A. Lüdtke u.a. (Hrsg.): Gelehrtenleben

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Titel
Gelehrtenleben. Wissenschaftspraxis in der Neuzeit


Hrsg. v.
Lüdtke, Alf; Prass, Reiner
Erschienen
Köln 2008: Böhlau Verlag
Umfang
IX, 280 S., Abb.
Preis
€ 37,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Volker Depkat, Institut für Anglistik und Amerikanistik, Universität Regensburg

Der Band vereinigt die Vorträge einer Tagung, die im Oktober 2004 von der „Arbeitsstelle Historische Anthropologie“ an der Universität Erfurt aus Anlass des 65. Geburtstages von Hans Medick organisiert wurde. Mit dem Band wird ein Gelehrter geehrt, der – einst zusammen mit anderen Alltagshistorikern als „Barfußhistoriker“ geschmäht[1] – inzwischen als einer der Wegbereiter der „kulturellen Wende“ in der deutschen Geschichtswissenschaft gilt. In einer Zeit, als die Erforscher sozialer Strukturen und anonymer Prozesse noch das Feld der Sozialgeschichte bestimmten, setzte sich Medick zu den „Missionaren ins Ruderboot“ und ging mit Hilfe einer kunstvollen Verschränkung von Struktur-, Mikro-, Ereignis- und Erfahrungsgeschichte dem „Weben und Überleben in Laichingen“ zwischen 1650 und 1900 auf den Grund.[2] Dabei war er stets davon überzeugt, dass sich das vergangene Handeln von Individuen und Gruppen nur unter Einbeziehung auch der subjektiven Dimension historisch angemessen verstehen lasse. Wertideen, Normen, Selbstentwürfe und sinnstiftende Vorstellungswelten – in konkreten sozialen Praktiken realisiert, beglaubigt, in Frage gestellt, umgebaut oder ganz verworfen – sind für ihn stets genauso relevante Faktoren historischen Wandels gewesen wie Strukturen und Prozesse. Medick ging es nicht darum, die Strukturgeschichte gegen die Sinn- und Erfahrungsgeschichte auszuspielen. Vielmehr suchte er nach Ansätzen, die es erlaubten, das Verhältnis von Strukturen und historischen Akteuren zu dynamisieren und die objektive und die subjektive Dimension historischen Wandels aufeinander zu beziehen.

Die in dem Band „Gelehrtenleben“ vereinigten Beiträge erkunden, wie die Herausgeber einleitend feststellen, vielfältige „Möglichkeiten, ‚Gelehrtenleben’ und ‚Wissenschaftspraxis’ in (auto-)biografischen wie alltagsgeschichtlichen Perspektiven zu erschließen“ (S. 28). Die insgesamt 17 Beiträge von in- und ausländischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sind in vier thematische Blöcke geteilt („Lebensläufe im Kontext“, „Schreiben als Lebensentwurf“, „Selbstbeobachtungen“ und „Kulte gelehrten Lebens“), aber insgesamt nur locker miteinander verknüpft. Auch die Form der Beiträge ist vielgestaltig: Es gibt profunde gelehrte Erörterungen und knappe „Think Pieces“, autobiographische Einblicke in die Wissenschaftsgeschichte der neuesten Zeit und essayistische Reflexionen über den Zustand des gegenwärtigen Wissenschaftsbetriebs sowie wissenschaftspolitische Stellungnahmen. Gemeinsam ist freilich allen Texten, dass sie Aspekte des „Gelehrtenlebens“ in Gegenwart und Vergangenheit überwiegend auf der Basis von Selbstzeugnissen thematisieren.

Im ersten Abschnitt „Lebensläufe im Kontext“ liest Benigna von Krusenstjern die kürzlich edierte Briefkorrespondenz Wilhem Schickards als Quelle für den Alltag eines Universalgelehrten im 17. Jahrhundert. Hans Medick selbst rekonstruiert quellengesättigt das kurze, von 1633 bis 1635 währende Intermezzo einer protestantisch-lutherischen Reform an der Universität Erfurt, um so eine heute weithin vergessene protestantische Reformtradition freizulegen. Damit liefert Medick nicht nur einen Beitrag zur Erfurter Universitätsgeschichte, sondern greift zugleich tief in die dort gegenwärtig geführten Identitätsdebatten ein, die – so Medick – einseitig auf Erfurt als universitären Hort der katholischen Gegenreformation fixiert seien. Theresa Wobbe interpretiert die von Marianne Weber geschriebene Biographie Max Webers sowohl als Darstellung der wissenschaftlichen Persona Max Webers wie auch als Selbstthematisierung Marianne Webers als Frau eines Wissenschaftlers am Beginn des 20. Jahrhunderts. Birgit Schäbler widmet sich dem Zusammenhang von „Leben, Identität(en) und Werk als Symbiose und kulturelle Praxis“ bei Edward Said, der von ihr als Prototyp eines postkolonialen Intellektuellen erörtert wird (S. 99).

Im Abschnitt „Schreiben als Lebensentwurf“ geht Claudia Ulbrich dem schon wiederholt erörterten Problem der „Schreibsucht“ des gelehrten Bauern Ulrich Bräker nach, liest dessen Selbstthematisierungen aber im Kontext der allgemeinen Schreibfreudigkeit des 18. Jahrhunderts und systematisiert die Schreibsituationen der Äußerungen. Bettine Menke erörtert am Beispiel Jean Pauls die „Geburt des Gelehrten aus den Exzerpten“, und Peter Schöttler diagnostiziert einen Trend zur autobiographischen Redeweise in der Geschichtswissenschaft, was er mit einer Kritik am Zwang zur Selbstinszenierung und Selbstvermarktung im gegenwärtigen Wissenschaftsbetrieb verbindet. Rudolf Dekker reflektiert frei über die Affinität von Gelehrten zum autobiographischen Genre, stellt Bezüge zwischen akademischen Memoiren und Romanen her und lässt kurz einige der in den Niederlanden aktuellen akademischen Romane Revue passieren.

Am Beginn des dritten Abschnitts „Selbstbeobachtungen“ philosophiert Andreas Bär auf der Basis der Geheimen Tagebücher Ludwig Wittgensteins etwas schwermütig über die Bedeutung der philosophischen Arbeit für die Konstitution von Wittgensteins gelehrtem Selbst. Peter Burschel liest die während des Aufenthaltes in Neuguinea entstandenen Tagebücher des Anthropologen Bronislaw Kaspar Malinowski als Quelle für Prozesse der kulturellen Selbstentfremdung und Re-Identifizierung, was stellenweise allerdings etwas erratisch gerät. Karin Hausen gibt einen spannenden autobiographischen Rückblick auf die Serie wissenschaftlicher Arbeitstagungen zur Familiengeschichte in den Jahren 1977 bis 1983, die künftig eine wichtige Quelle für die Wissenschaftsgeschichte der Historiographie in der Spätphase des Kalten Krieges sein können. Jan Peters macht nicht minder spannende „Anmerkungen zur Historiker-Autobiografik über die Jahre der DDR“ und verbindet dies mit Reflexionen darüber, wie er sein eigenes Leben in der DDR autobiographisch fassen könne. Holt Meyer bietet einen in vieler Hinsicht abenteuerlichen Beitrag über die filmische und fiktionale Repräsentation von Professoren als Agenten.

Der vierte Abschnitt „Kulte gelehrten Lebens“ beginnt mit Gadi Algazis profunder Forschungsskizze für eine noch zu schreibende Geschichte der kollektiven Selbstorganisation der Gelehrten einschließlich der Ausprägung eines ihnen eigenen Habitus um 1500. Gabriele Jancke untersucht ritualisierte Verhaltensweisen im häuslichen Leben frühneuzeitlicher Gelehrter und stellt dabei das Bett als „Ort der Gastlichkeit“ (S. 236) in den Mittelpunkt. Deutlich wird, dass es selbst für das Bett klar definierte Interaktionsrituale gab, die die Gelehrten freilich mit den Ritualen anderer – zumal adliger – sozialer Schichten teilten. Heidrun Friese thematisiert am Beispiel von Friedrich Nietzsche, Martin Heidegger und Walter Benjamin Praktiken des Vorlesens und Zuhörens in Gelehrtenkreisen. Im letzten Beitrag des Bandes geht der Religionswissenschaftler Vasilios M. Makrides am Beispiel der Rezeption des Werkes von Max Weber und Ludwig Wittgenstein den Kulten um Personen in akademischen Kreisen nach. Er untersucht Kriterien und Voraussetzungen dieses Personenkultes, zeigt dessen Hauptcharakteristika auf und kommt zu dem Schluss, dass die Gemeinschaft der Gelehrten „keineswegs so rational ist, wie gern behauptet wird“; „die Wissenschaft und ihre Umwelt“ seien „keineswegs immun gegen nicht-rationale Beeinflussungen“ (S. 278).

Auch wenn es so nicht beim Namen genannt wird, ist das Buch vom Charakter her eine Festschrift und deshalb auch als solche zu bewerten. Strenge Maßstäbe der inneren Stimmigkeit in der Zusammenstellung der Beiträge, der zusammenhängenden Argumentation und der sich durchziehenden Themen lassen sich nicht anlegen, wenn eine Festschrift den üblichen Konventionen dieses Genres folgt: Befreundete Kollegen, wissenschaftliche Weggefährten und Schüler des Gefeierten tragen aus ihren jeweiligen Arbeitsbereichen etwas Ehrendes bei und binden es zu einem bunten Geburtstagsstrauß zusammen, auf dass er den Jubilar erfreue und zugleich die Wissenschaft voranbringe. Der für Hans Medick geflochtene akademische Geburtstagsstrauß ist besonders bunt geworden. Er ist eine würdige Ehrung des Gelehrten und bietet zugleich etliche Anregungen für künftige Forschungen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Volker Ullrich, Spuren im Alltag. „Barfußhistoriker“ – woher sie kommen und was sie wollen, in: ZEIT, 2.11.1984, S. 73; Hans-Ulrich Wehler, Geschichte – von unten gesehen. Wie bei der Suche nach dem Authentischen Engagement mit Methodik verwechselt wird, in: ZEIT, 3.5.1985, S. 64.
[2] Hans Medick, Missionare im Ruderboot? Ethnologische Erkenntnisweisen als Herausforderung an die Sozialgeschichte, in: Geschichte und Gesellschaft 10 (1984), S. 296-319; ders., Weben und Überleben in Laichingen 1650–1900. Lokalgeschichte als allgemeine Geschichte, Göttingen 1996.

Zitation
Volker Depkat: Rezension zu: Lüdtke, Alf; Prass, Reiner (Hrsg.): Gelehrtenleben. Wissenschaftspraxis in der Neuzeit. Köln  2008 , in: H-Soz-Kult, 18.05.2009, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-12087>.