B. Grunberger, P. Dessuant ( Hgg.): Narzißmus, Christentum, Antisemitismus

Titel
Narzißmus, Christentum, Antisemitismus. Eine psychoanalytische Untersuchung


Hrsg. v.
Grunberger, Béla; Dessuant, Pierre
Erschienen
Stuttgart 2000: Klett-Cotta
Umfang
514 S.
Preis
DM 88,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Johannes Heil

Die beiden Pariser Psychoanalytiker Grunberger und Dessuant haben ein kompaktes Buch vorgelegt. Kompakt ist der dreigliedrige Titel, in kompakte Hauptteile ist das Buch gegliedert: Auf eine lange Einführung, die schon die Grundgedanken des folgenden umreißt, folgen die Abschnitte "Narzißmus", "Christus", "Das Christentum", "Antijudaismus und Antisemitismus", "Antisemitismus" und schließlich "Der Antisemitismus Hitlers." Damit ist ein weiter Bogen aufgetan, quasi eine aus einem Einzelaspekt herausentwickelte, sich steigernde entwicklungsgeschichtliche Linie, in der Erscheinungsformen zweier Jahrtausende miteinander verwoben und hinsichtlich ihrer narzißtischen Grundierung betrachtet werden. Für sich genommen könnte jeder Abschnitt als Einzelstudie bestehen, aber den Autoren kommt es auf die Zusammenhänge an. Tatsächlich liest sich das Buch leicht, es ist wie aus einem Guß geschrieben, klar in der Gedankenführung und wiederholungsfreudig im Vorgehen.

Der erste Abschnitt, "Narzißmus", nimmt sich wie ein Solitär aus. Denn wo sich die späteren Abschnitte historischen Gestalten, Zeiträumen und Zusammenhängen zu widmen scheinen, geht es hier um die theoretisch-begriffliche Aufbereitung der Grundlage, in deren Gefolge die anschließenden Kapitel verständlich werden sollen. Mit dieser Anleitung versehen, kann der Leser dann später "die Kirche ... als die anale und ödipale pragmatische Struktur des Evangeliums" (114) betrachten. Der zweite Teil, "Christus", widmet sich nicht dem "Christus des heutigen Christentums, sondern [dem] des Evangeliums; so, wie er am Anfang war" (85). Die NT-Schriften werden damit als authentische, unmittelbar interpretierbare Jesus-Zeugnisse verstanden, als Niederschlag eines "von Christus inszenierten Psychodramas": Jesus ist die vollendete Ausprägung des Narzißten, der Gleichheit mit dem Vater reklamiert und den Tempel von unreinem Handel reinigen will.

Der dritte Teil, "Christentum und Judaismus" (sic), legt zunächst "einige Unterschiede" im Wesen beider Religionen dar. In Hinblick auf die Fragestellung wichtig ist die Scheidung zwischen "antinarzißtischer" jüdischer Praxis und dem im Christentum gänzlich dominanten Narzißmus (186 u.ö.). Darin eingebettet sind exkursartige Partien, die mittels "assoziativer Verbindungen" Parallelen zwischen NT-Aussagen und den Motiven und Handlungsweisen deutscher Judenverfolger während der Shoah herausarbeiten. In diesem Zusammenhang werden die geschichtlichen Anfänge des Antisemitismus in Spaltungserfahrungen und mittels der Judenfeindschaft kompensierter Schuldgefühle der Judenchristen verortet. Später werden die Autoren ihr Verständnis der Verbindungslinien zwischen Antike und Auschwitz in den Satz vom "doppelten ödipalen Mord" fassen: Die Juden hätten - nach christlicher Auffassung - Gott getötet, und nun "tötet der Vater aus Vergeltung die Juden" (311).

Das Ergebnis des vierten Teils, "Antijudaismus und Antisemitismus", wird schon früher vorweggenommen: insofern eine direkte Linie von der frühchristlichen Judenfeindschaft zur Shoah führt, erscheint den Autoren ein differenzierender Gebrauch der Begriffe problematisch (207f.), für die Betrachtung der Differenz zwischen "klassisch"-heidnischer und christlicher Judenfeindschaft aber unabdingbar (261f.). Der Abschnitt selbst widmet sich, bis zu Abraham zurückgehend, zunächst der Differenz zwischen Heiden- und Judentum und bietet dann eine Übersicht über Motive und Formen der Judenfeindschaft von den Kirchenvätern bis zur Neuzeit.

Der Abschnitt, "Antisemitismus", bietet nach verschiedenen einleitenden Bemerkungen den "Versuch einer Definition" mit einem Resümee wichtiger Etappen des Antisemitismus im 19. Jahrhundert. Für die Vielfalt der Meinungen in der Antisemitismusforschung stehen Jules Isaac und Léon Poliakov; eine kritische Betrachtung erfährt Hannah Arendt. Der Definitionsversuch betont sodann den irrationalen Kern des Antisemitismus ("Der Mensch schafft sich Mythen, um an sie zu glauben") und die Wahrnehmung der Juden als beunruhigende "unideologische Instanz" (337f.). So weit reicht die Beschreibung auf einer empirischen Ebene; auf der analytischen erscheinen die "Protokolle der Weisen von Zion" und der Glaube an sie als Paradebeispiel für eine narzißtische Wahrnehmung. Insofern im Christentum die gleichen Tendenzen erkannt werden, gelangen die Autoren hier zu Verbindungen; gleiches gilt von den Reinheitssehnsüchten in frühem Christentum und in Hitlers Rasseideal - stets geht es um Verdrängung des Unreinen, konkret um die Ausgrenzung und Vernichtung von Judentum und Juden.

Danach erscheint Auschwitz als ein "unausweichlicher Bruch, der immer schon latent vorhanden war", und gehört für die Autoren "der Antisemitismus Hitlers", der sechste Abschnitt, in den Kontext einer Untersuchung der Zusammenhänge von Narzißmus, Christentum und Antisemitismus, allerdings mit Scheidung von "archaischem" urchristlichen und "spezifisch Hitlerschem Antisemitismus." Die reichlich vorhandene Literatur zu Hitlers Kindheit und Sozialisation haben die Autoren nicht daran gehindert, einmal mehr die grausam-banale Herkunft des Hypernarzißten Hitler zu betrachten, um dann die Facetten seiner "narzißtischen Perversion" zu beleuchten. Wiederholt wird von Hitlers Sexualpraktiken und Verstopfungsproblemen gehandelt, in letzteren überhaupt der Schlüssel zum Verständnis seiner abnormen Persönlichkeit vermutet ("Im Leben des Führers war die Verstopfung zentral", 449f.); dabei tritt das Thema Antisemitismus streckenweise in den Hintergrund; mit "Religion und Fetischismus", dem Titel eines Unterkapitels, rücken dann die letzten Beobachtungen wieder mit dem Ausgangspunkt des Buches zusammen. Eine andere Kapitelüberschrift lautet "Hitlers Verdauungsperversion und die Endlösung" (475). Tatsächlich: das Geschehene sollte, folgt man den Autoren, als die in der Wirklichkeit realisierte Metapher der Verdauungssorgen und -gelüste Hitlers verstanden werden. Spätestens hier erscheint das Buch, vorsichtig formuliert, problematisch. Vom eigenen methodischen Instrumentarium überwältigt, scheinen den Autoren die Maßstäbe für die Betrachtung ihres Gegenstandes abhanden gekommen zu sein.

In der Studie von Grunberger und Dessuant kommen zwei Stränge zusammen: zum einen die stark diskursiv ausgerichtete und psychoanalytisch interessierte französische Antisemitismusforschung [1] in ihrer spezifischen Einbettung [2] und ein vor allem in den vierziger Jahren breit vertretener, danach aber in den Hintergrund gerückter psychoanalytischer Forschungsansatz im Gefolge von Adorno, Bettelheim R. M. Loewenstein, E. Simmel und anderen.[3] Einen direkten thematischen Vorläufer, Loewensteins Studie von 1952, führen Grunberger/Dessuant nicht auf.[4] Die maßgebliche historiographische Autorität der Autoren ist Léon Polikov, die deutsche Forschung ist mit Gunnar Heinsohn präsent.[5] Damit sei angedeutet, daß die Studie kaum den aktuellen Forschungsstand erreicht.[6] Neu sind allein Ausdauer und Zuspitzung, mit denen der Ansatz betrieben und in aller Konsequenz zu Ende gedacht wird [7], auch was die Analyse von Hitlers sexuellen Neigungen und ihrer Folgen anbetrifft.[8]

So ist die Stärke des Buches, seine zielgerichtete Argumentation, zugleich seine größte Schwäche. Sie wird schon im Vorwort offenkundig: "Der Antisemitismus ist ein Affekt, dessen Variable seine Intensität und dessen Konstante eine Reaktion auf eine narzißtische Kränkung ist" (11). Mit dieser mechanistischen Vorannahme wird der Gegenstand in ein Korsett gezwungen, das nie mehr geöffnet wird. Fast scheint es, als suchten die Autoren nach Gesetzmäßigkeiten im historischen Verlauf: "Seit Jahrhunderten wird jede nationale oder internationale Krise ..., die eine narzißtische Kränkung darstellt, von einer antisemitischen Epidemie begleitet" (ebd.). Es zeigt sich, daß "ein bestimmter Augenblick einer von Antisemitismus genährten Geschichte ein bestimmtes Aufflammen des Antisemitismus förderte, und sie beschreiben die Logik der Abfolge historischer Ereignisse" (ebd.). Es muß verwundern, daß lange nach dem Ableben teleologischer Geschichtsbilder und historiographischer Sinnsuche solcherlei von psychoanalytischer Seite wieder belebt wird und der Antisemitismus zur anthropologischen Grundausstattung gerät: "Der A. läßt sich nicht bestreiten; er ist ein in den tiefsten Grund der Psyche eingepflanztes Stigma" (12). Deshalb auch "gibt es keinen Impfstoff, der dieses Virus ausrotten könnte" (481).

Tatsächlich halten die Autoren den Antisemitismus für ein autonomes Agens der Geschichte, das "über Jahrhunderte hinweg eine ungeheure Energie mobilisierte" (30). Mit der Überakzentuierung des Narzißmus-Moments formulieren sie ein Axiom, wonach sich nichts mehr aus den vorgegebenen Bahnen fortbewegen kann und die Komplexität des behandelten Gegenstandes eingeebnet werden (30, passim). Gemeinsam mit der Einengung der Ursachen der NS-Herrschaft auf die Person Hitlers folgen die Autoren einer manichäischen Betrachtungsweise, in der sich Hitler als Inkarnation des Bösen erweist. Letztlich wird in diesem Buch ein einzelnes Motiv samt seiner zugehörigen Terminologie konsequent über einen Gegenstand gebreitet, aber wenig zu seinem Verständnis geleistet, zumal selbst der Anschluß an die nächstliegende Forschungstradition unterbleibt und Bettelheim, Mitscherlich oder Keilson den Autoren keiner Nennung wert scheinen. Fast zwangsläufig mischen sich dann auch in die Beschreibung des Wesens jüdischer Offenbarungslehre und Spiritualität stereotype Formulierungen (136, 178). Ein weiteres Axiom folgt aus der rücksichtslosen Verkehrung der Ursache/Folge-Relation im historischen Prozeß: natürlich wird niemand ernsthaft die Rolle christlicher Judenfeindschaft in Hinblick auf die Moderne bestreiten können oder wollen. Problematisch sind dagegen Beteuerungen, Auschwitz sei eine zwangsläufige Folge dieses Erbes gewesen. Bei Grunberger und Dessuant aber erscheint Hitler - und eben nur dieser eine, als das personalisierte Böse - geradezu im Gewand des negativen Messias, des apokalyptischen Unheilsbringers einer psychoanalytischen Geschichtskonstruktion.

Es würde zu weit führen, alle Kritikpunkte, auch eklatanten Fehler oder groteske Deutungen (95A, 101, 113f., 132A, 181, 211, 289f. A, passim) sowie die Unsicherheiten der Übersetzung (etwa "judaische Religion", 245) einzeln aufzuführen. Das Buch bietet aber ein Paradebeispiel für die Problematik monokausaler Erklärungsversuche. Wo viele sich viele Gedanken machen und kein Ende der Diskussion absehbar erscheint, ist es immer reizvoll, einen geraden Pfad durch das Dickicht der Forschung zu schlagen und mit der einfachen, stimmigen Antwort aufzuwarten. Freilich ist bekannt, daß solche Pfade in der Regel zu gerade sind, um wahr zu sein. Der insgesamt negative Befund muß um so mehr bedauert werden, als den Autoren im Detail immer wieder gelungene Beschreibungen (96, 100, 110f., 128f., passim) oder bedenkenswerte Annäherungen (118f., 135f.) gelingen, die ahnen lassen, wie viel Ertrag eine Arbeit geboten hätte, die sich nicht schon eingangs axiomatisch enge Fesseln angelegt hätte. Insgesamt wird das Buch im wissenschaftlichen Zusammenhang und gerade im Feld der historischen Vorurteilsforschung, bestenfalls beflissene Erwähnungen in Fußnoten finden. Eher schon bietet es all jenen, die Drewermann mögen, aber gerne noch einmal etwas anderes gelesen hätten, eine ertragreiche Lektüre.

Anmerkungen:

[1] Vgl. etwa Michel Herszlikowicz, Philosophie de l'antisémitisme, Paris 1985; Yves Chevalier, L'antisémitisme. Le Juif comme bouc émissaire, Paris 1988.
[2] Vgl. Gilles Deleuze/Félix Guattari, L'Anti-Oedipe: Capitalisme et Schizophrenie, Paris 1972.
[3] Vgl. die Beiträge zu Ernst Simmel (Hg.), Antisemitism - A Social Disease, New York 1946.
[4] Richard M. Loewenstein, Christians and Jews. A Psychoanalytic Study, New York 1952.
[5] Gunnar Heinsohn, Warum Auschwitz? Hitlers Plan und die Ratlosigkeit der Nachwelt, Reinbek 1995.
[6] Zur Übersicht Werner Bergmann (Hg.), Error Without Trial. Psychological Research on Antisemitism (Current Research on Antisemitism; 2), Berlin/New York 1988.
[7] Die Bibliographie des Bandes vermerkt unter den zahlreichen Arbeiten Grunbergers gerade nicht jenen Aufsatz, der sich schon vor Jahrzehnten mit der Thematik befaßt hatte: Béla Grunberger, Der Antisemit und der Ödipuskomplex, in: Psyche 5 (1962), S. 255-272.
[8] Vgl. auch Anton Neumayr, Hitler. Wahnideen - Krankheiten - Perversionen, Wien 2001; Lothar Machtan, Hitlers Geheimnis. Das Doppelleben eines Diktators, Berlin 2001.

Zitation
Johannes Heil: Rezension zu: Grunberger, Béla; Dessuant, Pierre (Hrsg.): Narzißmus, Christentum, Antisemitismus. Eine psychoanalytische Untersuchung. Stuttgart  2000 , in: H-Soz-Kult, 03.12.2001, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-1207>.
Redaktion
Veröffentlicht am
03.12.2001
Beiträger
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Publikation
Sprache Publikation