B. Davis u.a. (Hrsg.): Alltag, Erfahrung, Eigensinn

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Titel
Alltag, Erfahrung, Eigensinn. Historisch-anthropologische Erkundungen


Hrsg. v.
Davis, Belinda; Lindenberger, Thomas; Wildt, Michael
Erschienen
Frankfurt am Main 2008: Campus Verlag
Umfang
511 S.
Preis
€ 45,00
Rezensiert für den Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie / Kulturanthropologie / Volkskunde" bei H-Soz-Kult von:
Kaspar Maase, Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft, Eberhard-Karls-Universität Tübingen

1989 erschien der Sammelband „Alltagsgeschichte. Zur Rekonstruktion historischer Erfahrungen und Lebenswelten“; er schloss in gewissem Sinn die Exposition eines historiographischen Ansatzes ab, dem insbesondere der Herausgeber Alf Lüdtke mit inzwischen klassischen Aufsätzen in den 1980er-Jahren Substanz und Gestalt verliehen hatte.[1] Nun gab der 65. Geburtstag Lüdtkes den Anlass für einen Sammelband, der 31 Beiträge vor allem deutscher, amerikanischer und britischer Autorinnen und Autoren in deutscher und englischer Sprache vereint. Er kann als eine Art Momentaufnahme der wissenschaftlichen Anwendung von Lüdtkes zentralen Konzepten gelesen werden. Zumindest haben die Herausgeber die Texte unter die leitenden Themen und Begriffe seines Oeuvres subsummiert: Nach einem Abschnitt mit eher paradigmatischen und methodologischen „Selbstverständigungen“ folgen Blöcke unter den Überschriften „Alltag“, „Eigensinn“, „Bilder“, „Gewalt“, „Arbeit“.

Die darunter versammelten Einzelstudien beziehen sich allerdings in recht unterschiedlicher Weise auf diese Kategorien; so finden sich etwa keine Mikrostudien, die nach Lüdtkes Vorbild nahe am unmittelbaren körperlichen Handeln und sinnlichen Erfahren das Bedeutungs- und Beziehungsnetz von Arbeit und Gewalttun/Gewalterleiden entfalten. Als vitalste Konzepte mit sichtbarem Anregungs- und Fragepotenzial erscheinen im Band noch vor der Bildanalyse die Kategorien Alltag und Eigensinn. Angewendet werden sie fast ausschließlich auf Phänomene des 20. Jahrhunderts; nur zwei Aufsätze beschäftigen sich mit der Frühen Neuzeit. Am häufigsten behandelt wird deutsche Geschichte, mit dem Schwerpunkt zwischen Weimar und den 1950er-Jahren. Themen sind unter anderem die Uniformierung weiblicher Polizeikräfte, „Asoziale“ in der DDR, Religion und Kolonialismus in Korea, Baracken, kongolesische Dandies („sapeurs“), das Verständnis von „Wahrheit“ in der Sowjetunion, Ordnung im Straßenverkehr; sieben Beiträge behandeln den NS, die Shoah und Fragen des Erinnerns daran.

Die Kohärenz des Bandes ergibt sich vor allem daraus, dass die meisten Studien dem alltagshistorischen Ansatz folgen, den die Herausgeber einleitend luzide skizzieren: mit Blick auf die „vielfältige Praxis, in der die Menschen ihre Situation wahrnehmen und sich aneignen“ (S. 15) und so zu Akteuren ihrer individuellen wie kollektiven Geschichte werden. Insbesondere Lüdtkes Konzept eigensinnigen Handelns wird häufig aufgegriffen; es scheint besonders befreiend und anregend gewirkt zu haben. Es ließ Phänomene zum Gegenstand historischer Forschung werden, die sich Wünschen nach einer griffigen, verallgemeinerbaren Einordnung der Praxis „der Vielen“, der „einfachen Leute“ entziehen; beleuchtet werden Handlungsweisen und biographische Muster, die ihre fragile und flüchtige Logik darin zu haben scheinen, dass sie vor allem die tätige Aneignung von Situationen und Verhältnissen, eine Erfahrung von persönlicher Handlungsfähigkeit und Gestaltungskraft erlauben. Allerdings erwecken einige Beiträge beim Rezensenten den Eindruck, das Konzept könnte zu einer unproduktiven, weil fälschlich beruhigenden Pseudoerklärung gerinnen. Das historisch-ethnographische Motiv, Einzelfälle eigensinnigen Handelns in ihren Facetten mikrologisch zu entfalten, wie das historisch-anthropologische Motiv, überindividuell Felder und Formen derartiger Praktiken zu erfassen und verallgemeinernd zu reflektieren, scheinen manchmal durch die Verwendung der Kategorie eher stillgestellt als inspiriert zu werden.

Hier können nicht die einzelnen Texte (die man durchweg mit Gewinn liest) vorgestellt werden. Ich greife vier heraus. Zu den Beiträgen, die nichttraditionale Formen der Präsentation alltagshistorischen Wissens erproben, gehört Eve Rosenhafts „Test for Emeriti“. Er konfrontiert den Leser mit Beziehungen zwischen Deutschen und „Zigeunern“ nach 1933. Dazu arrangiert Rosenhaft einige Bilder, Dokumente und Informationen aus diesen Jahren und stellt dem Leser Fragen, die nahe legen, sich mit Phantasie und Empathie in das vom Material eröffnete Feld zu begeben.

Auf der Grundlage von gedruckten Erinnerungen und SD-Berichten untersucht Nicholas Stargardt Gerüchte über Judenvernichtung und alliierte Rache, die zwischen 1940 und 1945 kursierten. Er verfolgt die Versuche der deutschen Bevölkerung, Ohnmachtgefühle zu bewältigen und der Erfahrung des Bombenkriegs einen Sinn zu geben. Seine Überlegungen tragen bei zum Verständnis der bis zum Ende unauflöslichen Verbindung von Bevölkerung und NS-Regime und zum Einblick in den Umgang von Massenbewusstsein mit Extremerfahrungen.

Michael Geyer fragt essayistisch und eindringlich nach dem „Fortleben“ der Kriegstoten – der „eigenen“ wie der „anderen“ – in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg: Wie wirkten sie mit an den Weisen des Gedenkens und Nicht-Gedenkens? Seine These: Die deutschen Nachkriegsgesellschaften entzogen sich dem öffentlichen Gedenken an die eigenen Toten, um sich dem nationalsozialistischen Totenkult zu entziehen, in dem jedes deutsche Kriegsopfer Verpflichtung der Lebenden zum Weiterführen des Krieges bedeutete.

Der Kulturanthropologe Gerald Sider hat über 40 Jahre hindurch das Leben in Maxton, einer kleinen Gemeinde in North Carolina, verfolgt. Die grundstürzenden Wandlungen in Situation und Erfahrung der schwarzen Bevölkerung veranlassten ihn, sein Verständnis von Alltag zu historisieren und den Begriff für die jüngste Zeit ganz in Frage zu stellen. Aus Siders Perspektive sind Macht und Herrschaft keine Mittel, um Ordnung(en) zu schaffen; sie bedeuten für Menschen wie die schwarzen Bewohner Maxtons vielmehr Chaos, Brüche, Diskontinuität. Dagegen versuchen sie einen Alltag aufzubauen, der wenigstens teilweise Stabilität und Handlungshorizonte schafft. Dabei geht es nicht schlicht ums Überleben, sondern darum, gestern und morgen zu verknüpfen, durch die Gegenwart zu einer wie auch immer vorgestellten Zukunft zu gelangen. „Wenn Menschen Geschichte leben, geht es für sie immer um das Morgen, um Bevorstehendes und darum, sich mehr oder minder erfolgreich auf Kommendes einzustellen“ (S. 131f.) Dafür ist ein Verständnis der Gegenwart gefragt, das deren Differenz zum zuvor Erfahrenen zumindest weit genug benennen kann, um daraus ein Gefühl eigener Handlungsfähigkeit und eine Perspektive in ein Morgen (und mag es noch so ungewiss sein) zu entwickeln. Menschen, die Gegenwart so erfahren, dass (mit) ihnen nicht Verstehbares und nicht Beeinflussbares geschieht, sind kaum fähig zu einem Alltag als historische Akteure. Das trifft besonders Gruppen, die sich nicht mehr wie Generationen vor ihnen fraglos als Unterdrückte, Unterprivilegierte oder Marginalisierte verstehen können – denn aus dieser Position konnten sie zumindest dem, was ihnen geschah, eine sinnhafte Bezeichnung und der Zukunft eine Kontur geben! Angesichts der Verwerfungen, die global deregulierter Kapitalismus im Leben vieler verursacht, scheinen diese Überlegungen zur Struktur von Alltag nicht nur für Historiker bedenkenswert.

Festschriftenbeiträge bilden ein eigenes Genre. Es wäre ein Missverständnis, den Band als Mustermesse zu betrachten und an ihm die Leistungsfähigkeit der von Alf Lüdtke inspirierten Alltagsgeschichte zu messen. Vor dem Hintergrund der heftigen Debatten der 1980er-Jahre zwischen Sozial- und Alltagshistorikern gewinnt der historisch interessierte volkskundliche Kulturwissenschaftler allerdings den Eindruck, der neue Ansatz habe sich ein Stück weit etabliert. Vergangenheit mit Blick auf die und aus der Perspektive der gewöhnlichen Menschen zu rekonstruieren und dabei der Mehrdeutigkeit, Körperlichkeit, Materialität, Kontextabhängigkeit und – ja – der Eigensinnigkeit ihres Handelns Rechnung zu tragen, dieser Ansatz ist ein Stück weit normalisiert worden. Er zeigt in manchen Texten schon fast schulmäßigen Charakter; andere Aufsätze belegen, dass er weiterhin intellektuelle, gegen den Mainstream der Disziplin sich positionierende Vitalität und wissenschaftliche Brisanz beinhaltet.

Durchaus symptomatisch in Ton und Aussage scheinen die ausgesprochen abgeklärten, pragmatischen Überlegungen Geoff Eleys zum Verhältnis von Kultur- und Sozialgeschichte unter dem programmatischen Titel „No Need to Choose“. Für unterschiedliche Dimensionen der Realität, so Eley, eignen sich unterschiedliche „analytische Register“; der Streit um Primate und Hierarchien wird als unfruchtbar abgehakt. Ein letztlich „materialistisches“ Paradigma, das vor- und nichtkulturellen Gegebenheiten eine erstrangige eigene Wirkung auf menschliches Handeln zugesteht, sieht Eley anscheinend nicht ernsthaft herausgefordert, jedenfalls nicht von der Alltagsgeschichte. Auch das klingt, 20 Jahre nach 1989, sehr nach Normalisierung. Die Lektüre des Bandes empfiehlt sich nicht zuletzt deswegen, weil sie ein eigenes Urteil auch in diesem Punkt erlaubt.

Anmerkung:
[1] Organizational order or Eigensinn? Workers' privacy and workers' politics in imperial Germany. In: Sean Wilentz (Hrsg.), Rites of power: symbolism, ritual, and politics since the middle ages, Philadelphia 1985, S. 303-333; Cash, coffee-breaks, horseplay: Eigensinn and politics among factory workers in Germany circa 1900. In: Michael Hanagan / Charles Stephenson (Hrsg.), Confrontation, class consciousness, and the labor process. Studies in proletarian class formation. New York 1986, S. 65-95; "Fahrt ins Dunkle"? Erfahrung des Fremden und historische Rekonstruktion. In: Ursula A.J. Becher / Klaus Bergmann (Hrsg.), Geschichte - Nutzen oder Nachteil für das Leben? Düsseldorf 1986, S. 69-78. Kongenial: Hans Medick: "Missionare im Ruderboot"? Ethnologische Erkenntnisweisen als Herausforderung an die Sozialgeschichte. In: Geschichte und Gesellschaft 10, 1984, S. 295-319.

Zitation
Kaspar Maase: Rezension zu: Davis, Belinda; Lindenberger, Thomas; Wildt, Michael (Hrsg.): Alltag, Erfahrung, Eigensinn. Historisch-anthropologische Erkundungen. Frankfurt am Main  2008 , in: H-Soz-Kult, 16.04.2009, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-12030>.
Redaktion
Veröffentlicht am
16.04.2009
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Diese Rezension entstand in Kooperation mit dem Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie/Kulturanthropologie/Volkskunde" (Redaktionelle Betreuung: Prof. Dr. Beate Binder) http://www.euroethno.hu-berlin.de/forschung/publikationen/rezensionen/