R. Faber u.a. (Hrsg): Die geistige Welt des Friedrich Heer

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Titel
Die geistige Welt des Friedrich Heer.


Hrsg. v.
Faber, Richard; Scheichl, Sigurd Paul
Erschienen
Umfang
312 S.
Preis
€ 39,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Peter Stachel, Österreichische Akademie der Wissenschaften, Wien

Der Kulturhistoriker, Publizist und Romancier Friedrich Heer (1916–1983) gehörte zu den einflussreichsten und zugleich umstrittensten österreichischen Intellektuellen der Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg. Als bekennender Katholik eckte er mit vielen seiner Aussagen nicht in erster Linie beim politischen Gegner, als vielmehr im eigenen „Lager“ an, als habilitierter Historiker blieb er, ungeachtet eines von Umfang wie thematischer Breite her beeindruckenden wissenschaftlichen Oeuvres, im akademischen Leben zeitlebens ein Außenseiter. Heer war ein geradezu manischer Vielschreiber, sein Nachruhm gründet aber hauptsächlich auf drei dickleibigen Büchern: „Der Kampf um die österreichische Identität“[1] und zwei Studien über den christlichen Antisemitismus und dessen genetische Verbindungen zum Nationalsozialismus, fokussiert im Denken des „österreichischen Katholiken Adolf Hitler“[2]. Insbesondere diese Studien wurden auch international wahrgenommen und galten in Österreich als besonders problematisch, da Heer darauf insistierte, dass einige der von ihm kritisierten Tendenzen auch im gegenwärtigen Österreich weiterwirken würden. Dabei argumentierte er ausdrücklich mit eigenen biographischen Erfahrungen: Die politische und moralische Kapitulation des österreichischen Katholizismus vor dem Nationalsozialismus im März 1938, der „österreichische Selbstverrat“, sei „die unheilbare Wunde“ seines Lebens. Wie Heer in zahlreichen verstreuten biographischen Anmerkungen ausführte, hatte diese Entwicklung auch für ihn selbst traumatische Folgen: Einer von ihm mitbegründeten katholischen Widerstandsgruppe von Studenten angehörend, sei er nicht weniger als sechs Mal verhaftet, dabei auch gefoltert, und einmal zu einem Verhör ins Reichssicherheitshauptamt (RSHA) nach Berlin überstellt worden. Die Einberufung in die Wehrmacht habe ihm letztlich vermutlich das Leben gerettet. Gegen derartige biographische Erfahrungen lässt sich sachlich kaum argumentieren – es sei denn, man setzt an der Glaubwürdigkeit dieser Aussagen selbst an. Eben dies hat Adolf Gaisbauer – Historiker, ehemaliger Direktor der Bibliothek des Österreichischen Staatsarchivs und Autor einer 1990 veröffentlichten Bibliographie der Werke Friedrich Heers[3] – in seinem Beitrag des vorliegenden Sammelbandes, der auf eine Tagung an der Universität Wien im Jahr 2006 zurückgeht, getan: Mit bemerkenswertem Ergebnis.

Gaisbauers Text ist zwar nur einer unter vierzehn, er sticht aus der Publikation jedoch in mehrfacher Hinsicht hervor: Er ist dreimal so umfangreich wie die übrigen Artikel und nimmt fast ein Fünftel des Gesamtumfangs des Bandes ein, er ist überdies einer von nur zwei Texten, der nicht auf einen Tagungsvortrag zurückgeht und er ist fraglos jener Beitrag, der den höchsten Neuigkeitswert beanspruchen kann. Das spricht allerdings nicht gegen die Qualität der übrigen Beiträge, die aus politischer, historischer und theologischer Sicht durchwegs interessante und luzide Analysen bestimmter Aspekte des Werkes von Heer und seiner Wirkung in Österreich beleuchten. Anton Pelinka beispielsweise stellt im Umriss die Wirkungsgeschichte Heers in Österreich dar, Johannes Weiß analysiert aus kultursoziologischer Sicht Heers „Intellektuellenkatholizismus“, Justus Ulbricht befasst sich mit der Wirkungsgeschichte von „Der Glaube des Adolf Hitler“ und Wolfgang E.J. Weber erläutert die überwiegend negative Aufnahme von Heers historischen Studien durch die deutsche Geschichtswissenschaft. Was freilich bei mehreren der Texte ins Auge sticht, ist der stark persönlich gefärbte Ton, der bei der Auseinandersetzung mit Person und Werk Friedrich Heers bis heute vielfach zu konstatieren ist: Pro-Heer, wie im Beitrag des Osnabrücker Literaturhistorikers Klaus Garber über Heers Sicht auf den neuzeitlichen Humanismus, Anti-Heer, wie in jenem des Klagenfurter Historikers Helmut Rumpler über Heer als Historiker und politischen Autor. Auch hier sticht Gaisbauers Beitrag jedoch in besonderer Weise hervor.

Gaisbauer eröffnet mit einem bekenntnishaften Satz: „Dieser Beitrag hat eine stark persönliche Färbung“ (S. 251). Der Autor hat mit dem ausführlichen biographischen Nachwort in seiner Heer-Bibliographie einen oft zitierten biographischen Text zu Heer verfasst, wobei er sich, wie er nun bekennt, so gut wie ausschließlich auf Selbstzeugnisse Heers gestützt hatte. Nach weiterführenden Untersuchungen meint er nun feststellen zu müssen, dass er dabei weitgehend Mystifikationen aufgesessen sei: „Ich erkläre hiermit das … Biographische Nachwort … öffentlich – in seinem vollen Umfang, total, radikal, in allen seinen Aspekten, Aussagen, Teilen, Sätzen, – für aufgehoben, ungültig, wirkungslos [sic!], wissenschaftlich unbrauchbar, irreführend, realitätsfern und phantastisch und entschuldige mich bei allen Betroffenen dafür, einen wissenschaftlich derart gewissenlosen Text veröffentlicht zu haben. Vom gesamten Nachwort kann ich im Wesentlichen keinen einzigen Satz als realitätskonform aufrechterhalten“ (S. 257). Dieses in der Form einigermaßen ungewöhnliche Bekenntnis ehrt Gaisbauer, doch das Ausmaß der persönlichen Betroffenheit tut der Qualität seiner Ausführungen nicht gut. Die Aufgeregtheit, die aus diesen Formulierungen spricht, prägt den Charakter des ganzen Textes und schlägt sich sowohl auf die Argumentation als auch auf den Sprachduktus nieder: Dahinmäandernde Schachtelsätze, die schon einmal über ein Drittel einer Seite reichen, aus Einschüben in Einschübe bestehen und sinnähnliche Adjektive und Substantive zu langen Wortketten aneinanderreihen; ergänzende Fußnoten von Längen bis zu einer ganzen Druckseite stellen ein zusätzliches retardierendes Element dar. Es geht mir hier nicht um eine sprachliche Stilkritik, sondern um die Feststellung, dass Gaisbauers Text über weite Strecken beinahe unlesbar ist.

Die im Sinne der Biographie Heers wesentlichen Aussagen machen nur einen kleinen Teil des Textes aus – sie haben es aber tatsächlich in sich. Die Widerstandsgruppe katholischer Studenten habe es, so Gaisbauer unter Berufung auf Freunde aus Heers Studienzeit, nie gegeben, vielmehr habe es sich um einen losen Freundeskreis gehandelt, der zwar tatsächlich dem Nationalsozialismus kritisch gegenüber stand, aber in keiner Weise organisiert war, keine Schritte aktiven Widerstandes setzte und auch keine Kontakte zum politischen Widerstand hatte (vgl. S. 293-295). Wenn dies zutrifft, so ist es kaum zu erklären, warum der politisch eher unauffällige Student gleich sechsmal von der Gestapo verhaftet und einmal sogar ins RSHA nach Berlin überstellt worden sein soll. Wurde er auch nicht, ist Gaisbauers Erklärung, der diese Feststellung durch die Behauptung untermauert, dass es außer Heers persönlichem Zeugnis keine Quellen dafür gäbe – keine Zeugenaussagen, keinen Gestapo-Akt, ja nicht ein einziges Aktenstück. Wenn dies zutrifft, so ist allerdings erheblicher Zweifel an Heers Darstellung angebracht. Besonderes Augenmerk richtet Gaisbauer auf das Verhör im Berliner RSHA, das tatsächlich ein ungewöhnlicher Vorgang gewesen wäre: Der Autor versucht den Nachweis zu führen, dass dies schon aus zeitlichen Gründen in Heers Biographie kaum unterzubringen wäre. Heer hat in seinen Erzählungen über diese Episode seines Lebens mit besonderem Nachdruck auf ein Detail hingewiesen: Ihm sei aufgefallen, dass im RSHA auf beinahe jedem Namensschild an den Türen ein akademischer Grad aufgeführt gewesen sei, woraus er den Schluss gezogen habe, dass Bildung nicht vor Barbarei schütze. Diese Schilderung findet sich bereits 1967 in seinem Buch Gottes erste Liebe[4], dort allerdings nicht unter Berufung auf eigenes Erleben (um die Heer sonst nicht verlegen war), sondern als Zitat aus einem Buch von Bernd Nellesen über den Eichmann-Prozess (vgl. S. 291-293).[5] Der Verdacht, dass hier aus der Sekundärliteratur Angelesenes nachträglich zu einem Teil der eigenen Biographie stilisiert wurde, ist in der Tat nicht von der Hand zu weisen.

Gaisbauer untersucht auch Heers Militärdienstzeit und dessen eigene Darstellung derselben. Bei einem zwei Jahre vor seinem Tod in der Schweiz gehaltenen Vortrag habe Heer detailreich über seine dreieinhalb Jahre bei einem Strafbataillon an der Ostfront erzählt, tatsächlich aber, so Gaisbauer, habe Heer nie in einer Strafeinheit gedient, und sei bereits nach wenigen Tagen in Russland wegen einer Erkrankung von der Front abgezogen worden. In der Folge diente er bis Kriegsende in verschiedenen Einheiten im Hinterland, konkret in Norddeutschland, wo er für den Bereich „Wehrbetreuung“ zuständig war, der auch die „geistige Betreuung“, also ideologische Indoktrinierung von Mannschaft und Offizieren einschloss. Das angebliche NS-Opfer Heer als Vermittler von NS-Ideologie? Was Heer dort konkret organisiert und selbst vorgetragen hat, lässt sich nicht mehr überprüfen, nachweisbar ist jedoch, so Gaisbauer, dass er mehrfach befördert wurde und bei Kriegsende den Rang eines Feldwebels bekleidete – über allfällige Probleme sei nichts bekannt.

Gaisbauers Gegenüberstellung der „Fakten“ über Heers Militärzeit mit dessen eigener Darstellung ist beklemmend, sie weist jedoch einen erheblichen „Schönheitsfehler“ auf: Sie ist völlig unzureichend quellenmäßig belegt. Bei der Aufzählung der einzelnen Stationen von Heers Militärdienst fehlt jeder Hinweis darauf, aus welchen Quellen (Militärakten?) sie erarbeitet wurde und der ominöse Schweizer Vortrag liegt nicht im Druck sondern – angeblich – in einer Tonbandaufnahme vor, von der auch nicht ausgesagt wird, in wessen Besitz sie sich befindet. Dieser, gelinde formuliert, nachlässige Umgang des Autors mit Quellenbelegen zieht sich durch den ganzen Text. An zahlreichen Stellen seiner Ausführungen bezieht sich Gaisbauer auf ihm gegenüber in privaten Gesprächen gemachte Aussagen von Personen aus Heers privatem Umfeld, die mittlerweile durchwegs verstorben sind, und das „Privatarchiv Heer“, auf das der Autor mehrfach Bezug nimmt, wurde von Heers Nachkommen mittlerweile der Öffentlichkeit entzogen.

In seinem Bestreben, den Nachweis zu führen, dass Aussagen Heers über seine Biographie „fast durchwegs keine Realitäts- oder Tatsachenmitteilungen“ (S. 259) seien – ein Satz der von Gaisbauer mehrfach variiert und auch radikalisiert wird – schießt der Autor weit über das Ziel hinaus: Dass Heer sich nach Jahrzehnten nicht mehr an das genaue Datum der Rückkehr von einer Italien-Reise erinnerte und sich gelegentlich bei der Angabe des Datums der Scheidung seiner Eltern um ein Jahr irrte (beides S. 298) ist banal und im Zusammenhang der Argumentation irrelevant. Vollends ins Bizarre kippen die „umfangreichen (notwendigen, beweisenden, überwältigend schlüssigen) Erörterungen der psychischen Hintergründe“ (S. 267), die als „Zauberschlüssel“ (S. 265) und „vollständige Dechiffrierformel zu seinem [Heers] Werk (und Leben)“ (S. 268) präsentiert werden.

Gaisbauers Text ist in mehrfacher Hinsicht problematisch. Die Hinweise auf mögliche Unwahrheiten in den Aussagen Heers zu zentralen Punkten seiner eigenen Biographie sind definitiv stark genug, um ernst genommen werden zu müssen und den Stellenwert Heers als Bestandteil intellektueller (und mehr noch moralischer) Diskussionen ernstlich in Zweifel zu ziehen. Die Argumentation im Ganzen ist aber unzureichend, teilweise unverständlich und die Quellenbelege sind fragwürdig oder fehlen gänzlich. Die Behauptung der Herausgeber im Vorwort, dass mit diesem Text „die wissenschaftliche Beschäftigung mit Leben und Person Friedrich Heers [erst] begonnen“ (S. 8) habe, lässt sich also nur dann aufrechterhalten, wenn man dies im Sinne eines Apells zu einer vertieften biographischen Forschung zu Friedrich Heer auffasst. Diese wird dann jedoch anders geführt werden müssen: Stringenter, quellenkritischer – und vor allem mit mehr Gelassenheit.

Anmerkungen:
[1] Friedrich Heer, Der Kampf um die österreichische Identität, Wien 1981.
[2] Friedrich Heer, Gottes erste Liebe. Die Juden im Spannungsfeld der Geschichte, Esslingen 1967; Ders., Der Glaube des Adolf Hitler. Anatomie einer politischen Religiosität, München 1968.
[3] Adolf Gaisbauer, Friedrich Heer (1916–1983). Eine Bibliographie, Wien 1990. Darin: Biographisches Nachwort, S. 420–472.
[4] Heer, Gottes erste Liebe, S. 471.
[5] B[ernd] Nellessen, Der Prozeß von Jerusalem. Ein Dokument, Düsseldorf 1964, S. 11.

Zitation
Peter Stachel: Rezension zu: Faber, Richard; Scheichl, Sigurd Paul (Hrsg.): Die geistige Welt des Friedrich Heer. Wien  2008 , in: H-Soz-Kult, 05.06.2009, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-12145>.
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05.06.2009
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