätzlich von den jeweilig handelnden Persönlichkeiten abhing.

Dabei ist die Struktur der Einzelkapitel fast immer identisch. Das weckt auf den ersten Blick den Verdacht eines schablonenhaften Abarbeitens, etwa der Londoner Entscheidung im Frühjahr 1940 über die Fortführung des Krieges oder Hitlers Beschluss, den Krieg gegen die Vereinigten Staaten von Amerika zu beginnen. Doch ist es gerade diese Struktur, die eine Vergleichbarkeit der jeweiligen Entscheidungsspielräume in London, Tokio, Berlin, Washington und letztlich auch Moskau überhaupt erst ermöglicht. Auch lässt es der in sich geschlossene Charakter der einzelnen Kapitel zu, den einen oder anderen Wendepunkt isoliert zu betrachten. Entscheidend ist die dabei von Kershaw gewählte Reihenfolge, an der die stete Steigerung der Perversität des Krieges abzulesen ist und mit Hitlers Entscheidung zur Durchführung der „Endlösung“ endet. Auch vergisst Kershaw nicht, dass der Zweite Weltkrieg ebenso im Pazifik stattfand, so dass der über zwei Kapitel reichende Bezug zu Japan 1940/41 besonders positiv zu bewerten ist.

Kershaw macht zudem deutlich, wie verlockend Gedankenspiele eines möglichen Alternativ-Verlaufs des Zweiten Weltkrieges sein können. Mit „hätte“, „wäre“ und „wenn“ sind und waren zwar keine Schlachten zu gewinnen, doch nutzt Kershaw das Kontrafaktische dazu, um den Eindruck eines notwendigen Kriegsverlaufs zu relativieren. Kurz vor spekulativen Abgründen reißt er den Leser jedoch wieder zurück in die reale Welt der Quellen. Politische und militärische Fakten zu schaffen hieß damals wie heute, aus einer gewissen Auswahl von Möglichkeiten heraus zu handeln. Und diktatorisch geführte deutsche und italienische Bürokratien hatten genauso ihre Eigenheiten wie die Demokratien Englands und der USA. Letztlich waren alle an ihr politisch-ideologisches Wertesystem gebunden, das zu Entscheidungen führte, die in ihrer Wirkung bis in den anschließenden Ost-West-Konflikt reichten. So ist auch nur logisch, dass Kershaw alle Ereignisse nach dem Dezember 1941, dem zeitlichen Endpunkt seiner Betrachtungen, als Jahre der Aufarbeitung der Konsequenzen aus den vorangegangenen beiden Jahren sieht. Ob die danach folgenden Entscheidungen wirklich rein taktischer Natur waren, sei dahingestellt.

Inhaltlich lässt Kershaw einen weiten Blick schweifen und führt den Leser im ersten Kapitel nach London 1940, wo es gar nicht so sicher schien, ob und wie der Krieg gegen Hitler fortgeführt werden konnte. Dem schließt sich eine Beschreibung der deutschen Suche nach neuen Angriffspunkten an, die im Herbst 1940 die Sowjetunion ins Fadenkreuz rücken ließ. Parallel dazu wollten die Japaner die Gunst der Stunde nutzen, in der Frankreich als politischer Faktor in der Welt ausgeschaltet, das englische Kolonialreich in Asien geschwächt und dem Zusammenbruch nahe war. Der nationale Chauvinismus stand unterdessen in Italien in voller Blüte, wo Mussolini sich zu einem eigenen und sonderbaren Weg in den Krieg entschied.

Kershaw führt den Leser schließlich an die Ufer des Potomac, wo Franklin D. Roosevelt alle Kräfte darauf konzentrierte, dem isolationistischen Status seines Landes zu überwinden. Vom Weißen Haus wagt der in Sheffield lehrende Historiker dann den Sprung hinüber in den Kreml. Wider alle Geheimdienstberichte entschied sich Josef Stalin dazu, den Informationen über einen deutschen Angriff auf sein Reich keinen Glauben zu schenken. Am 22. Juni 1941 sollte er eines Besseren belehrt werden. Über den Atlantik, wo der gegen das Deutsche Reich geführte unerklärte Krieg der USA begann, weist Kershaw schließlich den Weg nach Pearl Harbor, wo er nach den Gründen des japanischen Angriffs sucht, die in einen Kausalzusammenhang zur deutschen Kriegserklärung an die USA vom 11. Dezember 1941 gesetzt werden. Wie ein Kulminationspunkt wirkt schlussendlich der Völkermord an den europäischen Juden, über den im Herbst 1941 in Berlin und Ostpreußen entschieden wurde.

Kershaws scharfer Blick für das Wesentliche lässt Ereignisse, deren Beschreibung bereits Bibliotheken füllen, in neuem Licht erscheinen. Der Reiz des Werkes liegt in den vielfältigen Wechseln der Blickrichtung, die auf bekannten wie unbekannten Quellen gestützt sind. Im Grunde liest sich die vorgelegte Darstellung wie ein zeithistorisches Drama in zehn Akten, das im Mai 1940 beginnt und bis in den Dezember 1941 hinein reicht. Von Seite zu Seite geht das Drama seinem Höhepunkt, der europäischen Perversität des Grauens, entgegen. Den jeweiligen Wendepunkten werden kurze Biographien der handelnden Personen vorangestellt, so dass dem Leser jeweils klar vor Augen steht, mit wem er es zu tun hat. Die Orte der Entscheidungen lassen sich zudem in fünf Übersichtskarten wiederfinden, die graphische Schlichtheit mit inhaltlicher Aussagekraft kombinieren. Sicher verlässt sich das über 700 Seiten starke, aber überaus gut lesbare Werk auf ein gewisses Vorwissen und grundlegende Kenntnisse der Materie. Doch gelingt es dem Hitler-Biographen Kershaw ohne Zweifel, unerwartet neue Perspektiven auf den Zweiten Weltkrieg zu werfen. Nichts war im größten aller geführten Kriege wirklich selbstverständlich – weder in Europa noch auf dem pazifischen Schauplatz.

Zitation
Rüdiger von Dehn: Rezension zu: : Wendepunkte. Schlüsselentscheidungen im Zweiten Weltkrieg. München  2008 , in: H-Soz-Kult, 08.12.2008, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-11974>.
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Veröffentlicht am
08.12.2008
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