Luntowski, Gustav: Hitler und die Herren an der Ruhr

Titel
Hitler und die Herren an der Ruhr. Wirtschaftsmacht und Staatsmacht im Dritten Reich


Autor(en)
Luntowski, Gustav
Erschienen
Frankfurt a. M. 2000: Peter Lang/Frankfurt am Main
Umfang
315 S.
Preis
DM 89,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Benjamin Obermüller, Rheinische Friedrich Wilhelms Universität Bonn

Eine weitere Veröffentlichung zur Geschichte des Dritten Reiches wirkt auf den ersten Blick alles andere als notwendig. Auf den zweiten Blick jedoch entpuppt sich das Werk von Gustav Luntowski als nützliche Informationsquelle zur Wirtschaftsgeschichte der nationalsozialistischen Diktatur. Das Buch ist inhaltlich in drei Teile gegliedert mit jeweils drei Unterpunkten: Im ersten Abschnitt werden die großen Herren der Wirtschaftspolitik dieser Zeit vorgestellt, im zweiten Teil werden die ersten Jahre der Wirtschaft unter Hitler analysiert. Zum Schluss folgt eine detaillierte Auseinandersetzung der Wirtschaftsmagnate in den Kriegsjahren. Gustav Luntowskis Werk zeichnet sich durch die hohe Quellendichte aus, welche einen sehr genauen Einblick in die persönlichen Empfindungen und Reaktionen der Wirtschaftselite im vorgegebenen Zeitraum geben. Die Sammelanmerkungen am Schluss machen das Lesen der Lektüre aufgrund der Quantität sehr mühsam.
Bevor Gustav Luntowski auf den eigentlichen Inhalt zusprechen kommt, wird skizzenhaft die Vorgeschichte der behandelten Wirtschaftsimperien, Klöckner, Gute Hoffnungshütte, Hoesch, Krupp und Vereinigte Stahlwerke beschrieben. Die sog. Ruhrlade beherrschte das wirtschaftliche und auch das politische Geschehen dieser Zeit. Die Zeit der Weimarer Republik nimmt hierbei einen relativ großen Teil ein, indem die politischen Wirkungskreise der Wirtschaft aufgezeigt werden. In Ansätzen wird hier auch der Versuch einer übergreifenden Analyse begonnen, welche aber zu kanpp und außerdem sehr unternehmerfreundlich ausfällt. Die Soziapolitik der großen Unternehmer gehört zum Randthema des ersten Abschnitts (S. 21). Allein Peter Klöckner sticht aus dem Kreise der "Radikalunternehmer" heraus und schlägt buchstäblich "die Fenster ein" (S. 19). Mit seinen reformerischen sozialpolitischen Ideen sprengt er des öfteren den Vorstellungsrahmen der anderen Industriellen. Bei Beschreibung dieser Ereignisse bricht Gustav Luntowski ausnahmsweise aus seinem Schema heraus und wird dem Untertitel seines Werkes gerecht. Leider nicht häufig genug. Die Rede Adolf Hitlers im Industrie Klub Düsseldorf am 26. Januar ging auf die Initiative Fritz Thyssen zurück. Er setzte dies als Mitglied des Klubvorstandes durch. Luntowski betont, dass dies aber nicht als Zeichen der Verbundenheit der Industrie mit Hitler zu werten sei. Dies sei von der kommunistischen Presse so aufgebauscht worden, um damit die Unglaubwürdigkeit der sozialistischen Parolen der NSDAP unter Beweis zu stellen (S. 43).

Mit dieser Aktion begaben sich die Industriellen mehr auf politisches Bankett als je zuvor. Die Inhalte von Hitlers Rede im Industrie Klub kreisten um die zunehmende bolschewierung der Wirtschaft und die Erhaltung der weißen Rasse zur Stärkung der Wirtschaft. Im großen und ganzen also nichts fundamental neues! Divergierende Aussagen des Auditoriums kennzeichnen die Reaktionen auf die Hitler Rede. Die nationalsozialistische Propaganda feierte dieses Datum als Durchbruch bei den westlichen Industriekapitänen. Die Reaktionen der Zuhörerschaft gehen weit auseinander. Fritz Thyssen beendete seine Ausführungen mit Heil Herr Hitler! Hitler selbst bezeichnete die großen Männer der Wirtschaft als "dumm" und Gegner seines Regimes. Schon 1932 ließ Hitler durchblicken, dass er die Wirtschaftskapitäne als Hebel für seine späteren Planungen gebrauchen wird. (S. 47). Von den Männern an der Ruhr war einzig und allein Fritz Thyssen Hitler und der NSDAP gegenüber sympathisch gestimmt, freundete sich sogar mit Hermann Göring an. Zahlungen großer Spenden an die NSDAP runden die Gesamteinstellung Thyssens ab. Es scheint sehr bemerkenswert, dass sich innerhalb der Ruhrlade keine schweren Spannungen aufgrund der unterschiedlichen ideologischen Auffassungen gab. Zu erklären ist dies mit dem Außenseiterstatus, den Thyssen seit Mitte des Jahres 1932 inne hatte.

Die zunehmenden wirtschaftlichen Probleme während der Weltwirtschaftskrise beeinflussten auch die Stimmung innerhalb der Ruhrlade in nicht unerheblichem Maße. Die Gelsenberg Affäre führte zu einer Verstimmung Albert Vöglers, Vorstandvorsitzender der Vereinigten Stahlwerke.

Die Regierung Papen brachte jedoch etwas Ruhe in das "industrielle Lager". Man wollte ihn, nicht zuletzt aufgrund seiner positiven Zusammenarbeit mit der Wirtschaftselite, unbedingt "am Ruder halten" (Blank an Reusch). Ein Bündnis NSDAP - Zentrum wäre wie ein Schlag ins Gesicht für die Ruhrlade gewesen.

Besonders in diesem Abschnitt stellt sich die Quellenarbeit Gustav Luntowskis als hervorragend heraus. Dutzende persönliche Korrespondenzen spiegeln die Haltung und Emotionen der Wirtschaftskapitäne genauestens wider. In der Phase vor der Machtübernahme Hitlers zeigt sich die bis dahin eher politische Neutralität der Mitglieder der Ruhrlade. Lediglich Fritz Thyssen fällt aus diesem Kreis heraus. Er war auch der einzige, der die Petition der Nationalsozialisten unterschrieb. Diese sollte Hindenburg zur Erlangung der Macht, vorgelegt werden. Doch mit zunehmenden Einfluss der Nazis auf das Wirtschaftsgeschehen änderten sich auch die politischen Meinungen. Reusch z.B. befand es für wichtig, die Nationalsozialisten an die Macht zu bringen, um die Einflüsse auf der Weltwirtschaftskonferenz gesichert zu wissen. Er handelte also aus opportunistischen Motiven heraus.

Mit dem Machtantritt Hitlers herrschte in den Reihen der Unternehmer zunächst große Unsicherheit über die wirtschaftspolitische Entwicklung. Nachdem Hitler zunächst den Eindruck erweckte, hinter den Industriellen zu stehen, zeigte der zwei Monate nach Machtantritt sein wahres Gesicht. Es wurden Säuberungen innerhalb des Reichsverbandes der Deutschen Industrie durchgeführt. Das geschäftsführende Präsidialmitglied, Ludwig Kastl musste aufgrund seiner jüdischen Abstammung zurücktreten, so die Forderung der Nazis. Die Mitglieder der Ruhrlade reagierten empört. Ein zunehmender, aufkeimender Widerstand innerhalb der Ruhrlade machte sich nun bemerkbar, angeführt von Ernst Poensgen. Hauptgrund für diesen Wandel waren verstärkte Verstimmungen zwischen den Wirtschaftsmächten und Adolf Hitler. Dieser wollte durch die Errichtung der Hermann Göring Werke eine völlig neue Struktur innerhalb der Industrie schaffen. Vornehmlich ging es ihm natürlich um den größeren Einfluss, der sich dadurch ergab. In diesen Abschnitten versteht es Gustav Luntowski vorzüglich, ausgewählte Zitate richtig zu positionieren. Durch den Tod der Mitglieder Fritz Winkhaus und Erich Fickler und dem Ausscheiden von Paul Silverberg löste sich die Ruhrlade am 05. Juni 1939 endgültig auf. Die erdrückenden Maßnahmen aus Berlin aufgrund des Vierjahresplans setzten die Vereinigung zudem in den letzten Monaten zusehends unter Druck. Der Widerstand schien nun mit der endgültigen Auflösung gebrochen.

Das dritte Kapitel beginnt mit der Frage inwieweit Hitler die Industriellenkreise vom bevorstehenden Krieg informiert hat. Gustav Luntowski lässt die Frage unbeantwortet, da nicht eindeutig überprüfbar. Es war ausgerechnet Fritz Thyssen der es auf einen "offenen Bruch" (S. 165) mit Hitler und dem Naziregime hat ankommen lassen. Seine Kritik an Hitlers Kriegspolitik offenbart die große Enttäuschung Thyssen vom Nationalsozialismus, von dem er sich so viel versprochen hatte. Thyssen ging danach ins Exil an die Riviera. Im Juni 1940 wurden Fritz Thyssen und seine Frau Amelie an Nazideutschland ausgeliefert, wo sie beide in verschiedene Konzentrationslager verbracht worden sind.

Desweiteren werden die Lebenswege von Krupp, Poensgen und Reusch skizzenhaft nachgezeichnet. Im weiteren Verlauf wird deutlich, dass sich keines der großen Industrieunternehmen an der Ruhr der Rüstungspolitik Hitlers entziehen konnte ohne dabei großen Schaden zu erleiden. Vor diese Wahl gestellt, entschieden sich die meisten für das kleinere Übel: die Konformität mit dem Hitler Regime, ohne jedoch die langfristigen Folgen bedacht zu haben. An dem Expansionsstreben, welches Deutschland 1941 besonders nach Russland vorstoßen ließ, zeigte sich die Ruhrindustrie wenig interessiert. Mangelnde Aussichten waren der Grund für diese Haltung.

Im Abschnitt "Von Essen nach Auschwitz" zeigt sich der Zusammenhang von Konformität und Abhängigkeit der Industriellen von Adolf Hitler am Beispiel Krupp. Der Konzern verlor ein Werk durch Ausbombung und erhielt eine neue Anlage in Auschwitz, welches durch Arbeitskräfte aus dem dortigen Konzentrationslager betrieben wurde. Bei Widerstand der Arbeitskräfte griff sie SS im Betrieb ein. Ausgesprochen wurde diese Maßnahme von Krupp selbst. Besonders die Berichte eines Werkmeisters der Firma Krupp verdienen besondere Beachtung. Sie erhellen die genauen Umstände der Verhältnisse im Umfeld des Konzentrationslagers Auschwitz (S. 197). Zitat: "Schon kurze Zeit, nachdem die Gefangenen da waren, wussten wir, was in Auschwitz vor sich ging". (S. 197). Zahlreiche Zeugenaussagen über den Zustand der Fremd- und Zwangsarbeiter runden das Bild ab. Die Herren an der Ruhr versuchten öfter eine Aussprache mit den Zuständigen Wirtschaftsministern Deutschlands zu erreichen. Sie machten wiederholt auf den schlechten Zustand der Ostarbeiter aufmerksam und fanden sogar Gehör bei Fritz Sauckel, Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz.

Nachdem 20. Juli 1944, bei dem auch drei Mitglieder der Ruhrindustrie beteiligt gewesen sein sollen, orientierten sich die Wirtschaftsführer schon individuell auf die Nachkriegszeit, da zu diesem Zeitpunkt eine Niederlage Deutschlands im Krieg nicht mehr abzuwenden war. Als der Befehl Hitlers zur Zerstörung der Fabrikanlagen am 19. März 1945 ausgesprochen wurde zeigten sich viele Ruhindustriellen entrüstet. Albert Vögler wollte sich sein "Lebenswerk an dem er vierzig Jahre gearbeitet hat" nicht zerstören (S. 221). Als amerikanische Truppen Dortmund erreichten nahm er sich das Leben. Bezeichnend für die Situation kurz vor Kriegsende.

Fazit:

Die geschäftlichen als auch persönlichen Zitate passen hervorragend in die Gesamtzusammenhänge und machen das Lesen des Buches sehr angenehm. Allerdings offenbart sich auch an dieser Stelle die "alte Schwäche" dieses Buches erneut: Zu oft bleiben Zitate unkommentiert und hätten einer Stellungnahme bedurft. Dieser Mangel zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Werk und trübt das Gesamtbild etwas. Was bleibt ist der Eindruck einer sehr aufschlussreichen und spannenden Arbeit. Die enorme Quellenauswertung und die damit verbundene Authenzität machen das Werk Gustav Luntowskis zu einem wertvollen Fundgrube und geben einen tiefen Einblick in das Wirtschaftsgeschehen dieser Zeit. Auch die persönlichen Verflechtungen innerhalb der Ruhrlade werden genauestens beleuchtet und geben Einblick in die privaten und geschäftlichen Probleme der großen Industriellen während der nationalsozialistischen Diktatur. Die am Ende aufgeführten Kurzbiographien der wichtigsten vorkommenden Personen bietet zudem eine sehr gut Orientierung und eignet sich sehr gut zur schnellen Information.

Zitation
Benjamin Obermüller: Rezension zu: : Hitler und die Herren an der Ruhr. Wirtschaftsmacht und Staatsmacht im Dritten Reich. Frankfurt a. M.  2000 , in: H-Soz-Kult, 28.11.2001, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-1206>.
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28.11.2001
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